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CD-16252 - Vocal Recital: Hellwig, Cornelia - DOWLAND, J. / BRITTEN, B. / BERKELEY, L. (Songs of the Half Light)
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Songs of the Halflight

 

Die Auswahl von Nachtstücken englischer Komponisten beginnt am Ende des elisabethanischen Zeitalters: Der Komponist und Lautenist John Dowland (1562/63–1626) schuf mit seinen Bookes of Songes or Ayres u.a. eine Quelle melancholischer Lieder, die in ihrer engen Beziehung zur Dichtung ein Lebensgefühl am Ende der Tudor-Dynastie wiederspielgeln. In einem Traktat über die Melancholie von 1586 beschreibt Timothy Bright die Leiden, welche melancholische Personen befallen: Einsamkeit, Trauern, Weinen; eine furchtsame Verfassung des Geistes, der von der Vernunft abgekommen ist; die Ursache der Verstandestrübung sei oftmals ein ungesunder Körpersaft.

Dowlands Werk fügt sich in diese Melancholierezeption im England des 16./17. Jahrhunderts ein. Insgesamt siebenundachtzig dieser Songs und Ayres sind überliefert. Teilweise zitieren sie noch die Struktur des mehrstimmig polyphonen Liedes; die Merkmale des modernen instrumental begleiteten Sololiedes geben dieser Sammlung aber ihren Charakter. Im Sinne der Renaissance ist die Musik eine Musik der Sphären, durch welche die Harmonie des Kosmos verdeutlicht werden kann. Dowland ist sich der Wirkung der Musik bewußt. Das Spielen und Zuhören ist eine Medizin für die rastlose Seele; es gibt der melancholischen Stimmung Ausdruck und bietet dem intellektuellen Spannungsfeld von Untätigkeit und Leerlauf eine Lösung. Dowlands Arznei kann ohne schmückendes Beiwerk an der Wurzel wirken. Die Musik verzaubert und entspannt zugleich, ihre Genialität erwächst aus ihrer Schlichtheit.

Das Ayre für Solostimme mit Lautenbegleitung (hier transskribiert für die Gitarre) bedient sich des poetischen Sinngehalts als Ausdrucksträger. Die Gitarre begleitet und unterstützt das Wort; die wunderschönen, oft fast volksliedhaften Melodien dienen stets der Textdeklamation. “Du gibst dich Dowlands Melodien hin, von ihres Wohlklangs Zauber eingehüllet”: Dowlands großer Zeitgenosse William Shakespeare setzt ihm schon zu Lebzeiten in The Passionate Pilgrim ein Denkmal.

Think of all the music written
Before the birth of Benjamin Britten
And then
Think of Ben.

Dieser Stammbuchvierzeiler schlägt gewissermaßen die Brücke zwischen Dowlands Renaissanceliedern und der englischen Musik des 20. Jahrhunderts: 400 Jahre nach John Dowlands Geburt greift Benjamin Britten (1913–1976) in seinem Nocturnal op. 70 für Gitarre solo (1963) die Dowlandsche Melodie des Come, Heavy Sleep auf. Dieses Kleinod im Schaffen Brittens ist mehr als eine Hommage an seinen genialen Vorgänger: Durch das Zitieren der alten Musiksprache verdeutlicht er die Schönheit und die Bedeutung dieser Musik für unsere Zeit, ebnet aber auch einen Weg für seine eigene Sprache. Britten analysiert die einzelnen Bausteine der Dowland’schen Seelenarznei, er zerlegt einzelne Motive und Momente, erklärt—deutet und läßt den Zuhörer schließlich die natürliche Kraft dieser Lösung spüren.

Die Satzbezeichnungen des Nocturnal zeigen, welche Facetten aus dem Dowland’schen Kosmos hier von Britten gleichsam unter dem Brennglas dargeboten werden: Im ersten Satz Musingly / Nachdenklich, meditativ wird das Thema von Come, Heavy Sleep als dunkle Vorahnung auf das Kommende aufgegriffen, verfremdet durch veränderte Intervalle. Very agitated / Sehr erregt, ein aufgeregter Satz mit triolischen Motiven, geht nahtlos über in Restless / Ruhelos. Britten erzeugt die eigenartig haltlose, unruhige Stimmung durch Polyrhythmik in den einzelnen Stimmen; geradzahlige Figuren sind gegen ungeradzahlige gesetzt.

Der vierte Satz ist überschrieben mit Uneasy / Unbehaglich. Sicher und behaglich kann man sich nicht fühlen bei den schnellen Motiven in 32tel-Noten: Auch der schnelle lange Melodielauf bringt keine Auflösung, treibt die Musik nur noch weiter. March-like / Wie ein Marsch bringt Sicherheit und Festigkeit durch den strengen durchgehenden Rhythmus. Aber militärischer Pomp oder Verbissenheit ist beileibe nicht zu spüren, Brittens Marsch ist eher verspielt, erklingt mit einem Augenzwinkern.

Im sechsten Satz Dreaming / Träumerisch wirken abwechselnd fragile Harmonien und schwebende Flageolett-Passagen. Gently rocking / Sanft wiegend ist gesangsartig angelegt, schlicht, beruhigend, und bereitet so den Höhepunkt vor: eine große Passacaglia, deren ständig wiederkehrende Baßfigur aus Dowlands Lautentabulatur entnommen ist, während das Quartmotiv der Melodie aus den Ecktönen der Sequenz That living dies (“…nimm dich meiner müden, verzweifelten Seele an, die Todesschmerzen leidet”) besteht. In immer bewegteren Rhythmus, immer dichtere Stimmführung werden die Motive getrieben, bis sie schließlich zur Ruhe kommen und so zum Ausgangspunkt des Nocturnal führen: Eine Solofassung von Dowlands Lied Come, Heavy Sleep bildet den Schlußsatz Slow and quiet / Langsam und still. Die Form der Komposition entspricht damit der klassischen Variationenfolge in umgekehrter Reihenfolge: Die Variationen führen zum Thema.

Die Erstaufführung des Nocturnal fand am 12. Juni 1964 auf dem von Britten initiierten Aldeburgh-Festival mit Julian Bream statt.

Sir Lennox Berkeley (1903–1989) schrieb für Julian Bream und den Tenor Peter Pears im Jahre 1964 die Songs of the Half-Light op. 65 nach Gedichten von Walter John de la Mare (1873–1956). Diese Lieder sind ganz anderer Intention und Wirkung als die Werke Dowlands: sie erreichen einen eher katalytischen Effekt auf dem Weg in eine andere Sphäre. Gitarre und Stimme stehen gleichberechtigt nebeneinander: Sie setzen eigene Akzente und gehen eigenen Gedanken nach, deren Ausgangspunkt die Poesie ist. Berkeley ist sich seiner Zeit bewußt und stellt die Texte des Lyrikers und Erzählers Walter de la Mare der Gegenwart gegenüber—wie hätte wohl ein Zeitgenosse de la Mares seine Dichtung kompositorisch umgesetzt?

De la Mare wurde wegen der zarten Farbschönheit seiner Poesie poet of the green and silver genannt. Besonders von E.A. Poe beeinflußt, setzt er die romantischen Traditionen fort. Stephen Spender nennt ihn “den verträumtesten und weltfremdesten aller Dichter.” Seine Gedichte sind lyrische Wahrnehmungen der Ausgewogenheit, des flüchtigen Zaubers und der Verzauberung, gleichermaßen beunruhigend und beglückend. Die Songs of the Half-Light sind verschiedenen Gedichtsammlungen de la Mares entnommen: Rachel und All that’s past sind aus The Listeners and Other Poems (1912), Full Moon ist aus Peacock Pie: A Book of Rhymes (1913). The Fleeting entstammt der Sammlung The Fleeting and Other Poems (1933), und The Moth ist eines der Gedichte, die de la Mare zu Zeichnungen der zwölfjährigen Pamela Bianco schrieb, herausgegeben als Flora: A Book of Drawings (1919).


© Johannes Hüttenmüller 1998


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