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CD-16255 - MANCINI, F.: Flute Sonatas - Nos. 1, 2, 6, 7, 10 (Trio Mancini)
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Die Flötensonaten von Francesco Mancini
Neapolitanischer Barock

 

Francesco Mancini (1672–1737), Zeitgenosse und wichtigster Konkurrent von Alessandro Scarlatti, blieb sein Leben lang seiner Geburtsstadt Neapel verbunden, und seine Musik ist Ausdruck bodenständiger neapolitanischer Tradition. Die Sonaten für Flöte und Generalbaß sind ein Werk von überbordender Lebendigkeit, in dem herzzerreißende Klagen und der Ausdruck ungestümer Freude einander abwechseln.

Von Mancinis Hauptwerk, seinem umfangreichem Opus an Opern, Oratorien und Kantaten, ist bis heute nur ein kleiner Teil bekannt. Welche Schätze noch zu entdecken sind, kann nur vermutet werden! In Neapel wurden allein 19 seiner Opern aufgeführt. Doch der Ruhm Mancinis ging auch über die Grenzen Italiens hinaus: Als im Jahre 1724, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, in London seine Sonatensammlung “XII Solos for a Flute with a Thorough Bass for the Harpsicord or Bass Violin” erschien, war der neapolitanische Hofkapellmeister dort längst kein Unbekannter mehr. Schon 1710 hatte er mit seiner in London aufgeführten Oper “Idaspe fedele” die Gunst des englischen Publikums erworben.

Aus den “XII Solos for a Flute” haben wir für die vorliegende Aufnahme sechs Stücke ausgesucht: die Sonaten I (d-moll), II (e-moll), IV (a-moll), VI (B-Dur), VII (C-Dur) und X (h-moll). Die musikalische Form der “Solos” ist die viersätzige Sonate mit der Satzfolge langsam—schnell—langsam—schnell (Sonaten I, II, VI, X); der Anfangssatz der Sonaten IV und VII hat den Charakter eines schnellen Concerto, das mit einem Anhang in langsamem Tempo weitergeführt wird. Mancini bietet mit dem ersten Satz eine eher freie Einführung; in den folgenden drei Sätzen verarbeitet er Fuge, Arioso und Tanz. Bei einigen Sonaten haben wir uns entschieden, zur Einstimmung und als Verbindung zwischen den einzelnen Sätzen improvisierte Präludien und Zwischenspiele für Cembalo und Laute einzufügen. Mit diesen Improvisationen möchten wir eine in der Zeit des Spätbarock noch selbstverständliche musikalische Tradition pflegen, die—genau wie die Freiheit in der Ausführung von Solostimme und Generalbaß—in der Zeit der Klassik nach und nach in Vergessenheit geriet und auch heute nur selten zu hören ist. Daß der Opern- und Oratorienkomponist Mancini heute ausgerechnet mit seinen Flötensonaten wieder bekannt werden würde, hätte er sich sicherlich nicht träumen lassen. Nichtsdestoweniger findet sich seine Meisterschaft im Umgang mit der Stimme auch in den Flötensonaten; insbesondere die langsamen Sätze sind Zeugnisse reiner “bel canto”-Musik.

So haben wir uns bei der Interpretation dieser Sonaten entschlossen, auf die Ausdrucksmittel des damals in Neapel aufkommenden “bel canto”-Stils zurückzugreifen. Die freie rhythmische Gestaltung mit tempo rubato und die großzügige Verwendung von Koloraturen sind von dieser Gesangstechnik entlehnt. Hierbei sind Pier Francesco Tosis “Anleitungen zur Singeskunst”, 1723 in Bologna erstmalig erschienen unter dem Titel “Opinioni de’ cantori antichi e moderni”, eine ebenso wichtige Hilfe wie die ausgeschriebenen Verzierungen in den Werken Arcangelo Corellis, Georg Friedrich Händels und Francesco Geminianis. Insbesondere der Violinvirtuose Geminiani, ein Schüler von Corelli und Scarlatti, steht Mancinis Musik nahe: für den Londoner Verleger Walsh korrigierte er die zweite Auflage der “XII Solos for a Flute”.

Was die Aussetzung des Generalbasses angeht, so sind die Traktate von Francesco Gasparini und Georg Muffat sowie das anonyme Manuskript “Regole per accompagnare sopra la parte” (Biblioteca Corsiniana, Rom) unsere Ratgeber. In der Pariser Bibliothèque Nationale entdeckten wir zudem 1994 ein Manuskript mit dem Titel “Regole o vero toccate di studio”, das eine umfangreiche Sammlung von Generalbaßstücken enthält—und von Francesco Mancini stammt! Mancini, der von 1720 bis 1739 Direktor des berühmten Conservatorio di Santa Maria di Loreto war, benutzte diese Sammlung sicherlich bei seinem Unterricht.

Eine vergleichbare Sammlung, “Partimento per il cembalo” von Francesco Durante, einem Zeitgenossen und neapolitanischen “Nachbarn” Mancinis, liefert uns weitere Hinweise auf dem Weg zu einer authentischen Interpretation. In Durantes Sammlung sind nicht nur Etüden zu finden, sondern auch Vorschläge für ihre Umsetzung bei der Ausgestaltung. Einige dieser Vorschläge konnten wir wörtlich in die Sonaten Francesco Mancinis übernehmen.

Unsere Entscheidung für eine doppelte Continuo-Besetzung mit Cembalo und Arciliuto (der mit freischwingenden Baßsaiten versehenen “Erzlaute”) führt zu einem ausgesprochen filigranen Klang, der sehr schön mit den Kantilenen der Flauto Dolce, der Blockflöte, kontrastiert. Daß diese Instrumentierung auch der italienischen Aufführungspraxis im 18. Jahrhundert entspricht, belegt Francesco Gasparini mit entsprechenden Besetzungsvorschlägen für seine Kammerkantaten.

So können wir hoffen, daß diese Aufnahme neben dem reinen Vergnügen an der musikalischen Sprache Francesco Mancinis auch einen Eindruck davon gibt, wie man in Neapel zu seiner Zeit musiziert haben könnte.

“Die hier vorliegenden Sonaten, von mir für die Liebhaber der Harmonie komponiert, sollen insbesondere der Erholung Eures von anstrengenden privaten sowie öffentlichen Verpflichtungen ermüdeten Geistes dienen.”

(Francesco Mancini in der Widmung der “XII Solos” an den englischen Gesandten in Neapel)


© Cécile Roumy, Dirk Börner & Shizuko Noiri, 1999


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