About this Recording
CD-16273 - Chamber Music (17th Century) - PLAYFORD, J. / LOCKE, M. / CORBETTA, F. / PURCELL, H. (La Beata Olanda: John Come Kiss Me Now) (Bleich, Stempfel)
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John come kiss me now

 

Über Charles II von England sagte man, er habe eine Aversion gegen Fantasien und alle anderen Arten von Musik, zu der er nicht seinen Fuss bewegen konnte ( “to which he could not tap his foot”). Matthew Lockes Kammermusik sei daher wohl nicht für höfische Zwecke komponiert worden.

Hätte der König vielleicht mit etwas Geduld die einleitenden Pavans abgewartet, so hätte er zumindest bei den folgenden Couranten, Sarabanden und Jigs sicherlich noch eine Gelegenheit für seinen Fuss finden können…

Die Idee bei der Zusammenstellung dieser CD ist eine Gegenüberstellung von Matthew Lockes eher ernsteren, seriöseren Tanzsätzen, die in Suiten zusammengefasst und wohl eher zum andächtigen Zuhören gedacht waren und der reinen Tanzmusik des „Dancing Master“ sowie der freien improvisatorischen Auszierungen volkstümlicher Lieder und Tanzmelodien der „Division Violin“—Sammlungen.
Die beiden letzteren wurden von John Playford herausgegeben, einem von Lockes engsten Freunden, der zur damaligen Zeit auch viele von Lockes Werken veröffentlichte.

Dabei stellt sich die Frage, wieweit der Einfluss des Stils der reinen Tanzmusik auf die stilisierten Tänze bei Locke und anderen reichte und wieweit virtuose Freiheit bei der Ornamentation gehen kann.

Locke selber schreibt in seinem Vorwort zum „Little Consort“:” I…desire in the performance of this Consort you would do yourselves and me right to play plain, not Tearing them in pieces with division, and old custome of our Countrey Fidlers, and now under the title “A la mode” endouvered to be introduced“.

Wenn man allerdings verschiedene Manuskriptfassungen betrachtete, schien Locke sich selber sehr wohl zu erlauben, seine Werke “in Stücke zu zerreissen“, sofern die dort notierten Variationen von ihm selbst stammen…

Matthew Locke (1621–2 bis 1677) wurde als Chorist an der Kathedrale Exeter in Devon ausgebildet. Ausserdem studierte er Violine und Orgel. Vermutlich trat er wie alle erwachsenen Männer in Devon in die Dienste des Königs und verliess das Land 1646 zum Armeedienst in den Niederlanden. Es existiert eine Sammlung mit Vokalmusik aus dem Jahr 1648 „Collection of Songs when I was in the Low Countries“

Aus dieser Zeit stammt vermutlich seine Affinität zum Katholizismus zum dem er konvertierte. Als solcher wurde er zum Organisten der Königin an der Kirche St James berufen, wo die Gottesdienste so populär wurden, dass der König schliesslich die Teilnahme daran allen anderen als den Mitgliedern der königlichen Familie verbat und den grössten Teil der Dienerschaft und Musiker der Königin nach Portugal zurückschickte.

Ob es an seiner Sonderrolle als Katholik und Günstling des Hofes lag oder an der Komplexität der Komposition: bei einer Aufführung seiner Vertonung der 10 Gebote bei der er jedes Gebot auf eine andere Art vertont hatte, zog er den Unwillen der Kirchenmusiker auf sich und sie ruinierten die Aufführung.

Über Lockes Charakter sagt man, er sei eitel, nachtragend und ein energischer Streiter musikalischer Angelegenheiten, einschliesslich seiner eigenen, sowie des englischen Stils.

Im höfischen Kontext hatte er drei Posten inne: Komponist des Königs , Komponist für Holzbläser sowie Komponist für das Violinenensemble.

Kurz nach Lockes Tod wurde der junge Purcell sein Nachfolger auf dem Posten des Komponisten für das Violinenensemble. Purcell komponierte zu Lockes Tod eine Ode: „What hope for us remains now he is gone ?”

Der Buchhändler und Drucker John Playford lebte von 1623—1686, grösstenteils in London. Sein Geschäft, von dem aus er alle seine Publikationen verkaufte, befand sich auf dem Anwesen der Temple Church.

Das Vorwort zum ersten Teil der „ Division Violin“ lautet: „The Division Violin : containing A Choice Collection of Divisions to a Ground for the Treble Violin. Being the first Musick of this kind ever Published. London, Printed by J.P and Sold by John Playford near the Temple Church : 1684”

Zum Tod John Playfords komponierte Purcell die “Elegy on my friend. Mr John Playford”

Das im ersten Band enthaltene Lied „John come kiss me now“ stammt von David Mell, einem renommierten Violinisten und Komponisten Londons sowie Mitglied des „Broken Consorts“ des Königs. Als solcher war er sicherlich mit Matthew Lockes Musik vertraut und hat sie vermutlich selbst gespielt.

Die „Divisions to a Ground by Mister Solomon Eckles stammen aus dem zweiten Band. Eckles schreibt hier seine Variationen zu einer Melodie (tune), die auch im Dancing Master enthalten ist, dort unter dem Titel „Bellamira“.

Diese beiden Beispiele für notierte Variationen zeigen, welche Ausmaße improvisatorische Freiheit bei der Ausgestaltung simpler Melodien erreichen konnte.

Die höchst umfangreiche Sammlung „Playfords Dancing Master“, komplett mit Anleitungen, wie danach zu tanzen sei („…And Plaine and easie Rules for the Dancing of Country Dances“) umfasst verschiedenste Tänze: Couranten, Bouréen, Jigs etc, jeweils mit Eigennamen versehen—wie auch heute noch bei den Tänzen des Irish Folk.

Diese Publikation durchlief mannigfaltige Überarbeitungen und vor allem die späteren Editionen richteten sich an die höfischen Herrschaften. Hier wurden die Tänze immer kunstvoller überarbeitet und sind somit eine bewusste Veränderung des ursprünglichen volkstümlichen Materials.

Interessant ist hierbei, dass die Jig sowohl als 6/8 oder 6/4 als auch in der für uns ungewohnten 4/4 Form auftaucht. So z B in der „Nobody s Jig“. Die Jig in 4/4 erscheint auch in Matthew Lockes Suite a moll für Violine und basso continuo.

Das Instrument Kit/Kytte oder Pochette genannt, existiert in verschiedenen Formen: entweder birnenförmig oder in Form eines schmalen Bootes a narrow boat. Oder auch als Miniaturgambe ,—violine oder -gitarre. Vermutlich stammt die Bezeichnung „Kitten“ (kleines Kätzchen) der falschen Annahme, die ganze Streichinstrumentenfamilie sei mit Katzendarm besaitet.

Die Bezeichnung Pochette bezieht sich auf die Tatsache, dass das Instrument in der Tasche getragen wurde—von Violinisten, die Tanz unterrichteten , den „Dancing Masters“. Daher auch die Bezeichung „Tanzmeistergeige“. Allerdings gibt es verschiedentlich irreführende Bezeichungen für einige andere ähnliche Instrumente, so wurde auch das birnenförmige dreisaitige Rebec gelegentlich als Kit bezeichnet.

Obwohl sie das bevorzugte Instrument fahrender Musiker war und ausserdem eine Assoziation des Instruments mit Schäfern existierte, wurde die Pochette in allen sozialen Schichten gespielt.


Claudia Hoffmann

Quellen:
The New Grove Dictionary of Music
Notes on Performance, Vorwort zu Matthew Locke, Broken Consort und For Several Friends


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