About this Recording
CD-16274 - Vocal Music (Sacred) - GODARD, M. / EBNER, W. / BENEVOLO, O. / GRANDI, A. / MAZAK, A. / CAZZATI, M. (De Profundis) (Tre Bassi)
English  French  German 

De Profundis

 

Hören sie gerade diese CD? Oder sind sie im Begriff dies zu tun? Dann stellt sich vielleicht auch Ihnen die Frage, was alle diese Komponisten dazu bewegt (hat), für drei Bassstimmen zu komponieren.

Würde ein ganzes Programm solcher Werke nicht viel zu düster, schwermütig oder gar bedrückend klingen?—so auch die Befürchtungen einiger Konzertveranstalter, denen wir das Programm vorstellten.

Die Werke auf dieser CD, darunter ebenso alte wie auch sehr neue Kompositionen, beantworten manche dieser Fragen und machen einige bisher fast unbekannte Schätze der Musikgeschichte der Öffentlichkeit zugänglich. Diese Aufnahme stellt jedoch keineswegs einen umfassenden Überblick über das Repertoire für drei Bässe dar—es wäre genügend musikalisches Material vom 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart vorhanden, um drei weitere CDs zu füllen…

Die unterschiedlichen Besetzungsformen bewirken eine Variation der Farben der einzelnen Stücke: So erklingt eine Motette für zwei Bässe (einer davon als Echo-Effekt), die den Sieg des Erzengels Michael über den Drachen verkünden. Dem folgt Cazzati’s höchst dramatische Motette für Bass solo, die vom gewaltigen Kampf der himmlischen Armeen und dem Sturz des Engels Luzifer (Stockhausens Lieblingsbösewicht) erzählt.

Des Weiteren haben wir Werke für vier Bässe ausgewählt, die es dem Serpent und der Viola da Gamba ermöglichen, die vierte Stimme ‚mitzusingen’, ganz gemäß der Aufführungspraxis früherer Zeiten, nach der Instrumente—wenn nötig oder wünschenswert—die Singstimmen ersetzen konnten.

Die Entscheidung, diese CD verhältnismäßig kurz zu halten—verglichen mit den 80 Minuten Spielzeit, die man auf eine Scheibe pressen kann—liegt darin begründet, eine bestimmte Geschichte erzählen zu wollen, die sich an einem Stück anhören lässt.

Unsere Geschichte zeichnet die verschiedenen Erfahrungen der menschlichen Seele, d.h. (und mit Ausnahme der modernen Werke) die Seelenzustände eines Christen des barocken Zeitalters nach. Wir reisen durch die Tiefen von Furcht und Verzagen im Angesicht des Todes, durch die Wiederversöhnung mit dem entfremdeten Vater in Lee Santanas humorvollen (und äußerst säkularen!) Liedern, vorbei an himmlischen Schlachtfeldern, bis hin zu den Weisen aus dem Morgenland, die über den Stern staunen, der sie zum Geburtsort Jesu führt. Schließlich endet die Reise in einer Atmosphäre fast ekstatischen Glücks in der Person der huldvollen Maria—der „Mutter Gottes“, der „Stern des Meeres“—in dem wundervollen Salve Regina von Thomas Eisenhuet.

Diese CD ist somit weder ein musikwissenschaftlicher Überblick über das Repertoire für drei Bässe, denn/noch ein ‚Cross-Over-Projekt’. Auf dieser Platte finden sich bisweilen deutliche Jazz-Elemente—aber das darf man von dem Serpentspieler Michel Godard, einem der führenden Jazzmusiker und -komponisten Frankreichs, wohl auch erwarten.

Michel ist ein wahrhaft vielseitiger Musiker, der sich mit Leichtigkeit in alter wie in moderner Musik zurechtfindet und oftmals die Inspiration zu seinen Improvisationen und Kompositionen aus Gregorianischem Choral und musikalischen Formen der Renaissance und des Barock bezieht. Davon zeugt seine große und vielseitige Diskografie.

Ein wichtiger Beweggrund dafür, Michel, Hille und Lee um ihre Beteiligung an diesem Projekt zu bitten, (abgesehen von dem Grund, dass ich ihr Schaffen großartig finde!), war die Hoffnung, in gewissem, wenn nicht gar bedeutsamem Maße, improvisatorische Elemente auf der CD zu haben.

Lee und Hille, die in meinen Augen das beste Continuo Duo sind, das mir je begegnet ist, interagierten außergewöhnlich gut mit Michel in dessen Werken, so wie dieser mit Lee in den seinen. Wie viele amerikanische Lautenisten widmete sich Lee zunächst verschiedensten Bereichen der Popularmusik (Rock, Jazz, etc.). Obwohl er fast auschließlich für historische Instrumente komponiert, kann man diese musikalischen Einflüsse neben denen aus der Barockmusik deutlich wahrnehmen. In Lee’s Werken findet sich eine beträchtlicher Anteil an Improvisation—am deutlichsten wird dies vielleicht in den Spielanweisungen zu Michels Part im höchst amüsanten „Mr Ed“: „Geräusche, ein senkrechtes Walross imitierend“, oder „Bitte lass deinen Serpent in dieser Strophe rülpsen, kreischen, furzen und pupsen.“

Die wunderschöne Gesangslinie des Serpents am Ende von „This time the last“ ist reine Godardsche Reaktion auf Lee’s Worte: „Bitte improvisiere in diesem Schlussteil farblich in der Weise einer Orgel.“

Besondere Erwähnung verdient der künstlerische Aufnahmeleiter dieser Produktion, John Hadden, mit dem CD-Produktionen immer wieder eine Freude sind. Er reiht sich in den Kreis dieser geschätzten Kollegen ein, mit denen man immer wieder gerne aufs Neue zusammenarbeitet.

Wir sind dankbar für die wunderbaren Fotos, die die Fotografin Rebecca Young während der Aufnahme, sowie inspiriert durch den Titel dieses Projektes—Aus der Tiefe bis zu den Sternen—gemacht hat. Sie hat die seltene Gabe, Musiker “in Aktion” zu fotografieren, ohne von diesen überhaupt bemerkt zu werden.

Diese Produktion kam nur zustande durch die Großzügigkeit Jean-Christophe Leclères, einem geschätzten Organisten und Doktor im Herzen der Champagne, der uns—trotz äußerst kurzfristiger Ankündigung—perfekte Arbeits- und Wohnbedingungen ermöglichte, nachdem wir den eigentlich geplanten Aufnahmeort doch nicht nutzen konnten. Ihm, seiner Frau Marie und ihren Freunden und Nachbarn gebührt unser herzlicher Dank.

Vielen Dank außerdem an Michal Pospisil und Graham O’Reilly für ihre wunderbar klaren Transkriptionen, an Sylvie Charron für die französische Übersetzung der Lieder Lee Santanas und an Adrian Shaw und Jonas Niederstadt für die französische und deutsche Übersetzung dieses Textes.

Einige der Komponisten in diesem Programm mögen dem ein oder anderen unbekannt sein. Daher möchte ich sie im Folgenden kurz vorstellen.


Close the window