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CD-16275 - Lute Duo Recital: Satoh, Toyohiko / Satoh, Miki - WEISS, S.L. / CORIGNIANI / TELEMANN, G.P. (Ayumi)
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AYUMI – Deutsche Musik für zwei Barocklauten

 

Lautenduos haben eine lange Geschichte. Die Ersten findet man schon in den Lautenbüchern von Spinacino (1507) und Dalza (1508). Francesco da Milano (1497–1543) schrieb einen Kanon sowie Variationen über La Spagna für zwei Lauten. Während des gesamten sechzehnten Jahrhunderts wurden in Spanien, den Niederlanden und Deutschland eine große Anzahl Duo-Stücke komponiert, und in England könnte man von dieser Zeit geradezu als dem Goldenen Zeitalter der Lautenduos sprechen: John Dowland und seine Zeitgenossen verfaßten zahlreiche Werke für diese Besetzung. All diese Duos wurden auf Lauten in Renaissance-Stimmung gespielt.

Im siebzehnten Jahrhundert kam die barocke Laute in Französischer Stimmung auf. Eins der ersten Duostücke für dieses Instrument ist eine Bearbeitung eines Solostücks von Ennemond Gaultier (1575–1651). Die zweite Stimme wurde dem Stück von heute unbekannter Hand hinzugefügt. Ansonsten gibt es aus dieser Periode so gut wie keine Musik für zwei Lauten.

Im 18. Jahrhundert wurde die Gattung in gewissem Umfang wiederbelebt. S.L. Weiss, G.P. Telemann, E.G. Baron sowie weniger bekannte, zum Teil auch unbekannte Komponisten schrieben eine größere Anzahl Lautenduos. Für unser Repertoire sind aber nur wenige dieser Werke geeignet, da viele von ihnen nicht vollständig erhalten sind, andere zu viele Fehler enthalten, und meinem Empfinden nach nicht alle diese Werke von hoher musikalischer Qualität sind.

Das erste Werk auf dieser CD ist die Suite d-moll von Sylvius Leopold Weiss (1686–1750). Sie stammt aus einem Manuskript des britischen Museums. Die Suite enthält 6 Sätze: Prelude, Un poco Andante, La Badinage, Le Sicilien, Menuet und Gigue. Das Prelude haben wir hier nicht eingespielt, dazu später mehr. Anders als die meisten Suiten dieser Schaffensperiode enthält diese Suite keine Allemande, Courante oder Sarabande. Da die Unterschrift „Weiss 1719“ nur unter den Sätzen Prelude, La Badinage und Le Sicilien erscheint, liegt hier vermutlich eine lose Sammlung von Stücken und keine „echte“ Suite vor.

Auf den ersten Blick ist diese Suite ein Solowerk—es ist nur eine Tabulaturstimme überliefert. Doch folgende Punkte sprechen dafür, daß die fünf Sätze (außer das Prelude) ursprünglich Duostücke waren. Erstens enthält jeder der Sätze einige Takte, in denen keine Melodiestimme vorkommt. Zweitens ist der Takt 33 im Menuet eine ganztaktige Pause, was in der Sololiteratur für Laute sonst nicht vorkommt, und drittens beginnt jede Hälfte des Le Sicilien mit einer Viertelpause auf schwerer Zählzeit, eine Notation, die bei einem Solostück unnötig wäre.

Nebenbei: im 18. Jahrhundert ersetzte die Sicilien das Tombeau des 17. Jahrhunderts—deswegen war die Sicilien dieser Zeit oft ein sehr langsamer und trauervoller Satz.

Obgleich die Existenz des Preludes am Anfang der Suite der Annahme, sie sei für zwei Lauten komponiert worden, entgegensteht, habe ich den übrigen fünf Sätzen eine zweite Stimme hinzugefügt, da ich davon überzeugt bin, daß sie als Duo gespielt werden sollten.

Tatsächlich hat schon der französische Lautenist Pascale Boquet im Jahr 1982 eine zweite Stimme zu dieser Suite komponiert—ich hatte dies im Hinterkopf, als ich an meiner Fassung arbeitete.

Das zweite Werk, das Concerto in B-Dur von Corigniani, besteht aus 4 Sätzen: Introduzzione, Adagio, Allegretto und Allabreve. Das Manuskript dieses Konzerts wird heute in Brüssel aufbewahrt. Über den Komponisten gibt es keine Dokumente oder Hinweise. Es ist wahrscheinlich, daß Corigniani das Pseudonym eines deutschen Komponisten war—darauf komme ich im Zusammenhang mit Telemann noch zu sprechen. Der Grund für meine Annahme ist, daß kein einziges Solowerk dieses Komponisten überliefert ist, und es zudem nicht wahrscheinlich ist, daß  dieses Konzert von einem Lautenspieler geschrieben wurde—ein solcher hätte andere, idiomatischere Tonlagen verwendet. Im Katalog des Breitkopf-Verlags von 1761 finden sich zwei  Concerti für Lautenduo von Corigniani, doch es ist nicht klar, mit welchem davon das vorliegende Konzert gemeint ist.

Die zweite Stimme des Introduzzione und Adagio dient nur zur Unterstützung der ersten Stimme, das Allegretto und Allabreve sind dagegen kontrapunktisch gesetzte Stücke, in denen beide Lauten gleich behandelt werden. In der Originalfassung gibt es noch eine Bassstimme für Cello oder Violone, die hier aber weggelassen wurde, da der Bass bereits von den zwei Lauten gedoppelt wird. Nach einem Vergleich der Bassstimme mit den Lautenstimmen habe ich fehlende Basstöne in den Lautenstimmen ergänzt, was die Spielbarkeit nicht nennenswert erschwert.

Obgleich in tiefer Lage komponiert und daher nicht so brilliant, ist dies doch ein reizendes und anmutiges Konzert.

Nun folgt das Duetto in G-Dur von S. L. Weiss. Es stammt aus einem Manuskript, das in Moskau aufbewahrt wird: Requeul de divers Pieces A Sonatas Pour le Luth Composés par Mr Weiss a Dresde. Die beiden Stimmen dieses Duetts werden gleichwertig behandelt, da das Stück kein Tanz ist, der aus Melodie einerseits und Basslinie andererseits besteht. Möglicherweise kam dieses Manuskript durch den russischen Botschafter Graf Herrmann von Kayserlingk nach Russland. Der Graf war mit dieser Musik vertraut und zudem ein Mäzen des Komponisten. Weiss schrieb viele Werke für zwei Lauten, doch ist von den meisten bloß noch eine Stimme erhalten.

Zum Schluß erklingen die 3 Sätze der Partie Polonoise in B von Georg Philipp Telemann (1682–1767): Harlequinade, Le Ris und Combattans. Der Titel des Manuskriptes, das in Warschau liegt, heißt: „Partie Polonoise en B / ij Traituite de C / A Deux Luths Pour Le Premiere / Faite á 2 violes et La Basse / Par L’Autheur Msr Melante“. Melante war eins der Pseudonyme Telemanns, ebenso wie Tallmann und Dallmann. Die Buchstaben des Namens „Melante“ ergeben in anderer Reihenfolge den Namen „Teleman“. Dem Stil nach zu urteilen, ist es in der Tat wahrscheinlich, daß diese Stücke für die Gambe komponiert wurden. Aus den 6 Sätzen habe ich die drei ausgewählt, die mir für die Laute am passendsten schienen, obwohl selbst diese aufgrund der tiefen Lage, wie schon bei Corigniani erklärt, für das Instrument nicht ideal sind.

Trotzdem sind es fröhliche Stücke!

Es gibt nicht viele Aufnahmen von Barocklautenduos. Das liegt u.a. an der modernen Besaitung mit metallumsponnenen Nylonsaiten. Die Basssaiten der Laute haben mit dieser Bespannung eine viel zu lange Ausklingzeit, was spätestens bei zwei Lauten zu einem unerträglichen Durcheinander im Bassbereich führt. Barocke Lautenduos müssen daher mit Darmsaiten gespielt werden. Für diese Aufnahme wurden ausschließlich echte Darmsaiten verwendet, deren Materialdichte nicht durch den Zusatz von Metall oder anderen Materialien modifiziert wurde.


Toyohiko Satoh, 2008


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