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CD-16282 - Renaissance Music - BENNET, J. / RAVENSCROFT, T. / PLAYFORD, J. / JOHNSON, J. / FARRANT, R. (Nymphidia: The Court of Faerie) (Pantagruel)
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Nymphidia

 

Wir schreiben Paris, den 23. August 1572. Der junge Dichter Philip Sidney späht entsetzt durch das Fenster des Sitzes des englischen Botschafters Francis Walsingham. Er blickt die Straße hinab. Blut sieht er dort, nichts als Blut und Berge aufgetürmter, verstümmelter Leichen. Sidney ist Zeuge eines Ereignisses, das die Epoche prägen wird. Es ist das Äquivalent des 16. Jahrhunderts zu unserem Trauma von 9/11. Das Massaker am Bartholomäustag, das wir unter dem Namen „Bartholomäus-Nacht“ oder auch „Pariser Bluthochzeit“ kennen, fordert die Leben mehrerer Tausend Menschen und versetzt ganz Europa in Schock. Es ist das furchtbare Vermächtnis der stets höchstgefährlichen Kombination von machthungriger Politik und religiösem Extremismus.

Nach seiner Rückkehr nach England beginnt Sidney mit der Arbeit an seinem Schäferroman Arcadia, dem John Dowland den Refrain für sein Lautenlied O sweet woods entnehmen wird. In den restlichen Strophen des Lieds, die aller Wahrscheinlichkeit nach von Robert Devereux, dem Grafen von Essex stammen, findet Wanstead Erwähnung, einer der Landsitze von Devereux, auf dem er gewisse „fairest nymphs” unterhalten hatte. Gemeint waren seine Königin Elisabeth I. und ihre Kammerfrauen. In dem Lied Can she excuse, das ebenfalls Essex zugeschrieben wird, führt dieser das Thema der unerwiderten Liebe fort, zweifelsohne in Anspielung auf seine Beziehung zu Elisabeth. Doch nicht alle waren so große Verehrer der Königin—innerhalb Englands und weit über Englands Küsten hinaus, sowie in beiden religiösen Lagern sprachen viele einer Frau das Recht ab, eine Nation zu lenken.

Um derlei Angriffen auf ihre Herrschaft zu begegnen, ließen Elisabeth und ihre Anhänger eine Fülle mächtiger weiblicher Figuren in Dichtung und Malerei auftreten—symbolische Porträts der Königin—und sie richteten aufwendige Turniere und Wettkämpfe sowie öffentliche Feste aus. So wird in der Lyrik dieser Zeit Königin Elisabeth zum Beispiel als Pandora, Diana, Gloriana, Astraea, Cynthia oder auch Belphoebe gefeiert. Das vielleicht beständigste Bild, das je von ihr gezeichnet wurde, ist ihr Porträt als Faerie Queene, als „Feenkönigin“ aus der Artussage. Es wurde zum ersten Mal bei Feierlichkeiten im Jahre 1575 in Woodstock eingeführt und später in Edmund Spensers gleichnamigem Versepos The Faerie Queene verewigt, welches er mit der Artussage verknüpfte.

The Elves daunce aus The Maydes Metamorphosis, einem Theaterstück, das die Theatergruppe des Knabenchors der St. Paul’s Cathedral für die Königin aufgeführt hatte, schloss ursprünglich mit den Worten: „for our brave Queene a“. Im Jahre 1614, als einer der Mitwirkenden, ein gewisser Thomas Ravenscroft, das Lied zum ersten Mal herausgab, war Elisabeth bereits nicht mehr am Leben und die letzten Worte des Textes wurden ersetzt, wahrscheinlich in dem Versuch, es sich nicht mit König Jakob I., ihrem Nachfolger, zu verscherzen. Doch Persönlichkeiten wie der Dichter Michael Drayton waren bereits sehr unzufrieden mit der neuen Herrschaft des Königs. So kam es bald schon zu einer Nostalgiebewegung für die Regierungszeit der Faerie Queene, und man kann nicht umhin, in dem Ausdruck „fantastick Mayde“, den Drayton in seinem Gedicht Nymphidia aus dem Jahre 1627 benutzt, ihre Präsenz zu spüren.

Das anrüchige Yonder comes a courteous Knight zählte ebenfalls zum Repertoire der Choristen von St. Paul. Es stammt womöglich von einem heute nicht mehr erhaltenen Stück oder wurde als eines der musikalischen Zwischenspiele zwischen den Akten zum Erklingen gebracht. Zwischenspiele dieser Art waren eine Spezialität solcher Theatergruppen. Bei Open Air Veranstaltungen im Globe Theatre, wo rivalisierende Theatertruppen erwachsener Komödianten auftraten, wären solch klangliche Finessen gar nicht möglich gewesen. Zu dem Zeitpunkt dann, als Shakespeare sein Stück Der Sturm (The Tempest) niederschrieb, hatte seine Truppe Zugang zu alternativen Veranstaltungsorten in Innenräumen, die es erlaubten, ausgefeiltere musikalische Inhalte im Stil von Full fathome five und Where the bee sucks einzubringen, die in Shakespeares Stück vom wehmütigen Luftgeist Ariel gesungen werden.

Pantheas Lament ist der tragische Höhepunkt einer Romanze, die an den antiken griechischen Text Cyropädie von Xenophon angelehnt ist, den Spenser in seinem Vorwort zu The Faerie Queene preist als eine Quelle, die „Platon vorzuziehen“ sei. Panthea war die Gattin des Königs Abradat, der zusammen mit den Assyrern gegen Kyros den Großen, den Gründer des Persischen Reiches, in die Pantheas Lament ist der tragische Höhepunkt einer Romanze, die an den antiken griechischen Text Cyropädie von Xenophon angelehnt ist, den Spenser in seinem Vorwort zu The Faerie Queene preist als eine Quelle, die „Platon vorzuziehen“ sei. Panthea war die Gattin des Königs Abradat, der zusammen mit den Assyrern gegen Kyros den Großen, den Gründer des Persischen Reiches, in die

Die skandalösen Ereignisse der Ballade The sorrowful complaint of Susan Higges, die—wie es zur damaligen Zeit oft geschah—als sogenannte „broadside ballad“, einer Art Balladen-Flugblatt, unter die Leute gebracht wurde, beginnen in dem kleinen Dorf Princes Risborough in Buckinghamshire. Miss Higges setzte ihr verführerisches weibliches Dienstpersonal dazu ein, die Jugend des Dorfes in verfängliche Situationen mit ihren „Girles“ zu bringen, um sie hernach zu erpressen, obwohl ihre Einnahmen hauptsächlich, wie es scheint, wohl zu Pferd durch Überfälle von Reisenden zustande kamen. Ihr Untergang wurde nahe der Stadt Great Missenden eingeläutet, als beim Mord an einer Frau, die Higges soeben ausgeraubt hatte, drei Tropfen unauslöschlichen Blutes ihr Gesicht befleckten. In Panik gestand sie alles ihren Dienstmädchen, die sie daraufhin an die Amtsgewalten verrieten. Miss Higges wurde nach Little Brickhill gebracht, wo sie der Gerichtsverhandlung durch das sogenannte Assisengericht, das auch als „Sisses“ bezeichnet wurde, entgegen sah. Das Assisengericht war ein mobiles Kriminalgericht, das kreuz und quer durch das Land reiste, um im Falle schwerer Verbrechen ein Urteil zu fällen. Das Urteil für Miss Higges lautete auf Tod durch den Galgen. Leider ist außer dieser Ballade kein weiterer Beweis für Susan Higges Leben überliefert. Man findet in den erhalten gebliebenen Aufzeichnungen des Assisengerichts, das bis 1638 regelmäßig in Little Brickhill abgehalten wurde, keinen Hinweis auf ihre Hinrichtung. Die Schundliteraten von damals, die oft Geschichten wie diese sensationsgierige Ballade aufschrieben, gingen mit den Fakten ebenso sorglos und erfinderisch um wie die Boulevardjournalisten der heutigen Zeit.

Im Mittelalter galt die Melancholie als die geringste und verabscheuungswürdigste aller vier möglichen Gemütsverfassungen, die den Charakter einer Person ausmachen konnten. Diese Ansicht erfuhr in der Renaissance eine grundlegende Wandlung. Nun wurde sie zu einer äußerst erstrebenswerten Stimmungslage: „Im Falle der Melancholie aber sind manche Menschen wie göttlich Beseelte. Sie sagen Geschehnisse voraus, und manche Menschen werden zu Dichtern […]. Die Macht der Melancholie, auch dies wird gesagt, sei dergestalt, dass durch ihre Kraft himmlische Seelen bisweilen in menschliche Körper hineingezogen werden.“ (Heinrich Cornelius Agrippa, 1532.) In dem Lied I saw my Lady weepe schwelgt Dowland in dieser melancholischen Stimmung und verkündet ihre Überlegenheit über die Fröhlichkeit, doch verkennt er auch nicht die ihr innewohnende Gefahr. Dowland, der Inbegriff der Elisabethanischen Melancholie, war jedoch selbst nicht imstande, seinem eigenen Rat Folge zu leisten, der da lautete „Bemühe dich nicht um Exzellenz im Wehklagen”: Flow my tears folgt in seinem Second Booke of Songs or Ayres (1600) direkt auf I saw my Lady weepe. Genau dieses Lied wurde dann in ganz Europa zur Hymne auf die weltliche Entzauberung. Hier kann das Stück in seiner instrumentalen Fassung als Lachrimae Pavane, gesetzt zwischen die Verse von I saw my Lady weepe, genossen werden.

Vierhundert Jahre sind seither vergangen, und wir sprechen immer noch von den „Fayries“. Und so ist es wohl kaum Zufall, dass für unsere Leinwände der Magie die „pretty light fantastick Mayde“ Cate Blanchett ausgewählt wurde, um sowohl Elisabeth I. als auch Tolkiens Elfenkönigin Galadriel zu porträtieren. Manch einer mag dies als nichtssagenden Eskapismus abtun, doch wer kann schon die Menschheit von damals wie die von heute dafür tadeln und ihr den Weg in ihr eigenes Goldenes Zeitalter versagen?


Mark Wheeler, Essen, Herbst 2010


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