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CD-16284 - EYCK, J. van: Recorder Works (Engels Liedt) (Stempfel)
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Wer seine Sinne hat ins Innere gebracht, der hört, was man nicht red’, und siehet in der Nacht.
Angelus Silesius (1624–1677)

Der Flötenspieler

Es ist ein lauer Sommerabend des Jahres 1649 in der niederländischen Stadt Utrecht. Die Bäume des Janskerkhofs, des alten Utrechter Friedhofes inmitten der Stadt, rauschen leise im Wind, und Vögel zwitschern allerorten. Auf den Wegen zwischen Rosenbeeten und gepflegten Gräbern wandeln angesehene Bürger, Spaziergänger und junge Paare, die die Romantik des Ortes genießen. Durch das Grün hindurch erklingt ein sanfter Flötenton, der sich mit den Stimmen der Vögel mischt, zaghaft einen Klang nach dem anderen durch die Abendluft ziehen lässt. Es entspinnt sich eine kleine Melodie, mal deutlich hörbar, mal für den vorbeigehenden Zuhörer nur zu erahnen. Ein junges Paar, das Arm in Arm einen kleinen Kiesweg entlang schlendert, dreht sich nach dem Klang um, sucht nach dem Ursprung der lieblichen Töne. Nach einigen Schritten, hinter einer ausladenden Linde auf einem kleinen gepflasterten Platz, erblicken sie den Flötenspieler, wie er ganz für sich allein einem kleinen, kunstvoll geschnitzten Instrument die geheimnisvollen Klänge entlockt. Ganz versunken ist er in sein Werk, ganz bei sich, den Vögeln und der Musik. Seine modische Kleidung macht ihn als Edelmann erkenntlich, doch etwas an seiner Körperhaltung scheint nicht zu dem stolzen Äußeren zu passen.

Das junge Paar, das verzaubert der nun hoch und schnell jubilierenden Flöte lauscht, die jetzt einer kecken Drossel aus dem Garten antwortet, wird der ins Leere blickenden Augen des Flötenspielers gewahr. Es scheint, dass er niemanden anschaut, ja, dass er den Garten, die Passanten und selbst die Sonne über sich nicht einmal sieht.

Der Mann ist blind. Es ist Jakob van Eyck, der Flöten- und Glockenspieler, der in ganz Utrecht für sein Flötenspiel und sein scharfes Gehör bekannt ist. Schon als junger Mann trat er als Glockenspieler in die Dienste der Gemeinde Utrecht, und im Lauf der Jahre kamen mehr und mehr Musiker aus den ganzen Niederlanden zu ihm, um von seinem tiefen Wissen und Verständnis des Glockenklangs zu lernen. In Utrecht wurde sein scharfer Sinn und vor allem sein verzauberndes Flötenspiel schnell bekannt und verehrt, und im Jahr 1649 erhöhte die Stadt sein Gehalt unter der Auflage, er möge weiterhin von Zeit zu Zeit auf dem Janskerkhof für die Passanten spielen. Im selben Jahr erschien auch der „Fluyten Lusthof“ im Druck, eine umfassende Sammlung der Melodien, die Jacob van Eyck an Abenden wie diesem auf dem Friedhof spielte. Da er blind war, mussten andere seine Lieder und Erfindungen für ihn notieren und zusammenstellen. Das Ergebnis dieser Niederschriften wurde die bis dato größte jemals gedruckte Sammlung von Melodien für ein Soloinstrument.

Doch trotz aller Erfolge und Würdigungen blieb van Eyck eines für immer verwehrt: Die Welt um sich herum mit seinen eigenen Augen sehen. Für ihn gab es kein Licht, keine Sonne und auch nicht das Grün der Bäume—und doch sprühen seine Melodien geradezu vor Leben, verlieren sich in silberflirrenden Mustern und erdbraunen Tiefen, zeichnen einmal die fröhlich flatternden Vögel nach und dann wieder die tiefe Stille der Mauern des Utrechter Doms. Der tiefe Zauber seiner Musik, der seine Zuhörer so berührte, liegt vielleicht gerade darin, dass er mit seinen Sinnen die Schönheit der Welt wahrnehmen konnte, mit seinem Atem seinen inneren Bildern und Gedanken Leben einhauchte und sich so eine eigene Welt von vollkommener Schönheit erschuf. Aus dem Dunkel seines Lebens erstrahlte ein Licht von großer Klarheit und Kraft, das nicht nur seinen Mitmenschen, sondern bis heute Jedem, der seiner Musik lauscht, auf dem Weg durch das irdische Leben zu leuchten vermag.
Jonas Niederstadt, Februar 2011

Engels Liedt

Am Abend des zweiten Aufnahmetages zu der Kammermusik-CD „John come kiss me now“ im August 2008 übte ich für mich allein in der Kirche, in der die Aufnahme stattfand, auf der Blockflöte für den kommenden Tag. Jonas, der Produzent der CD, räumte noch einige Kabel auf. Dann war es ganz still.

Irgendwann machte ich eine Pause, um mir Tee zu kochen. Jonas stand noch immer gedankenverloren vor der Kirche. Als er mich kommen sah, sagte er, dass, als er mich üben hörte, ihm die Idee zu einer van Eyck—Aufnahme gekommen war—er hatte vor seinem inneren Ohr die Lachrymae-Variationen von van Eyck gehört. Das verblüffte mich zutiefst, war es doch Jacob van Eyck und gerade dessen Lachrymae-Variationen, die mich schon als Kind so sehr berührten, dass ich seitdem felsenfest von meiner Berufung, Blockflötenspieler zu sein, überzeugt war. So entstand spontan, in einer einzigen Nacht nach dem Ende der Kammermusik-Aufnahme, diese Solo-CD.

Die CD „Engels Liedt“ konnte ich spontan, ohne speziell dafür geübt zu haben, einspielen, da das Repertoire für mich so zentral steht und mir zutiefst vertraut ist. Am besten, so dachte ich laut, sollte ich wohl nur einige wenige Instrumente verwenden, die mir seit vielen Jahren vertraut sind, und die großen und bedeutendsten Werke van Eycks einspielen, die ich am meisten geübt habe. Da überraschte Jonas mich mit einer völlig entgegengesetzten Idee: „Gerade, da du selbst Blockflöten baust, solltest du auch diese Instrumente verwenden und all die Facetten des Flötenklangs, so wie du ihn dir vorstellst, zeigen!“ Es entstand eine CD der Farben.

Im Zeichen von Flöte und Glocke

Blind zu sein, um mit den Ohren zu schauen, die Farben der Töne, der Klänge. Zu schauen ihr Kommen vom Wind, der sie schon den Menschen, die vor uns lebten, einhauchte. Denn der Wind ist Atem und Stimme der Schönheit. Einst schenkte er den Menschen die Flöte zum Zeichen seiner ewigen Verbundenheit.

Die Glocke—sie schlägt uns die Stunde, ruft uns in Erinnerung die Begrenztheit irdischen Lebens. Sie mahnt uns, die Zeit zu verlassen, wie sich der Klang des Glockenschlags in die Ferne, zurück hin zu seinem Ursprung zieht. In unserer Zeit zwar weit verbreitet, doch oft wenig geachtet, zeigt die Blockflöte in der Musik van Eycks eine unbeschreiblich tiefe Schönheit, eine leuchtende Stille, wie sie auch in den Bildern seines Zeitgenossen, des Malers Jan Vermeers zu sehen ist.

Was wir Menschen schaffen, was uns gelingt, ist neben unseren eigenen Anstrengungen vor allem das Ergebnis der Bemühungen Vieler, die vor uns waren. So gilt mein Dank meinen ehemaligen Lehrern Adrian Wehlte, Ulrike Volkhardt, Kees Boeke, Walter van Hauwe und denen, die vor ihnen waren. Mein besonderer Dank gilt Marion Verbruggen, der ich im Alter von 17 Jahren begegnen durfte, deren Flötenspiel und Unterricht mich tief beeindruckten und mich in meiner musikalischen Entwicklung geprägt haben. Verbunden im Geist fühle ich mich auch Jacob van Eyck, dessen Wesen geheimnisvoll durch seine Werke leuchtet. Es ist nur noch zu erahnen, wie und was er selbst gespielt hat, doch die tiefe Kraft, die sich hinter den gedruckten Noten des „Fluyten Lust-hof“ verbirgt, reicht weit über sein Leben und seine Zeit hinaus.
Gerald Stempfel, Februar 2011


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