About this Recording
CD-16286 - Chamber Music - MONTEVERDI, C. / GODARD, M. / SWALLOW, S. (Monteverdi: A Trace of Grace) (Godard)
English  French  German 

Ein ganzes Netz graziler Spuren: Einblicke in ein Labor…

 

Vom 30. Mai bis zum 5. Juni 2011 finden sich sechs Musiker an einem ganz besonderen Ort zusammen, um dort ein gemeinsames musikalisches Abenteuer zu durchleben. Sie treffen sich in der so beeindruckenden Abbaye de Noirlac, zu Deutsch: Abtei zum Schwarzen See, einem ehemaligen Zisterzienserkloster aus dem 12. Jahrhundert, einige Kilometer südlich von Bourges gelegen, mitten im Herzen Frankreichs. Die sechs Musiker, das sind: Michel Godard, ein Virtuose des Serpents, Guillemette Laurens, die wunderbare Mezzosopranistin mit großem Bekanntheitsgrad in der Welt der Alten Musik, Fanny Paccoud, eine Geigerin, die sich beschwingt zwischen den zwei Welten Alter und Neuer Musik hin und her bewegt, der Komponist und Bassist Steve Swallow, eine sehr, sehr lebendige Legende des Jazz, Gavino Murgia, ein ganz erstaunlicher Improvisator auf dem Saxophon und nicht minder erstaunlicher Sänger mit einer höchst verblüffenden Stimme, und, last but not least, Bruno Helstroffer, ein Theorbenspieler, der auf seinem Instrument so viel Erfindungsreiches zaubert.

Diese Sechs also treffen zusammen, in den alten Gemäuern der Abtei, zwischen Kreuzgang und Refektorium, Fledermäusen und Schwalben, Uhu und Nachtigall, zwischen Linden, die dreihundert Jahre alt sind, und unzähligen, kurzlebigen Insekten, sie treffen zusammen zwischen Tag und Nacht, um eine neue Musik zu erschaffen, spielend mit und ausgehend von…Monteverdi.

Für Michel ist es die Verwirklichung eines Jugendtraumes. Monteverdi ist eine seiner Leidenschaften, seit seiner Kindheit: „Als Musiker hört man nachts in seinen Träumen immer diese verschiedenen Musiken, an die man sich dann, wenn man aufwacht, nicht mehr wirklich erinnern kann, und das treibt einen um, ja, das tut es (lacht). Aber hier, das ist jetzt wie eine dieser erträumten Musiken, die endlich wahr wird.“ Michel erinnert sich immer wieder gerne daran wie er als Junge zum ersten Mal die Schlussszene von der „Krönung der Poppea“ von Monteverdi gesehen hat, im Fernsehen, in schwarz-weiß, in der ersten Produktion von Nikolaus Harnoncourt: „Monteverdi war eine meiner ersten musikalischen Erschütterungen und meine Entdeckung der Alten Musik. Seine Musik hat mich so tief berührt, dass sie mich seither immer begleitet.“

Michel erzählt, wie er die Musiker für sein Projekt gefunden hat, denn Seite an Seite, ja mehr noch: in ein und demselben Schwung Kompositionen von Monteverdi, Jazz-Improvisationen und zeitgenössische Kompositionen erklingen zu lassen, ist ein Unterfangen, für das man definitiv die richtigen Leute braucht: „Die richtigen Musiker für solch ein Projekt zu finden, ist ganz enorm wichtig, denn es geht nicht nur um die Interpretation der Musik, sondern auch darum, ganz stark seine eigene Fantasie mit einzubringen.“

Michel wendet sich an den großen Jazzer Steve Swallow und bittet ihn darum, ein paar Stücke für das Projekt zu schreiben. Steve zeigt sich begeistert. So fließen zwei Stücke aus seiner Feder und hinein in dieses Album: Les effets de manches und Doppo il tormento. Michel dazu:

„Steve hat für eine seiner Kompositionen Si dolce è il tormento als Ausgangspunkt gewählt und hat dann das harmonische System, das Monteverdi verwendet, ganz wunderbar neu zum Einsatz gebracht. Die Harmonien in diesem Monteverdi-Stück sind übrigens ... sehr, sehr schön, und Steve entwickelt daraus dann etwas ganz Eigenes. Dieses Stück spielen wir alle zusammen. Dann hatte ich Steve noch gebeten, ein Stück nur für Serpent und Bass zu schreiben. Für diese zweite Komposition ist er von keinem speziellen Stück Monteverdis ausgegangen, sondern vielmehr ganz allgemein von dem, zu was ihn die Harmonien bei Monteverdi inspirierten. Was bei Steve so interessant ist, ist, dass er mit großer Virtuosität eine sehr harmonische Sprache entwickelt hat. Meine Sprache dagegen ist der modalen Musik näher. Monteverdi steht am Kreuzungspunkt von modaler Musik und Harmonik.”

Des Weiteren wendet sich Michel an Guillemette Laurens, ein Star in der Welt der Monteverdi-Interpretationen. Er erzählt, dass er, wenn er an Monteverdi-Gesang denkt, die Stimme von Guillemette im Ohr hat: „Guillemette gehört zu den Sängerinnen, die Monteverdi wirklich in- und auswendig kennen. Ihre Monteverdi-Einspielungen zählen mit zu den Schönsten, die es gibt. Und dazu singt sie mit einer solch großen Überzeugung, und das ist so sehr Teil von ihr, dass es eine absolute Freude ist.“

Michel spricht Bruno an und bittet ihn, sich der Gruppe anzuschließen. Bruno und Michel berichten, dass sie bereits zusammen gespielt haben, in Projekten völlig frei improvisierter Musik, wo die Musiker erst beim Konzert zusammen kommen, um die Direktheit des Moments zu genießen und auszuschöpfen. „Mir war sofort klar, dass Bruno das perfekte Timing hat, wenn er spielt, und dass er die Dinge auf seine Weise harmonisiert, und seine Art, das zu machen, ist perfekt.“ Fanny teilt mit Michel die Liebe zur Alten wie auch Zeitgenössischen Musik. Ja, und dann ist da natürlich noch Gavino, ein langjähriger Freund und Weggefährte. Michel gibt eine Anekdote zum Besten, die davon berichtet, wie es überhaupt zu der Idee kam, das Monteverdi-Projekt zu machen:

„Dass ich überhaupt das Monteverdi-Projekt mache, ist zu einem großen Teil Gavinos Schuld oder aber…ich habe es Gavino zu verdanken…(Lachen)! Ich liebe es, meine Begeisterung für die Alte Musik mit Musikerfreunden zu teilen, die diese Art Musik nicht unbedingt kennen. Und so kam es, dass ich halt auch Gavino von Monteverdi vorgeschwärmt habe und von anderen Komponisten, und eines Tages sagt mir Gavino: „Du musst mal ein Projekt rund um Monteverdi machen!“ „Nein, nein“, sag‘ ich darauf, „er ist viel zu berühmt, und ich möchte auf keinen Fall in dieses Fahrwasser geraten, wo es dann immer heißt: eine Hommage an den und den Komponisten und dergleichen.“ Aber Gavino blieb stur: „Du musst es machen; so ist das!“ Und er hat mich mit diesem dunklen Blick angeschaut (Lachen), tja, und hier sind wir nun!“

Michel Godard ist der Dreh- und Angelpunkt des Abenteuers: Alle haben bereits mit ihm zusammen Musik gemacht, aber untereinander kennt man sich noch nicht unbedingt. Die sechs Tage vor Ort erlauben es jedem, ganz in die Arbeit dieses Labors einzutauchen und Neues zu erforschen. Auf meine Bitte, uns nochmal seine Sichtweise darzulegen, wie man Alte Musik des 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts mit Jazz und dem Heutigen zusammenbringen kann, sagt Michel Folgendes:

„Es gibt unglaublich viele Ähnlichkeiten zwischen einem Musiker des 16., beginnenden 17. Jahrhunderts und einem Jazzmusiker von heute; genau genommen sind es diese Ähnlichkeiten, die mich auf die Idee gebracht haben, einmal Musiker, die auf Renaissance- oder Barockmusik spezialisiert sind, und Jazzmusiker, die offen für andere Musikpraktiken sind, einander begegnen zu lassen. Aber nicht, damit man sich auf dem Terrain begegnet, wo man bereits ist, und die Jazzer improvisieren dann über ein Monteverdi-Stück! Das Projekt ist vielmehr, zu versuchen, dass jeder Musiker die Sprache des anderen versteht und auch genügend respektiert, damit alle zusammen eine gemeinsame Sprache finden und Verbindungen zwischen den zwei Welten entstehen können.

Wir können keinen Musiker des 16. Jahrhunderts leibhaftig treffen, aber die Musiker, die heute ganz in diese Musik eintauchen, nähern sich dem Geist dieser Zeit an, soweit es irgend geht. Ich glaube, dass eine der großen Gemeinsamkeiten das Verhältnis zur Komposition ist, die Tatsache, dass jeder Musiker zunächst auch ein Komponist war, und dass in dem Jazz, den wir machen, jeder Komponist ist…Und es geht dann vorrangig nicht darum, wie genial jemand als Komponist ist, oder ob man in die Geschichte eingehen wird, oder Ähnliches. Es geht darum, eine Musik zu schreiben, die ein Projekt trägt oder für ein Konzert gedacht ist, das man die Woche drauf oder am nächsten Tag spielt, es geht darum, Momente für Improvisation zu schaffen. Es geht darum, dass alle eine gemeinsame Sprache sprechen, und das erlaubt es dann auch, dass man sich begegnet. Der Barockmusiker, wie auch der Jazzmusiker, arbeitet oft unter Zeitdruck, mit ganz wenig Probenzeit, und daher auch die Notwendigkeit für diese starke gemeinsame Sprache. Man weiß, dass eine Oper zu Zeiten Monteverdis bisweilen innerhalb von nur ein paar Tagen auf die Bühne gebracht wurde. Das war unglaublich schnell. „Il Combattimento“ wurde sogar nur innerhalb weniger Stunden inszeniert, was unglaublich ist angesichts der Neuartigkeit dieser Musik. Und dabei wird natürlich die Improvisation komplett eingebunden in die Musik. Zu Monteverdis Zeit konnte jeder Musiker über eine Basslinie Diminutionen improvisieren…das gehörte einfach zum alltäglichen Handwerk.“

Dann bitte ich Michel noch, einmal laut nachzudenken—gleich einer Übung improvisierten Denkens—über den so schönen ewigen Konflikt zwischen Worten und Musiken, zwischen der Stimme, die verständliche, mit Sinn geladene Worte vorträgt, und der Stimme, die Klänge als reines Klangmaterial produziert, zwischen Text und Bedeutung und Fragen der Rhetorik zur Zeit Monteverdis und dem Einsatz der Stimme in einem Jazzstück oder in zeitgenössischer Musik:

„Eine unserer Arbeitsgrundlagen ist, dass wir den Text in Monteverdis Musik respektieren. Es kommt gar nicht in Frage, dass…zum Beispiel…das Saxofon von Gavino zur gleichen Zeit spielt, wenn Guillemette gerade singt, und man dann plötzlich deshalb den Text nicht mehr versteht. Die Geige spielt bei uns eine zweite Vokalstimme, womit wir durchaus in den Praktiken der Zeit bleiben. Es ist immer Guillemette, die den Text sagt, und wenn dann die Antwort rein instrumental erfolgt, hat man den Text bereits gehört.

Die große Frage, die sich mir stellte, war, ob wir—in dem Teil mit unserer Musik—weitere Texte mit reinnehmen sollten oder nicht, zeitgenössische Texte? Darüber habe ich sehr viel nachgedacht. Ich habe schon immer die Verknüpfung zur „zeitgenössischen“ Stimme geliebt. Den Klang von Worten zu verändern fasziniert mich. Aber das ist ein weites Feld und eröffnet dann nochmal ganz neue Wege…Mit Dichterfreunden und Sängerinnen habe ich sehr viel an und mit Worten gearbeitet, mit neuen Arten, Worte zu sagen, wo dann die Verständlichkeit des Textes nicht das Wichtigste ist. Das ist ein ganz anderer Ansatz. Zeitgenössische Texte mit bestimmten Eigenkompositionen zusammenzubringen ist also durchaus eine Option für ein zukünftiges Projekt…Vor den ersten Proben hatte ich dennoch ein paar Texte bereitliegen…Aber wir haben die Idee ganz von selbst fallen lassen. Und für die Stellen, wo Guillemette beim Jazz dann bei uns ist, habe ich auch ganz absichtlich keine Texte vorgesehen. Und auch noch nicht mal das Timbre, das sie einsetzen soll. Um sie frei machen zu lassen…damit sie eine instrumentale Stimme werden kann.“

Wie die Stimme von Gavino, der in sich drin—in seinem tiefsten Innern, fast hätte ich gesagt: im Tiefsten seiner Eingeweide—Klänge findet, die beinahe außerhalb der Reichweite menschlicher Stimmen liegen.

Monteverdi – A trace of grace macht die Freiheit in Spiel und Musik, die die Musiker in den Gemäuern von Noirlac erleben durften, hörbar und bringt sie direkt zu Ihnen. Für freies Hörvergnügen!


Schirin Nowrousian, Abbaye de Noirlac, Bruère-Allichamps & Bremen, Juni 2011


Close the window