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GP606 - FROMMEL, G.: Piano Sonatas Nos. 1-3 (Blome)
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Gerhard Frommel (1926–1928)
Klaviersonaten 1–3

 

„Die sieben Klaviersonaten sehe ich als ein Kompendium meines Schaffens im Kleinen; sie ziehen sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Stadien meiner Entwicklung hindurch. Aus ihnen lässt sich auch ersehen, wie jede Komposition in ihrer stilistischen, technischen und als Aussage individuellen Gestaltung ein Werk sui generis ist“—so schreibt Gerhard Frommel in seiner Autobiographischen Skizze 1976. Die hier vorliegende Aufnahme enthält die ersten drei dieser Sonaten.

Gerhard Frommel wurde am 7. 8. 1906 in Karlsruhe geboren; er studierte zunächst bei Hermann Grabner und dann (1926–1928) als Meisterschüler bei Hans Pfitzner. Er war als Professor für Kompositionslehre u.a. an den Hochschulen in Frankfurt am Main und Stuttgart, während des Krieges auch an der Heeresmusikschule in Frankfurt tätig. Nach 1950 wurde die tonale Musik, damit auch die Frommels, in Deutschland als faschistisch von der Dodekaphonie und ihren Weiterentwicklungen verdrängt. Frommel starb am 22. 6. 1984 in Stuttgart.

Bestimmende Einflüsse auf seine künstlerische Haltung gingen aus von Pfitzner, der seine Wurzeln in der Romantik ermutigte, und vor allem von dem Dichter Stefan George. Dessen strenge Stilistik wirkte als „moderne“ Gegenposition und dürfte erklären, weshalb sich Frommel in den Zwanzigerjahren intensiv mit der Klassizität Igor Strawinskys beschäftigte. 1937 veröffentlichte er dazu einen Essay „Neue Klassik in der Musik“, mit dem er sich in Gegensatz zur herrschenden Nazi-Ideologie setzte. Dazu passt seine Vorliebe für die transparente Musiksprache romanischer Komponisten: Puccini, Bellini, Fauré—eine ganze Reihe von Essays künden davon. Frommels kompositorisches Oeuvre ist überschaubar: erwähnt seien zwei Bühnenwerke (die noch der Uraufführung harren), ein abendfüllendes Chorwerk „Herbstfeier“ auf Texte von Ludwig Derleth, zwei Symphonien (die 1. wurde 1942 von Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern uraufgeführt), zwei Violinsonaten, weitere Klavierstücke und über 30 Lieder, meist auf Gedichte Stefan Georges. Frommels Generation war kaum von Arnold Schönberg, umsomehr von Paul Hindemith und Igor Strawinsky beeinflusst. Frommels Musik erwächst aus romantischer Grundhaltung und Strawinskyscher Vitalität eine ausdrucksvolle Plastik sowohl in der eingängigen Sinnlichkeit ihrer Melodik als auch in der tänzerisch federnden Rhythmik. Das gibt ihr eine ausgeprägte Individualität.

Die 1. Klaviersonate fis-Moll wurde 1931 komponiert und 1942 in revidierter Form im Süddeutscher Verlag veröffentlicht. Frommel hat bis 1981 immer wieder Änderungen vorgenommen (die Endfassung liegt seit 2009 ebenfalls gedruckt vor). In der vorliegenden Aufnahme wird die Fassung von 1942 gespielt. Die drei Sätze—Allegro moderato, poco rubato Langsam und träumerisch Allegro giocoso (Finale) in der Tonartfolge fis-Moll, H-Dur und Fis-Dur—entsprechen schulgerecht der traditionellen romantischen Sonatenform. Im Kopfsatz stehen sich ein weiträumig schweifendes und ein klar konturiertes feierliches Thema (ist das der Einfluss St. Georges?) gegenüber. In der Durchführung entwickeln sich zwei klanggewaltige Höhepunkte, wobei auch die Harmonik zunehmend geschärft wird bis zu dissonierenden, aus Quarten aufgebauten Sechsklängen. Der langsame Satz könnte ein Liebesgedicht sein. Sein Hauptthema ist ähnlich feierlich stilisiert wie das zweite im Kopfsatz. Ein zärtlich verspieltes Seitenthema mündet in eine virtuose Cadenz, nach der die gesteigerte Wiederholung des Hauptthemas den Satz abrundet. Das Finale bietet in der Exposition ein ungeschlachtes Hauptthema, eine brillante Triolen—über-Duolen—Episode und eine scharf rhythmisierte Schlussgruppe. Im chromatischen Durchführungsmotiv, dem Hauptthema und der Schlussgruppe kann Strawinsky herausgehört werden, allerdings weniger mit seiner klassizistischen Seite sondern eher mit „Petruschka“ oder „Sacre du Printemps“.

Die 2. Sonate in F-Dur op. 10 (Allegro Andante cantabile Allegro quasi una grotesca in der Tonartfolge F-Dur, a-Moll, F-Dur/a-Moll) entstand 1935 und wurde 1936 als erste der Sonaten bei Schott veröffentlicht. Sie steht in denkbar größtem Gegensatz zur 1. Sonate. Sie ist schlanker, harmonisch und rhythmisch geschärft und erscheint so „moderner“ als Ausdruck eines antiromantischen, gehärteten Stils. Ihre Komposition fällt in eine Zeit, als Frommel mit gleichgesinnten Kollegen einen Arbeitskreis an der Hochschule in Frankfurt bildete, der zeitgenössische, nicht „linientreue“ Musik aufführte. Man könnte das grotesk Clownhafte der 2. Sonate als einen Ausdruck subversiven Denkens deuten. Gleich im Kopfsatz begegnen wir einem wirbelnden 1. Thema mit akzentuiert rhythmischen Motiven und dazu im zweiten Akkord ein F-Dur, das durch dissonierende kleine Sekunden clusterartig verfärbt wird. Eindrucksvoll ist die außerordentliche Vitalität und rhythmischer Verve. Der Mittelsatz betont die beiden edlen lyrischen Melodielinien, indem der Klaviersatz weithin ausgespart wird auf Zweistimmigkeit, die sich nur kurz vor der Reprise klanglich etwas verdichtet. Der Schlusssatz, ein Rondo, treibt das Clowneske auf die Spitze. Das Rondothema wird zunächst mit beiden Händen abwechselnd herausgehämmert, unterbrochen von Akkordrepetitionen, die wie schrilles Gelächter klingen. Auch die Seitenthemen sind aus dem Hauptthema abgeleitet, sodass der Satz gedrungen einheitlich wirkt, obwohl sein Verlauf überaus zerrissen ist.

Die 3. Sonate in E-Dur, 1940/41 als op. 15 komponiert, 1962 und 1980 revidiert und 1992 posthum im Süddeutscher Verlag veröffentlicht, hebt sich von den übrigen Sonaten dadurch ab, dass sie ein Motto und die Zusatztitel „Sisina“ bzw. „Ein Traum“ trägt und die Sonate als „Sonata quasi una fantasie“ bezeichnet ist; das Motto entstammt den Schlussversen von Baudelaires „Le vin des amants“ (aus „Les fleurs du mal“) in der Übersetzung Georges: „Lass schwester uns brust an brust/ Fliehn ohne rast und stand/ In meiner träume land“ und darauf, dass Frommel als Kradmelder der Wehrmacht 1940/41 in Frankreich eingesetzt war; „die tage … liessen meinen traum von frankreich, wie ich ihn durch meine liebe zu zwei so gegensätzlichen künstlern wie Baudelaire und Gabriel Fauré genährt hatte, zu kurzer wirklichkeit werden, vielleicht gerade durch das unwirkliche der äusseren situation“, schreibt Frommel. Die Sonate ist—wie die 5. Sonate—einsätzig. „Mir schwebte, unter dem eindruck Mallarmés, eine art klangsymbolismus vor. Wie dort erscheinungen der sinnlichen welt zu unauflösbaren symbolen seelischen geschehens, so sollte hier klang, melos, formverlauf in derselben weise zu außermusikalisch undeutbaren symbolen werden. Anstelle zwingend logischer formverläufe im sinne klassischer gestaltungsweise also freies spiel von assoziationen auf kaum merkbarem untergrund der dreisätzigen sonatenform“. Wir finden (1.) eine Einleitung Molto sostenuto, gefolgt von einem Moderato rubato, (2.) einen langsamen Abschnitt ben sostenuto sowie (3.) ein Tempo di Tarantella mit einer Einleitung Moderato, endend in einem abschließenden Largo, das an den Anfang erinnert. Thematischer Kern ist das Thema des ersten Moderato-Abschnitts; aus ihm erwachsen assoziativ die Themen der Abschnitte. Formal ist alles in Entwicklung, die Harmonik schweifend (statt „E-Dur“ sollte die Tonart richtiger „in E“ heißen), der Schluss neigt eher zu cis-Moll und e-Moll. In der Tarantella härtet sich Rhythmik und Harmonik—insgesamt eine „psychologische“ Form“ (Frommel). Der Zusammenhalt der Sonate wird durch die Verwandtschaft der Themen und einem spezifischen Duft von französischem Impressionismus hergestellt, der von den verwendeten Ganztonleitern ausgeht.

So stellen die drei Sonaten eine kompositorische Entwicklung vor, die in Gegensätzen verläuft; das setzt sich in den weiteren Sonaten fort. Zu den Kunstvorstellungen der Nazis befinden sie sich in denkbar weitem Abstand. Sie sind Ausformungen einer aus der europäischen Romantik aufsteigenden Tradition, die nach dem II. Weltkrieg in Deutschland abgebrochen wurde.


Johann Peter Vogel


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