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GP610 - WEINBERG, M.: Piano Works (Complete), Vol. 3 (Brewster Franzetti)
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Mieczysław Weinberg (1919–96)
Klaviermusik • Folge 3

 

Als Mieczysław Weinberg im Oktober 1943 nach Moskau gekommen war, machte er sich vor allem durch eine beachtliche Reihe von Streichquartetten und Kammermusiken mit Klavier rasch einen Namen. Daneben schrieb er dreiundzwanzig Klavierstücke, die er unter dem Titel Detskiye tetrad (»Notenbücher für Kinder«) in drei Hefte aufteilte. Diese wurden 1944, 1945 und 1947 gedruckt, wobei die jüngste Publikation sämtliche drei Teile enthielt. Auf die erhaltenen Manuskripte schrieb der Komponist selbst: »23 Préludes«. Das einzige Stück, das vom ersten Teil im Autograph erhalten blieb, ist die Introduktion mit dem Datum des 29. Juni 1944. Im Familienarchiv wird die Abschrift des Kopisten aufbewahrt, aus deren veränderter Numerierung hervorgeht, dass das Gegenstück der Nr. 8 Conclusio erst zu einem Zeitpunkt hinzugefügt wurde, als die andern Stücke der Kollektion bereits ins Reine geschrieben waren.—Das Manuskript des zweiten Drittels ist intakt und trägt das Abschlussdatum 19. Dezember 1944. Die Handschrift der letzten Folge ist derzeit unauffindbar. Wie dem offiziellen Werkkatalog aus den achtziger Jahren zu entnehmen ist, hat Weinberg einige der Stücke auch orchestriert und ihnen den Titel Aus dem Kinderleben gegeben. Wo sich diese Partitur befindet, ist gleichfalls nicht bekannt.

In der UdSSR war Musik für Kinder stets gefragt. Die Werke erlebten hohe Auflagen—wie in diesem Falle zumeist durch den Muzfond, der den Mitgliedern des Komponistenverbandes auf vielfältige Weise half: Man sorgte nicht allein für Konzerte, sondern kümmerte sich auch um materielle Fragen wie etwa die medizinische Versorgung und die Unterbringung in den Großstädten und in den ländlichen »Erholungsheimen«. Bevor 1948 die Großzügigkeit dieser Stiftung eingeschränkt wurde, operierte sie mit größerer politischer Autonomie als die vergleichbaren Körperschaften der anderen Künstlerverbände.

Während Weinberg an den Kinderstücken arbeitete, entstand eine dauerhafte, kollegiale Freundschaft mit Dmitri Schostakowitsch, der, wie sich’s fügte, ebenfalls gerade an einer Sammlung von Klavierstücken arbeitete—dem späteren Notenbuch für Kinder op. 69. Schostakowitsch komponierte die Stücke für seine damals sechs- oder siebenjährige Tochter Galina, weshalb er sich auf das Niveau eines Beinahe-Anfängers beschränkte. Weinberg hingegen widmete seine Kreationen zwar seiner Tochter Victoria, doch diese war nur als Kind kurze Zeit im Klavierspiel unterrichtet worden und hat die technisch beträchtlich avancierteren Stücke nie selbst gespielt. Vielleicht wollte Weinberg ja ganz einfach gute Klaviermusik schreiben, die Kinder gern hörten, während zugleich auch Schüler und Erwachsene daran ihr aktives oder passives Vergnügen hatten wie etwa an Robert Schumanns Album für die Jugend und Kinderszenen. Man sollte überdies daran erinnern, dass das Niveau des Klavierspiels schon in den Unterstufen der russischen Konservatorien sehr hoch war und ist. In jedem Fall betonte ein Kritiker in der Sovetskaya muzyka, dem Hausjournal des Komponistenverbandes, dass sich die »Notenbücher« in ihrer Kompliziertheit nicht eben »für Kinder« eigneten.

Eines der einfacheren Stücke, das Andantino Nr. 14, und eines der kniffligeren, das Fünfachtel-Allegretto Nr. 10, hat Weinberg 1978 in der nicht gezählten Klaviersonate op. 49bis wiederverwendet, die eine erweiterte, ausgewogenere Neufassung der Sonatina op. 49 darstellt (die verschiedenen Versionen sind in den Folgen 1 und 2 der vorliegenden Grand Piano-Serie zu hören). Das siebte Stück gelangte indessen mit seiner lyrischen Transparenz à la Tschaikowsky Mitte der fünfziger Jahre in das Ballett Der goldene Schlüssel, wo es für eine weibliche Marionettenfigur verwendet wird.

Der Can-Can zu Ehren von Rastorguyevo ist ein geistreiches Spielchen vom 11. November 1965. Rastorguyevo ist eine bei Moskau gelegene Stadt, die nach einem Teehändler des 19. Jahrhunderts benannt ist. Hier arbeitete damals die junge, damals noch in erster Ehe verheiratete Olga Reznitskaja, die einige Jahre später Weinbergs zweite Ehefrau wurde. Ihr ist die kleine Komposition gewidmet, die nach den Worten der gemeinsamen Tochter Anna entstand, weil sich Weinberg bei Olgas seinerzeitigen Fitness-Übungen an einen Can-Can erinnert fühlte.

Das Manuskript der Einundzwanzig leichten Stücke op. 34 trägt das Datum 4.–6. Juni 1946. Kurz zuvor hatte Weinberg die dritte Sonate, sein bis dahin ehrgeizigstes Klavierwerk, geschrieben. Und die Gegensätze könnten nicht größer sein. Man könnte darüber debattieren, ob das Attribut »leicht« wirklich auf das Opus 34 passt: Zwar ist keines der Stücke technisch so anspruchsvoll wie manches aus den Notenbüchern für Kinder, doch handelt es sich ebensowenig um Musik für Anfänger. In harmonischer Hinsicht zeigen sie die stilistischen Merkmale Weinbergs wie in einem Mikrokosmos, besonders seine Neigung, sich von der Tonika zu entfernen und wieder zu ihr zurückzukehren. Vielleicht sind sie nicht durchweg so einprägsam wie Schostakowitschs Opus 69 aus den Jahren 1944/45, doch einige von ihnen wären sicherlich attraktives Material für die frühen Jahre am Klavier.

Ihrem Wesen nach sind sie miniaturistische Stimmungsbilder. So spricht Baba-Yaga (Nr. 4) von derselben Hexe, der Modest Mussorgsky in seinen Bildern einer Ausstellung zu einem besonders grellen Auftritt verhilft, wohingegen Väterchen Frost (Nr. 11) ein slawischer Vetter des Weihnachtsmanns ist. Das Manuskript zeigt, dass mehrere Titel irgendwann verändert wurden, und so lässt sich darauf schließen, dass es sich bei allen um nachträgliche Einfälle handelt. Die ersten acht Nummern folgen systematisch demselben Tonartenplan, den Frédéric Chopin und Dmitri Schostakowitsch in ihren Préludes benutzten. Es wäre also denkbar, dass Weinberg einen Zyklus von 24 Stücken nach demselben Schema geplant hatte, dann aber irgendwann feststellen musste, dass die immer komplexeren Vorzeichen nicht den pädagogischen Absichten des Bandes entsprachen.

Weinberg hat die Kollektion seinem Kollegen Nikolay Peyko gewidmet, der damals Assistent in Schostakowitschs Kompositionsklasse war. Siebzehn Stücke brachte der Komponist 1947 in einem »steklographischen« Druckverfahren heraus (einer primitiven Form der Massenkopie, den Bibliothekare als »Quasi-Druck« bezeichnen). Es fehlten hierbei die ursprünglichen Nummern 16, 18, 19 und 20. Der Grund dafür ist nicht ersichtlich, da sich diese fehlenden Titel durch nichts von den anderen Stücken unterscheiden.


David Fanning
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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