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GP613-14 - CRAMER, J.B.: Studio per il pianoforte / BUSONI, F.: 8 Etudes after Cramer (Deljavan, G. Luisi, Stuani)
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Johann Baptist Cramer (1771–1858)
84 Etüden für Klavier in vier Bänden

 

Die Aktivitäten der Musikerfamilie Cramer erstrecken sich über ein ganzes Jahrhundert. Der bekannteste von allen, Johann Baptist Cramer, wurde am 24. Februar 1771 in Mannheim geboren. Sein Großvater Jakob war einst aus seiner schlesischen Heimat in die kurpfälzische Metropole gekommen, in deren berühmten Hoforchester er zunächst als Paukist und dann als Geiger sowie als Kopist eine Anstellung fand. Der ältere Sohn Jakobs, wie der nachmalige Enkel Johann Baptist geheißen, widmete sich ähnlichen Tätigkeiten, und auch dessen Söhne Franz-Seraph und Gerhard Cramer dienten als Paukisten—nunmehr allerdings in München, da sich der kurfürstliche Hof 1778 an die Isar begeben hatte.

Jakob Cramers jüngerer Sohn Wilhelm wurde am 2. Juni 1746 in Mannheim geboren und war Schüler von Johann Stamitz, der das Mannheimer Orchester begründet hatte. Außerdem lernte er bei Domenico Basconi und Stamitzens Amtsnachfolger Christian Cannabich. Besagter Wilhelm Cramer saß bereits mit zehn Jahren als Geiger in der Kapelle des Kurfürsten und machte sich später in der nämlichen Profession sowie als Komponist auch über die Grenzen der Region hinaus einen Namen: Er bereiste die Niederlande und Deutschland, hielt sich im Gefolge des Herzogs Christian IV. von Pfalz-Zweibrücken, der alles daransetzte, ihn aus Mannheim wegzulocken, längere Zeit in Paris auf. Dort nahm er die französische Sängerin und Harfenisten Angélique Canavas zur Frau, mit der er 1772 vermöge eines von Mannheim genehmigten Urlaubsantrags nach England ging. In London konnte man Cramern bei den Konzerten von Johann Christian Bach und Carl Friedrich Abel hören, und hier vermochte er sich nicht allein als Virtuose und Konzertmeister, sondern auch als Komponist dergestalt zu etablieren, daß sich Ihre Majestät, die englische Königin Charlotte, höchstselbst dafür verwandte, ihm seinen endgültigen Abschied von Mannheim zu ermöglichen. Nachdem seine Frau den Pocken zum Opfer gefallen war, verehelichte sich Wilhelm Cramer mit der irischen Sängerin Mary Maddan. Nach wie vor präsentierte er sich als Geiger: Noch 1791 kam er nach Amsterdam, und in den frühen Neunzigern spielte er eine führende Rolle bei den Konzerten, die Joseph Haydn in England gab. Wilhelm Cramer starb am 5. Oktober 1799.

Johann Baptist Cramer der Jüngere, der sich als Pianist einen überragenden Namen machen sollte, war nun also der ältere Sohn aus Wilhelm Cramers erster Ehe. Mit drei Jahren hatten ihn seine Eltern nach London gebracht, wo er als zehnjähriges Wunderkind seinen ersten Auftritt hatte und drei Jahre später (1784) mit Muzio Clementi, dessen Unterricht er zeitweilig genoß, eine Sonate für zwei Klaviere exekutierte. Nachdem er die Anfangsgründe bei seinem Vater gelernt hatte, kam Johann Baptist zu Johann Schroeter in die Lehre (dessen Witwe nachher übrigens Joseph Haydns Londoner Visiten versüßte). Weitere Unterweisungen erhielt der junge Cramer durch Carl Friedrich Abel, indessen seine Kontrapunktstudien auf Friedrich Wilhelm Marpurgs und Johann Philipp Kirnbergers Schriften fußten. 1788 unternahm Johann Baptist Cramer seine erste Europatournee, die ihn nach Paris und Berlin führte. In London wurde er derweil als führender Clavierspieler der Gegenwart und als erfolgreicher Lehrer bekannt. Im Zuge seiner zweiten Kontinentalreise kam er 1799 nach Wien, wo er sich mit Beethoven anfreundete: Man schätzte sich offenbar gegenseitig, jener diesen als großartigen Improvisator und dieser jenen ob seiner pianistischen Fertigkeiten. Ein weiteres Mal hielt sich Cramer von 1816 bis 1818 in Wien auf. Man liebte vor allem die Sensibilität seines singenden Klavierspiels, das die nächste Pianistengeneration stark beeinflussen sollte. Weitere Fahrten brachten Cramer nach München und Wien (1835). Außerdem verbrachte er etliche Jahre in Paris, ehe er 1848 endgültig nach London zurückkehrte. Am 16. April 1858 endete ein langes Leben, das zu Mozarts Zeit begonnen und sich bis zu dem Tastenlöwen Franz Liszt erstreckt hatte, der mit Cramer 1841 selbst im Duett musizierte. Der fleißige Mann war nicht nur als Komponist, sondern auch als Musikverleger und Klavierhändler tätig gewesen: Seine geschäftlichen Beziehungen wirkten noch bis weit ins 20. Jahrhundert fort. Mit seinem Studio per il pianoforte, bestehend aus 84 Übungen, die in zwei Lieferungen (1804/1810) veröffentlicht wurden, kam Johann Baptist Cramer Muzio Clementis Gradus ad Parnassum zuvor, worüber der nicht gerade erbaut war. Die Übungen fanden bei so renommierten Künstlern wie Ludwig van Beethoven und Robert Schumann großen Anklang. Sie bilden den fünften Teil der Großen praktischen Pianoforte Schule, die Cramer 1815 herausbrachte. Beethoven gab die Übungen seinem unseligen Neffen Karl auf, und Friedrich Wieck verwandte sie beim Unterricht seiner Tochter Clara, die später dieselben Stücke ihren eigenen Schüler(inne)n vorsetzte. Ihr Gemahl Robert Schumann sah darin »das Allgemeinbildende für Hand und Kopf«. Spätere Editionen brachten so herausragende Pianisten wie Franz Liszts erster Schwiegersohn Hans von Bülow heraus. Auch Ferruccio Busoni publizierte eine Ausgabe von sechzig Etüden. Überdies integrierte er acht dieser Stücke in eigenen Bearbeitungen in den vierten Teil seiner zehnbändigen Klavierübung, die er in den letzten Lebensjahren (1923/24) zusammenstellte.

Diese Adaptionen hatte Busoni schon 1897 unter dem Titel 8 Etudes de piano par JB Cramer choisies des 16 nouvelles études, op. 81 veröffentlicht. Die Auswahl betraf also die sechzehn neuen Etüden Nr. 85–100, mit denen Cramer an seine frühere Reihe anknüpfte, um drei Jahre nach Muzio Clementis Tod das Hundert vollzumachen, da ja auch der Gradus ad Parnassum hundert Stücke enthielt. Busoni widmete seine acht Etüden nach Cramer dem Moscheles-Schüler Carl Lütschg, der am Konservatorium von St. Petersburg unterrichtete. Vier der ausgewählten Übungen befassen sich mit Problemen des Legato-Spiels, die vier anderen sind dem Staccato gewidmet.

In Johann Baptist Cramers Etüden geht es vielfach um den Anschlag und vor allem um die Erreichung eines singenden Tones. Häufig mit legato überschrieben, sind die kurzen Stücke nicht nur Übungen, sondern auch musikalisch interessante Kreationen von großem Abwechslungsreichtum, der weder die Ausführenden noch das Publikum ermüden wird. Mitunter hört man sogar Nachklänge von Johann Sebastian Bach oder Erinnerungen an Domenico Scarlatti. Es ist also leicht nachzuvollziehen, warum sie selbst für Beethoven und Schumann so attraktiv waren. In seinen Erläuterungen zu der 1835 erschienenen Edition stellt Cramer fest, dem Klavier sei nur durch ein ordentliches Legato über seinen chronischen Mangel hinwegzuhelfen—daß es nämlich Töne nicht lange aushalten könne. Weiterhin empfiehlt er das Studium Bachscher Fugen. Seine Etüden sind nicht nur nützlicher Pianistenstoff, sondern sie sind auch kleine musikalische Attraktionen für den Hörer.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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