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GP617 - MEDTNER, N.: Piano Sonatas (Complete), Vol. 1 (P. Stewart)
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Nikolai Medtner (1880–1951)
Sämtliche Klaviersonaten • 1

 

»Die Inspiration kommt, wenn der Gedanke mit Emotion gesättigt und Emotion mit Sinn durchtränkt ist« (Nikolai Medtner)

Was an Nikolai Medtner so viel Vergnügen bereitet, ist unter anderem die pure Freude, die mit der Entdeckung seines großen, wenig bekannten OEuvres einhergeht—eines Kanons fabelhafter Werke von seltener Schönheit und Kraft: Drei Klavierkonzerte, zahlreiche Miniaturen, Kammermusik, über einhundert Lieder und schließlich vierzehn Klaviersonaten, die die bedeutendste Leistung auf diesem Gebiet seit Ludwig van Beethoven darstellen. Mitsamt einer Sonate Vocalise für Singstimme und Klavier sowie verschiedenen nicht publizierten Stücken beschreiben diese Sonaten Medtners gesamte Karriere von den frühen russischen Triumphen über die Enttäuschungen bis hin zum englischen Exil der dreißiger Jahre.

Aufnahmen mit Medtners Musik sind dünn gesät, und einige dieser wenigen Produktionen beruhen auf Ausgaben, die Druckfehler und andere Unrichtigkeiten aufweisen. Die hier vorliegende, vierteilige Serie will jede Sonate so authentisch wie möglich darstellen, weshalb auch nicht nur die Autographen, Erstausgaben und Revisionen herangezogen wurden, sondern auch—wofern vorhanden—die Aufnahmen des Komponisten selbst sowie die Instruktionen und Korrekturen, die er seinen Schülern mitteilte. Da viele Werke der ersten CD um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden, kam bei unseren Aufnahmen ein restaurierter Steinway aus der damaligen Zeit zum Einsatz—ein sehr geeignetes Instrument auch insofern, als Medtner selbst 1929 in Montreal darauf gespielt hat.

Nikolai Karlowitsch Medtner wurde in Moskau als Sohn deutscher Vorfahren geboren und erzogen. Schon als Kind ließ er musikalische Anlagen erkennen. Seine Mutter gab ihm Klavierunterricht, bis er als Zwölfjähriger ans Moskauer Konservatorium kam, wo er bei Wassily Safonoff (Klavier), Anton Arensky (Harmonie) und Sergej Tanejew (Kontrapunkt) studierte. Besonders Tanejew übte einen starken Einfluss auf seine musikalische Entwicklung aus: Er weckte in seinen Schülern den Respekt vor den alten Meistern—Palestrina, Bach, Mozart und vor allem Beethoven—und legte größten Wert auf die handwerklich-kompositorische Beherrschung des Kontrapunkts und der Strukturen.

Medtner war ein glänzender Klavierspieler, fühlte sich aber instinktiv zur Komposition hingezogen. Die Handschriften etlicher früher Versuche, die teils abgeschlossen und teils abgebrochen wurden, liegen im Archiv des Moskauer Glinka-Museums. Darunter ist ein Manuskript, das sich zu einer kompletten Sonate hätte auswachsen können, wenn der Jüngling nicht nach zwei kurzen Sätzen aufgehört hätte. Zum 30. Todestag des Komponisten im Jahre 1981 veröffentlichte der Moskauer Verlag Muzika eine Sonatine g-moll, die spätestens 1898 entstanden sein dürfte. Zwar fehlen in dieser obendrein ungenauen Edition die Vortragsnuancen, doch man findet bereits Aspekte, die für den späteren Medtner typisch sind: die Fähigkeit zur Melodie, die komplexe Rhythmik, die Neigung zu Synkopenbildungen (mehr als einmal ist in Kommentaren von Medtners »jazzigen« Rhythmen die Rede) und eine schon damals geschickte motivische Durchführungsarbeit kennzeichnen das Werk. Es ist nicht bekannt, warum der Komponist auf diese attraktive Komposition nicht wieder zurückkam. Er könnte sich freilich ein wenig befangen gefühlt haben angesichts der mehr als beiläufigen Hinweise auf Tschaikowsky, der besonders im zweiten Satz fröhliche Urständ feiert: Das Trio dieses Scherzos kommt einem Plagiat des Pas de deux aus Schwanensee bedenklich nahe—wobei Medtner freilich in unverkennbarer Weise diese Melodie kontrapunktisch auf das Thema des eigentlichen Scherzo-Teils pfropft.

Medtner beendete das Konservatorium 1900 mit einer Goldmedaille für Klavierspiel. Nachdem er in Wien beim Dritten Internationalen Rubinstein-Wettbewerb erfolgreich gewesen war, schien seine Karriere als Konzertpianist nur folgerichtig. Er plante demzufolge eine Tournee durch Europa, von der er aber (gegen den Rat der Eltern und Lehrer) dann doch Abstand nahm: Um dem Leben als reisender Virtuose zu entgehen, beschloss er, seiner wahren Berufung nachzugeben—der Komposition. Zwar konzertierte Medtner sein Leben lang, doch mit wenigen Ausnahmen—er war ein gefeierter Beethoven-Interpret—spielte er in der Öffentlichkeit nur seine eigenen Werke.

Die ersten seiner Werke, die im Druck erschienen, waren kleine Klavierstücke und Lieder voller Erfindungsgeist und Originalität. Die Klaviersonate Nr. 1 f-moll op. 5 geht über diese Dimensionen weit hinaus. Sergej Rachmaninoff hat einmal konstatiert, dass eigentlich alle Komponisten in jungen Jahren Fehler machten, dass aber »nur Medtner von Anfang an Werke veröffentlichte, wie man sie auch im späteren Leben nicht hätte besser machen können.« Dazu gehört als seine erste großformatige Komposition diese Sonate. Die Arbeit zog sich mehrere Jahre hin und war, wie eine frühe Skizze zum Kopfsatz erkennen lässt, mit erheblichen Mühen verbunden. Der Medtner-Forscher Francis Pott entdeckte bei der Untersuchung dieses Manuskripts, dass das Stück zunächst in c-moll stand, die Themen in einer anderen Reihenfolge exponiert wurden und die Durchführung derart »mit Kunstfertigkeiten überladen war, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenzubrechen drohte…« Interessanterweise entschied er sich dann für f-moll: In dieser Tonart steht nicht nur die erste Sonate seines Idols Beethoven, sondern auch die Appassionata, die er sehr liebte und sogar aufgenommen hat.

Im August 1903 nahm die Sonate ihre definitive Gestalt an. Der erste Satz gehorcht der Form des klassischen Sonaten-Allegros mit Exposition der Themen, Durchführung, Reprise usw. In der Familie wusste man zu erzählen, dass das leidenschaftliche zweite Thema ein musikalisches »Portrait« von Anna Bratenshi war—der großen Liebe Medtners, die damals mit seinem älteren Bruder Emil verlobt war und diesen schließlich im Oktober 1902 auch zum Manne nahm. Die charakteristisch absteigende Linie zeigt deutliche Ähnlichkeiten mit einer Melodie, die Robert Schumann häufig benutzte, um die Sehnsucht nach der fernen Geliebten Clara Wieck zu symbolisieren; das war vermutlich kein Zufall, da Medtner verschiedene Werke Schumanns im Konzertrepertoire hatte und ihm daher sowohl »Claras Thema« als auch die persönliche Bedeutung desselben vertraut gewesen sein dürfte.

Das rastlose Intermezzo, das sich anschließt, ist von einer altehrwürdigen »musikalischen Frage« besessen, die im Laufe der Jahrhunderte bei vielen Komponisten vorkam—insbesondere als das »Schicksalsmotiv« in Richard Wagners Ring des Nibelungen. Man könnte es hier als Medtners »Liebesleid« und seine Kapitulation vor dem Schicksal interpretieren. In dem Moderato-Andante, das als Verbindung zum dritten Satz fungiert, werden qualvolle Sequenzen dieses Schicksalsmotivs von dem tiefsten Ton des Klaviers unterbrochen, der wie eine Alarmglocke im fff läutet. Das Motiv erklingt dann viermal »kopfüber«, als wollte es eine Frage stellen, auf die es keine Antwort gibt.

Das Largo divoto hat, wie die Vortragsanweisung erkennen lässt, eine spirituelle Dimension. Unter den Melodien, die sich zu dem langsamen, würdevollen Rhythmus einer Sarabande bewegen und nach Gesängen der russisch-orthodoxen Kirche duften, ist die ergreifendste gar als pietoso bezeichnet. Auch das Schicksalsmotiv ist prominent, und in der Textur des Satzes kann man überdies Annas Thema aufspüren. Eine weitere Moderato-Andante-Verbindung leitet in das Finale über. Dieses Allegro risoluto folgt wieder der strengen Sonatenform und fußt ausschließlich auf Materialien der vorherigen Sätze. Sein ungestüm-manisches Tempo entspannt sich nur, wenn Annas Thema im Gewande eines Chorals (religioso) aufscheint. Die Durchführung enthält eine Fuge à la Franz Liszt, in der »Anna« erneut sehr markant, dabei aber in einer transformierten Gestalt auftritt, als sei sie die chromatische, bedrohliche Karikatur ihrer selbst geworden. Durch das unvermittelte Auftreten der »Schicksalsfrage« und eine verdrehte Erinnerung an das Largo divoto drängt sich ein Element des Zweifels und der Unsicherheit ein, doch es kann sich nicht lange halten. Unter den jetzt festlich dröhnenden Glocken endet das Werk mit Annas triumphierendem Thema. Im Lichte der kommenden Ereignisse, Medtner und Anna betreffend, waren das wahrhaft prophetische Klänge!

Wenngleich Medtners erste Sonate als ein Werk des Übergangs gilt, wird man bei genauer Kenntnis und wiederholtem Hören der Musik eine außerordentliche Fertigkeit entdecken: Jeder Ton und jedes Details hat seinen Zweck oder sein »Schicksal«, wie Medtner sagte. Der berühmte polnische Pianist Josef Hofmann setzte sich nachdrücklich für diese Komposition ein, die er überall in Europa spielte. So wurde die internationale Öffentlichkeit erstmals auf den Namen des Komponisten aufmerksam, und im Frühjahr 1904 wurde die Sonate bei M. P. Belaïeff in Leipzig veröffentlicht. Der vorliegenden Aufnahme liegt diese seltene Erstausgabe zugrunde. (Medtner nahm später verschiedene Revisionen vor, wobei er hier und da die Harmonik veränderte, Vortragsanweisungen und andere Angaben ergänzte oder strich und die Textur verfeinerte.)

In den Jahren zwischen dem Opus 5 und der Komposition der zehnten Sonate, der Sonata Reminiscenza a-moll op. 38 Nr. 1, hatte Medtner eine gute Position in der russischen Musikwelt erobern können. Sein Freund Rachmaninoff bezeichnete ihn einmal als »den größten Komponisten unserer Zeit«. Auch während der Schrecken des Ersten Weltkriegs, der Oktoberrevolution und dem anschließenden Bürgerkrieg setzte er seine Tätigkeit als Komponist, Konzertpianist und Konservatoriumslehrer nach bestem Vermögen fort. Wie alle Moskowiter hatten auch die Medtners gewaltige Entbehrungen zu erdulden, doch es gab immerhin einen großen Lichtblick: Sein Bruder erklärte sich zur Scheidung bereit, so dass Nikolai und Anna, die zwei Jahrzehnte eine verbotene und schuldhafte Liebe verbunden hatte, 1919 schließlich heiraten konnten.

Aus dieser Zeit stammen drei Hefte mit den Klavierstücken Zabitiye Motivi (»Vergessene Melodien«). Mit dem Titel sind Themen gemeint, die Medtner im Laufe der Jahre notierte, dann aber »vergaß«. Der Zyklus op. 38 beginnt mit der Sonata Reminiscenza, die heute zu Medtners meistgespielten und -eingespielten Werken gehört. Sie wurde 1920 vollendet und von ihrem Komponisten an einem eisigen Winterabend bei Kerzenlicht uraufgeführt, derweil das bibbernde Publikum versuchte, sich unter Decken und Pelzen warmzuhalten. Auch dieses Werk ist autobiographisch: Man kann zwischen den Zeilen der Einleitungsphrase sogar Annas Thema aus der ersten Sonate entdecken—eine zutiefst bewegende Passage, die während des Zyklus wie ein Motto oder eine melancholische, bedauernde, bittersüße »Reminiszenz« wiederkehrt. Alexander Goldenweiser schrieb über dieses einsätzige Werk: »Der Geist wahrer Poesie und tiefer innerer Bedeutung macht diese Musik zu einer der bemerkenswertesten Leistungen Medtners.« Verzweiflung und Tragik sind darin, doch vor allem dominiert eine Traurigkeit oder Resignation, weil das Russland, das Medtner gekannt und geliebt hatte, für immer dahin war. Es war dies eine weitere Prophezeiung, denn bald schon sollte Medtner für die restlichen dreißig Jahre seines Lebens ins Exil gehen.


Paul Stewart
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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