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GP629-30 - TÜRK, D.G.: Easy Keyboard Sonatas, Collections 1 and 2 (1783) (Tsalka)
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DANIEL GOTTLOB TÜRK (1750–1813)
LEICHTE KLAVIERSONATEN (SAMMLUNGEN I UND II)

 

Eine kritische Ausgabe und Einspielung der achtundvierzig Klaviersonaten, die Daniel Gottlob Türk hinterlassen hat, war längst fällig. Heute kennen wir den Namen des norddeutschen Komponisten, Musikers und Pädagogen vor allem aufgrund seiner umfangreichen, äußerst detaillierten Klavierschule (1789), die eine der wichtigsten Quellen zum Klavierspiel des späten 18. Jahrhunderts darstellt. Klavierlehrer schätzen ihn auch als den Verfasser der Kleinen Handstücke für angehende Klavierspieler, die den Anfänger systematisch auf die zahlreichen Herausforderungen fortschrittlicherer Werke vorbereiten.

Der junge Türk erfuhr seine musikalische Ausbildung in Dresden bei dem ehemaligen Bach-Schüler Gottfried August Homilius und ward dergestalt auf die mannigfachen Rollen eingestimmt, die er während seines musikalischen Lebens zu spielen hatte. Als er sich zu Beginn der siebziger Jahre an der Leipziger Universität einschrieb, machte ihn der Clavier=Virtuose Johann Wilhelm Hässler mit dem Versuch über die wahre Art das Klavier zu spielen (1753) und den Sonaten von Carl Philipp Emanuel Bach bekannt. Bald darauf schrieb Türk unter der Aufsicht seines Lehrers und Freundes Johann Adam Hiller seine beiden ersten Sonatenkollektionen. Diese zwölf Werke, die hier in Ersteinspielungen vorliegen, erschienen 1776 und 1777 bei Breitkopf in Leipzig und Halle. Sie fanden einen solchen Anklang, dass sie schon bald vergriffen waren. In den achtziger und frühen neunziger Jahren gab Breitkopf sechs weitere Sonatenbände heraus.

Als Daniel Gottlob Türk seine Sonaten schrieb, wusste er genau um das kontrastreiche Ausdruckspotential der Gattung, deren norddeutsche Spielart sich in den fünfziger und sechziger Jahren entwickelt hatte. Für Türk war die Klaviersonate das perfekte künstlerische Medium zur Mitteilung seiner kühnsten Experimente. In seiner Klavierschule heißt es denn auch:

»Die Sonate verdient unter den Tonstücken, welche für das Klavier bestimmt sind, wohl mit dem mehrsten Rechte die erste Stelle. Was man in der Dichtkunst unter der Ode versteht, ungefähr eben das ist in der Musik die eigentliche, wahre Sonate. Folglich setzt diese Gattung von Instrumentalstücken einen vorzüglichen Grad der Begeisterung, viel Erfindungskraft und einen hohen, fast möchte ich sagen musikalisch=poetischen, Schwung der Gedanken voraus. So wie aber die Gegenstände der Ode ungemein verschieden und bey weiten [sic!] nicht von gleicher Größe sind, eben so verhält es sich auch mit der Sonate.«¹)

Die beiden Sammlungen Leichte[r] Klaviersonaten, mit denen Daniel Gottlob Türk 1783 an die Öffentlichkeit trat, enthalten technisch und musikalisch einfacheren Stoff als die drei Kollektionen der Jahre 1776, 1777 und 1789, die sich an professionelle Musiker wandten. Dessen ungeachtet sollten heutige Instrumentalisten und Wissenschaftler nicht die Relevanz und Schönheit der Stücke verkennen. Aus dem Vorwort zu der ersten »leichten« Sammlung und den vielen Erklärungen, die Türk in seiner Klavierschule von 1789 zu diesen Sonaten abgab, ist zu ersehen, daß er beabsichtigte, seine Klavierschüler systematisch mit den rhetorischen und expressiven Mitteln seiner Zeit bekannt zu machen:

»Hauptsächlich nahm ich auf solche Liebhaber Rücksicht, die das Leichte und Gefällige dem Gekünstelten vorziehen; daher schrieb ich einige Sätze mit unter, die Kenner wahrscheinlich überschlagen werden: – doch sollen auch diese hoffentlich nicht ganz übersehen seyn. Für Anfänger, im eigentlichsten Verstande – welchen ich aber freylich nicht rathen würde, Sonaten zu spielen – hab’ ich hin und wieder, bey Doppelgriffen, kleinere Noten mit drucken lassen, die allenfalls wegbleiben können. Die Herren Kritiker werden bey dieser Arbeit wohl bedenken, daß es gar keine geringe Aufgabe ist, kurz und ganz leicht zu schreiben, ohne dabey in’s Alltägliche zu verfallen.«²)

Während seiner ersten Hallenser Jahre sammelte der junge Komponist Erfahrungen als Clavier=Lehrer, wobei er allen gewöhnlichen Schwierigkeiten begegnete, denen sich der Anfänger ausgesetzt sieht. Türk bemerkte, daß es seinen Schülern sehr zuträglich war, wenn man mit ihnen peinlich genau all jene Details besprach, die fortgeschrittenere Spieler selbstverständlich fanden: Es sei unrecht, meinte er, »wenn man den Lernenden etwas spielen läßt, wovon er noch keinen deutlichen Begriff hat. Jede Kleinigkeit muß ihm vorher, oder nach Umständen beym Spielen selbst, erklärt werden.«3) Die Leichte[n] Klaviersonaten sind denn auch im Vergleich zu den beiden ersten Sonatensammlungen viel reicher mit Phrasierungsbögen, Artikulationszeichen, Ornamentik, dynamischen und agogischen Angaben usw. versehen.

Recht üblich sind Sätze mit so aufwendigen Bezeichnungen wie Allegro di molto con zelo e minaccioso (CD 2, Track 15), Andante innocentemente (CD 1, Track 11), Allegretto con tenerezza (CD 1, Track 7), in denen also der affektive Charakter eines Abschnitts in Beziehung zu seinem Tempo gesetzt wird. In solch kunstvollen Anmerkungen spiegelt sich auch der Argwohn gegenüber dem neuen, mechanischen Metronom, von dem Türk fürchtete, es könne die ureigene, innere Flexibilität des Schlages und somit dessen expressiven Kern ruinieren. Die Beweglichkeit des Taktes erkennt man schön in den jähen dramatischen Wechseln, mit denen der dritte Satz der Sonate Nr. 5 e-moll HedT.99.3.5 beginnt (CD 1, Track 15). Für die »leichten Sonaten« komponierte Daniel Gottlob Türk seine zwei ersten Klavier-Sinfonien. In der Klavierschule erklärte er den pädagogischen Wert und die musikalische Einmaligkeit dieses Kompositionstyps:

»Ganz eigentlich für das Klavier geschriebene Sinfonien hat man bis jetzt noch wenige, vielleicht deswegen, weil ihre Bestimmung für das Große, und für eine starke Besetzung ist. Indeß sollte ich doch nicht meinen, daß Klaviersinfonien dem guten Geschmacke entgegen wären. Der ungeübte Spieler, welchem der wahre Sonatenstyl noch nicht faßlich und genießbar ist, würde durch Sinfonien allmählich an größere Stücke gewöhnt werden. Da man sich unter der Sinfonie ein stark besetztes Instrumentalstück denkt, so müßte der Komponist kühne Gedanken und vollstimmige Griffe mit melodischen Stellen abwechseln lassen, um dadurch die gewohnte Mannigfaltigkeit der Instrumentalsinfonien einigermaßen nachzuahmen.«4)

Türk erkannte genau, daß der »demokratische« Stil der Sinfonie für ungeübte Ohren leichter zu erfassen war als jener der Sonate. Vom pädagogischen Standpunkt aus bieten diese, »für das Klavier geschriebenen Sinfonien« eine seltene Gelegenheit, die technischen Fertigkeiten des Schülers zu verbessern, um zugleich sein musikalisches Verstehen und Vergnügen zu steigern.

Die Kritik nahm die beiden Bände der Leichte[n] Klaviersonaten recht günstig auf. So lobte Carl Friedrich Cramer »Faßlichkeit, Leichtigkeit, Geschmack, eine schöne singende, und der Natur des Instrumentes angemessene Melodie«5) Diese Auffassung ist auch bei Heinrich Christoph Koch zu spüren, der beinahe zehn Jahre später im dritten Band seines Versuch[s] einer Anleitung zur Komposition meinte, daß »nicht allein dem Dilettanten, sondern auch den mehresten Künstlern selbst [...] mehr an ausdrucksvollen, als an schweren Tonstücken dieser Art gelegen [sei]. Einen Beweis hiervon geben z.B. die Claviersonaten von Türk, die deswegen allgemein beliebt sind, weil sie nebst der treffenden Darstellung angenehmer Empfindungen den Liebhaber nicht durch allzugroße Schwierigkeiten abschrecken, und überdies noch in einem Stile geschrieben sind, der für jedes, noch nicht verwöhnte Gefühl sehr eindringlich ist. Lauter Eigenschaften, die man billig von Tonstücken dieser Art verlangen kann, die für das Publikum bestimmt sind.«6)

Wer sich praktisch, pädagogisch oder wissenschaftlich mit früher Klaviermusik befaßt, wird in diesen expressiven, historisch bedeutenden Unterrichtsstücken unerschlossene Reichtümer entdecken.

MICHAEL TSALKA
Deutsche Fassung: Cris Posslac

¹ Daniel Gottlob Türk, Klavierschule, oder Anweisung zum Klavierspielen für Lehrer und Lernende, Leipzig und Halle 1789, S. 390.
² Daniel Gottlob Türk, Leichte Klaviersonaten, Erster Theil, Vorrede (Leipzig and Halle 1783).
³ Daniel Gottlob Türk, Klavierschule, Vorrede, S. 12
4 Ebd, S. 384.
5 Carl Friedrich Cramer, Magazin der Musik, Bd 1, S. 1279 (Hamburg 1783–86)
6 Heinrich Christoph Koch, Versuch einer Anleitung zur Komposition, dritter und lezter Theil, S. 318 (Leipzig 1793)

 

KLAVIER DER MARLOWE A. SIGAL-SAMMLUNG
Newton Centre, MA, USA
Von Michael Tsalka für seine Türk-Aufnahmen verwandt

CEMBALO von Burkat Shudi und John Broadwood (1781). Dieses Londoner Instrument ist ein Beispiel für die höchste Entwicklung des englischen Cembalos. Es hat zwei Manuale mit fünf Oktaven (FF bis f’’’) sowie zwei achtfüßige und einen vierfüßigen Saitenbezug. Die Register und Plektra sind: Vorderer Achtfuß – Federkiel; hinterer Achtfuß – Leder; Vierfuß – Federkiel; Nasal – Federkiel. Es hat zwei Pedale, eins für den venezianischen Schweller, eine für den von Shudi erfundenen »machine stop«. Die Untertasten sind aus Elfenbein, die Obertasten aus Ebenholz.

Photo: Shudi and Broadwood Harpsichord (1781)
FLÜGEL von Johann Andreas Stein in Augsburg (1784). Die Untertasten des fünfoktavigen Manuals (FF bis f’’’) sind aus Ebenholz, die Obertasten aus Elfenbein. Zwei Kniehebel bedienen die Dämpfung. Fast der gesamte Tonumfang besteht aus einem doppelten Saitenbezug, die obersten vierzehn Töne sind dreifach bezogen. Dieser Flügel gehörte früher dem Museum of Art von Toledo (Ohio). Mozart schätzte Steins Klaviere ganz besonders, und das vorliegende Instrument diente als Modell vieler moderner Nachbauten.

Photo: Johan Andreas Stein Grand Piano (1784)
FLÜGEL des florentinischen Cembalobauers Vincenzo Sodi (1785). Die Untertasten des fünfoktavigen Manuals (FF bis f’’’) sind aus Ebenholz, die Obertasten aus Elfenbein. Zwei Kniehebel bedienen die Dämpfung. Die acht obersten Töne sind dreifach, alle anderen zweifach bezogen. Das Instrument hat eine Wiener Auslösung, obwohl die ersten Klaviere, die Cristofori um 1700 in Florenz erfand, eine andersartige Auslösung hatten. Es gibt noch immer einige Cembali von Sodi, doch dieser Flügel ist womöglich das einzige erhaltene Klavier dieses bedeutenden italienischen Konstrukteurs.

Photo: Sodi Grand Piano (1785)
KLAVIER. Johann Andreas Steins Sohn André baute dieses Instrument um 1820 in Wien. Außer diesem ist nur noch ein weiteres Instrument dieser Art aus Steins Werkstatt erhalten. Das Manual umfasst sechs Oktaven (FF-f’’’’). Die Untertasten sind aus Elfenbein, die Obertasten aus Ebenholz. Es gibt vier Pedale: Dämpfer, teilweiser und vollständiger Moderator, Verschiebung (una corda). Die sieben tiefsten Töne haben zwei umsponnene Saiten pro Ton, alle weiteren sind dreifach bezogen. Die Höhe des Instrument beträgt beinahe zwei Meter.

Photo: Stein Upright Grand Piano (1820)

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