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GP633 - GRAINGER, P.: Folk-Inspired Works for Piano Duet and Duo (Weichert, Rave)
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Percy Aldridge Grainger (1882–1961)
WERKE FÜR KLAVIER ZU VIER HÄNDEN UND ZWEI KLAVIERE

 

Percy Aldridge Grainger wurde am 8. Juli 1882 in Melbourne geboren, erhielt seinen ersten Musikunterricht von seiner Mutter und debütierte bereits mit zehn Jahren als Pianist. Nachdem er von Louis Pabst, dem Gründer der Melbourner Musikakademie, unterrichtet worden war, kam er 1895 als Schüler von James Kwast an das Hochsche Konservatorium in Frankfurt am Main. Kurz nach der Jahrhundertwende begann seine internationale Karriere—ausgehend von England, bereiste er bald auch Südafrika und Australien. 1906 lernte er Edvard Grieg kennen, dessen Klavierkonzert zu einem seiner Paradestücke wurde. 1914 ließ er sich in den USA nieder. Im folgenden Jahr gab er sein New Yorker Debüt, und seit 1919 wirkte er am Chicago Music College. 1928 wurde er in der Hollywood Bowl mit Ella Ström vermählt. Seit 1940 lebte er in White Plains, New York. Wie sein älterer Kollege Ferruccio Busoni, der ihn während der neunziger Jahre kurze Zeit unterricht hatte, war ihm die Pianistenlaufbahn zunehmend lästig. Statt dessen widmete er sich kompositorisch einer äußerst individuellen Synthese traditioneller und persönlicher Elemente, während er zugleich seit der Mitte der dreißiger Jahre immer mehr Zeit auf seine wiederum sehr eigenständigen Vorstellungen von elektronischer Musik verwandte. Seine Manuskripte und Besitztümer hinterließ er dem Grainger Museum in Melbourne. Am 20. Februar 1961 erlag er in White Plains einem Krebsleiden.

Zwar hat Percy Grainger für die unterschiedlichsten Besetzungen komponiert, wobei er oftmals »elastische Partituren« anstelle unveränderlicher Instrumentierungen lieferte—doch die Essenz seiner Musik dürfte sich am besten in seinen Werken für das Klavier zeigen, das er als anerkannter Virtuose meisterhaft beherrschte, zu dem er aber ganz eindeutig eine Art von »Hassliebe« entwickelte. Diese CD bietet eine repräsentative Auswahl von Kompositionen für zwei Klaviere und Klavier zu vier Händen, die zumeist aus Graingers eigentümlichen Sammlungen stammen: den American Folk Music Settings (AFMS), den British Folk Music Settings (BFMS) und den »raummusikalischen Schmankerln« der Room Music Tit Bits (RMTB). Sie alle zeigen, mit welcher inneren Überzeugung er nach einem Idiom suchte, der sämtliche traditionellen und volkstümlichen Elemente einbeziehen sollte—weshalb es ihm nötig schien, die seiner Meinung nach überkommenen Konventionen der europäischen Klassik, wie sie ihm zu Beginn des 20. Jahrhunderts entgegentraten, über Bord zu werfen.

Handel in the Strand (RMTB2) entstand 1911–12 und wurde 1930 revidiert. Während man einerseits ganz deutlich einen traditionellen englischen »Holzschuhtanz« hört, wie der Untertitel sagt, variiert Grainger hier Händels bekannte Melodie »Der harmonische Grobschmied«. Seinen Namen verdankt das Stück Graingers Kollegen William Gair Rathbone: Er hatte bei dieser Musik den Eindruck, dass Händel zu den »Schlagern« seiner Zeit den Strand entlang schlenderte, wo damals das Londoner Theaterzentrum lag. Über der unablässig »trippelnden« Begleitung erhebt sich allmählich die Melodie, um sich in einer Reihe einfallsreicher Varianten zu ergehen. Ein einfaches Gegenthema tritt hinzu, und schließlich wird ein lebhafter Höhepunkt erreicht, der den entschiedenen letzten Schritten entgegensteuert.

Die als »irischer Reel« bezeichnete und der Erinnerung an Edvard Grieg gewidmete Molly on the Shore (BFMS19) schrieb Grainger 1907. Sieben Jahre später revidierte er das Stück, das neben der Titelmelodie eine aus Cork stammende Weise namens »Temple Hill« verwendet. Aus den verhalten pochenden Begleitfiguren löst sich eine kapriziöse Melodie. Die beiden Klaviere sind eng miteinander verflochten, erreichen in der Mitte des Stückes eine Ruhepause und nehmen dann ihr Wechselspiel noch kunstvoller auf. Gegen Ende verliert sich die Musik nach und nach in leisen, verhaltenen Motiven, die von einem kräftigen Schlusspunkt abgerundet werden.

Shepherd’s Hey (BFMS4) aus den Jahren 1908–9 wurde 1913 und 1918 revidiert. Die hier benutzte Melodie wurde 1906 von dem englischen Volksliedsammler Cecil Sharp (1859–1924) aufgezeichnet und verrät große Ähnlichkeiten mit der bekannten Weise »The Keel Row« aus Newcastle upon Tyne. Grainger komponierte sein Shepherd’s Hey wie ein Frage- und Antwortspiel der beiden Melodiehälften, die er verschiedenen Veränderungen und harmonischen Seitenbewegungen aussetzt, ohne dass das rhythmische Profil oder der kräftige Humor verloren gingen.

Der Entwurf zu der vierhändigen Harvest Hymn (über ein Originalthema) stammt aus dem Jahre 1905. Die Komposition wurde indessen erst 1932 abgeschlossen und noch zweimal (1936/1938) bearbeitet. Mit ihrer warmherzigen Melodie und ihrem sanft verschränkten Wechselspiel gehört das Stück zu den anrührendsten Werken, die Grainger geschaffen hat. Es gipfelt in einer eloquenten Klimax, worin die Melodie samt ihrer Begleitung dank der üppigen Harmonien des Klaviersatzes wie aus einem Guss erscheint.

Die vierhändigen Country Gardens (BFMS22) entstanden 1908 und wurden 1918 revidiert (weitere Versionen folgten bis 1953). Auch diese Komposition fußt auf einer von Cecil Sharp notierten Weise—und Percy Grainger musste erleben, dass sie, sehr zu seinem Leidwesen, sein beliebtestes Stück wurde. Die delikate Schüchternheit des Hauptthemas wird durch eine eher nachdenkliche Gegenstimme ausgeglichen. Während die beiden melodischen Elemente dann ihrem schlichten Schluss zustreben, ist die Ausdrucksweise deutlich direkter und frecher geworden.

In seinem Song from the Faroe Islands (Let’s Dance Gay in Green Meadow) bedient sich Grainger einer Volksmelodie, die er 1905 selbst aufgezeichnet hat und in den nächsten vier Jahrzehnten mehrfach bearbeitete. Vor der harmonisch ambivalenten Begleitung zeigt sich das Hauptthema in mehreren einfallsreichen Varianten, die eine tonale Auflösung vermeiden und die texturellen Möglichkeiten des vierhändig betätigten Klaviers in jeder Hinsicht ausnutzen.

Spoon River (AFMS1) aus dem Jahre 1915 wurde 1922 revidiert. Das Stück basiert auf der Melodie eines »Fiddlers«, die Captain Charles H. Robinson bei einem ländlichen Tanzvergnügen in Bradford Illinois gehört hatte. Die ruhig pulsierende Begleitung bietet ein vorzügliches Fundament für den Auftritt des Themas, dessen Konturen immer ausdrucksvoller werden. Nach einem ruhig schlendernden Mittelteil nimmt die Musik wieder Fahrt auf, um endlich einen schwungvoll markanten Abschluss zu finden.

As Sally Sat-a-Weeping ist die recht einfache Adaption eines Volksliedes aus Dorset, die Grainger 1924 anfertigte. Dabei handelt es sich zwar um eine der kürzesten Volkslied-Bearbeitungen des Komponisten, doch die Ausführenden haben beträchtliche Anforderungen zu bewältigen, um die einander stark überlappenden Stimmen auf den Weg zu ihrem rhetorischen Ende zu bringen.

Lincolnshire Posy (BFMS34) gehört zu Graingers charakteristischsten Werken. Der 1937 entstandenen Version für Blaskapelle folgte schon ein Jahr später ein Arrangement für zwei Klaviere. Die Suite aus sechs kontrastierenden Sätzen beginnt mit dem Titel Lisbon (Dublin Bay), der 1906 entworfen und 1931 erneut bearbeitet wurde und sehr schön zeigt, wie Grainger Motive entwickelte und Texturen ausarbeitete. Das 1934 skizzierte Horkstow Grange (The Miser and his Man) besteht aus verschiedenen Variationen über das hymnenartige Thema vom »Geizhals und seinem Diener«. Es erreicht eine äußerst intensive Klimax und verliert sich in einer Coda, die provozierend unaufgelöst bleibt. Die 1933 skizzierten Rufford Park Poachers (»Wilderer von Rufford Park«) werden durch ein geschicktes Wechselspiel zu einer der einfallsreichsten Erkundungen des Mediums, die Grainger unternommen hat. Die Akkordik ist vielfach sehr komplex, bevor die Musik ihren zart imitatorischen Schluss erreicht. The Brisk Young Sailor, der nach Hause kam, um seine wahre Liebe zu heiraten, reicht bis ins Jahr 1919 zurück und besteht aus mehreren luftigen, einfallsreichen Variationen, die das kontrapunktische Potential der Melodie zur Genüge auskosten und das unaufgelöste Ende desto fesselnder machen. Lord Melbourne wurde 1910 entworfen und basiert auf der äußerst eloquenten Melodie, die auch Benjamin Britten in seiner späten, dem Gedächtnis Percy Graingers gewidmeten Suite on English Folk Tunes so denkwürdig bearbeitet hat. Hier werden tiefe, beinahe tragische Emotionen berührt, bevor das Stück mit kraftvoller Rhetorik endet. Auch The Lost Lady Found geht auf einen Entwurf aus dem Jahre 1910 zurück. Der Satz kreist um ein lebhaftes, in immer neuen Redewendungen geistreich ausgearbeitetes Thema, das sich auf dem Wege zu seiner entschlossenen Kadenz mit verschiedenen harmonischen Feinheiten schmückt.

Die Fantasy on George Gershwin’s »Porgy and Bess« ist die umfangreichste der vielen Bearbeitungen, die Percy Grainger hinterlassen hat. Zugleich verrät sie, wie sehr er Gershwins Oper bewunderte, die seit ihrer Uraufführung im Jahre 1935 große Kontroversen verursachte, da man sich sowohl an ihrem Sujet wie auch an der Grenzverwischung zwischen Oper und Musical stieß. Nachdem Grainger in den vierziger Jahren bereits mehrere Songs des Werkes arrangiert hatte, brachte er 1951 schließlich das vorliegende Stück heraus. Es beginnt mit der hektischen »Introduction«, die rasch in beseeltes Pathos (»My Man‘s Gone Now«) und ein einfallsreiches Wechselspiel der beiden Klaviere übergeht. Eine leichte Ironie macht sich breit, indessen »It Ain‘t Necessarily So« vorbereitet wird, das anschließend verschiedene subtile Varianten erlebt. Nach einer unvermittelten Pause setzt ein transparentes, wehmutsvolles Zwiegespräch ein (»Clara Don‘t You Be Down-hearted«). Die Atmosphäre wird dichter und macht der verzückten »Strawberry Woman« Platz, bevor eine rauschende Reprise der »Introduction« auf die »Summertime« vorbereitet, die hier eine ausführliche, wenngleich bemerkenswert verhaltene Betrachtung erfährt. Ein plötzlicher Stimmungswechsel führt ganz direkt zu »Oh I Can‘t Sit Down«, das in seiner hellen, luftigen Diktion ganz dem Original entspricht. Dem virtuosen Abschnitt begegnet eine ganz andersartige, träumerische Ekstase (»Bess You Is My Woman Now«), die sich zu einer prächtigen Klimax steigert. Durch eine drollige Wendung gelangt die Musik zu der quirligen Sorglosigkeit des »I Got Plenty O‘ Nuttin’«, ehe sie in das trotzige Aufbegehren des »I‘m on My Way« übergeht, das—wie die Oper—an frühere Themen erinnert (nicht aber an die Rhapsody in Blue!), indessen die Fantasie ihrem grandiosen, wortgewaltigen Ende entgegenstrebt.


Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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