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NHB10212 - SCHWAB, G.: Schildburger (Die) (leicht gekurzt)
German 

Die Schildbürger

In den Jahren 1836 und 1837 erschien von Gustav Schwab das „Buch der schönsten Geschichten und Sagen für Alt und Jung wiedererzählt. Theil 1–2“; in der zweiten Auflage 1843 erhielt es—nun in einem Band—ein zweites Titelblatt: „Die deutschen Volksbücher. Für Jung und Alt wiedererzählt“. Seit Görres gibt es den Sammelbegriff „Volksbücher“ für unterhaltende und zum Teil auch belehrende Prosaschriften des späten Mittelalters. Mit dem Buchdruck wuchs der Kreis der Leser und damit auch das Bedürfnis nach Unterhaltung. Diesem Bedürfnis wurde im späten Mittelalter abgeholfen durch eine Fülle von erzählenden Schriften, die allerdings nur zum geringsten Teil Neuschöpfungen waren. Beliebt waren vor allem schwankhafte Erzählungen (etwa Till Eulenspiegel); es entstanden viele von einem Verfasser hergestellte Sammlungen solcher Erzählungen (z.B. Jörg Wickram, Rollwagenbüchlein, 1555). Zu solchen Sammlungen zählt auch das „Lalebuch“ (1597), das in zweiter, schlecht umgearbeiteter und erweiterter Ausgabe 1598 unter folgendem Titel erschien: „Die Schiltbürger. Wunderseltzame, abendtheurliche, unerhoerte und bißher unbeschriebene Geschichten und Thaten der obgemelten Schiltbürger in Misnopotamia hinder Utopia gelegen“. In der Regel bestanden die Erzählungen aus Umarbeitungen älterer, ursprünglich in Versform vorliegender Werke in Prosa. Die französische und die deutsche Literatur lieferte viele Stoffe, auch Vorlagen aus der Antike und der Renaissance wurden verwendet. Der Bedarf war sehr groß und verlangte jeweils eine Anpassung an den Geschmack der Zeit und die Aufnahmefähigkeit eines breiten Publikums. So ist es nicht verwunderlich, daß die Leser zunehmend, vor allem seit Ende des 16. Jahrhunderts, den unteren Schichten entstammten und daß deren Lektüre von den bestimmenden literarischen Kreisen verachtet wurde. Eine Änderung trat erst zur Zeit der Romantik ein, als man begann, solches Erzählgut wieder zu schätzen: Görres war der erste, der diese Literatur sammelte und herausgab („Die deutschen Volksbücher“, 1807). Die Romantiker glaubten in diesen Erzählungen den Geist des Volkes am Werke zu sehen. Die Wissenschaft machte diesen Vorstellungen ein Ende, indem sie nachwies, daß es sich bei den sog. Volksbüchern um in untere Schichten gesunkenes Literaturgut handelt, welches nicht das Volk erzählt, sondern daß zum Teil bekannte Autoren, Bearbeiter oder Übersetzer die Verfasser der beliebten Prosaerzählungen sind. Die heutigen Nacherzählungen von den Schildbürgern sind meistens erneute Bearbeitungen der Schwabschen Wiedererzählung, die hier von Ingo Hülsmann gelesen wird.


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