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NHB10222 - GOETHE, J.W. von: Junge Paris und Gedichte des jungen Goethe (Der)
German 

Der junge Paris

Von der Kindheit bis ins Alter hatte Goethe eine ausgeprägte Vorliebe für Märchen. Er kannte die verschiedenen Sammlungen sehr gut, war selber ein ausgezeichneter und beliebter Märchenerzähler, und sein Werk enthält zahlreiche märchenhafte Abschnitte. Wichtigstes Charakteristikum von Märchen ist für ihn, dass sie „den Menschen nicht auf sich selbst zurückführen, sondern außer sich hinaus ins unbedingte Freie tragen.“ Dadurch machen sie „ihn jede Bedingung vergessen, zwischen welche wir, selbst in den glücklichsten Momenten, doch immer eingeklemmt sind.“ Nicht Realitätsflucht ist gemeint, sondern das Spiel der Einbildungskraft, das Märchen, bewirkt innere Befreiung und dadurch das Erkennen einer höheren Ordnung in der Wirklichkeit. Von den zahlreichen Märchen-Plänen hat Goethe nur drei ausgeführt: „Der neue Paris“ (1811), ein „Knabenmärchen“, „Die neue Melusine“, ein „Jünglingsmärchen“ (1812), und „Das Märchen“ von 1795 (die letzten beiden Märchen sind erschienen auf Naxos CD NHB20032).

Das Knabenmärchen „Der junge Paris“ ist als literarische Schöpfung eine Hervorbringung des über 60jährigen Goethe, 1811 in das zweite Buch von „Dichtung und Wahrheit“ aufgenommen. Allerdings bezieht er sich auf ein Märchen, das er selber als etwa Vierzehnjähriger häufig erzählt hat. Auch hier schon tritt die überquellende Fabulierlust des jungen Goethe zutage, der Motive aus der Antike mit solchen orientalischer Märchen aus „1001 Nacht“ vermischt. Höhepunkt der Handlung ist die Schlacht mit Spielzeugsoldaten und die Eigensucht des Paris, die seine Vertreibung aus dem wunderbaren Garten zur Folge haben. Am Ende weiß der Held dieses Märchen nicht, ob er seine Erlebnisse nun geträumt hat oder nicht. „Der neue Paris“ endet offen, der Erzähler verweigert eine Fortsetzung. Dies entspricht dem Verfahren Goethes, seine Märchen mit Unterbrechungen zu erzählen und in Fortsetzungen zu veröffentlichen—außer im Falle des „Jungen Paris“.

Die ausgewählten Gedichte stammen aus den Jahren 1767/68 bis 1782, das heißt, sie umfassen die Zeit der ersten Liebeswirren des 18jährigen—die frühen Gedichte „Ziblis“, „Brautnacht“ etc. beschäftigen sich fast ausnahmslos damit—über die Sturm- und Drang-Hymnen („Prometheus“, „An Schwager Kronos“) bis zu den Naturballaden („Erlkönig“). Während man in „Ziblis“ noch einer gereimten Hirtenwelt begegnet, überwältigen die Hymnen mit ausdruckskräftiger Bildersprache und freien Rhythmen. Dazwischen steht das Märchen vom „Jungen Paris“, das vom Übertritt das Knaben zum Mann erzählt.


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