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NHB10262 - LONS, H.: Fifichen / PFEFFEL, G.K.: Biographie eines Pudels / SCHMITZ, H.H.: Der Tierfreund (Heitere Hundegeschichten)
German 

Löns • Pfeffel • Schmitz

 

Ohne Tiere kommt der Mensch nicht aus. Tiere sind Gegenstand menschlichen Gestaltungswillens seit den frühen Tagen der Menschheit, seit den bewundernswert eindringlichen Höhlenmalereien der Steinzeit. Natürlich war damals das Verhältnis zwischen Mensch und Tier eher vom Interesse der Nahrungssuche bestimmt. Doch schon in der Antike werden Tiere zum Sinnbild und zum Gegenbild vom Menschen—in den Fabeln von Äsop etwa.

Im Mittelalter werden Tiere nur als niedere Kreaturen betrachtet, die nicht entfernt an den Menschen heranreichen, und erst in der Renaissance, durch deren mehr wissenschaftliche Beschäftigung mit der Welt, geraten Tiere systematisch als Objekte der Beobachtung ins Blickfeld. Auch die damals in reicher Zahl entstehenden Tierfabeln zeugen von einer verstandesmäßigen Erfassung der Realität. Tiere kommen in ihnen allerdings nur als Stellvertreter der Menschen vor, haben aber keine eigene „Seele“.

Erst im 19. Jahrhundert werden Tiere auch literarisch wahrgenommen als fühlende Wesen, existieren aber immer noch nur in Beziehung auf den Menschen. Jedoch wächst zeitgleich die populärwissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen—Alfred Brehm kann hier als prominentes Beispiel dienen. Dies alles führte dazu, daß zunehmend das Tier als Individuum in das Zentrum vieler literarischer Produktionen rückt. Auch treten nun Schriftsteller auf, die sich nur mit Tieren und ihrer Welt befassen. Der skandinavische Autor Svend Fleuron darf als Beispiel für diesen Typus gelten, in England ist es Rudyard Kipling, in Deutschland Hermann Löns.

Hermann Löns (1866–1914), Studienabbrecher, Alkoholiker, Journalist, wurde zunächst durch seine Gedichte in einer Hannoverschen Zeitschrift bekannt. Seine Tier- und Heidegeschichten wurden dann sehr erfolgreich, nicht zuletzt durch ihre manchmal recht volkstümlichen Zuschnitt. Doch viele von Löns’ Naturschilderungen und Tierbeschreibungen können heute immer noch fesseln. In „Fifichen“ spielt er die unverfälschte Natur des Hundes—die der erst finden muß—gegen die gekünstelte Welt seines Frauchens aus. Was sich in vielen anderen Tiergeschichten in Richtung Tragik entwickelt—ein Tier folgt seinen Instinkten und muß damit in der von den Menschen dominierten Welt scheitern –, ist in „Fifichen“ positiv: der Hund findet gewissermaßen zu sich selbst. Diese kurze Erzählung ist sozusagen im Sinne des Hundes gedacht und geschrieben.

In Gottlieb Konrad Pfeffels „Biographie eines Pudels“ hingegen ist der Hund Joli ein Stellvertreter für den aufklärerisch-kritischen Standpunkt des Verfassers. Gottlieb Konrad Pfeffel (1736–1809) wurde in Colmar geboren und verließ die Stadt nur in jungen Jahren für kurze Zeit. Obwohl bereits als 22jähriger erblindet, konnte er sich den Rang eines geachteten Schriftstellers erwerben. Er übersetzte auch in großem Umfang aus dem Französischen in Deutsche und umgekehrt. Besonders die Fabel schien seiner schriftstellerischer Begabung entgegenzukommen. Die Prosaerzählung „Biographie eines Pudels“, in der nach dem Tode des Hundes Joli dieser im Hundehimmel seine Lebensgeschichte erzählt, zeigt anhand der naiven Schilderungen des Pudels zahlreiche Mißstände auf eine deutliche, jedoch durch die gewählte Form auch verbindliche Weise. Gleichzeitig ist jedoch die Hundenatur jederzeit gegenwärtig, darin nämlich, daß die Suche nach Nahrung beinahe ausschließlich das Verhalten des Hundes bestimmt: Zwar wechseln seine Lebensumstände häufig, doch berichtet Joli meistens vom Fressen. Die Angriffe auf diverse Zeiterscheinungen erfolgen geschickt eher nebenbei. Der Hund Joli ist Stellvertreter für den aufklärerisch-kritischen Standpunkt des Verfassers.

Ganz anders als Pfeffel oder Löns befaßt sich der Satiriker Hermann Harry Schmitz (1880–1913) mit dem Phänomen Tier, im Falle dieser kurzen Satire speziell mit der Tierliebe. Dieser sehr „moderne“ Satiriker nimmt übertriebene Tierliebe zum Anlaß für eine hemmungslos ausufernde Attacke auf (klein-)bürgerliche Verhaltensweisen.

Hermann Harry Schmitz wurde als Sohn eines Fabrikdirektors in Düsseldorf geboren. Seine Vater versuchte, ihn in seine Fußstapfen treten zu lassen, ein Unterfangen, das völlig fehlschlug. Eine Tuberkulose schwächte Schmitz’ Gesundheit erheblich, diverse Versuche, sie auszukurieren, schlugen fehl; ohne Hoffnung auf Heilung erschoß sich Schmitz am 8.August 1913.

Schmitz muß ein brillanter Alleinunterhalter gewesen sein. Hochsensibel, mit einem unfehlbaren Sinn für groteske Situationen begabt, gleichzeitig ein genialer Improvisator, trat er als Conferencier auf. Ab 1906 publizierte er seine Geschichten, zunächst im „Simplicissimus“. Herbert Eulenburg charakterisierte in seinem Nachruf den Freund folgendermaßen: „Seine Grotesken, die er unter dem lieblichen Titel ,Der Säugling und andere Tragikomödien’ gesammelt hat, erschienen und machten ihn in der Gesellschaft von reinen Normalmenschen völlig unmöglich. …Freilich hatte er nicht den beliebten niederdeutschen Humor mit der berühmten Träne im Auge, sondern mehr den nihilistischen, zerstörerischen, auf Bubenstreiche und entsetzliche Finales ausgehenden Humor des von der Düsseldorfer Kunstakademie gejagten Historienmalers a.D. Herrn Wilhelm Busch. Daher sind seine berüchtigten fürchterlichen Schlüsse zu erklären: dieses Tohuwabohu, in dem seine meisten Grotesken auslaufen, dieses Kaputtschießen seiner Figuren am Ende…Das Eigenartigste waren seine meist ins Leere schauenden unendlich traurigen Augen, mit denen er einen nur zuweilen freundlich anblickte, als hätte er sagen wollen: ,Danke für die Reisebegleitung. Eine höchst tolle Welt, nicht wahr?’ Ich meinerseits werde nie den melancholischen Ausdruck dieser Augen vergessen, mit der er, der sich zu der wehmütigen Kategorie der Spaßmacher zählen mußte, zeitweise das Podium betrat, um zum Besten irgendwelcher Armen, die meist reicher waren als er, etwas vorzutragen. Er starrte in den schwarzen Abgrund um uns und begann: ,Ich bin eine Hängematte’ oder ,Haben Sie jemals eine Nacht lang zu enge Lackschuhe tragen müssen?’ oder, indem er seinen ihm jetzt völlig überflüssig gewordenen Chronometer hervorzog: ,Ich gedenke drei Stunden, 55 Minuten und 37 Sekunden zu sprechen.’“

Doch zunächst können Sie diesen ätzenden Satiriker in den 15 Minuten seiner Groteske „Der Tierfreund“ erleben.


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