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NHB10282 - GOETHE, J.W. von: Goethes Reisen im Harz
German 

Goethes Reisen im Harz

 

Man hat ausgerechnet, daß Goethe auf seinen circa 40 größeren Reisen, die er im Laufe seines Lebens unternahm, etwa 31.000 Kilometer zurückgelegt hat; dabei sind die 140 kleineren Fahrten zwischen 1776 und 1831 von Weimar aus noch nicht mitgerechnet. Goethe reiste zu Fuß, zu Pferd, mit dem Schiff und in der Kutsche. Der nördlichste Punkt seiner Unternehmungen war Berlin, der östlichste Galizien, der südlichste Sizilien, der westlichste der Argonnerwald. Der Süden aber blieb sein bevorzugtes Ziel. Innerhalb Deutschlands kam er—von Berlin abgesehen, das er als Begleiter im Dienst des Herzogs von Sachsen-Weimar besuchte—über Mitteldeutschland und den Harz nach Norden nicht hinaus.

Von Goethes vielen Reisen waren vor allem folgende von besonderer Bedeutung: Die Lahn-Rhein-Reise im Jahre 1774, die drei Schweiz-Reisen 1775, 1779 und 1797, die drei Reisen in den Harz 1777, 1783 und 1784, die beiden Reisen nach Italien 1786 bis 1788 und 1790, die ebenfalls 1790 erfolgte Reise nach Schlesien, sodann 1792 die sogenannte Campagne in Frankreich, und die Reisen in die Rhein- und Main-Gegenden 1814/15.

Neben diesen großen Reisen gab es seit 1786 verschiedene Kuraufenthalte, vor allem in Karlsbad—dreizehnmal –, dann je dreimal in Teplitz, Marienbad und Eger, zweimal in Wiesbaden und je einmal in Bad Pyrmont, Bad Lauchstädt, Bad Berka und Bad Tennstedt. Zahllose Inspektions- und Dienstreisen im Herzogtum ergänzen das Bild von Goethes Reisetätigkeit.

Während seiner Reisen war Goethe zum Teil allein—gelegentlich inkognito—, häufiger jedoch in Begleitung, etwa des Herzogs, Lavaters, Basedows, des Grafen zu Stolberg oder Fritz von Steins.

Was aber veranlaßte Goethe nun zum Reisen, eine damals keineswegs bequeme Tätigkeit? Zum Teil ist der Grund in inneren Krisen zu suchen, so zum Beispiel 1775 die Bindung an Lili Schönemann oder 1786 die Belastung durch öffentliche Ämter und die immer geringer werdende Freiheit für dichterische Arbeit: Goethe ergriff in solchen Situationen die Flucht, um Distanz zu gewinnen und sich über seinen Weg klarzuwerden. Aber auch Studienwünsche oder Verpflichtungen im Dienst des Herzogs veranlaßten die Reiseunternehmungen.

Von größerer Bedeutung dürfte für Goethe die erste Reise nach Italien in den Jahren 1786 bis 1788 gewesen sein. In der Zwischenrede der „Campagne in Frankreich heißt es: „In Italien fühlt’ ich mich nach und nach kleinlichen Vorstellungen entrissen, falschen Wünschen enthoben, und an die Stelle der Sehnsucht nach dem Lande der Künste setzte sich die Sehnsucht nach der Kunst selbst; ich war sie gewahr geworden, nun wünscht’ ich sie zu durchdringen.“

Nicht nur in den Werken selbst, nicht nur in vielen Briefen und in aufgezeichneten Gesprächen findet sich ein Niederschlag der Reisen; Goethe selbst hat ausführlich über seine italienische Reise berichtet, ebenso über die „Reise in die Schweiz im Jahre 1797“, über die „Campagne in Frankreich“, über die „Belagerung von Mainz“, über das „Sankt Rochusfest zu Bingen“, und auch in „Dichtung und Wahrheit“, in den „Tag- und Jahrheften“ und den „Annalen“ ist manches von seinen Reisen festgehalten.

Aus allem geht hervor, welches Gewicht Goethe den Reisen zumaß. Er wußte: „Für Naturen wie die meine, die sich gern festsetzen und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie belebt, berichtigt, belehrt und bildet.“

Die drei Harzreisen Goethes fanden statt vom 29. November bis zum 15. Dezember 1777, vom 9. bis zum 27. September 1783, und vom 8. August bis zum 13. September 1784. Sie haben sich dichterisch niedergeschlagen in der „Harzreise im Winter“ und der Walpurgisnacht im ersten Teil des „Faust“. Eigentlich aber waren diese Reisen Studienfahrten, die Goethe dazu dienen sollten, seine geologischen und bergbaulichen Kenntnisse durch eigene Anschauung zu vertiefen.

Die erste Reise machte Goethe allein, ohne Begleitung oder Bedienung. In Eisenach hatte er sich von Herzog Karl August getrennt und niemandem mitgeteilt, wohin er wollte. Zusätzlich reiste er noch unter falschem Namen. Dies deshalb, weil er als Dichter des „Werther“ in ganz Deutschland bekannt war, die Fahrt jedoch als Privatmann machen wollte. Erst als er den Brocken bestiegen hatte, teilte er nur Frau von Stein mit, wo er sich befinde.

Seine zweite Harzreise, die fast ausschließlich im Oberharz stattfand, machte Goethe mit dem zehnjährigen jüngsten Sohn der Frau von Stein.

Die dritte Reise, die wieder für geologische Studien gedacht war, erschloß Goethe den Ostharz. Sie wurde durch einen Aufenthalt am braunschweigischen Hof unterbrochen. Auf dem ersten Teil der Reise war Herzog Karl August von Weimar sein Begleiter; beim zweiten Teil hatte Goethe den Weimarer Maler Georg Melchior Kraus mitgenommen, der für ihn geologisch interessante Felsen zeichnen sollte. Auch diese Reise führte Goethe auf den Brocken.

Daß der Hintergrund für die Harzreisen die Verfolgung konkreter Zwecke war, hat Goethe später in seinem Berichte über die Campagne in Frankreich noch einmal bestätigt, wenn er schreibt, das er „das Bergwesen in seinem ganzen Komplex mit Augen…sehen und mit dem Geiste…fassen“ wollte. Insbesondere bei der ersten Harzreise kamen noch einige andere Gründe hinzu, zum einen nämlich wollte er den jungen Plessing persönlich sehen, dann sich auch dem Hofleben des Herzogs Karl August entziehen, und schließlich über sein Verhältnis zu Frau von Stein klar zu werden. Die zweite und dritte Reise jedoch waren reine Studienreisen, was sich auch in den entsprechenden geologischen Abhandlungen niederschlug.

Was uns in Goethes Briefen aus dem Harz nicht begegnet, ist ein Eingehen auf die landschaftliche Schönheit. Dabei darf man nicht vergessen, daß mit dem Sich-Erreisen der Landschaft auch unterschiedliche Wahrnehmungen verbunden waren gegenüber unserer heutigen kursorischen Schau: Man sah eher die Hindernisse, die Felsmassen, die Abgründe. Außerdem hatten die Harzreisen einen praktischen Grund und waren nicht zur Erbauung gedacht.

Goethes Verlangen, auf dem Gipfel des Brocken zu stehen und den Blick in die Weite zu bekommen, ist für seine Zeit unüblich. Wie aus seinen Briefen deutlich wird, war es ein schwieriges und nicht gefahrloses Unternehmen, dort hinauf zu gelangen, und auch die Einheimischen unterzogen sich dieser Mühe nicht.


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