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NHB10392 - ZSCHOKKE, H.: Zerbrochene Krug (Der)
German 

Johann Heinrich Daniel Zschokke

 

(1771–1848) war gebürtiger Magdeburger. Der Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers mußte das Gymnasium verlassen, war dann in Schwerin als Privatlehrer tätig, wurde 1788 Mitglied einer Wandertheatertruppe und dabei zum erfolgreichen Theaterdichter. Ab 1790 studierte er in Frankfurt an der Oder Theologie und war dann als Privatdozent tätig. 1795 ließ er sich dauerhaft in der Schweiz nieder und betätigte sich dort in zahlreichen Ämtern als Politiker und Publizist. Als Journalist gab er ab 1798 seine Zeitschrift „Der aufrichtige und wohlerfahrene Schweizerbote“ heraus, in der er sich um Volksaufklärung bemühte. Er selber schrieb später in seiner „Selbstschau“ (1842): „Einfach, bildlich, in des belehrungsarmen Volkes Denkart einläßlich, Torheit verspottend, Vorurteile untergrabend, freisinnig, ohne Herold einer Partei zu sein, Wahrheit und Recht bekennend (…) begann ich damals das Volksblatt und setzt ich’s unverdrossen über dreißig Jahre lang fort. (…) Ich erkannte darin meinen eigentlichen Beruf. (…) Ich wählte Feder und Buchdruckerpresse, mir eine Tätigkeitssphäre zu schaffen, größer als jedes meiner politischen Ämter mir gab, um nach allen Richtungen Besseres zu fördern.“ Aber auch andere Zeitschriften gab Zschokke heraus, in denen er einen großen Teil seiner eigenen Arbeiten veröffentlichte. So wurde er im 19. Jahrhundert einer der meistgelesenen Schriftsteller – auf 40 Bände kam 1828 seine Werkausgabe, die bis 1851 neun Auflagen erlebte. Auch im europäischen Rahmen war Zschokke sehr erfolgreich, Romane, Erzählungen, Novellen, sie alle wurde mehrfach übersetzt. Mehr als 70 Erzählungen schrieb er, die von dem Gedankengut der Aufklärung getragen werden und in denen politischem Liberalismus das Wort geredet wird.

Davon ist in der heiteren Erzählung „Der zerbrochene Krug“ nichts zu spüren. Und natürlich ist auch der Titel keineswegs zufällig mit dem von Kleists berühmtem Lustspiel identisch. Beide Arbeiten beziehen sich nämlich auf eine gemeinsame Quelle: den Kupferstich „La cruche cassée“ von Jean-Jacques Le Veau, der seinerseits die Reproduktion eines Gemäldes von Louis-Philibert Debucourt ist mit dem Titel: „Der Richter oder Der zerbrochene Krug“. Die Gestalten dieses Bildes tauchen auf in Zschokkes Erzählung im Kapitel „Das Gericht“.

Im März 1802 erhielt Zschokke in Bern Besuch von Heinrich von Kleist und Ludwig Wieland. Alle drei hatten ihre Freude an dem Kupferstich Le Veaus, der in Zschokkes Wohnung hing und sie zu mancherlei verschiedenen Deutungen des Inhalts verlockte. Sie beschlossen, daß jeder seine Interpretation schriftlich ausführen solle. Dieser literarische Wettstreit führte bei Kleist zu dem Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ (beendet 1807, erste Buchausgabe 1811), bei Ludwig Wieland zur vom Thema ziemlich weit entfernten Komödie „Ambrosius Schlinge“, und Zschokke schrieb seine entsprechende Erzählung 1813.

Das Titelbild dieser CD stellt gewissermaßen die Urzelle des Motivs des zerbrochenen Kruges dar. Es entstand angeblich nach einem Gespräch des Malers Jean Baptiste Greuze mit dem Fabeldichter Claris de Florian über Florians Magd, die jeden Abend, wenn sie zum Brunnen ging, um den Krug zu füllen, einen Umweg durch den Park machte, wo ein junger Holzschnitzer seine Kunst betrieb.

„Sehen Sie, da kommt sie vom Brunnen, ganz gedankenvoll und bestürzt!“ – „Ja, gewiß hat sich dieser verteufelte Künstler zum Dessert einen Kuß genommen.“ – „Warum nicht? So eine Liebe mit siebzehn ist ein Segen des Himmels.“ – „Nun hat sie ihren Krug genommen, und mit schmachtender Lässigkeit kommt sie des Weges. Wenn ich sie doch jetzt malen könnte!“ – „Dann würde dem Bilde etwas fehlen!“ – „Was denn?“ – „Der Kuß, den sie im Park empfangen und gegeben.“ – „Die Malerei weiß sich zu helfen. Den Kuß kann ich andeuten, indem ich einen zerbrochenen Krug male.“ – „Womit Sie vielleicht zu viel sagen würden. Aber der Einfall ist sinnreich, ans Werk! Ihr Bild soll heißen: ,Der zerbrochene Krug’.“

Heinrich Zschokke selber hat in seiner „Selbstschau“ betitelten Autobiographie das Treffen der Dichter und ihre Verabredung so beschrieben:

„Unter zahlreichen lieben Bekannten, deren Umgang den Winter mir verschönte, befanden sich zwei junge Männer meines Alters, denen ich mich am liebsten hingab. Sie atmeten fast einzig für die Kunst des Schönen, für Poesie, Literatur und schriftstellerische Glorie. Der eine von ihnen, Ludwig Wieland, Sohn des Dichters, gefiel mir durch Humor und sarkastischen Witz, den ein Mienenspiel begleitete, welches auch Milzsüchtige zum Lachen getrieben hätte. Verwandter fühlt’ ich mich dem andern wegen seines gemütlichen, zuweilen schwärmerischen, träumerischen Wesens, worin sich immerdar der reinste Seelenadel offenbarte. Es war Heinrich von Kleist. Beide gewahrten in mir einen Hyperboräer, der von der neuesten poetischen Schule in Deutschland kein Wort wußte. Goethe hieß ihr Abgott, nach ihm standen Schlegel und Tieck am höchsten, von denen ich bisher kaum mehr als den Namen kannte. Sie machten mir’s zur Todsünde, als ich ehrlich bekannte, daß ich Goethes Kunstgewandtheit und Talentgröße mit Bewunderung anstaunen, aber Schillern mehr denn bewundern, daß ich ihn lieben müsse, weil sein Sang naturwahr aus der Tiefe des deutschen Gemütes begeisternd ans Herz der Hörer, nicht nur ans kunstrichternde Ohr schlage. Wieland wollte sogar den Sänger des Oberon, seinen Vater, nicht mehr Dichter heißen. Das gab unter uns manchen ergötzlichen Streit.

Zuweilen teilten wir uns auch freigebig von eignen poetischen Schöpfungen mit, was natürlich zu neckischen Glossen und Witzspielen den ergiebigsten Stoff lieferte. Als uns Kleist eines Tages sein Trauerspiel „Die Familie Schroffenstein“ vorlas, ward im letzten Akt das allseitige Gelächter der Zuhörerschaft wie auch des Dichters so stürmisch und endlos, daß, bis zu seiner letzten Mordszene zu gelangen, Unmöglichkeit wurde. Wir vereinten uns auch wie Virgils Hirten zum poetischen Wettkampf. In meinem Zimmer hing ein französischer Kupferstich, „La cruche cassée“. In den Figuren desselben glaubten wir ein trauriges Liebespärchen, eine keifende Mutter mit einem zerbrochenen Majolikakruge und einen großnasigen Richter zu erkennen. Für Wieland sollte dies Aufgabe zu einer Satire, für Kleist zu einem Lustspiele, für mich zu einer Erzählung werden. – Kleists „Zerbrochener Krug“ hat den Preis davongetragen.“


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