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NHB10602 - KLABUND: Stortebecker (vollstandiger Text)
German 

Klabund

 

hieß eigentlich Georg Hermann Alfred Henschke und wurde am 4. November 1890 in der brandenburgischen Kreis- und Garnisonsstadt Crossen (seit 1945 polnisch: Krosno Odrzonskie) in der Nähe von Frankfurt/Oder geboren. Sein Vater Alfred Henschke—Apotheker von Beruf—war ein sehr musikalischer und gebildeter Mann, auch ein guter Klavierspieler, hatte aber für Literatur weniger Verständnis. Alfred begann seine Schulzeit 1897 in Crossen und besuchte ab Herbst 1906 das humanistische Friedrichsgymnasium in Frankfurt/Oder. Während dieser Zeit wohnte er in einer Schülerpension, wo er durch seinen Zimmergefährten Stephan Benn auch dessen Bruder Gottfried kennenlernte, mit dem er bis zu seinem Tode befreundet blieb. Im Winter 1906 hatte sich Alfred eine doppelseitige Lungenentzündung zugezogen und mußte sechs Wochen ins Krankenhaus: der Beginn eines von Krankheit gezeichneten Lebens. 1909 machte er sein Abitur und immatrikulierte sich in München als Student der Germanistik. Hier lernte er auch Frank Wedekind kennen. Bis zu dieser Zeit hatte Alfred Hunderte von Gedichten sowie viele Erzählungen und Einakter geschrieben; sein Ziel war Berufsschriftsteller.

Im Jahr darauf finden wir ihn in Berlin, im Wintersemester 1911/12 wieder in München. Als erneut heftige Beschwerden auftreten, fährt sein Vater März 1912 mit ihm zur Erholung nach Gardone am Gardasee. Eine Untersuchung stellt Tuberkulose im Sekundärstadium fest, beide Lungenflügel sind befallen. Am 23.03. 1912 schreibt Alfred in einem Brief: „Geschlossene Tuberkulose heißt der fachmännische Ausdruck“. Es bestand also keine Ansteckungsgefahr. Trotz dieser Diagnose blieb bei ihm der Wille, am Leben mit aller Leidenschaft teilzuhaben und seine Arbeit als Schriftsteller fortzusetzen, ungebrochen. Ab Dezember 1913 benutzte er als Pseudonym den Namen Klabund—zusammengesetzt aus Klabautermann und Vagabund. Verse, die er unter diesem Namen an Alfred Kerr geschickt hatte und die von diesem veröffentlicht worden waren, hatten zwar Anstoß erregt, doch hat dies Kerr nicht davon abgehalten, sich für Klabund einzusetzen.

Anfang 1913: wiederum Kur, diesmal in Bad Reichenhall; dringender Rat eines Facharztes, eine Kur im Hochgebirge vorzunehmen. Bis April 1914 hielt sich Klabund in Arosa auf, kehrte dann wieder nach München zurück und erlebte hier den Ausbruch des 1. Weltkrieges. Eine kurze Zeit folgte auch Klabund der Euphorie des Patriotismus, meldete sich freiwillig, wurde aber zurückgestellt. Wechselnde Aufenthalte in Berlin und München werden bis an sein Lebensende immer wieder von Kuren im Hochgebirge unterbrochen. 1916 lernte er in Davos eine Mitpatientin kennen, die an Kehlkopftuberkulose leidende Brunhild Irene Heberle. Im Juni 1918 heirateten sie in Muralto bei Locarno, am 17.10.1918 kam ein Siebenmonatskind zur Welt,  Ende Oktober 1918 starb Irene, das Kind wenige Monate später. Klabund war verzweifelt. In den Wirren der Nachkriegszeit bezog er Stellung mit Gedichten und politischen Artikeln. Bei einem Aufenthalt in München wurde er sogar in „Schutzhaft“ genommen, aber durch Bürgschaft seiner Schwiegereltern, mit denen er bis zu seinem Tode ein enges Verhältnis hatte, wieder freigelassen. Er blieb in der folgenden Zeit in Berlin, soweit ihn nicht die Krankheit zu anderen Aufenthalten zwang.

1923: „Ich scheine mit Kehlkopf-Tuberkulose behaftet.“ Eine Operation in Davos schenkte ihm noch vier Jahre. Im Sommer 1924 begegnete er in München der Schauspielerin Carola Neher und war von ihr fasziniert. Ein Jahr später heirateten die beiden und blieben trotz immer wieder auftretender Spannungen zusammen. Dem Treiben der Nationalsozialisten begegnete Klabund mit Ironie, er nahm sie—wie viele andere—nicht ernst, ihr Antisemitismus war ihm zuwider. Am 14.8.1928 starb er im Beisein seiner Frau; die Beisetzung fand am 9.9. in Crossen statt, Gottfried Benn sprach am Grabe „als des Toten ältester Freund und märkischer Landsmann“: „Die zarte, nie zu einer völligen Reife erwachsene Gestalt unseres toten Freundes tritt vor unseren Blick. Der schmächtige Mann, und auf seinen Schultern trug er eine Last, die schwer zu tragen war. Ich meine nicht die Krankheit, ich meine die Berufung.“ An diese Berufung glaubte er. Über zwanzig Schauspiele, über zehn Romane, etwa zwanzig Gedichtbände, circa fünfzehn Bände Erzählungen, Nachdichtungen sowie Herausgaben kamen zustande.

1916 hatte Klabund mit seinem „Moreau. Roman eines Soldaten“ seine besondere Art der Behandlung historischer Stoffe gefunden: unbekümmert um das eigentlich Historische wurde von ihm die jeweils im Mittelpunkt stehende Figur in einer temperamentvollen, rhythmisierten, temporeichen, teils lyrischen, teils pathetischen, teils nüchternen Sprache dargestellt. Nach diesem ersten „historischen“ Roman, den er besonders liebte, griff er zu anderen historischen Gestalten: „Franziskus“ (1917), „Mohammed. Roman eines Propheten“ (1917), „Bracke. Ein Eulenspiegelroman“ (1918), „Pjotr. Roman eines Zaren“ (1923), „Borgia. Roman einer Familie“ (1928), „Rasputin. Ein Roman-Film“ (1929).

Als er am „Pjotr“ arbeitete, plante er einen Roman über die Hanse. Davon ist nur ein Teil fertiggeworden: die Erzählung „Störtebecker“ (erschienen 1925). In einem Interview äußerte sich Klabund über seine „historischen“ Romane: „Ja, ich habe eine Vorliebe für historische Stoffe. Aber ich gehe willkürlich mit der Geschichte um. Meine Figuren decken sich nicht ganz mit den historischen. Ich mache selber Geschichte. Die Gestalten meiner historischen Romane ... sind Projektionen meiner selbst. Ich liebe in meiner Dichtung die starken Charaktere.“ Zu diesen Charakteren zählte er auch Störtebecker, der als Freibeuter um 1400 in der Nord- und Ostsee sein Wesen trieb, als Anführer der sog. Vitalienbrüder dem in Stockholm belagerten Schwedenkönig Albrecht mit Lebensmitteln zu Hilfe kam, nach Erledigung dieses Auftrags auf eigene Rechnung weiterhin Beute machte, letztlich aber von der Flotte der Hanse bei Helgoland und an der Emsmündung geschlagen, 1402 mit seinem Genossen Godeke Michels in Hamburg hingerichtet wurde.


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