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NHB10622 - APULEIUS: Amor und Psyche
German 

Apuleius: Amor und Psyche

 

Wenn man heute vom antiken Roman sprechen hört, dann darf man nicht an Romane denken, wie sie in den letzten 200 Jahren entstanden sind. Der antike Roman hat erst verhältnismäßig spät die Nachfolge des Epos angetreten und ist weitgehend auf die Darstellung äußerlicher Vorgänge beschränkt geblieben. Außerdem sind nur wenige Werke vollständig erhalten, von anderen wissen wir nur durch Bruchstücke oder Berichte. „Immerhin stehen auch heute neben den erotischen Romanen, die uns jetzt als spätes Erzeugnis griechischer Phantasie und Gestaltungskraft vorliegen, die historischen, mythologischen, didaktischen Romane voller Gedankenreichtum und philosophischer Spekulation. Was uns erhalten ist, verrät im Ganzen doch eine gewisse Verschiedenheit der Gattungen und eine Entwicklung. Die Jahre der Sokratesschüler brachten den tiefsinnigen ernsten Roman, die Zeit Alexanders erzeugte den Reiseroman, verbunden teils mit Berichten von Merkwürdigkeiten aller Art, teils aber auch mit der Schilderung sozialpolitischer Ideale, wie sie in den Philosophenschulen seit Platons ,Staat’ erörtert wurden, dann setzt die leichtere Ware der reinen Unterhaltungsliteratur ein, die sich in Abenteuer-, Reise-, Liebes-, aber auch Schelmenromanen äußert und durch die ins Unwahrscheinlichste gesteigerten Darstellungen auch die Parodie herausfordert, bis endlich der Roman mit der Biographie mystischer Persönlichkeiten und mit christlicher Propaganda eine Ehe eingeht und das phantastische Ereignis zum göttlichen Wunder gestempelt wird.“ (Rud. Helm, Der antike Roman)
In die Reihe der Verfasser solcher Werke gehört auch Apuleius. Er wurde geboren um 125 n. Chr. zur Zeit der Regierung des Kaisers Hadrian; sein Todesjahr ist nicht bekannt. Sein Geburtsort war die Stadt Madaura (heute: Mdaurusch in Algerien). Seine Familie war wohlhabend und konnte es dem jungen Apuleius ermöglichen, nach Absolvierung der Elementarschule ein Studium der Grammatik und Rhetorik in Karthago aufzunehmen; auch die ersten Schritte in der philosophischen Bildung dürfte Apuleius hier unternommen haben. Er ging dann nach Athen und kam dort mit der Philosophie Platons in Berührung. Auf ausgedehnten Reisen in Griechenland und nach Kleinasien lernte er verschiedene Mysterienkulte kennen. Wir finden ihn auch in Rom, wo er als Jurist tätig war. Etwa 30jährig kehrte er nach Afrika zurück und heiratete die Mutter eines Freundes, eine reiche Witwe. Als wenig später dieser Freund starb, verklagten ihn seine Verwandten wegen Mordes und Zauberei. Apuleius verteidigte sich in einer berühmten Rede (Apologie) und wurde freigesprochen. Er lebte hochgeehrt bis zu seinem Tode in Karthago.

Apuleius schriftstellerische Tätigkeit war umfangreich: erhalten sind neben der Apologie eine Sammlung von Auszügen aus seinen Prunkreden, die ein Unbekannter vorgenommen hat, diverse philosophische Schriften—von poetischen und naturwissenschaftlichen Arbeiten kennen wir nur Titel—und vor allem ein Roman: die Metamorphoseon libri oder Metamorphoses, auch „Asinus Aureus“ oder „Der Goldene Esel“ genannt. Er entstand frühestens 169–177 n. Chr. und stellt in lateinischer Sprache eine Rarität dar, weil er vollständig überliefert worden ist. Er handelt von dem jungen Mann Lucius aus Korinth. Von Neugier getrieben, unternimmt er eine Reise nach Thessalien, das damals als Land voller Zauberei und Hexenwesen galt, und gelangt in die Stadt Hypata. Schon unterwegs hört er die seltsamsten Geschichten, seine Neugier wird dadurch aber nur noch mehr gereizt. In Hypata wohnt er bei seinem Freund Milo, dessen Frau Pamphile als Zauberin gilt. Eine Magd der Pamphile, Photis, mit der er ein Verhältnis hat, ermöglicht es ihm, die Verwandlung der Pamphile in einen Uhu zu sehen. Pamphile hatte sich mit einer Salbe eingerieben, war zum Uhu geworden und davongeflogen. Das möchte nun auch Lucius. Leider jedoch vergreift sich Photis bei den Salbentöpfen und Lucius wird zum Esel. Eine Rückverwandlung zum Menschen ist nur möglich, wenn es dem Esel gelingt, Rosen zu fressen. Gerade dies wird aber immer wieder verhindert. Der Esel, der menschliches Denk- und Empfindungsvermögen behalten hat, erlebt nun eine Reihe von Abenteuern. Dazwischen hat Apuleius viele Geschichten eingestreut, die—ohne Beziehung zur Hauptgeschichte—den Leser unterhalten sollen (die Geschichte von Amor und Psyche ist die umfangreichste davon). Am Ende des Romans und nach vielen für den Esel unglücklichen Erfahrungen liegt er erschöpft am Strand. Im Traum erscheint ihm die Göttin Isis und zeigt ihm den Weg zur Rückverwandlung. Diese gelingt und Lucius weiht sich dem Dienst an Isis und Osiris.

All dies erzählt Lucius selbst. Ziel des Verfassers ist Unterhaltung des Lesers. Schon zu Beginn des Werkes heißt es: Leser, aufgepaßt, du wirst deinen Spaß haben! Apuleius sagt deutlich, daß seine „fabula“ auf einer griechischen Vorlage beruht. Diese—verlorene—Vorlage stammt von einem Lukios von Patrei; eine verkürzte Fassung unter dem Titel „Lukios oder Der Esel“ wurde den Schriften Lukians untergeschoben und so überliefert.

Die Geschichte von Amor und Psyche wird im Roman erzählt von einem alten, dummen und betrunkenen Weib. Die Alte, bei den Räubern eine Art Haushälterin, erzählt die Geschichte einem geraubten Mädchen namens Charite, das in der Räuberhöhle ängstlich sein Schicksal erwartet. Mit Geschichten will die alte Frau das Mädchen ruhig halten. Der Esel steht daneben und hört zu. Er ist traurig, daß er sie nicht sogleich aufschreiben kann.

„Amor und Psyche“ ist ein Kunstmärchen , das zudem nicht ohne Ironie mit Versatzstücken des Märchens spielt und auch die Götter ziemlich respektlos behandelt. Man kann sich wie Goethe an dieser „bella fabula“ erfreuen: „Schwerlich ist jemals in eines Menschen Geist etwas Lieblicheres und Zarteres aufgestiegen; der Verstand ist befriedigt, das Gemüt erfreut und des Herz entzückt und schlägt froh dem Werk entgegen, welches reizt, ergreift und unsere schönsten Empfindungen aufregt; die Kunst überschüttet uns mit ihren Wohltaten.“


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