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NHB10672 - ALTENBERG, P.: Wie ich es sehe
German 

Peter Altenberg

 

hieß eigentlich Richard Engländer und wurde am 9. März 1859 in Wien geboren. Sein Vater—ein erfolgreicher Geschäftsmann—war ein großer Freund französischer Literatur („überhaupt der allergütigste Mensch, den es geben kann“); für seine Mutter hatte Peter Altenberg die zärtlichsten Gefühle („Meine Mama war ehemals eine ganz zarte wunderschöne Dame mit edlen Händen und Füßen und schmalen Gelenken. Wie eine Gazelle.“) Nach Privatunterricht und Gymnasium begann Peter Altenberg ein Medizinstudium, brach es jedoch ab, fing dann 1879 in Stuttgart eine Buchhändlerlehre an, kehrte jedoch bald wieder nach Wien zurück. Auch ein Jurastudium führte zu nichts. 1882 beauftragte sein Vater einen Arzt, den Jungen zu untersuchen: eine „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ wurde festgestellt und generelle Berufsunfähigkeit attestiert. Peter Altenberg verließ sein Elternhaus, lebte eine Zeit auf dem Semmering, dann in Gmunden, vorübergehend bei seinem Bruder Georg, schließlich in billigen Zimmern. Er führte ein unstetes Leben und hielt sich am liebsten im Café Central auf, „unterm wienerischen Breitengrad am Meridian der Einsamkeit“ (Alfred Polgar). Dort traf er mit Künstlern, vor allem Schriftstellern zusammen. In den Jahren 1892–96 machte er die ersten Aufzeichnungen von dem, was er beobachtete. Auf Veranlassung von Karl Kraus wurden einige dieser Notizen an den S. Fischer-Verlag in Berlin geschickt; sie fanden in der Frau des Verlegers eine warme Fürsprecherin. So erschien 1896 unter dem Namen Peter Altenberg ein erstes Buch: „Wie ich es sehe“. Dieser Titel hat programmatische Bedeutung für Altenbergs gesamtes Werk und gibt deshalb auch dieser CD mit einer Auswahl aus Altenbergs Werk ihren Namen. Über dieses erste Buch schrieb Hugo von Hofmannsthal: „Das Buch hat ein so gutes Gewissen, obwohl es um alles Wichtige völlig unbekümmert ist, daß man gleich sieht, es kann kein richtig deutsches Buch sein. Es ist wirklich wienerisch.“

Man hat die kleinen Arbeiten Altenbergs anfangs für die Erzeugnisse eines Wiener Feuilletonisten gehalten, der die kleinen Dinge des Lebens mit zu großer Aufmerksamkeit betrachtet; da er alles auch noch im Kaffeehaus niederschrieb, war die Einordnung als „Kaffeehausliterat“ vorprogrammiert. Zudem wurde Altenberg um die Jahrhundertwende durch auffallende Kleidung und bohemienhaften Lebenswandel zu einer stadtbekannten Persönlichkeit. Seine lokale Popularität verhinderte eine Anerkennung seines Werkes. Altenberg wollte eben keine Romane oder Theaterstücke schreiben; er versuchte, die Erfahrung eines Augenblicks in knappe, von allem Überflüssigen befreite Texte umzusetzen. Dabei gelingen ihm Miniaturen von unvergleichlicher Schönheit und Ausdruckskraft; komplexe seelische Vorgänge werden aufs äußerste verdichtet und finden so im Leser oder Hörer unmittelbaren Nachhall. Wo gibt es eine so präzise formulierte und gleichzeitig so tiefreichende Erfahrung wie etwa in dem Text „Echt“ (Track 25)? Altenbergs aphorismenhaft knappe Texte kreisen um die kleinen, aber entscheidenden Gefühle und Bedingungen menschlichen Lebens und verraten neben scharfer Beobachtungsgabe und großem Einfühlungsvermögen auch ausgeprägte Menschenliebe. Man darf nicht den Fehler machen, Altenbergs Arbeiten als vielversprechende Vorstudien zu betrachten, wie dies seine Zeitgenossen taten. Er selbst war sich darüber im Klaren. In Erwiderung auf einen Brief, in dem Arthur Schnitzler ihn als einen „Selbstsucher“ bezeichnete und lobende Worte fand, schrieb Altenberg: „Ihr Wort ,Selbstsucher’ ist wirklich außerordentlich. Wann werden Sie aber schreiben ,Selbstfinder’? Meine Sachen haben das Malheur, daß sie immer für kleine Proben betrachtet werden, während sie leider bereits das sind, was ich überhaupt zu leisten imstande bin…Ich bitte Sie, man hat keinen Beruf, kein Geld, keine Position und schon sehr wenig Haare, da ist eine feine Anerkennung von einem ,Wissenden’ sehr, sehr angenehm. Deshalb bin und bleibe ich doch nur ein Schreiber von ,Muster ohne Wert’ und die Ware kommt alleweil nicht. Ich bin so ein kleiner Handspiegel, Toilettespiegel, kein Weltenspiegel.“

1901 veröffentlichte S. Fischer Altenbergs drittes Buch: „Was der Tag mir zuträgt“. Er gewann die Freundschaft von Egon Friedell und Adolf Loos. Mit Loos gab er 1903/04 eine Zeitschrift heraus: „Kunst. Halbmonatsschrift für Kunst und alles andere“, von der es jedoch nur wenige Nummern gab. 1905 traf ihn der Bankrott der väterlichen Firma, er mußte auf den finanziellen Rückhalt von nun an verzichten und lebte von unsicheren Monatsrenten, die von Wiener Mäzenen und Freunden aufgebracht wurden. Zeitweise schrieb er für Wiener Zeitschriften Varietékritiken. 1906 erschien das vierte Buch: „Prodromos“, das er als seinen „ersten Versuch einer physiologischen Romantik“ bezeichnete. Es enthielt u.a. seine Lehrsätze über Ernährung und Körperkultur. Die durch das ausschweifende Nachtleben angegriffene Gesundheit Altenbergs zwang ihn in den folgenden Jahren wiederholt in Behandlung: 1910 wurde er in die Nervenheilanstalt Inzersdorf bei Wien eingeliefert, Dezember 1912 bis Mai 1913 war er in der Nervenheilanstalt Steinhof bei Wien. Adolf Loos bewirkte seine Entlassung und lud ihn zu einer Reise nach Venedig ein. Mit Loos und Freunden verbrachte er die Zeit bis Oktober auf dem Lido. 1913 bezog Altenberg eine Wohnung im Graben-Hotel in der Dorotheergasse, 4. Stock, Zimmer 33—es wurde sein letztes Domizil. Inzwischen waren mehrere Bücher erschienen: „Märchen des Lebens“ (1908), „Bilderbögen des kleinen Lebens“ (1909), „Neues Altes“ (1911), „Semmering 1912“ (1913), „Fechsung“ (1915), „Nachfechsung“ (1916), „Vita ipsa“ (1918). 1918 zog er sich infolge eines Sturzes auf der Treppe des Hotels einen komplizierten Handgelenkbruch zu und hatte „sechs Monate verzweifelten Zimmer-Nicht-Daseins“ zu überstehen. Sein Körper war durch Alkohol und Schlafmittel geschwächt. Am 6. Januar 1919 fanden ihn Freunde gegen 21 Uhr in seinem Hotelzimmer im Fieberdelirium und brachten ihn ins Wiener Allgemeine Krankenhaus. Dort starb er am 8. Januar 1919 an einer Lungenentzündung.


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