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NHB10932 - GRIMM, J.L. / GRIMM, W.C.: Gestiefelte Kater (Der) und andere Marchen
German 

Der gestiefelte Kater • Die drei Federn • Die sechs Schwäne • Das tapfere Schneiderlein • Die Bremer Stadtmusikanten • Der Wolf und die sieben Geißlein

 

Grimms Märchen

„Es war einmal…“—so beginnen Märchen im allgemeinen. Es sind nicht immer diese Anfangsworte, welche die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm gewählt haben, wenn sie ein Märchen niederschrieben, doch gewissermaßen unhörbar schwebt diese Beschwörung einer nebelhaften Welt in einer unbestimmten Vergangenheit über jedem Märchen, das erzählt wird.

Die Vergangenheit war es auch, was die Brüder Grimm zuerst interessierte, genau gesagt: das Mittelalter. Viele Texte des Mittelalters wurden erst nach langer mündlicher Überlieferung schriftlich aufbewahrt; ähnliches wollten die Brüder Grimm bei den Märchen leisten. Sie schätzten die Formen, in denen sich das Volk ausdrückt, also Volkslieder, Märchen oder Sagen, und begannen 1806 Märchen zu sammeln. Auch das Wort „Märchen“ stammt aus dem Mittelalter, vom mittelhochdeutschen „Maere“, was soviel bedeutet wie Kunde, Nachricht, Bericht; daran noch die Verkleinerungssilbe „-chen“ angehängt—fertig ist das „Märchen“.

Die Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“, herausgegeben von den beiden Schriftstellern Achim von Arnim und Clemens Brentano, die 1805 und 1808 erschien, machte großen Eindruck auf Jacob und Wilhelm Grimm. Eine vergleichbare Sammlung von Märchen gab es nicht. Die Brüder Grimm wollten aber solche Zeugnisse der Volksliteratur finden und forderten 1811 in einem Aufruf alle zur Mitarbeit auf. Wichtig war ihnen dabei, daß die Aufzeichnung in Mundart und Redeweise des Erzählenden geschehe, selbst wenn diese nicht den Regeln der deutschen Sprache entsprechen. So hofften die Brüder, das Ursprüngliche, Unverfälschte von Märchen erfassen und weitergeben zu können. Und wirklich: Wenn wir heute die Märchen hören, dann klingt vieles ungewohnt und doch auf wunderbare Weise vertraut.

Um das Material für die Märchensammlung zu erhalten, zogen die Brüder nun nicht durch die Dörfer, um von einfachen Leuten Märchen zu hören und aufzuschreiben; das haben sie nur einmal versucht—und nie wieder. Sie waren auf alte Bücher angewiesen oder auf Berichte älterer Damen, die sich an Erzählungen ihrer Kindheit erinnerten. Was sie auf diese Weise an Material erhielten, haben sie nicht ganz unverändert übernommen. Bei jedem einzelnen Text mußten sie entscheiden, wie die Wortwahl genau sein sollte. Vor allem Wilhelm Grimm fand im Laufe der Jahre eine Sprache, die weder zu holprig war wie die ungeübter Erzähler, noch zu ausgearbeitet, wie es in ausgedachten Kunstmärchen vielfach der Fall ist.

1812 erschien der erste Teil der „Kinder- und Hausmärchen“, 1815 der zweite—mit insgesamt 156 Märchen. Bis zum Tode Jacob Grimms 1863 gab es sieben Auflagen, wobei immer mehr Märchen dazukamen und die Texte immer wieder verbessert wurden. Bis heute sind diese Märchen in der Gestalt der Brüder Grimm lebendig geblieben und so magisch wie an jenem ersten Tag, da sie erfunden wurden. „Und so leben sie glücklich und zufrieden bis an ihr Ende“—von dem wir nie erfahren werden.


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