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NHB20032 - GOETHE, J.W. von: Neue Melusine (Die) / Das Marchen
German 

Die neue Melusine • Das Märchen

Von der Kindheit bis ins Alter hatte Goethe eine ausgeprägte Vorliebe für Märchen. Er kannte die verschiedenen Sammlungen sehr gut, war selber ein ausgezeichneter und beliebter Märchenerzähler, und sein Werk enthält zahlreiche märchenhafte Abschnitte. Wichtigstes Charakteristikum von Märchen ist für ihn, dass sie „den Menschen nicht auf sich selbst zurückführen, sondern außer sich hinaus ins unbedingte Freie tragen.“ Dadurch machen sie „ihn jede Bedingung vergessen, zwischen welche wir, selbst in den glücklichsten Momenten, doch immer eingeklemmt sind.“ Nicht Realitätsflucht ist gemeint, sondern das Spiel der Einbildungskraft, das Märchen, bewirkt innere Befreiung und dadurch das Erkennen einer höheren Ordnung in der Wirklichkeit. Von seinen vielen Märchen-Plänen hat Goethe nur drei ausgeführt: „Der neue Paris“ (1811), ein „Knabenmärchen“, „Die neue Melusine“, ein „Jünglingsmärchen“ (1812), und „Das Märchen“ von 1795. Die erste Erwähnung findet „Die neue Melusine“ in Zusammenhang mit Friederike Brion, in deren Hause es Goethe 1770 erzählte. 1882 tauchen Pläne zur dichterischen Gestaltung auf, 1797 hofft Goethe konkret, die „Melusine“ ausarbeiten zu können. Es dauerte noch 10 Jahre, bis im Mai 1807 das Tagebuch meldet: „Um sieben Uhr die neue Melusine diktiert.“ Sie erschien 1816/ 1818 im Druck und wurde 1821 in „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ integriert. In diesem Märchen verarbeitet Goethe das Verlassen der Geliebten Friederike Brion, deren Lebenswelt für ihn zu klein gewesen wäre. Doch steht diese Sesenheimer Episode stellvertretend für ähnliche Situationen in seinem Leben. Der Titel der Melusine geht zurück auf eine französische Sage aus dem 14. Jh. Bei dem „Märchen“ hat sich Goethe auf französische und italienische Vorlagen gestützt. Das „Märchen“ schließt den Zyklus „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ ab; Goethe meinte, es würde „nicht übel“ sein, wenn die „Unterhaltungen“ „durch ein Produkt der Einbildungskraft gleichsam ins Unendliche ausliefen“ (an Schiller 1795). Das „Märchen“ erschien zuerst im Oktober 1795 in Schillers Zeitschrift „Die Horen“ und hat seitdem die unterschiedlichsten Deutungen erfahren. Hugo von Hofmannsthal meinte, dass im „Märchen“ „die Elemente des Daseins tiefsinnig spielend nebeneinander gebracht sind und eine undeutbare innere Musik aus schönen Bildern und Lebensbezügen entsteht, deren Deutung aber auch das Gemüt nicht verlangt, da es sich der Harmonie des Vorgestellten völlig zur Genüge ergötzt.“ Goethe selbst sagte: „Es fühlt ein jeder, dass noch etwas drin steckt, er weiß nur nicht was.“ (An Riemer 1809).


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