About this Recording
NHB20332 - HALM, F.: Marzipanliese (Die) / MORIKE, E.: Lucie Gelmeroth
German 

Frühe Kriminalgeschichten

 

Im angelsächsischen Sprachraum sind bereits Ende des 19. Jahrhunderts Erzählungen entstanden, die noch für uns heute ihre Einordnung als „Kriminalgeschichten“ rechtfertigen. In Deutschland hat der „Krimi“ aber eigentlich erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Anerkennung gefunden. Was um 1880 in England entstand, ist immer noch der Inbegriff des Detektivs: Sherlock Holmes. Als Arthur Conan Doyle seine ersten Sherlock-Holmes-Erzählungen schrieb, hatte er nicht gedacht, daß er eine so berühmte Gestalt schaffen würde. Natürlich fanden Figuren wie Sherlock Holmes oder Nick Carter, der ab 1885 das amerikanische Volk unterhielt, ihre Nachahmer in Deutschland—allerdings auf einem Niveau, das weit unterhalb der Vorbilder lag. Als Folge dieser schlechten deutschen Kriminalhefte fehlte dem Krimi in Deutschland die gesellschaftliche Anerkennung. So erschien 1909 ein Buch von Ernst Schultze: „Die Schundliteratur. Ihr Wesen, ihre Folgen, ihre Bekämpfung“, in dem der Autor die damaligen deutschen Detektiv-Heftchen aufs Korn nimmt und auch Beispiele zitiert. Aus denen wird deutlich, daß nicht einmal ein minimaler Anspruch an Qualität oder Moral gestellt wurde, ganz gewiß nicht im Vergleich zu den „Vorbildern“ aus England und Amerika. Doch Ernst Schultze war keineswegs ein Krimi-Feind—er wendete sich nur gegen die miserable Qualität der deutschen Hervorbringungen, spricht sich aber entschieden etwa für Edgar Allan Poe oder Arthur Conan Doyle aus. Außerdem empfahl er—um den schlechten Groschenheften den Wind aus den Segeln zu nehmen—die Lektüre deutscher Kriminalgeschichten. Darunter befinden unter anderem: Clemens Brentano: „Die Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl“ (Naxos Hörbücher NHB10082); E.T.A. Hoffmann: „Das Fräulein von Scuderi“, Paul Heyse: „Andrea Delfin“ und auch Friedrich Halms „Die Marzipanlise“. Von späteren Autoren auf der Suche nach frühen deutschen Kriminalgeschichten wurde diese Liste erweitert etwa um Annette von Droste-Hülshoff: „Die Judenbuche“ (Naxos Hörbücher NHB20062); Franz Grillparzer: „Das Kloster bei Sendomir“ (Naxos Hörbücher NHB10172); Hermann Sudermann: „Die Reise nach Tilsit“ (Naxos Hörbücher NHB10642), Eduard Mörike: „Lucie Gelmeroth“ oder Theodor Fontane: „Unterm Birnbaum“—um nur einige zu nennen. Es ist kein Wunder, daß der heute an anglo-amerikanische Detektiven gewöhnte Leser mit diesen Texten nicht eben die Vorstellung von „Krimis“ verbindet; diese deutschen Texte um Mord und Totschlag sind eben anders gelagert. Es fehlt der Detektiv, das Spiel der Aufklärung eines Verbrechens durch einen Protagonisten. Vielmehr entfaltet die Handlung selber die Charaktere der Personen, die Aufdeckung einer Tat ist weniger der Polizei oder einem Privatdetektiv zu verdanken, sondern dem Schicksal oder der himmlichen Gerechtigkeit—nicht jedoch der weltlichen Macht. Doch da sich das „Kriminalistische“ an Kriminalgeschichten kaum eindeutig definieren läßt, darf man auch von den genannten deutschen Texten als frühen Beispielen deutscher Kriminalliteratur sprechen.


Close the window