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NHB20402 - GOETHE, J.W. von: Mann von funfzig Jahren (Der) (vollstandiger Text)
German 

Der Mann von fünfzig Jahren

Die Novelle „Der Mann von fünfzig Jahren“ ist dem 3. bis 5. Kapitel des zweiten Buchs von „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ entnommen. Goethe hatte bereits 1796 in einem Brief an Schiller den Plan zu einer Fortsetzung von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ gefaßt, hatte die erste Fassung der „Wanderjahre“—nachdem einige Teile bereits erschienen waren—1821 abgeschlossen und veröffentlicht unter dem Titel „Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden. Ein Roman von Goethe. Erster Teil“; das Werk war eingeteilt in 18 Kapitel. In den folgenden Jahren nahm Goethe eine Umarbeitung und Erweiterung vor, die 1829 veröffentlicht wurde.

Das Werk rief nicht nur bei den Zeitgenossen Verwirrung hervor, vor allem die Form fand lange Zeit wenig Verständnis (Goethe sprach von einem „Straußkranz“, von einem „Aggregat“): man hielt es für künstlerisch mißlungen und ließ es nur noch als „Weisheitsbuch“ gelten, sah im Ganzen „ein hochmüdes, würdevoll sklerotisch Sammelsurium“ (Thomas Mann), meinte ein „Nachlassen dichterischer Schöpferkraft“ zu erkennen (Emil Staiger). Andererseits erkannte man in dem Werk ein „klüglich kalkuliertes System von Gegen-Bildern und Gegen-Sätzen, die sich ineinander zu spiegeln scheinen, ohne sich je restlos zu erhellen“ (Vaget) und gerade in der offenen Form des Romans —die Haupthandlung um Wilhelm Meister wird ständig von Texten verschiedener Art unterbrochen, wodurch der Held selber in den Hintergrund gerät—bereits Elemente der Modern, so etwa Hermann Broch, der schon 1936 die „Wanderjahre“ „als den Grundstein der neuen Dichtung, des neuen Romans“ ansah. Was das Verhältnis der eingeschobenen Erzählungen angeht, so bleiben sie alle mit dem Ganzen des Romans verbunden, sei es als Spiegelung, sei es durch das gemeinsame Thema. Die Novelle „Der Mann von fünfzig Jahren“ ist ebenso in den Roman eingebunden, auch wenn sie—mit anderen eingefügten Novellen verglichen—mehr Selbständigkeit besitzt. Goethe hatte sie zum Teil bereits 1807 skizziert, diesen Teil 1817 veröffentlicht, 1821 in der ersten Fassung der „Wanderjahre“ drucken lassen, erst in der 2. Fassung 1829 waren die Kapitel 4 und 5 hinzugekommen.  Auch diese Novelle stellt vor dem Hintergrund des Ganzen eine Spiegelung innerhalb des Romans dar: der Major, Hilarie und Flavio erliegen einer Selbsttäuschung und müssen lernen, die Vorstellung, die sie sich von ihrem Fühlen und Denken gemacht haben, aufzugeben, dieser Vorstellung zu entsagen, die eigene Bedingtheit zu erkennen und anzunehmen.


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