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NHB30022 - MORIKE, E.: Mozart auf der Reise nach Prag (vollstandiger Text)
German 

Mozart auf der Reise nach Prag

Seit seiner Kindheit liebte Mörike die Musik, insbesondere die Musik Mozarts. Ein für ihn bedeutendes Erlebnis war der Besuch der Oper „Don Giovanni“ am 15. August 1824 in Stuttgart, bedeutend nicht nur durch das Erlebnis der Musik, sondern auch durch den wenige Tage darauf erfolgten plötzlichen Tod seines jüngeren Bruders August, der ihn in die Oper begleitet hatte. Noch nach fast 20 Jahren schrieb Mörike (an Hartlaub, 20.3.1843), daß er sich vor einer Aufführung des „Don Giovanni“ immer fürchte, „weil sie zu viel subjektive Elemente für mich hat und einen Überschwall von altem Dufte, Schmerz und Schönheit… über mich herwälzt.“ Möglicherweise bestand bei Mörike schon lange der Plan, etwas über Mozart zu schreiben; Hartlaub sprach in einem Brief an Mörike von einem „Fragment Dichtung aus seinem Leben, wie du einmal im Sinn hattest.“ Mörike griff dann folgendes „Fragment“ heraus: die Reise Mozarts mit seiner Frau Konstanze von Wien—Aufbruch 1.10.1787—nach Prag—Ankunft 4.10.1787—anläßlich der Premiere des „Don Giovanni“ am 29. Oktober 1787. Die Fertigstellung der Erzählung zog sich hin; am 6. Mai 1855 schickte Mörike den größten Teil des Manuskripts an Cotta, seinen Verleger, und bemerkte im beiliegenden Brief: „Meine Aufgabe bei dieser Erzählung war, ein kleines Charaktergemälde Mozarts (das erste seiner Art, soviel ich weiß) aufzustellen, wobei, mit Zugrundelegung frei erfundener Situationen, vorzüglich die heitere Seite zu lebendiger, konzentrierter Anschauung gebracht werden sollte.“ Er versicherte, „nie etwas mit mehr Liebe und Sorgfalt gemacht zu haben.“ An Karl Mayer schrieb er am 21.5.1855, die Erzählung sei „im Ganzen heiter, der Stoff dazu erfunden, doch der Mensch, wie ich hoffe, wahr.“ Im Juli/August 1855 erschien die Geschichte in vier Folgen als Vorabdruck im „Morgenblatt für gebildete Leser“. Den vier Folgen waren jeweils Zitate vorangestellt, die auf die Handlung Bezug nehmen: zitiert wird je einmal Goethe, Shakespeare/ Horaz und zweimal ein Text aus einem Buch über Mozart, das in deutscher Bearbeitung 1847 herausgekommen war: Alexander Oulibicheff, Nouvelle Biographie de Mozart…, Moskau 1843. Dem ersten Teil stand bei der Veröffentlichung folgender—leicht veränderter—Text von Oulibicheff voran: „Wenn Mozart statt stets für seine Freunde offene Tafel und Börse zu haben, sich eine wohlverschlossene Sparbüchse gehalten hätte, wenn er mit seinen Vertrauten im Tone eines Predigers auf der Kanzel gesprochen, wenn er nur Wasser getrunken und keiner Frau außer der seinigen den Hof gemacht hätte, so würde er sich besser befunden haben und die Seinigen ebenfalls. Wer zweifelt daran? allein von diesem Philister hätte man wohl keinen Don Juan erwarten dürfen, ein so vortrefflicher Familienvater er auch gewesen wäre.“ Die Buchausgabe von Mörikes Mozart-Novelle erfolgte (ohne die Zitate) im November 1855, vordatiert auf 1856—Mozarts 100. Geburtstags am 27. Januar 1756 wegen. Der Erfolg war groß, bereits im Frühjahr 1856 erschien eine zweite Auflage. Nach seiner Lesung der Novelle, so schrieb Mörike 1855 an Hartlaub, habe ihm einer der Hörer gesagt, er sei „ungeachtet der vorherrschenden Heiterkeit oder vielmehr durch die Art derselben aus einer wehmütigen Rührung gar nicht herausgekommen. Das ist es aber, was ich eigentlich bezweckte.“


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