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NHB30052 - HEYSE, P.: Andrea Delfin
German 

Andrea Delfin

Zu Heyses besten Erzählungen gehört die 1862 in „Neue Novellen“, seiner vierten Sammlung, zusammen mit drei weiteren erschienene Novelle „Andrea Delfin“. Auch sie ist auf der Grundlage von Heyses Novellentheorie entstanden, der sog. „Falken-Theorie“—benannt nach Boccaccios Novelle „Der Falke“—, nach der jede Novelle einen unerwarteten deutlichen Höhe- und Wendepunkt haben müsse. Sie gilt zwar, wie er weiß, „nicht für jedes Thema unseres vielbrüchigen modernen Kulturlebens“, könne aber auch für solche Themen eine Art Richtschnur abgeben; man müsse auch in solchen Fällen fragen, „wo der Falke sei, das Spezifische, das diese Geschichte von tausend anderen unterscheidet“. Nach seiner Theorie „hat die Novelle in einem einzigen Kreise einen einzelnen Conflikt, eine sittliche oder Schicksals-Idee oder ein entschieden abgegrenztes Charakterbild darzustellen und die Beziehungen der darin handelnden Menschen zu dem großen Ganzen des Weltlebens nur in andeutender Abbreviatur durchschimmern zu lassen. Die Geschichte, nicht die Zustände, das Ereignis, nicht die sich in ihm spiegelnde Weltanschauung sind hier die Hauptsache.“

Die Handlung von „Andrea Delfin“ spielt im Venedig des 18. Jahrhunderts. Andrea Delfin hat sich selbst zum Rächer aus Gerechtigkeit ernannt und tötet zwei Inquisitoren. Gleichzeitig hat er sich als Spitzel für die Inquisition anwerben lassen. In dieser Eigenschaft muß er einen Freund aushorchen und tötet ihn durch eine unglückliche Verkettung von Umständen. Er muß erkennen, daß er vom Richter und Rächer zum Mörder geworden ist und begeht Selbstmord in der Lagune. Die Schilderung der Lebensatmosphäre im damaligen Venedig, in dem Gewalt, Unrecht, Unsicherheit, Bespitzelung herrschen, dürfte vielen, die das 20. Jahrhundert erlebt haben, bekannt vorkommen.


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