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NHB40032 - KLEIST, H. von: Michael Kohlhaas
German 

Michael Kohlhaas

gehört zu den großartigsten Werken der deutschen Literatur. Obwohl die Erzählung sehr umfangreich ist und eine Fülle von Einzelheiten vor dem Leser ausbreitet, steuert sie ohne Schnörkel und Windungen zielstrebig auf das Ende zu. Dort—kurz vor seinem Tod—wird Kohlhaas endlich Gerechtigkeit zuteil. Schon am Anfang der Erzählung wird Kohlhaas charakterisiert als einer „der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.“ Dieser Widerspruch findet seine Entsprechung in seiner Lage am Schluß. Kleist führt im Text in dramatischer Weise die Entwicklung des Kohlhaas vor. Im Mittelpunkt steht dabei die—höchst aktuelle—Frage, ob und wieweit einem Menschen wie Kohlhaas Widerstand gegen die willkürliche Handhabung des Rechts durch die Herrschenden erlaubt sei. Im Laufe der Erzählung verschlechtern sich die Verhältnisse für den Roßkamm zusehends. Je mächtiger die Personen oder Institutionen, die sich mit Kohlhaas befassen, desto unheilvoller wird seine Lage. Handelt es sich anfangs noch um ein privates Unglück, so kommen später landes-, dann staatspolitische Verhältnisse ins Spiel. Bis in die Sphäre des Wunderbaren (Zigeunerin) treibt Kleist die Spirale der Mächte, mit denen Kohlhaas kämpft und denen er mit der ganzen Unbedingtheit des Individuums widersteht.

Wann Kleist mit der Niederschrift der Erzählung begonnen hat, ist nicht genau auszumachen, möglicherweise 1806. Sicher ist jedoch, daß im November 1808 im sechsten Heft der von ihm und Adam Müller herausgegebenen Zeitschrift „Phöbus. Ein Journal für die Kunst“ ein Teil erschienen ist— er endet mit dem Aufbruch Kohlhaas’ zur Tronkenburg—, und zwar mit der Ankündigung „Fortsetzung folgt“. Die Fortsetzung ist dann— zusammen mit der Bearbeitung des bereits vorliegenden Teils—im ersten Band der „Erzählungen“ 1810 veröffentlicht worden.—In der ersten Buchausgabe heißt es „Aus einer alten Chronik“. Als Quelle diente Kleist die „Maerckische Chronic“ des Peter Hafftiz (ca. 1525 bis nach 1605), der sich wiederum auf ältere Schriften bezogen hat. Diese im 16. Jahrhundert entstandene „Chronic“ lag Kleist in einer 1731 gedruckten Fassung vor. In ihr wird von einem Hans Kohlhaas berichtet, der durch das Unrecht eines Junkers gegen ihn veranlaßt wird, gegen diesen und endlich sogar gegen Sachsen eine Fehde zu beginnen und der nach langem Rechtsstreit 1540 hingerichtet wird. Kleist nutzte diese Quelle als Anregung, schuf aber etwas völlig Neues. Er glich dabei seine Darstellungsweise zum Teil der eines Chronisten an, um den Eindruck eines objektiven Berichts hervorzurufen; eine andere Tonart der Erzählung ist die eines juristischen Berichts, wo mit großer Präzision Details geschildert werden.


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