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Kritik von Boris Michael Gruhl
www.klassik.com, February 2008

Gut, dass diese DVD auf dem Markt ist. Enthält sie doch 100 Minuten Ballett vom Feinsten, zumal in einer Art, die hierzulande so gut wie unbekannt sein dürfte und schon von daher allen Freunden der Tanzkunst reinstes Vergnügen bereiten dürfte. Unser Repertoire ist nicht gerade reich an Ballettkomödien, wenige Versuche, Romantik und Komik zu verbinden, wie etwa Hermann Rudolphs ‘Die drei Schwangeren’ als gelungene Variante der auch sonst beliebten ‘Rossiniana’, konnten sich so richtig nie durchsetzten. Erst im Tanztheater, nach dessen Emanzipation von Schwermut und Depression finden sich verzagte Ansätze auch dem Humor im Tanz eine Chance zu geben. Das Publikum ist dankbar.

Was uns allerdings auf dieser DVD mit David Bintley´s Ballettkomödie ‘Hobson´s Choice’ auf die Bildschirme kommt, dürfte bislang ohne Vergleich sein. Bintley´s Arbeit, von 1989 für das Londoner Sadler´s Wells Royal Ballet geschaffen, wurde – was die Publikumsgunst angeht – in Kürze zum ‘Schwanensee der Briten’. Bei der vorliegenden Aufnahme handelt es sich um die Filmversion der Aufführung des Birmingham Royal Ballet´s, dessen Chef Bintley ist.

‘Hobson´s Choice’ – etwa so gut wie ‘Hobson´s Wahl’ ist zum Sprichwort geworden und bedeutet so viel, wie ‘Keine andere Wahl’. Keine andere Wahl, als am Ende allen Starrsinn aufzugeben und sich zu fügen, hat der griesgrämige und durch und durch alkoholisierte Schuhhändler Hobson nämlich nicht. Hobson, der ewig nörgelnde und betrunkene Schuhhändler, ist die Hauptperson einer in England sehr beliebten Komödie von Harold Brighouse. In der Komödie geht es darum, dass Hobson seinen zwei jüngeren Töchtern nicht erlauben will zu heiraten, dass seine Älteste, so ein sympathischer Aschenbrödeltyp, überhaupt Ambitionen dieser Art haben könnte, fällt dem Suffkopf gar nicht ein. Er hat seine Rechnungen ohne alle drei der Töchter gemacht. Gerade die Älteste ist in Liebe entbrannt zu Mossop, dem begabten, aber sehr schüchternen und naiven, daher von allen schlecht behandelten Schumacher. Nun ja, es kommt wie es kommen muss. Eine reiche Witwe spielt die Rolle einer Fee. Die grauen Mäuse mausern sich gewaltig. Die Liebe besiegt den Suff, wobei die forschen Damen von der Heilsarmee auch noch ein gewichtiges Tänzchen beizusteuern haben. Am Ende drei glückliche Paare und Hobson, der nicht nur rosa Mäuse sieht, sondern auch fast bankrott ist, schrammt mit Hilfe des einst verachteten Mossop gerade noch mal so an der endgültigen Katastrophe vorbei. Geschickt verbindet diese freundliche Komödie Elemente des Schwanks mit denen der Märchenwahrheiten.

In der Ballettfassung, die vor allem die facettenreich angelegten Charaktere übernimmt, den Schwung der Handlung nutzt, ganz im Sinne der romantischen Komödie das Gute siegen lässt, melancholische Passagen nicht ausspart, kommt die tänzerische und vor allem wunderbar gestische Musik von Paul Reade dazu. Da fließen Elemente der Folklore, der Unterhaltung und der Tanzmusiktraditionen zusammen. Die Musik tritt an die Stelle des Wortwitzes der Vorlage, die Choreografie schafft dazu den ganzen Übermut samt Poesie in beredtem Theater ohne Worte. Barry Wordsworth leitet das Birmingham Royal Ballet Orchestra.

Liebenswürdig altmodisch, mit kleinen Anklängen der Ironie durchzogen, sind die üppigen Dekorationen der drei Akte des Werkes, dezent und geschmackvoll die Kostüme der gesamten Ausstattung von Hayden Griffin.

In Bintleys mitreißender Choreografie kommen alle auf ihre Kosten. Geschult an Ashton und Cranko, ohne Berührungsangst vor kräftigen Farben der Komik, mit gelegentlichen Ausflügen in die Unterhaltungskunst der Music-Hall oder des klassischen Musicals, überschüttet er uns mit einem Feuerwerk an Ideen. Technisch ist das alles von höchsten Ansprüchen. Akademische Kühle gibt es nicht. Mit der Perfektion wird nicht geprotzt, die hochkomplizierten Variationen, etwa in den vielen Pas de deux, werden fast nebenher erledigt. Das ist so etwas wie geniale tänzerische Bescheidenheit mit doppeltem Boden. Einfach wunderbar.

Und dann die Tänzerinnen und Tänzer. Jeder und jede ein Typ, ganz individuell und einfach spitze! Angeführt wird das Ausnahmeensemble aus Birmingham von Karen Donovan als Maggie Hobson und Michael O`Hare als Will Mossop, romantisch, clownesk, dabei auch zerbrechlich, vor allem beseelt und groß in der Bescheidenheit voller Charme. Freundlich, lebensklug, bewegt, bewegend.

Fazit: 100 Minuten, die sich lohnen. Ein ‘Muss’ für alle Ballettfreunde, zumal das bei uns kaum beheimatetes heitere Genre des Tanzes exzellent präsentiert wird. Die choreografische Umsetzung sucht ihresgleichen, von den Spitzenleistungen der so charmanten wie vor allem höchstindividuellen Tänzerinnen und Tänzer ganz zu schweigen. Ärgerlich ist das unangemessen dürftige Begleitheft.






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8:14:47 PM, 21 September 2014
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