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Ingrid Wanja
Opera Lounge, January 2016

Wer hätte gedacht, dass sich ausgerechnet in einem streng atonalen Musikstück des zwanzigsten Jahrhunderts eine der ergreifendsten Szenen der gesamten Opernliteratur befindet?! Es ist in Michael Tippetts King Priam die erfolgreiche Bitte des Königs Priamos von Troja um die Herausgabe der Leiche seines Sohnes Hektor, der vom griechischen Helden Achilles nicht nur im Kampf getötet, sondern dessen Leib danach noch übel zugerichtet wurde, war er doch die Ursache für den Tod von Achilles‘ Freund Patroclos. Ebenso berührend wie das Flehen des unglücklichen Vaters und die Rührung des Heroen ist die fatalistische Gefasstheit, mit der beide sich ihres baldigen Todes bewusst sind. Die Sinnlosigkeit des Krieges wird deutlich in der endlosen Reihe von Tod und Rache, die herauf beschworen wird.

Zur Wiedereinweihung der im Krieg zerstörten Kathedrale von Coventry 1962 wurde noch einen Tag vor der Uraufführung von Brittens War Requiem die Oper aufgeführt, deren zweiter Teil auf Homers Ilias zurückgeht, während der erste Akt auf den Fabulae des Hyginus basiert. Tippett, der stets sein eigener Librettist war, geht recht frei mit dem Stoff um, indem er zum Beispiel das Urteil des Paris nach dessen Bekanntschaft mit Helena stellt, die drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite identisch sind mit Andromache, Hekuba und Helena. Im Mittelpunkt steht, wie der Titel nahe legt, König Priamos mit seinem Konflikt zwischen Vaterliebe und Staatsräson wie Todesfurcht, denn der Traum seiner Gattin Hekuba und dessen Auslegung durch einen Old Man sieht das Schicksal, dass Paris ihnen bereiten wird, voraus.

Die Oper zeigt einzelne Episoden, die durch Interludes, in denen Gott Hermes oder drei Figuren aus dem Volk, auch einmal Sklavinnen das Geschehen kommentieren, unterbrochen werden. Die Blu-ray Disc gibt keine Bühnenaufführung wieder, sondern nennt sich An Opera Feature Film und bedient sich eines neuen Verfahrens der Tonwiedergabe, Hi-Res Audio genannt, dessen Vorzüge im Booklet ausführlich erläutert werden. Bei der Sprödigkeit der sich vor allem auf Blechbläser und Schlagzeug, auch sporadisch eine Gitarre, beschränkenden Musik ist der Effekt der Methode schwer einzuschätzen, umso weniger, als die Solostimmen stark im Vordergrund stehen, vom Orchester zurückhaltend umspielt werden, auch der Chor mit seinem Wehklagen „War“ eher ein Hintergrundgeräusch bleibt.

Bühnenbildner David Fielding lässt die trojanische Herrscherfamilie bereits bei der Geburt von Paris in zwar schneeweißem, aber ruinenhaftem Gehäuse leben, das im Verlauf der Handlung zusehends vom Krieg gezeichnet erscheint, während Achilles in einem makellos weißen Zelt haust. Die Kostüme zeigen teilweise, so die Rüstungen, Anklänge an die Antike, sind teilweise aber auch modern. Regisseur Nicholas Hytner ist ein Meister in der Personenführung und für eindrucksvolle Szenen verantwortlich, so wenn Priamos, Hektor und Paris ihre Hände in die Todeswunde des Patroklos tauchen und sich mit seinem Blut beschmieren. Wenn dann über ihnen der riesige Kopf des vor Schmerz und Rachedurst fast wahnsinnig erscheinenden Achilles mit dröhnendem Wutgeschrei erscheint, rinnt dem Zuschauer ein Schauer über den Rücken.

Ein Glücksfall für die Produktion ist der Sänger des Priam, Bassbariton Rodney Macann, dessen Stimme so belastbar ist, wie sie empfindsam die Gefühle, die Zweifel und Ängste des Königs auszudrücken versteht. Die gute Diktion ist ein weiteres Plus, das für ihn spricht. Die Figur, die sonst im Schatten der kämpfenden Helden steht, hat durch den entschiedenen Pazifisten Tippett eine ungeheure Aufwertung erfahren und der Sänger weiß das auf beeindruckende Weise zu nutzen. Das bereits bei der Geburt des Paris anwesende Trio von Wahrsager, Amme und Wächter, das später kommentierend auftritt, findet in Richard Suart mit unheilverkündendem Bass, Enid Hartle mit kernigem Alt und Mark Curtis mit eindringlichem Charaktertenor würdige Interpreten. Einen kraftvollen Bariton hat Omar Ebrahim für den heldenhaften Hektor, der schwarze (Oper machts möglich) Tenor Howard Haskin ist sein dem Wohlleben ergebener Bruder Paris mit geschmeidiger, farbiger Stimme. Der Neugeborene ist mit Felix Boakyu-Kuffour eher ein munteres Kleinkind, der in den Kreis der Familie zurückkehrende Jüngling mit Nana Antwi-Nyanin eher noch ein Halb- als ein Ganzstarker. Aber auch da drückt ein Opernbesucher beide Augen zu und schenkt der Regie Glauben. Ganz goldfarben ist der Hermes von Christopher Gillett mit feinem lyrischem Tenor, der des Achilles hat mit Neil Jenkins heldentenorale Qualitäten, Patroclos bekundet seine Freundschaft mit sanftem Bariton. Bei den Damen sticht Sarah Walker als Andromache durch eine hoheitsvolle Erscheinung und einen eindrucksvollen Mezzosopran hervor, der von Anne Mason ist eher von lieblicher Qualität. Weniger eindrucksvoll ist die Stimme von Janet Price, die der Hecuba auch unangenehm schrille akustische Züge verleiht.

Die 1985 entstandene Aufnahme wird von Roger Norrington, der dem Kent Opera Orchestra vorsteht, geleitet und müsste eigentlich Anregung für die Opernhäuser sein, sich ihrer mehr, als bisher geschehen, anzunehmen (Arthaus 109179). © 2016 Opera Lounge



Fono Forum, June 2008

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10:08:56 PM, 14 February 2016
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