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Album Reviews



 
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Gerhard Persche
STEREO, February 2008

Wie realistisch darf Musiktheater sein? Schafft Kunstgesang nicht a priori eine ästhetische Distanz, die jeden Realismus in Anführungszeichen setzt? Vor allem in den Medien Film und Fernsehen? Kann das Genre auch, wie speziell das deutsche Regietheater es gerne möchte, als gesellschaftliches Gewissen vereinnahmt werden? Unter dem Titel “The Full Monteverdi” hat der englische Regisseur John La Bouchardire ein in diesem Zusammenhang interessantes Experiment versucht—nicht mit einer Oper des Meisters aus Cremona freilich, sondern mit dessen Viertem Madrigalbuch. Dieses entstand im Jahr 1603, also zu jener Zeit als der Komponist Hofkapellmeister des Herzogs von Mantua war; es ist eine Sammlung von höfischen Liebesliedern (und musikhistorisch ein wichtiger Schritt auf dem Weg von der kunstvollen Mehrstimmigkeit zur Monodie).

Gemeinsam mit Robert HoIlingworth und dessen Vokalensemble “I Fagiolini” sowie einer Gruppe von Schauspielern übertrug der Regisseur Monteverdis überzeitliche Zustandsbeschreibungen von Liebe in allen Schattierungen, von der Ekstase zur Trauer des Verlassenen-Seins, auf heutige Beziehungen: Sechs Paare unterschiedlicher sozialer Herkunft treffen sich in einem Hotel, lieben und streiten sich und gehen schließlich auseinander. Monteverdis Madrigale fungieren dabei sowohl als Dialog wie auch als Gefühlsfolie, behalten dabei stets ihre ästhetische Eigenständigkeit. Zunächst als Bühnenproduktion herausgebracht fand La Bouchardieres Konzept seine ideale Verwirklichung im Film. Brillant.



Prof. Dr. Michael Bordt
www.klassik.com, January 2008

London. Ein angesagtes Restaurant. Stimmengewirr. Zweiertische, einige junge Leute stehen herum, lachen, trinken. Eine Frau, die mit dem Auto vorfährt. Ein Mann (ist es ihr Mann?) wartet im Restaurant auf sie. Sie setzt sich ihm gegenüber. Dann spricht er, man hört nicht, was. Aber das, was er sagt, verfehlt seine Wirkung nicht: Die Frau schaut ihn entsetzt an. Erst jetzt setzt die Musik ein. Die Frau fängt an zu singen: ‘Ah! Dolente partita!’, das erste Madrigal aus dem vierten Madrigalbuch Monteverdis. Die Kamera richtet sich auf andere Paare im Restaurant und man sieht: Nicht nur die Frau, auch fünf andere Gäste befinden sich mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin in vergleichbaren emotional aufgeriebenen Situation. Auf diese sechs Paare wird in ‘The Full Monteverdi’ unsere Aufmerksamkeit gelenkt. Oft nur in markanten Andeutungen, Gesten und Hinweise erfahren etwas aus ihrem Leben.

Die meisten (vor allem die Sopranistin Anna Crookes) spielen ebenso intensiv wie sie singen und stehen ihren schauspielerischen Partnern in nichts nach…Beim Klang stört etwas, das in einigen Fällen die Stimme des Sängers oder der Süngerin, die gerade im Film zu sehen ist, aus dem Ensemble herausgehoben ist. Das Booklet enthält jeweils einen informativen Aufsatz des Regisseurs und des Dirigenten der Fagiolili, Robert Hollingworth, sowie den Text und eine englische Übersetzung der Madrigale.



www.musikansich.de
www.musikansich.de, January 2008

Wie auch immer man schlussendlich zu der Visualisierung von Claudio Monteverdis herrlichem 4. Madrigalbuch unter der Regie von John La Bouchardière stehen mag: Die vokale Interpretation durch das britische Ensemble I Fagiolini unter der Leitung von Robert Hollingworth gehört zu den intensivsten und bewegendsten Darbietungen, die ich kenne. Keine falsche Pietät. Total gegenwärtig. Ein Monteverdi, der unter die Haut geht. Oder, um es mit einer älteren Kritik des Daily Telegraph zu sagen: Monteverdi with balls.

Die sechs Sänger/innen verfügen über individuelle Stimmfarben, die sie in faszinierender Weise zu einem Ensemble vereinigen. Unter der polyphonen Oberfläche artikulieren sich Individuen: Die geniale musikalische Regie Monteverdis erlaubt den Ausfährenden, jeder Partie einen persönlichen Stempel aufzuprägen. Vor allem dann, wenn die einzelnen Stimmen gröβere Freiräume für eine quasi-solistische Entfaltung gewinnen, scheinen Mozarts späte Opernensembles gleichsam im Embryonalstadium vorzuliegen. So wirkt Monteverdis Kunst immer wieder ausgesprochen zukunftsweisend.

Dazu kommt das vergleichsweise zügige Tempo, das freilich erst im Kontrast mit spannungsvoll verlangsamten Abschnitten seine volle dramatische Wirkung entfaltet.

“Vielleicht verdankt sich diese kraftvolle Interpretation auch gerade den besonderen Bedingungen, unter denen sie entstand, handelt es sich doch um eine Filmversion von Monteverdis Madrigalen. Regisseur John La Bouchardière hat dafür eine ebenso einfache wie sinnige Lösung gefunden: Da sich die Madrigale des 4. Buches in der einen oder anderen Weise mit dem Thema der unglücklichen, konfliktbeladenen, stets aber leidenschaftlichen Liebe beschäftigen, hat er die fünf bzw. sechs Sänger/innen mit Schauspielern zu Paaren ergänzt und in ein Restaurant gesetzt, wo sie die Geschichte von sechs Paaren in Szene setzen. Ursprünglich wurde dieses Projekt als reines Theaterstück konzipiert und bereits über 90 Mal mit groβem Erfolg aufgeführt. Mit der Filmfassung können nun weitere Orte, Episoden und Bilder eingeflochten werden, um die Paargeschichten zu vertiefen. Durch geschickte Schnitte und wohl auch tontechnische Unterstützung werden bei der Musik solistische Einsätze hervorgehoben, so dass ; selbst nachdem der Rest der Sänger/innen hinzugetreten ist immer wieder Einzelschicksale im Vordergrund stehen.”

“Der Film dauert 60 Minuten. Obwohl sich das Konzept gegen Ende etwas erschöpft, sorgt die ungebrochene musikalische Spannung jedoch für durchgehende Hörund Schaulust. Origineller und ergreifender habe ich Monteverdis Musik bisher weder gesehen noch gehört. Allein für den Versuch und die technisch makellose Ausführung dieser zeitgemäβen Annäherung an die Musik groβes Lob!”






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5:56:44 PM, 1 August 2014
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