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Christian Vitalis
www.klassik.com, February 2009

Aaron Copland (1900–1990) muss zu den bedeutendsten US-amerikanischen Komponisten gerechnet werden—insbesondere in seiner Suche nach einem originären Stil, einer unabhängigen amerikanischen Musik liegt seine musikgeschichtliche Bedeutung. Für die europäisch geprägte Avantgarde spielte er eine entsprechend geringe Rolle; mit der zeitgenössischen Musik, namentlich der Zwölftontechnik, hat sich Copland selbst erst spät auseinander gesetzt. Was den Komponisten aber nicht davon abhielt, sich der tradierten Gattungen wie Sonate, Konzert und Sinfonie zu bedienen. Das Label Naxos hat in seiner Reihe ‚American Classics’ bereits die dritte Sinfonie, die den europäischen Erwartungen an die Gattung wohl am ehesten entspricht, einspielen lassen. Nun folgen drei weitere sinfonische Werke.

Bearbeitungen als roter Faden

Alle drei Kompositionen sind Frühwerke und haben etwas mit Bearbeitungen zu tun. Das älteste, sicher wegen seines effektvollen Finales ans Ende der CD platzierte, ist die ‘Dance Symphony’, deren drei Sätze dem 1922 bis 1925 komponierten Ballett ‘Grohg’ entnommen sind, das durch den deutschen Film ‘Nosferatu’ inspiriert wurde. Die geringen Aussichten auf eine Aufführung des Bühnenwerks waren es, die Copland dazu veranlassten, daraus eine Konzertmusik zu extrahieren. Die dann als Nummer 1 gezählte Sinfonie stellt eine Bearbeitung der skandalträchtigen ‘Symphony for Organ and Orchestra’ dar—auch hier dürfte die Erleichterung der Aufführbarkeit der Grund gewesen sein, verzichtet die spätere Fassung doch auf den gewaltigen Orchesterapparat und weist zudem noch zahlreiche Glättungen auf. Viel transparenter in der Faktur ist die 1933 vollendete zweite Sinfonie, besser bekannt als ‘Short Symphony’. Der verniedlichend anmutende Titel darf nicht missverstanden werden: das Werk hat es in sich, insbesondere in Fragen des Zusammenspiels. Während in den beiden ersten Fällen auf der CD die spätere Bearbeitung erklingt, ist es im Falle der ‘Short Symphony’ das Original; Copland hatte einige Jahre später eine Version für Sextett erstellt, die lange Zeit im allgemeinen Bewusstsein als Originalfassung verankert gewesen ist. Die ‚Short Symphony’ wurde als Intermezzo in die Mitte des Programms gestellt, was eine sehr überzeugende Lösung ist.

Transparente Aufnahme legt rhythmische Finessen offen

Das von der Dirigentin Marin Alsop geleitete Bournemouth Symphony Orchestra zeigt sich spielfreudig und agil; aus technischer Sicht ist alles im Lot, und auch die rhythmischen Schwierigkeiten werden problemlos gemeistert. Durch die Aufnahmetechnik, die auf hohe Transparenz und Detailreichtum denn auf den breiten Mischklang eines gedachten Konzertbesuchers setzt, kommen diese Einzelleistungen auch bestens zur Geltung wie auch der nicht unwesentliche Hall nicht zu sehr irritiert. Marin Alsop versteht es, die Details zu einem gelungenen Ganzen zu bündeln, den Sätzen einen zwingenden Spannungsverlauf zu verleihen. Der analytischen Durchhörbarkeit und Offenlegung der komplexen rhythmischen Gestalten kommt diese Aufnahme bestens entgegen. Der Einführungstext von Richard Whitehouse ist vergleichsweise kurz; da er aber die Vita Coplands links liegen lässt und lediglich auf die Werke eingeht, ist die Informationsdichte zufriedenstellend. Die eher als Faltblatt denn als Booklet zu bezeichnende Textbeilage bietet jedoch nur eine englischsprachige Version. Was für Copland allgemein zweifelsohne nicht gilt, trifft auf seine sinfonischen Werke durchaus zu: Große Auswahl bietet der Plattenmarkt nicht, und da ist die vorliegende Produktion herzlich zu begrüßen.



Pizzicato, December 2008

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