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Dirk Wieschollek
Fono Forum, March 2010

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Georg Henkel
www.musikansich.de, January 2010

FACETTENREICH

Bei dieser technisch untadeligen und künstlerisch rundum überzeugenden Produktion mit György Ligetis Kompositionen für Streichquartett ragt die Einspielung des 1. Quartetts Métamorphoses nocturnes noch einmal heraus. Dem Parker Quartett gelingt es, dieses 1954 noch in Ungarn für die Schublade komponierte Stück als völlig ebenbürtiges Werk neben dem avancierten zweiten Quartett von 1968 zu präsentieren. Die Kunst liegt in der höchst differenzierten Artikulation und einer immer wieder aufregenden Detailarbeit. Dadurch schaffen es die Parker-Leute, das frühe und lange Zeit zurückgehaltene Werk in jedem Moment zukunftsträchtig klingen zu lassen.

Obwohl das erste Quartett noch im Horizont der unter dem sozialistischen Kulturdiktat verfemten modernen Quartette Bartoks entstand, erscheint in dieser Einspielung die Physiognomie des reifen Ligeti doch schon voll ausgebildet. Die zeigt sich nicht nur in dem bizarren, gleichermaßen surrealen wie nekrophilen Humor, der diesen Variationenzyklus beseelt—ein famoser Danse macabre. Er lässt sich bis in die Klanggestalten und Strukturen hinein verfolgen, die sich ebenso noch im Spätwerk finden: Zum Beispiel die Kompression des Tonraumes oder harsch gegeneinander gesetzte Blöcke, pseudo-maschinelles Ticken, lontano- und moriendo-Momente. Also: Das Vokabular an Möglichkeiten und die musikalische Vision sind im Grunde schon vollständig entwickelt. Nur Syntax und Grammatik mussten sich durch die Auseinandersetzung mit der westeuropäischen Nachkriegsavantgarde noch verändern (ohne die Eigen- und Querständigkeit aufzugeben).

Das Ergebnis dieser Transformation kann man im zweiten Quartett hören, das nach über vierzig Jahren noch nichts von seiner musikalischen Kraft verloren hat. Zwar klingt das Ensemble hier (wohl auch aufnahmebedingt) nicht ganz so präsent und körperlich, wie das Artemis-Quartett (EMI). Doch Attacke und Verve sind vergleichbar elektrisierend, wobei auch hier wieder die Detailarbeit besticht.

Was aus Ligeti hätte werden können, wenn er weniger charakterstark und genialisch gewesen wäre und als angepasster Komponist in Ungarn geblieben wäre, davon vermitteln das 1950 komponierte Andante cantabile und Allegretto capricioso eine Ahnung: handwerklich saubere, eingängige, doch nicht schlichte Musik ist das. Freilich: Wäre der Komponist dabei geblieben, wären die Stücke wohl bald vergessen worden. So aber fügt diese empfehlenswerte Aufnahme dem bekannteren Oeuvre Ligetis mit diesem Appendix eine interessante Facette hinzu.






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2:46:55 AM, 28 April 2015
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