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Rainer Aschemeier
The Listener, April 2012

Eins kann ich schon mal ganz zu Beginn der Rezension verraten: Hier geht es um die längst fällige Aufnahme einer großen Sinfonie, und diese Besprechung wird nicht ohne viele Verweise auf andere Rezensionen von www.the-listener.de auskommen. Warum das so ist? Weil sowohl der Komponist, um den es hier geht, als auch sein Werk, als auch die hier zu hörenden Interpreten in Deutschland immer noch relativ unbekannt sind. Angesichts der Großartigkeit der auf der nun neu vorliegenden Naxos-CD nachzuhörenden Musik, möchte ich einmal wieder die Gelegenheit nutzen, um eine Lanze für die Musik Mieczysław Weinbergs zu brechen.

Dieser war einerseits unverkennbar ein Schostakowitsch-Epigone, den der Meister aus St. Petersburg selbst hoch geschätzt hat (die hier vorliegende sechste Sinfonie Weinbergs gehörte zu Schostakowitschs Unterrichtsmaterialien, die er im Rahmen seines Kompositionsunterrichts verwendete). Andererseits war Weinberg ein Musikschöpfer, der sein Werk stärker noch als sein prominenter Komponistenkollege aus der Spätromantik heraus definierte. Das bedeutet aber nicht, dass Weinbergs Musik irgendwie anachronistisch wäre (genau so wenig, wie man das über die Musik von Jean Sibelius etwa sagen könnte). Weinberg besaß einfach einen eigenen, unverkennbaren Personalstil.

Die Labels Neos und Chandos haben in der jüngeren Vergangenheit beide versucht, Gesamteinspielungen der immerhin 22 Sinfonien Weinbergs zu realisieren, sind jedoch bislang beide noch in der Anlaufphase „stecken geblieben“. Auch dies zeigt, dass das Œuvre des in Polen geborenen und später in die UdSSR übersiedelten Komponisten zwar von Kritikern und Liebhabern hoch geschätzt wird, bislang aber in der Publikumsgunst nicht ganz so weit vorne lag.

In den letzten Jahren hat auch das Naxos-Label und dessen Sublabels immer wieder mit schönen Weinberg-Einspielungen geglänzt und so dafür gesorgt, dass das großartige Werk des Russen nicht ganz in Vergessenheit gerät. Beispiele für einige Einspielungen, die wir auf www.the-listener.de auch besprochen haben, finden sich zum Beispiel hier und hier.

Nun also die sechste Sinfonie auf Naxos. Was für ein herrliches, großes Werk! Jeder, der die großen Sinfonien Schostakowitschs und Mjaskowskijs zu schätzen weiß, sollte dieser CD einen ausgedehnten Testlauf geben, denn diese sechste Sinfonie ist ein herrliches Beispiel dafür, wie selbst unter den Kulturrepressalien der Sowjets eine eigenständige, große Kunst möglich war. Die Voraussetzung dafür war allerdings, dass der Schöpfer dieser Kunst sein Handwerk verstand, und das tat Mieczysław Weinberg fraglos.
Allein der langsame, düstere Eröffnungssatz sollte schon reichen, um anspruchsvolle Hörer aufhorchen zu lassen. Doch die dann folgende, von hohem individuellen Einfallsreichtum zeugende, asymmetrische Aufeinanderfolge von Sätzen mit Knabenchor und rein orchestralen Sätzen ist wirklich und wahrhaftig ganz großes Kino!
Zumindest vom Unterhaltungswert her steht diese große, knapp fünfzigminütige Sinfonie-Komposition keiner Schostakowitsch-Sinfonie etwas nach. Auch in Sachen Anspruch ist das Stück sowohl musikalisch als auch inhaltlich ein großer Wurf. Weinberg hatte sich bei seiner sechsten Sinfonie von Schostakowitschs dreizehnter Sinfonie („Babi Jar“) inspirieren lassen und sich für seine Sechste ebenfalls eine jüdische Thematik ausgesucht.

In Anbetracht der hervorragenden Interpretation die das Werk auf dieser CD-Novität erfährt sowie des sehr sehr guten Aufnahmeklangs der Veröffentlichung, kann man das Loblied auf diese neue Naxos-Einspielung nur weiterführen. Schon lange „werbe“ ich hier ja aktiv für die (in Deutschland leider nur per Import erhältlichen) CDs des St. Petersburger Sinfonieorchesters unter der Leitung von Vladimir Lande (so etwa hier und hier ). Nun ist also auch Naxos auf die hier zu hörende Traumkombination aufmerksam geworden. Das St. Petersburger Sinfonieorchester—einst unter der Leitung Mariss Jansons‘ mit einem hervorragenden Schostakowitsch-Zyklus auf EMI in aller Munde—fühlt sich unter dem Dirigat Vladimir Landes hörbar pudelwohl. Das haben bereits die sehr guten Veröffentlichungen der jüngeren Vergangenheit gezeigt, die diese Musikerpartnerschaft hervorgebracht hat.

Doch mit dieser Neueinspielung der sechsten Sinfonie wurde ein neuer Höhepunkt erreicht. Besser kann ich es mir fast nicht vorstellen. Dieses „fast“ bezieht sich lediglich auf die gelegentlich „kieksenden“ Knabenstimmen des Chors der Glinka-Schule, der ja hier immerhin in drei Sätzen zum Einsatz kommt. Aber alles andere ist wirklich vorbildlich.

Das gilt auch für den Klang, für den Dirk Fischer und Alexei Barashkin verantwortlich zeichnen. Letztgenannter hatte bereits für die CDs des Orchesters auf dem kanadischen Marquis-Label eine sehr ansprechende Sound-Gestaltung erarbeitet. Mit der Unterstützung durch den zweiten Tonmeister ist daraus nun ein ganz hervorragender, dem HiFi-Bereich naher Aufnahmeklang entstanden, den man nur loben und eigentlich höchstens in Sachen fehlender Bass-“wucht“ gering kritisieren kann.

Fazit: G R O S S A R T I G ! ! ! Vielleicht bekommt es ja Naxos hin, das sinfonische Gesamtwerk Weinbergs vorzulegen. Falls das geplant ist, würde man sich wünschen, dass alle Einspielungen mit dem hier versammelten Dreamteam realisiert würden. © 2012 The Listener






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6:19:20 PM, 29 August 2014
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