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5.110006 - Dmitry SHOSTAKOVICH: Jazz Suites Nos. 1 and 2
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Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

Der Bolzen (Suite aus dem Ballett) • Jazz-Suiten Nr. 1 und 2 • Tahiti-Trott

Zu den großartigsten künstlerischen Leistungen Schostakowitschs gehören ohne Zweifel seine Sinfonien, seine Streichquartette und seine Konzerte; Schostakowitschs Interessen und Sympathien auf musikalischem Gebiet waren jedoch sehr breit gefächert, was er selbst mit dem oft zitierten Satz, er möge jede Musik von Bach bis Offenbach, zum Ausdruck gebracht hat. Zudem hat in jüngster Zeit die Wiederaufführung solcher Werke, wie die Operette Moskau-Tscherjomuschki aus dem Jahr 1958, Schostakowitsch als einen Komponisten ins Bewusstsein gerückt, der sich mit Spaß und Begeisterung auf dem Feld der sogenannten „Unterhaltungsmusik" bewegte. Für diejenigen, die Schostakowitsch nur als Komponisten für den Konzertsaal in der Tradition Beethovens kennen, wird die vorliegende CD so manche Überraschung bieten.

Die drei Ballettmusiken Schostakowitschs gehören zu seiner frühen radikalen Periode, etwa die Jahre von 1926 bis 1934. Während dieser Zeit komponierte er in den verschiedensten Formen, wobei er, vielleicht nicht einmal bewusst, die Gattung mied, die er sich später so meisterhaft zu eigen machen sollte, die Sinfonie. Der Erfolg seines ersten Balletts Das goldene Zeitalter (1930) war nur von kurzer Dauer gewesen; kaum sechs Monate später hatte Schostakowitsch sein zweites Ballett vollendet, Der Bolzen; es wurde am 8. April 1931 am Kirow-Theater in Leningrad uraufgeführt. Fjodor Lopuchows Szenarium, mit dem Zentralthema Industriesabotage, bildete die Vorlage für eine Musik, die auf zirkusartiger Groteske und auf dem Konstruktivismus eines Strawinsky und Prokofjew aufbaut, wie er durch deren Werke für die Ballets Russes in Paris berühmt-berüchtigt geworden ist. Trotz, oder vielleicht gerade wegen der Aktualität des Balletts - die Sowjetunion befand sich inmitten des ersten Fünfjahrplanes Stalins - wurde Der Bolzen nach wenigen Aufführungen abgesetzt und in dieser Form zu Lebzeiten des Komponisten nie wieder gespielt.

Schostakowitsch stellte, entsprechend der üblichen Praxis, aus der Ballettmusik eine Konzertsuite zusammen; sie wurde am 17. Januar 1933 von der Leningrader Philharmonie unter Alexander Gauk uraufgeführt. Im Druck erschienen ein Jahr später nur sechs der ursprünglichen acht Sätze; der Komponist hatte zwei Nummern verworfen. In dieser Form wurde sie später unter dem Titel Ballettsuite Nr.5 bekannt, an die vier Suiten anknüpfend, die Lewon Atowmjan Anfang der 1950er Jahre aus Schostakowitschs früheren Bühnenmusiken zusammengestellt hat. Auf der vorliegenden CD ist das Werk in seiner ursprünglichen Fassung zu hören.

Die Introduktion ist eine stürmische Ouvertüre mit mehr als nur einem liebevollen Seitenhieb gegen Tschaikowskys Ballettmusik; ihr folgt Der Bürokrat in Gestalt einer Polka, mit dem Fagott in einer Paraderolle. Der Tanz des Kutschers ist eine kurze Folge von Variationen über ein kraftvolles Thema, ganz im Stil der russischen Volksballette, wie zum Beispiel Glieres Der rote Mohn. Koselkows Tanz mit Freunden dagegen wendet sich den populären Tänzen der dekadenten westlichen Bourgeoisie zu, namentlich dem Tango, um die Übeltäter im Ballett musikalisch darzustellen. Das Intermezzo umrahmt mit stolzierenden Rhythmen einen mehr rhapsodischen Mittelteil, der an manch andere Theater- oder Filmmusiken Schostakowitschs denken lässt. Der Tanz der Leibeigenen aus den Kolonien ist ein weiteres volkstümlich inspiriertes Stück, zuweilen launisch, zuweilen frenetisch; Der Kompromissler versprüht zirkusartige Ausgelassenheit, hervorgerufen durch funkelnde Soli des Xylophons. Die Suite, und auch das Ballett, endet mit Allgemeinem Tanz der Begeisterung und Apotheose - ungeheuer(lich) schwungvoll, überschäumend. Schostakowitsch hat in dieser Zeit viele solcher Finali komponiert, der alles mitreißende Schwung dieser Schlussnummer wird jedoch von keiner anderen erreicht. Vielleicht war dieser Überschwang, dieses „Zuviel", mehr als die sowjetische Obrigkeit ertragen konnte.

Obwohl sich Schostakowitsch in der Zeit Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre intensiv mit Volkstheater und Varieté beschäftigt hatte, wagte er sich erst im Jahre 1934 an ein spezifisch jazzorientiertes Werk - angeregt durch einen Wettbewerb in Leningrad, der sich zum Ziel gesetzt hatte, den Jazz von der Caféhausatmosphäre auf das Niveau ernster, was auch heißen will, ernst zu nehmender Musik zu heben. Genau das ist Schostakowitsch mit seinem Beitrag, der dreisätzigen Jazz-Suite Nr.1, gelungen. Die schmelzenden Klänge des Walzers, mit seiner unvergesslichen Trompetenmelodie, lassen die anschließende Polka spröde erscheinen, aber um so humorvoller. Das Pseudo-Pathos und die doppeldeutigen Bluesharmonien im abschließenden Foxtrott lassen deutlich werden, dass Schostakowitsch dem Jazz Ausdrucksbereiche erschlossen hat, die man allgemein als „ernster" empfindet.

Eine zweite Jazz-Suite, komponiert für Viktor Knusnewitzky und sein Staatsorchester für Jazzmusik, folgte im Jahre 1938; die Partitur ist allerdings während des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Erst im Jahre 2000 hat der Komponist und Musikwissenschaftler Gerald McBurney auf der Grundlage eines wieder aufgetauchten Klavierauszugs drei Sätze für eine Aufführung im Rahmen der Last Night of the Proms in London rekonstruieren können; seitdem ist Material für weitere Sätze entdeckt worden. Was man als Jazz-Suite Nr. 2 kennt, ist eigentlich eine Suite für Theater- oder „Promenaden"-Orchester (mit Saxophonen und Akkordeon im Vordergrund), die auf der Grundlage verschiedener Ballett-, Film- und Bühnenmusiken erstellt wurde.

Der einleitende Marsch, robust-russischen Charakters, steigert sich zu einem Feuer, das an Lehár gemahnt. Der Lyrische Walzer bildet einen unmittelbaren Kontrast, seine anzügliche Saxophonmelodie wird mit Inbrunst vom gesamten Orchester weitergeführt. Der überschäumende Tanz I ist besser bekannt geworden als Volksfest aus Schostakowitschs 1955 entstandener Musik zu dem Film Die Bremse (oft auch als Die Hornisse übersetzt). Der Walzer I ist ein liebevoller Seitenblick auf Tschaikowskys Nussknacker, die anschließende Kleine Polka erfreut durch seine eingängige Melodie im Xylophon. Der Walzer II, mit einer weiteren schlangenartig-geschmeidigen Saxophonmelodie, ist kürzlich zu neuer Popularität gelangt als Titelmusik zu Stanley Kubricks letztem Film Eyes Wide Shut. Der Tanz II ist von bezwingender Volkstümlichkeit, sein Rhythmus erinnert an die englische Hornpipe. Das Finale bringt die Suite zu einem temperamentvollen, gut gelaunten Abschluss.

Dass sich Schostakowitsch so intensiv mit der Tanz- und Unterhaltungsmusik beschäftigt hat, ergab sich eher zufällig. Begonnen hatte alles mit einer Wette zwischen ihm und dem Dirigenten Nikolai Malko, der Schostakowitschs Sinfonie Nr.1 im Jahre 1926 uraufgeführt hatte. Malko forderte den Komponisten heraus, Vincent Youmans’ berühmten Titel Tea for Two aus dem Musical No, No, Nanette innerhalb von einer Stunde zu orchestrieren - Schostakowitsch benötigte dafür vierzig Minuten. Das Ergebnis, witzig und nostalgisch zugleich, erklang erstmals am 25. November 1928 in Moskau, als es Malko unter dem Titel Tahiti-Trott aufführte. Das Stück wurde bald überall von Tanzkapellen und Theaterorchestern gespielt, und Schostakowitsch war clever genug, es in seine Ballettmusik Das goldene Zeitalter aufzunehmen, wo es regelmäßig als Zugabe verlangt wurde. Wie so viele seiner Kompositionen aus dieser Zeit, verschwand auch dieses Stück im Zuge der fortschreitenden Stalinisierung der Sowjetunion; erst in den Jahren unmittelbar nach dem Tod Schostakowitschs im Jahre 1975 wurde es zu neuem Leben erweckt.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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