About this Recording
6.110061 - MUSSORGSKY: Pictures at an Exhibition
English  German 

Modest Petrovich Mussorgsky (1839-1881)

Modest Petrovich Mussorgsky (1839-1881)

Bilder einer Ausstellung

 

Modest Petrowitsch Mussorgski wurde 1839 in Karewo im Gouvernement Pskow als vierter Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers geboren. Als junger Gardeoffizier mit musikalischen Ambitionen, aber ohne eigentlichen Kompositionsunterricht, versuchte er sich an einer Oper und weniger anspruchsvollen Stücken zur Unterhaltung seines Freundeskreises. Begegnungen mit den Komponisten César Cui und Alexander Dargomyshski brachten ihn mit Mili Balakirew, dem selbsternannten Anführer der nationalistischen Musikreformer und deren überaus einflussreichem Mentor Wladimir Stassow, Mussorgskis erstem Biografen, zusammen. Interessanterweise wusste Stassow anfänglich wenig Gutes über Mussorgski zu berichten, dem es seiner Meinung nach an Ideen mangelte und den er überhaupt für einen Verrückten hielt – ein Urteil, dem sich zeitweilig auch Balakirew anschloss. 1858 nahm Mussorgski seinen Abschied als Gardeoffizier. Nach der 1861 vollzogenen Abschaffung der Leibeigenschaft und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Niedergang des Landadels nahm Mussorgki eine ministerielle Beamtenstellung an. In dieser Zeit begann er seine höchst originellen Ideen, seine ureigene Musiksprache und sein tiefes Interesse für das russische Volk und dessen Geschichte zu entwickeln. 1867 quittierte er den Beamtendienst und versuchte seinen Lebensunterhalt als Musiklehrer und Klavierbegleiter zu verdienen, finanzielle Schwierigkeiten zwangen ihn jedoch im folgenden Jahr, in den den Brotberuf eines Beamten zurückzukehren. Seinen größten musikalischen Erfolg erzielte er 1874 mit der Uraufführung der auf historischen Ereignissen basierenden Oper Boris Godunow, ein Werk, das bei weiten Kreisen der Kritik jedoch auf Ablehnung stieß. Alkoholexzesse waren der Grund dafür, dass er 1880 aus dem Staatsdienst ausscheiden musste. Sein sich dramatisch verschlechternder Gesundheitszustand erlaubte es ihm nicht mehr, die beiden großen Opernprojekte Der Jahrmarkt von Sorotschintzi und Chowanschtschina zu beenden. Bei seinem Tod nach einem Epilepsieanfall im März 1881 hinterließ er große Teile dieser Arbeiten uninstrumentiert bzw. nur in losen Skizzen. Nikolai Rimski-Korsakow übernahm die Orchestrierung und Bearbeitung einiger der als Fragment hinterlassenen Werke. Durch seine harmonisierenden Bearbeitungen glättete der ob seiner hervorragenden Instrumentierungskunst berühmte Rimski-Korsakow die rauhe Urwüchsigkeit des mussorgskischen Idioms, was von der Nachwelt stets stärker als Nachteil empfunden wurde.

 

Mussorgskis sinfonisches Gemälde Eine Nacht auf dem Kahlen Berge geht auf eine Musik zurück, die der Komponist während seiner Zeit in der Armee für das Schauspiel eines Freundes, Die Hexe, geschrieben hatte. Später plante der Komponist eine Oper über eine Erzählung von Nikolai Gogol mit dem Titel ‚Johannisnacht’, die allmählich als Der Jahrmarkt von Sorotschintzi Form anzunehmen begann, allerdings Fragment blieb. Als er 1867 vorübergehend aus dem Beamtendienst entlassen wurde, begann Mussorgski die Arbeit an einem Orchesterwerk, bei dem er auf das Material zurückgriff, mit dem er einen Hexensabbat auf dem (bei Kiew gelegenen) Kahlen Berg beschrieben hatte. Wie üblich bei dieser Art Phantasiemusiken beginnt die Hexenfeier in einer Atmosphäre relativen Dekorums, bevor sie mit charakteristischeren Aktivitäten fortfährt. Seine Inspiration bezog Mussorgski aus dem russischen Volkslied, ein Element, das sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes kompositorisches Oeuvre zieht. Später arbeitete Rimski-Korsakow das Werk beinahe vollkommen um; seine Fassung basiert auf der Variante, die Mussorgski unter dem Titel ‚Des Burschen Traumgesicht’ in die Oper Der Jahrmarkt von Sorotschintzi übernommen hatte. Die vorliegende Einspielung stellt beide Fassungen vor.

 

Der berühmte Hopak aus Der Jahrmarkt von Sorotschintzi existierte bereits in einer früheren Fassung des Komponisten für Klavier. Offenbar war der Tanz für das Finale entweder des ersten oder des letzten Aktes bestimmt. Auf jeden Fall eignet er sich bestens für die Feier, mit der die Oper nach Auflösung aller Missverständnisse endet.

 

Sein musikalisches Volksdrama Chowanschtschina (Die Chowanski-Affäre) hinterließ Mussorgski ebenfalls unvollendet. Die posthume Uraufführung fand in einer von Rimski-Korsakow ergänzten Fassung statt. Spätere Versionen stammen von Strawinsky und Schostakowitsch. Das Werk behandelt die chaotischen Ereignisse des Konflikts über die Nachfolge des 1682 verstorbenen Zaren Fjodor. Das von Fürst Iwan Chowanski befehligte Strelizenheer hatte eigene reaktionäre Ambitionen, während die anderen Parteien aus den so genannten Altgläubigen und aus der Regentin Sophia Alexejewna, der Halbschwester des an die Macht drängenden, noch unmündigen Peter Romanow, des späteren Zaren Peter I., bestehen Die Opposition gegen Peter ist mehr oder weniger eine konservative Reaktion auf die religiösen und politischen Reformen der Zeit. Fürst Wassili Golizyn vertritt die Interessen seiner vermeintlichen Geliebten Sophia, doch seine Beteiligung an ihrem Vorhaben, Peter ermorden zu lassen und selbst den Thron zu besteigen, führen zu seiner Verbannung.

 

Der Entstehungsanlass von Mussorgskis 1874 als Klavierzyklus entstandenen Bildern einer Ausstellung war eine posthume Ausstellung von Aquarellen und Zeichnungen des befreundeten Architekten Victor Hartmann. Eine Promenade, die den Komponisten beim Rundgang durch die Ausstellung zeigt, verbindet die zehn ausgewählten Bilder miteinander. Die Titel der einzelnen Stücke sind zugleich ihr Programm. Gnomus ist bei Hartmann die Skizze eines Nussknackers in der Gestalt eines grotesk einherstolpenden Kobolds. Das alte Schloss zeigt einen außerhalb der Mauern singenden Troubadour, während Tuileries eine elegante Genreszene mit dem Streit zwischen Kindern nach dem Spiel darstellt. Bydlo ist ein polnischer, von Ochsen mühsam gezogener Karren mit quietschenden Rädern; Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen, eine Dekorationsskizze Hartmanns, zeigt aus ihren Eiern ausschlüpfende Kanarienvögel; Samuel Goldenberg und Schmuyle ist die Charakterzeichnung eines armen und eines reichen Juden. Auf dem Marktplatz in Limoges hört man das lebhafte Geschwätz alter Frauen, die sich über das Los einer entlaufenen Kuh und andere Trivialitäten unterhalten. Die römischen Katakomben (im Untertitel ‚Sepulchrum romanum’) vermitteln die Atmosphäre einer bedrückenden Grabesstille. Der zweite, unmittelbar mit dem ersten verbundene Teil ist das unheimliche ‚Mit den Toten in der Sprache der Toten’. Die makabere Stimmung wird fortgesetzt mit der Hütte der Baba-Jaga, der berühmten Hexe des russischen Märchens, die Kinderknochen in einem Mörser zermalmt und sich auf dem Stößel in die Lüfte schwingt. Das triumphale Schlussbild, Das große Tor von Kiew, ein nie verwirklichter Entwurf Hartmanns, erinnert an die Flucht Alexanders II. vor einem Mordanschlag im Jahr 1866. Die Musik kontrastiert die massive Struktur mit dem Klang einer feierlichen Prozession singender Mönche. Größte Popularität erlangten die Bilder einer Ausstellung in der Instrumentierung Maurice Ravels.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


Close the window