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8.223201 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 1
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

"Gunstwerber", Walzer, op. 4
Am 5. September 1844 hat der Magistrat der Stadt Wien dem 18jährigen Johann Strauß II. die Bewilligung erteilt, mit einem Orchester von etwa 12-15 Musikern bei öffentlichen Konzerten und Ballveranstaltungen aufspielen zu dürfen. Nur sechs Wochen später, am 15. Oktober 1844, fand bereits das historisch bedeutsame Debüt des jungen Strau ß als Dirigent und als Komponist statt, und zwar im, bei der vornehmen Wiener Gesellschaft sehr beliebten, Casino Dommayer in Hietzing – einem Vorort der Kaiserstadt Wien in unmittelbarer Nähe des Schlosses Schönbrunn. Vater Johann Strauß (1804-1849), damals bereits seit Jahren der berühmteste Tanzmusik-Komponist und -Dirigent Europas, war über dieses Debüt ganz und gar nicht erfreut: er hatte ja seinen Söhnen verboten, die Musikerlaufbahn zu ergreifen. Er mußte daher das Debüt Johanns als Herausforderung durch seinen Sohn betrachten.

Der Abend bei Dommayer ist zwar als "Soirée dansante" angekündigtworden, aber es stellten sich so viele, vonder Sensation dieses Debüts des Sohnesgegen seinen Vater erregte, Zuhörer ein, daß als Folge des Tumultes und Gedränges im Saale das Tanzen jedenfalls unmöglich war. Johann Strauß II. begann die Soirée mit dem Vorspiel zu Auber's Oper "Die Stumme von Portici" ("La Muette de Portici") und ließ sodann eine Cavatine aus der Oper "Robert der Teufel" ("Robert la Diable") von Giacomo Meyerbeer folgen. Die beiden Vorträge wurden mit Begeisterung aufgenommen. Aber erst dann kam der Augenblick, auf den die Zuhörer mit gespannter Aufmerksamkeit gewartet hatten: der Vortrag der ersten Tanzkomposition des jungen Musikdirektors. Strauß wählte den, eigens für das Debüt geschriebenen, Walzer "Gunstwerber' (der später als Opus 4 im Druck erschienen ist). Das Werk hatte die, mit höchstem Interesse gestellte Frage zu beantworten, ob die große, ja einzigartige musikalische Begabung für die wienerische Musik von Vater Strauß auf seinen Sohn Johann übergegangen war. Nun – der Walzer "Gunstwerber" hat die Erwartungen des Publikums jedenfalls zufrieden gestellt. Es gab reichen Beifall, und einige Tage später beantwortete der Redakteur J.N. Vogl im "Österreichischen Morgenblatt" diese Frage nach dem Talent Johanns mit folgender Feststellung: "Ich selbst habe nur die Ouvertüre von Auber und die 'Gunstwerber' gehört, da es nur Hyper-Enthusiasten möglich war, in dieser Hitze sich mehrere Stunden herumzubalgen, aber aus diesen beiden Piecen habe ich recht gut entnommen, daß in Strauß ein ganz tüchtiges Directionstalent innewohnt und daß er in Hinsicht auf seine Kompositionen denselben Melodienfluß und dieselbe pikante und wirkungsvolle Instrumentirung besitzt wie sein Vater, von dessen Kompositionsweise er nicht einmal ein sclavischer Nachahmer genannt werden darf."

"Herzenslust", Polka, op. 3
Die Polka "Herzenslust" gehörte zu dem Repertoire, das Johann Strauß II. für sein Debüt bei Dommayer komponiert und mit seinem kleinen Orchester eingeübt hatte; bei der "Soirée dansante" am 15. Oktober 1844 in Hietzing ist sie auch zum ersten Male erklungen. Das Werk orientierte sich am Typus der "Böhmischen Polka", welche in Wien seit den frühen Vierzigerjahren bekannt war und den auch Strauß-Vater in seinen prächtigen Polkatänzen übernommen hatte. Der junge Strauß hat das Programm seines Debüts sehr geschickt aufgebaut: nachdem sich der angehende Musikdirektor durch den Vortrag von Opernpiecen als Interpret des klassischen Repertoires bewährt hatte, konnte er – im Kontrast dazu – mit seinen eigenen Novitäten für dieses Konzert (zwei Walzer, eine Polka und eine Quadrille) seine Fähigkeiten als Komponist und als Vorgeiger (Interpret) der wienerischen Musik in den drei wichtigsten Tanzformen beweisen. Das ist Strau ß glänzend gelungen. In ihrem Bericht über das Debüt bei Dommayer schrieb die vielgelesene Zeitung "Der Wanderer", daß sowohl die "Debut-Quadrille" als auch die "Herzenslust-Polka" mit Beifall aufgenommen worden seien: die beiden Werken "sind so pikant in der Idee, so effektschimmernd in der Instrumentirung behandelt, daß wir auch hierdas kecke, Üppige Talent von Johann Strauß-Sohn rühmend anerkennen müssen".

"Phönix-Schwingen", Walzer, op.125
Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters im September 1849 versuchte der 24 jährige Musikdirektor Johann Strauß unter Aufbietung aller Kräfte, die beherrschende Rolle zu übernehmen, die der "alte" (in Wahrheit erst 45jährigel) Strauß zuletzt im Wiener Leben gespielt hatte. Der Sohn verschmolz das berühmte Orchester des Vaters mit seiner eigenen Kapelle und suchte alle Engagements zu behalten, die das Unternehmen seines Vaters eingegangen war. Nun hatte also er alle Anforderungen zu erfüllen, die das "Walzergeschäft" nun einmal mit sich brachte: er mußte nicht nur komponieren, sondern auch Konzerte organisieren, Proben und Einstudierungen abhalten, täglich bei Bällen (oftmals nacheinander in zwei bis drei Etablissements in einer Nacht!) oder bei Soiréen und Konversationen mit der Geige in der Hand das Orchester leiten und dabei das Publikum für sich gewinnen und begeistern. Diese ungeheure Anstrengung war aber für seinen schmächtigen Körper allzu groß: schon während der Jahre 1851 und 1852 kam es daher zu Zusammenbrüchen, sodaß Strauß Pausen einlegen mußte. Nach einer Kunstreise im Herbst 1852 (sieführte über mehrere Stationen in Deutschland nach Berlin und Harnburg) erkrankte der junge Musikdirektor schließlich so schwer, daß voreilige Zeitungen schon sein Ableben meldeten. Aber Strauß erholte sich wieder, allerdings sehr langsam. Erst am 16. Jänner 1853 erschien er wieder an der Spitze seines Orchesters im Volksgarten. Einen Tag später spielte er im Sofienbad-Saal bei einem von ihm selbst veranstalteten Ball: bei dieser Gelegenheit präsentierte er seinen Verehrern als Festgabe die Aufführung eines neuen Walzers mit dem Titel "Phönix- Schwingen". Ob Strauß diesen Titel auf sein eigenes Schicksal bezogen hat (er hatte sich ja von seinem Krankenlager erhoben wie in der Legende der Vogel Phönix aus der Asche!), oder ob es sich bei der Wahl dieser Bezeichnung um einen Jux handelte, den Strauß machte, indem er damit auf ein soeben in Wien gegründetes Fuhrwerksunternehmen namens "Phönix" anspielte, mag dahin gestellt bleiben. Dieses Unternehmen, das dem Publikum versprochen hatte, die Fahrgäste billiger und überdies auch noch schneller zu befördern als die traditionellen Wiener "Fiaker", versagte kläglich und mußte schon nach kurzer Zeit den Betrieb wieder aufgeben. In den Zeitungsberichten wurde daher der Strauß'sche "Phönix" mit dem lahmen "Phönix" in Wiens Straßen verglichen, das erhöhte den Erfolg des prächtigen Walzers.

Die schwungvoll aufsteigenden Melodien dieses Werkes, die effektvolle
Kontrastierung in der Instrumentation weisen jedenfalls auf den Vogel Phönix hin und sicherten dem Walzer seine Beliebtheit für alle Zukunft. Irn Jänner 1853 war der, später ebenfalls weltberühmte, Pianist und Dirigent Hans Guido von Bülow zum ersten Male in Wien; er traf im Salon des Verlegers Carl Haslinger mit Strauß zusammen. Strauß widmete dem jungen Kollegen spontan den Walzer "Phönix-Schwingen" und nahm einige seiner Kompositionen ins Repertoire seiner Kapelle auf. Bülow hat es ihm zeitlebens niemals vergessen.

"Debut-Quadrille", op. 2
Das Musikprogramm, das Johann Strauß-Sohn für sein Debüt bei Dommayer vorbereitet hatte, umfaßte neben den ersten eigenen Kompositionen verschiedene Ouvertüren und Ausschnitte aus der Welt der Oper (Auber, Meyerbeer), das Vorspiel Franz von suppé's zu einer wienerischen Version von Shakespeares "Sommernachtstraum" und vor allem auch, als Huldigung für seinen Vater, dessen Meisterwalzer "Loreley-Rheinklänge" (op. 154, aus dem Jahre 1843). Trotz dieses anspruchsvollen Programms waren es die eigenen Arbeiten des jungen Strauß, die den größten Erfolg erzielen konnten. Das berichtete die Zeitung "Der Wanderer" mit folgenden Worten:

"(...) er [= Strauß] führte vier Piecen auf, bei deren Executirung der Jubel des Publikums die Töne förmlich übertäubte und der junge Strauß manche Piece fünf- bis sechsmal repetieren mußte. (...) Die Compositionen anlangend dürfte er in kurzer Zeit auch dem Auslande bekannt sein."

So begann also seine erfolgreiche Musikerkarriere, die sich in der Folge bis ans Ende des Jahrhunderts erstrecken sollte. Die für das Strauß-Debüt charakteristische, erste Quadrille des jungen Musikdirektors enthält alle jene Teile, die bei diesen, im Bereich der Konzert- wie vor allem natürlich der Tanzmusik im 19. Jahrhundert wichtigen und beliebten, Kompositionen damals (nach französischem Vorbild) in Wien üblich waren. Die Gliederung lautete:

Nr. 1 Pantalon (= "Die Hose", benannt nach einem frz. Volkslied),
Nr. 2 Ete (= "Der Sommer"),
Nr. 3 Poule (= "Die Henne"),
Nr. 4 Trenis (= "Die Trennung"),
Nr. 5 Pastourelle (Pastor = Schäfer),
Nr. 6 Finale.

"Zehner-Polka ", op. 121
Zu Beginn des Oktobers 1852 unternahm Johann Strauß mit seiner Kapelle eine Tournee über mehrere Stationen bis nach Berlin und Hamburg. Anläßlich seiner Konzerte in Dresden machte Strauß die Bekanntschaft mit dem, damals in der sächsischen Residenz tätigen, Kapellmeister Hugo Hünerfürst und wurde von diesem in seinen Freundeskreis eingeführt. Auf der Rückreise machte Strauß nochmals in Dresden Station und bekräftigte die rasch geschlossene Freundschaft. Ob es sich bei diesem Kreis um eine fröhliche Stammtisch-Runde gehandelt hat oder ob die Vermutung zutrifft, daß dieser Circle sich mit spiritistischen und parapsychologischen Experimenten befaßt hat, wie sie damals überall in Europa in Mode waren, ist nicht überliefert. Strauß hat seine neue, möglicherweise bereits in Dresden skizzierte, Polka in Wien zum ersten Male am 24. November 1852 vorgetragen, und zwar vor einer gewiß ebenfalls fröhlichen Gesellschaft beim Katharinenball im Etablissement “Sperl” in der Leopoldstadt. Als dann das Werk im Druck erschienen war, stand auf dem Titelblatt die Aufschrift: "Zehner-Polka, komponiert zu Ehren einer Gesellschaft von 10 Leuten in Dresden, und ihnen in Freundschaft gewidmet."

"Klangfiguren", Walzer, op. 251
Der anspruchsvolle Walzer "Klangfiguren" war die Widmungskomposition des Musikdirektors Johann Strauß für den Ball der Hörer der technischen Hochschule zu Wien, der am 4. Februar 1861 im Sofienbad-Saal abgehalten worden ist. Die Auswahl des Titels für den Widmungswalzer stand den Ballgebern zu, aber - wie in manchen anderen Fällen - hat sich Strauß von dem vorgegebenen Titel auch bei diesem Walzer zu eigenen Phantasien im Dreivierteltakt anregen lassen. Die Herren Techniker dachten bei ihrem Vorschlag möglicherweise an eine Entdeckung des deutschen Physikers und Akustikfachmanns Ernst Florens Friedrich Chladni (1756-1827). Chladni experimentierte u. a. mit einer Glasplatte, auf die feiner Sand gestreut wurde: wenn man die Platte in Schwingungen versetzte, ordneten sich die Sandkörner zu Figuren von erstaunlicher Vielfalt; wenn man etwa mit Tonfrequenzen auf die Platte einwirkte, so ergaben sich bei niedrigen Frequenzen einfache Figuren, bei sehr hohen Frequenzen entstanden aber höchst komplizierte Gebilde. Wie der Physiker Chladni hat auch Johann Strauß bei diesem Walzer gleichsam mit Tönen experimentiert: so entstand ein nicht sofort populäres, aber dafür höchst interessantes, bei jedem neuen Hören auf immer neue Art und Weise faszinierendes und überraschendes Werk. Strauß hat da dem Hörvermögen der Techniker (und ihrem Klangsinn) einiges zugemutet!

"Maskenzug-Polka" française, op. 240
Am 25. November 1860 gab es in Wien zwei Möglichkeiten, die neue "Maskenzug-Polka" in einer Aufführung der Strauß-Kapelle unter der Leitung des Komponisten Johann Strauß zu hören und zu sehen, wie elegant und schwungvoll der Herr Musikdirektor dabei den Geigenbogen führte: am Nachmittag bereicherte das Werk das Programm des Konzerts im Volksgarten- Salon, am Abend erlebten es die Gäste der traditionellen Katharinen-Redoute im eleganten Redoutensaal der Hofburg. Sie "erlebten" die Polka insofern, als der Verleger Carl Haslinger im Verlauf der Redoute einen Maskenzug der bildenden Künstler arrangierte, für den sich die Maler und Bildhauer, aber auch ihre Freunde, etwa die Schauspieler und Musiker, in grotesker Weise verkleidet hatten. Und zu diesem Maskenzug spielte "Jean" Strauß übermütig seine neue Polka auf. Neu war dieses Werk damals allerdings nurfür Wien. Strauß war kurz zuvor von seiner fünften Konzertsaison in Pawlowsk bei St. Petersburg in die Heimatstadt zurückgekehrt und hatte die Polka aus Rußland mitgebracht: sie hatte ihre Premiere im Vauxhall von Pawlowsk erlebt und war dabei dem russischen Publikum deran in die Beine gefahren, daß die Männer mit ihren Stiefeln den Takt trampelten. So ergab sich der in Rußland für das Werk üblich gewordene Titel gleichsam von selbst, "Trapp-Polka". Aber Haslinger war so stolz auf seinen Maskenzug im Redoutensaal, daß das Werk in seinem Verlag den endgültigen Namen "Maskenzug-Polka" erhalten hat.

"Nocturne-Quadrille", op. 120
Am 24. September 1852 wurde in Wien das Tongemälde "Die nächtliche Heerschau", Text von Joseph Freiherrn von Zedlitz, Musik von Anton Emil Titl aufgeführt. Das Werk des angesehenen, österreichischen Dichters und Schriftstellers und des böhmischen Musikanten, der es bis zum Kapellmeister und Hauskomponisten am k. k. Hofburg-Theater gebracht hatte, war in Wien Tagesgespräch. Und so nützte auch Johann Strauß den Anlaß, um im Volksganen bei seinem Konzen seine neue "Nocturne-Quadrille" dem Publikum vorzustellen, die Motive aus diesem Tonbild auf sehr geschickte Art und Weise verwendete. Später hat auch Joseph Strauß sowohl das Tongemälde "Die nächtliche Heerschau" von Zedlitz/Titl als auch die "Nocturne-Quadrille" seines Bruders in das Repertoire der Volksganen-Konzene einbezogen.

"Freuet euch des Lebens", Walzer, op. 340
Johann Strauß hat seinen Walzer "Freuet euchdes Lebens" der einflußreichen Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gewidmet und auch die erste Aufführung des Werkes beim Eröffnungsball im Goldenen Saal des von Theophil Hansen erbauten Hauses am 15. Jänner 1870 selbst geleitet. Es ist dies der Saal, in dem alljährlich die "Neujahrs-Konzerte" der Wiener Philharmoniker veranstaltet werden. Der stolze Bau, in dem sich der heute noch beste Konzensaal der Welt befindet, war zehn Tage vorher von Kaiser Franz Joseph seiner Bestimmung übergeben worden.

Alle drei Strauß-Brüder, Johann, Joseph und Eduard, haben sich beim Eröffnungsball mit neuen, der Gesellschaft zugeeigneten Werken eingestellt: die größte Popularität aber erreichte jener Walzer von Johann Strauß, der das Lebensmotto des Komponisten als Titel erhalten hat: "Freuet euch eures Lebens und jammert erst, wenn es wirklich etwas zu bejammern gibt!"

Auch als Johann Strauß das strahlende Licht der Ballsäle verlassen hatte und ins Lager der Operettenkomponisten übergegangen war, sorgte er dafür, daß seine, für die insgesamt 16 Bühnenwerke geschriebenen, Melodien in der Form von Tanzstücken ihren Weg in die Ballsäle gefunden haben. Auch die Operette "Die Fledermaus", sein drittes und erfolgreichstes Bühnenwerk, bildete dabei keine Ausnahme: Johann Strauß hat nicht weniger als sechs, und zwar fast ausnahmslos sehr erfolgreiche, Tanzpiecen nach Motiven dieser Meisteroperette arrangiert.

Im Fasching 1874, als die Uraufführung der Operette im Theater an der Wien vorbereitet wurde, verlangte die einflußreiche Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" von Johann Strauß eine Widmung für ihr traditionelles Ballfest. Der Komponist überließ der Vereinigung die "Fledermaus-Polka" und führte das Werk am 10. Februar 1874 auch persönlich im Sofienbad-Saal den Gästen der "Concordia" vor. Obwohl die Polka Motive aus verschiedenen Teilen der Operette enthält (Beginn und Finale 2. Akt), konnte sie nicht allzuviel über die gesamte Musik des Werkes verraten. So blieb die Spannung bis zur Premiere der Operette "Die Fledermaus" am 5. April 1874 aufrecht. Die Polka war aber immerhin eine amüsante "Hörprobe".

"Bei uns z' Haus", Walzer, op. 361
Im Sommer 1873 war die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien tatsächlich das "zu Hause", also die Heimstatt der Welt, da ab Mai dieses Jahres im Wiener Prater eine Internationale Weltausstellung abgehalten wurde. Johann Strauß war eingeladen worden, während dieser Zeit an der Spitze eines Orchesters vor allem für die Gäste der Kaiserstadt an der Donau seine eigenen Kompositionen aufzuspielen. Da Johann Strauß aber der Ansicht war, die von seinem Bruder Eduard geleitete Strauß-Kapelle sei durch ihre Engagements in den Wiener Etablissements voll ausgelastet, engagierte er das Orchester des Musikdirektors Julius Langenbach aus Elberfeld als "Weltausstellungskapelle". Es waren daher Musiker aus Deutschland, die gemeinsam mit den Mitgliedern des Wiener Männergesangvereins den Walzer "Bei uns z' Haus" am 6. August 1873 im Vergnügungspark "Neue Welt" in Wien-Hietzing zum ersten Male aufgeführt haben. Die Leitung hatte Johann Strauß. In dieser Form lernten die Wiener und das internationale Publikum der Weltausstellung das Werk kennen. Der amüsante Text des Schriftstellers Anton Langer, der übrigens ein Jugendfreund des Komponisten war, schilderte das tägliche Leben, wie es sich eben damals in der Kaiserstadt, "bei uns z' Haus", ereignete. Werk und Aufführung gefielen dem Publikum. Die "Wiener Abendpost" kam zu dem Urteil: "Strauß's 'Bei uns z' Haus' gleicht seinem anderen Chorwalzer'An der schönen blauen Donau' und wird bald nicht nur bei uns z' Haus bekannt werden, sondern auch in der ganzen Welt." Die Vorhersage ist allerdings nicht in vollem Umfang in Erfüllung gegangen: das Werk, das übrigens Marie Fürstin Hohenlohe-Schillingfürst, einer Tochter des Komponisten Franz Liszt und Gattin des Obersthofmeisters Konstantin Hohenlohe, gewidmet worden ist, hat trotz seiner stimmungsvollen Schönheit die weltweite Popularität des "Donauwalzers" nicht erreicht, auch nicht in der Orchesterfassung, die in dieser Aufnahme im Original erklingt.

"Veilchen", Mazur nach russischen Motiven, op. 256
Johann Strauß hat die Sommersaison des Jahres 1861 in Pawlowsk bei St. Petersburg am 26. Mai (d.i. am 14. Mai nach dem in Rußland damals gültigen "alten" Kalender) eröffnet. Das Programm begann mit der russichen Nationalhymne, dann folgten Vorträge von Musikstücken aus der Feder von Erkel Ferencz, Richard Wagner und J.S. Bach. Dann aber kam eine Verneigung vor dem Publikum; eine Mazur nach russischen Motiven unter dem Titel "La Violetta" (= "Das Veilchen"). Das Werk gefiel dem Publikum gleich beim ersten Hören so gut, daß es mehrfach wiederholt werden mußte. Im Verlauf der sechsmonatigen Saison mußte Strauß die Mazurka mehr als fünfzigmal vortragen bzw. von einem Solisten auf dem Cornet à piston vortragen lassen. In einem Brief an seinen Verleger Carl Haslinger in Wien schrieb Strau ß: "Morgen sende ich Ihnen (...) 'La Violetta', Mazurka. Es mangelt sich auch in Wien an Mazurkas, daher ich mich entschloßen, sie zu verfassen, d. h. nach russischen Themen." Das Werk wurde daher auch in Wien veröffentlicht, und zwar unter dem Titel "Veilchen, Mazur nach russischen Motiven".


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