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8.223206 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 6
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II, der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Warschauer Polka, Op. 84
Im Oktober 1850 fasste Johann Strauss einen kuehnen Plan: er liess fuer die Mitglieder seines Orchesters und fuer sich selbst Paesse ausstellen, die zu einer Reise in die "kaiserlich koeniglichen Kronlaender, nach Preussen und Russisch-Polen" berechtigten. Am 16. Oktober 1850 verliessen Strauss und sein Orchester Wien und gaben eine Serie von Konzerten in Ratibor, Breslau und Kattowitz (diese Staedte lagen damals in Schlesien, heute gehoeren sie zu Polen). Das Ziel der Reise war jedoch Warschau. denn in dieser Stadt, die im von den Russen beherrschten Teil Polens lag, sollte ein Zusammentreffen des Zaren mit Kaiser Franz Joseph von Oesterreich stattfinden. Die angeblich oder tatsaechlich abenteuerliche Geschichte dieser Reise hat Strauss selbst oft erzaehlt und dabei immer neue, schauerliche Einzelheiten berichtet. Man habe seine Musiker fuer Spione angesehen und die ganze Truppe in einen Schweinestall eingesperrt; erst als der Warschauer Verleger Lieblein bei der Zarin interveniert und diese die sofortige Freilassung des ihr von Wien her bekannten Strauss befohlen habe, sei die Haft aufgehoben worden.

Wie dem auch gewesen sein mag: Strauss spielte jedenfalls in Warschau bei mehreren Konzerten in der Residenz des Zaren vor dem russischen Herrscher und seinen Wiener Gaesten. Auch in der Stadt Warschau gab Strauss etliche Konzerte. Die Pointe des Unternehmens aber war der Umstand, dass der junge Strauss, der in Wien die Nachfolge seines Vaters als Hofball-Musikdirektor nicht hatte antreten duerfen, nun in Warschau seinem Kaiser Franz Joseph zum ersten Male – als Kapellmeister des Zaren – aufspielte.

Waehrend der kurzen Zeit seines Aufenthaltes in Warschau hat Strauss nach eigener Angabe drei neue Werke komponiert, die er nach seiner Rueckkehr am 21. November 1850 bei einem Festkonzert in der Bierhalle vor der Mariahilfer Linie dem Publikum seiner Heimatstadt vorgefuehrt hat: im Druck ist allerdings nur eines dieser Werke erschienen, die "Warschauer Polka", die – so stand es jedenfalls in den Journalen – vom Komponisten der Zarin Maria Feodorowna in tiefer Ehrfurcht gewidmet worden war. (Auf der Erstausgabe fehlt diese Dedikation.) Aber die Widmung hatte wohl ihre Richtigkeit, denn die Zarin hat Strauss zur Belohnung einen Diamantring ueberreichen lassen.

Wellen und Wogen, Walzer, Op. 141
Waehrend der Konzerttournee, die Johann Strauss im Oktober und November 1852 nach Deutschland unternommern hat, gastierte er mit seiner Kapelle auch in Hamburg; er muss sich trotz der Konzertverpflichtungen auch Zeit fuer einen Ausflug an die Nordsee genommen haben. Denn Strauss nahm Impressionen nach Wien mit, die er waehrend seines Urlaubs im naechsten Sommer in die Partitur eines Walzers mit dem Titel "Wellen und Wogen" einfliessen liess. Bei der Niederschrift des Werkes hatte Strauss wohl nicht die Absicht, einen schwungvollen Tanzwalzer fuer den naechsten Karneval zu schreiben, sondern dachte eher an einen charakteristischen Konzertwalzer, in dem das Wellenmotiv gleich zu Beginn die Begleitung bildete.

Fuer die Urauffuehrung des Werkes waehlte Strauss sein Benefizkonzert im Wiener Volksgarten am 9. Oktober 1853. Das Wetter spielte mit, der schoene Herbstnachmittag verwoehnte das Publikum mit milden Temperaturen und liess ihm genuegend Musse, den neuen Walzer aufmerksam anzuhoeren. Diese Chance nuetzte wohl auch der Referent der "Theaterzeitung", denn er schrieb anlaesslich des Erscheinens der Klavierausgabe des Werkes:

"Diese Wellen und Wogen sind von elektrischer Wirkung; auch auf die groessere Anforderungen stellenden Soiree-Besucher ueben diese bezaubernden Klaenge eine unwiderstehliche Anziehungskraft, welche sich nach jedesmaliger Auffuehrung dieser einschmeichelnden Weisen in einem wahren Beifallssturm Luft macht. So fortgefahren, wackerer Strauss!"

Es gab allerdings im Chor der oeffentlichen Meinungen auch andere Stimmen: der mit Strauss etwa gleichaltrige Musikkritiker Eduard Hanslick, dessen Feuilletons immer mehr Resonanz bei den Lesern gewannen, wollte von einer Erweiterung der Walzerform nichts wissen, und schon gar nichts von einer Angleichung der Tanzstuecke an die Musik jener Komponisten, die man damals als "Zukunftsmusiker" verspottete bzw. ablehnte, vor allem also Franz Liszt und Richard Wagner. Der Fluch, den Hanslick damals gegen die "Walzer-Requiem" von Strauss aussprach, traf zwar vor allem den Walzer "Schallwellen", bezog aber auch "Wellen und Wogen" mit ein.

Strauss, der spaeter noch oft von Hanslick zu Unrecht abfaellig bewertet worden ist, hat dieses toerichte Urteil des Kritikers damals noch mit Fassung getragen. Das Lob und die Anerkennung der vielgelesenen "Theaterzeitung" war ihm wichtiger. Aber der Walzer "Wellen und Wogen" hat sich in den Fuenfzigerjahren doch nicht so recht durchsetzen koennen und musste auch in unseren Tagen gleichsam wiederentdeckt werden. Ergehoert in das Kapitel "Der Walzer als Konzertstueck", und zwar an prominenter Stelle!

Caroussel-Marsch, Op. 133
Die Tradition der mitteralterlichen Reiterspiele wurde am Wiener Kaiserhof bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fortgesetzt. Ihren Hoehepunkt erreichten diese glanzvollen, allein schon durch den Anblick der Rassepferde und der reichen Kostueme der adeligen Reiterinnen und Reiter faszinierenden Feste zweifellos waehrend des Wiener Kongresses: bei dieser Gelegenheit war gemeinsam mit den Regenten und Staatsmaennern Europas der gesamte Hochadel der Donaumonarchie in der "Winterreitschule" der Wiener Hofburg versammelt. In diesem weiten, architektonisch wertvollen Raum finden heute noch die Vorfuehrungen der "spanischen Hofreitschule" vor einem aus der ganzen Welt angereisten Publikum statt.

Eines dieser Reiterspiele, Caroussels genannt, wurde anlaesslich eines Fruehlingsfestes am Kaiserhof am 21. Mai 1853 veranstaltet. Obwohl die Vorfuehrung nicht oeffentlich zugaenglich, sondern geladenen Gaesten vorbehalten war, konnten doch die Zeitungen erstaunlich ausfuehrlich ueber das Caroussel berichten. Durch dieses Fest wurde Johann Strauß zum "Caroussel-Marsch" angeregt, der zu seinen eindrucksvollsten Kompositionen gehoert: er ist sowohl melodioes als auch "schneidig", wie man es in Wien von einem Marsch seit jenen Tagen erwartete, in denen auch Joseph Haydn fuer die k.k. Militaermusik und Ludwig van Beethoven fuer die Reiterspiele (z. B. "York'scher Marsch") komponiert haben. Strauss fuehrte seinen "Caroussel-Marsch" zum ersten Male am 14. Juni 1853 bei einern Fruehlingsfest im Wiener Volksgarten vor, also in unmittelbarer Nachbarschaft der Hofburg, in deren Reitsaal das Caroussel stattgefunden hatte.

Camelien-Polka, Op. 248
Der Verleger Carl Haslinger hatte anno 1860 fuer seine Verdienste um das kulturelle Leben in Wien und in der Donaumonarchie vom Kaiser einen Orden erhalten und sah sich daher veranlasst, zu wohltaetigen Zwecken einen Ball zu veranstalten, und zwar im damals neuen, noblen Dianabadsaal. Haslinger wollte etwas Besonderes bieten und versprach daher, jeder Ballbesucherin eine Camelie ueberreichen zu lassen. Und weil ihm der Gedanke an eine solche Damenspende so gut gefiel, nannte Haslinger sein Fest auch "Camelienball". Die Ballmusik wurde selbstverstaendlich den Bruedern Johann und Joseph Strauss ubertragen und Jean schrieb eiligst eine flotte "Camelien-Polka".

Aber am Tag des Tanzvergnuegens, dem 29. Jaenner 1861, war infolge des besonders strengen Winters in ganz Wien keine einzige Camelie aufzutreiben. Der Verleger zog sich aber dadurch geschickt aus der Affaere, dass er die Strauss-Polka so rasch (in der Klavierausgabe) herstellen liess, dass er als Damenspende wenn schon keine Camelie so doch die "Camelien-Polka" ueberreichen lassen konnte. Das Werk, dessen erster Teil "typisch straussisch" dahingleitet, hat den Damen schon am ersten Abend bestens gefallen und wurde auch spaeter bei Strauss-Arrangements (wie etwa dem Ballett "Die blaue Donau", 1924) gern verwendet.

Myrthen-Kraenze, Walzer, Op. 154
Im Sommer 1853 wurde die Bevoelkerung der Donaumonarchie durch die Nachricht ueberrascht, der junge, 23jaehrige Kaiser Franz Joseph habe sich in Ischl verlobt, zwar nicht mit Prinzessin Helene, Tochter des Herzogs Maximilian in Bayern, die seine Mutter ihm als Braut zugedacht hatte, sondern mit deren juengerer , nicht 16 Jahre alten Schwester Elisabeth Amalie Eugenie, genannt Sisi. Fuer Franz Joseph war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, und die scheue, aber ungemein liebreizende Sisi, hatte die ungestueme, fuer das trocken-sachliche Naturell des jungen Kaisers erstaunlich leidenschaftliche Werbung schliesslich angenommen.

Schon knapp ein Jahr spaeter, im April 1854, reiste Sisi mit ihren Eltern und grossem Gefolge donauabwaerts nach Wien: don fand am 24. April in der zur Hofburg gehoerenden Augustinerkirche die Trauung statt. Ganz Wien stand damals im Zeichen dieses Ereignisses, und Tausende bildeten beim Einzug der Prinzessin aus Possenhofen in Bayern in den Strassen Wiens ein dichtes Spalier, um sich vom Liebreiz der Braut persoenlich zu ueberzeugen.

Die beiden Musikdirektoren Philipp Fahrbach und Johann Strauss sahen den Vermählungsfeierlichkeiten mit besonderer Spannung entgegen: im Fasching 1854 hatten sie abwechselnd die Ballmusik am Kaiserhof geleitet. Nun sollte es wieder einen Hofball geben, und die Frage war: wen wuerde das Obersthofmeisteramt in diesem Falle mit der Ballmusik betrauen, den von der Kaisermutter bevorzugten Fahrbach oder den jungen Strauss? Es waren bange Tage fuer beide Musikdirektoren. Strauss hatte schon resignien und fuer den 27. April ein Engagement in der Vorstadt angenommen. Da kam ein Bote mit dem Befehl: "Strrauss habe zu spielen". Natuerlich gehorchte der erwaehlte Musikdirektor mit allergroesster Freude. Einen Widmungswalzer hatte er ja auf alle Faelle bereits vorbereitet: in der Einleitung wurden die oesterreichische Kaiserhymne und das "Bayernlied" von Franz Lachner (einem gebuertigen Bayern, der in Wien zum Freundeskreis um Franz Schubert gehoert hatte) nebeneinander gestellt und kunstvoll miteinander verwoben; dann aber legte der Walzer mit hinreissendem Schwung los. Ueber den Namen des Werkes gab es fuer Strauss keinen Zweifel: er konnte nur eine Huldigung fuer die junge Kaiserin sein, von der auch er natuerlich sofort fasziniert war und "Elisabethen-Klaenge" heissen. Unter diesem Titel wurde der Hochzeitswalzer fuer das junge Paar am 27. April 1854 beim Hofball im k.k. Redoutensaal der Hofburg auch aufgefuehrt. Im Bericht der "Theaterzeitung" vom 29. April hiess es ausdruecklich: "Waehrend des Cotillons ertoenten zum ersten Male die von Kapellmeister Strauss Ihrer Majestaet der Kaiserin ehrfurchtsvoll gewidmeten 'Ellisabethen-Klaenge'."

Was sich dann ereignete, laesst die Schwierigkeiten erkennen, in die sich die junge Frau aus der Nebenlinie des bayerischen Herrschergeschlechts (ihr Titel war ja Herzogin in Bayern, denn ihr Vater Maximilian war nicht Koenig von, sondern eben "nur" Herzog in Bayern) sogleich nach ihrer Hochzeit verstrickt sah: am Wiener Hof sah man auf Rang und Stellung, nicht auf Liebreiz und persoenlichen Charme. Daher konnte es nach Ansicht der Hofbeamten anlaesslich der Hochzeit auch keine "Elisabethen-Klaenge" fuer die junge Kaiserin geben. Als Johann Strauss seinen Hochzeitswalzer im Herbst 1854 im Volksgarten dem Publikum vorfuehrte, hiess er "Myrthen-Kraenze" (Beisatz: "fuerden Vermaehlungshofball komponiert"), und als das Erscheinen des Werkes in der "Wiener Zeitung" angekuendigt wurde, wurde dieser Beisatz im Sinne des Obersthofmeisteramtes praezisiert; er hiess jetzt: "Zur allerhoechsten Vermaehlungsfeier Sr.k.k. apostolischen Majestaet des Kaisers Franz Joseph I. mit Ihrer kgl. Hoheit der Herzogin Elisabeth in Bayern." Um die Begeisterung des Kapellmeisters Strauss fuer die wunderschoene, junge Kaiserin kuemmerte man sich nicht. Aber sie ist in diesem Walzer Musik geworden!

Nordstern-Quadrille, Op. 153
Ende Juli 1854 ist Johann Strauss von seinem Erholkungsurlaub in Bad Gastein, dem beruehmten Kurort an der Nordflanke der Tauernkette im Lande Salzburg, nach Wien zurueckgekehrt. Im Gepaeck fuehrte er eine Quadrille mit, die er offenkundig in den letzten Wochen fertiggestellt hatte, und brachte das Werk gleich bei seinem Wiedererscheinen an der Spitze der Kapelle, am Sonntag, dem 30. Juli 1854, in Ungers Casino in Hernals zur Auffuehrung. Es handelt sich um eine Quadrille nach Motiven der Oper "Der Nordstern" von Giacomo Meyerbeer; das Werk war zwar in Paris (in der Opéra Comique) bereits im Februar dieses Jahres uraufgefuehrt worden, war aber in der Donaumonarchie noch unbekannt. Das heißt, so voellig unbekannt war die Musik dieses Werkes auch wieder nicht: Meyerbeer hatte ja bei seiner Oper "Der Nordstern" (L'Etoile du Nord") auf jenen Vorrat zurueckgegriffen, den er bereits fuer die Oper "Das Feldlager in Schlesien" geschaffen hatte. Dieses Werk war fuer Berlin geschrieben worden und war zum ersten Male anlaesslich der Eroeffnung der nach einem Brand wieder instand gesetzten Berliner Oper dem Publikum vorgefuehrt worden.

Als es spaeter auch in Wien gezeigt werden sollte, hatte die Zensur Bedenken: das "Feldlager" war denn doch zu sehr auf eine Verherrlichung Preussens hin angelegt worden. Man half sich damit, dass man das Stueck umarbeitete und unter dem neuen Titel "Vielka" den Wiener Opernfreunden vorfuehrte, und zwar mit Jenny Lind als Star und mit dem Komponisten am Pult des Theaters an der Wien.

Das hatte sich im Jahre 1847 zugetragen, als der Streit zwischen Strauss-Vater und seinem ehrgeizigen Sohn Johann immer heftiger wurde. Damals hatte der Strauss-Verleger Tobias Haslinger versucht, die Musik Meyerbeers fuer Strauss-Vater reservieren und dem Sohn die Auffuehrung Z.B. der Ouvertuere verbieten zu lassen. Meyerbeer freilich war fuer diese Massnahme nicht zu haben: er liess auch Strauss-Sohn freie Hand.

Nun kam also diese Musik mit der neuen Oper "Der Nordstern" wieder nach Wien zurueck. Doch die k.k. Hofoper zoegene abermals mit der Uebernahme des Werkes in den Spielplan, erst im Jahre 1855wurde es (uebrigens abermals unter der Leitung des Komponisten) auch in Wien gegeben. Strauss kam alledem um mehr als ein Jahr zuvor: seine "Nordstern-Quadrille" gefiel in den Konzerten der Strauss-Kapelle und war bereits ab November 1854 in den Musikalienhandlungen zu haben.

Heute wird die Oper nicht mehr gespielt – wohl aber die "Nordstern-Quadrille" von Johann Strauss.

Bluette, Polka francaise, Op. 271
Johann Strauss hat jeder seiner drei Frauen eine Widmung zugeeignet: Angelica, geb. Dittrich, erhielt die Dedikation des "Kuss-Walzers", Op. 400, Adele, geb. Deutsch, verwitwete Strauss, den "Adelen-Walzer", Op. 424. Bei seiner ersten Gattin, Henriette (Jetty), geb. Chalupetzky, draengte es Jean zu einer Ehrung und – zu einem Jux. Waehrend der Hochzeitsreise arrangierte Strauss das Lied "Widmung" von Robert Schumann mit dem Text: "Du meine Seele, Du mein Herz" und schrieb auf die Partitur: "Zur Erinnerung an den gluecklichen Aufenthalt in Triest 1862." Und nach der Rueckkehr in die Heimatstadt schrieb er eine Polka, deren Erstausgabe auf dem Titelblatt die Worte enthielt: "An Jetty Treffz" (das war der Kuenstlername, unter dem seine nunmehrige Gattin als Opern- und Liedsaengerin aufgetreten war). Einen Sonderdruck mit goldenen Lettern liess der Verleger Haslinger, der ja bei der Hochzeit Jeans Trauzeuge gewesen war, Jetty ueberreichen. Dass sich Jean mit der Komposition einen Jux machte, ist allein schon daraus zu ersehen, dass er ihr den Titel "Bluette" gab. Das Wort Bluette bezeichnete in Frankreich jenes kleine blaue Fuenkchen, das beim Schmieden eines Metallstueckes abspringen kann. Im uebertragenen, auch in Wien jedem Theaterenthusiasten gelauefigen Sinn aber bedeutet es eine dramatische Kleinigkeit, ein Fuellsel fuer einen Theaterabend. "Geboten wurden nur Bluetten", hiess es z. B. nicht gerade anerkennend ueber einen Festabend im Carltheater. War Jetty fuer Strauss nicht mehr als eine Bluette? Gewiss nicht: Jetty hat sich als ideale Partnerin fuer den flotten Jean erwiesen; sie sorgte fuer Ordnung bei seinen Finanzen, war ihm sowohl leidenschaftliche Geliebte als auch kuenstlerischer Berater, arbeitete als Sekretaerin und – wenn es sein musste – auch als Kopist seiner Kompositionen. Aber gerade weil Strauss von Anfang an sehr genau wusste, dass er bei seiner Eheschliessung eine vortreffliche Wahl vorgenommen hatte, machte er sich den Spass, das Jetty gewidmete Werk "Bluette" zu nennen. Und in der ersten Melodie klingt ein Studentenlied an, dessen Text so etwa heisst: "Denn keine ist so nett, so fein, als meiner Wirtin Toechterlein" ("Filia hospitalis"). Die Urauffuehrung der Polka erfolgte beim Katharinenball der bildenden Kuenstler am 23. November 1862 im Redoutensaal der Hofburg durch den Komponisten.

P. S. Der Hornist der Strauss-Kapelle, Sabay, vermerkt in seinen Notizen, das Werk sei bereits beim Konzert im "Sperl" am 22. November auf dem Programm gestanden, also gleichsam erprobt worden.

Concurrenzen, Walzer, Op. 267
Ab dem Jahre 1861 bis hin zum Ende der Donaumonarchie haben die Baelle der Industriellen Gesellschaften zu den nobelsten und vornehmsten Tanzfesten im Wiener Fasching gehoert. Die Veranstaltungen dieser Vereinigung, der u. a. die Banken und die Eisenbahngesellschaften der Monarchie als Gruendungsmitglieder angehoert haben, loesten allmaehlich die bisher wichtigsten Baelle der Reichshaupt- und Residenzstadt an der Donau ab, die Buergerbaelle.

In dem Mass, in dem das Buergertum an Einfluss und an Bedeutung verlor, stiegen die Industriellen Gesellschaften im allgemeinen Ansehen und der Kaiser nahm nun fast alljaehrlich an den Baellen der Vereinigung teil, die denn auch stets in den Redoutensaelen der Hofburg abgehalten werden konnten. Unter den zahlreichen Ballwidmungen der Brueder Strauss fuer diese Feste steht der Walzer "Concurrenzen" von Johann Strauss fuer den Industriellenball am 29. Jaenner 1862 hinter dem Walzer "Dividenden" aus 1861 an zweiter Stelle; zur Titelwahl bemerkte damals die "Wiener Zeitung":

"Als Strauss seine eigens fuer diesen Ball komponierten Walzer 'Concurrenzen' erschallen liess, da war der Concurrenzstreit zwischen der (Privaten) Nordbahn und der Staatseisenbahngesellschaft vergessen, und nur eine Concurrenz herrschte, die der gefluegelten Sohle."

(Anm.: Das Fluegelrad war das Symbol der Eisenbahn in der Donaumonarchie, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in Oesterreich beibehalten worden ist.)

Die flotte Walzerpartie gefiel dem Ballkomitee so gut, dass es dem Komponisten ein Ehrengeschenk von 25 Dukaten in Gold ueberreichen liess, und das war weit mehr, als der Verleger Haslinger fuer saemtliche Ausgaben des Werkes zahlte.

Chansonetten-Quadrille, Op. 259
Gegen Ende der Fuenfzigerjahre des 19. Jahrhunderts schwaermten aus Paris jene "Kuenstlerinnen" aus, die in den Kaffeehaeusern und kleinen Vergnuegungslokalen (spaeter Tingel-Tangel genannt) der franzoesischen Metropole ihre kleinen Lieder gesungen und dazu getanzt hatten. In diesen Liedern wurde eher die irdische als die himmlische Liebe besungen: dabei gab es kaum ein Tabu und es lebte jene heitere Frivolitaet wieder auf, die ja schon im Zeitalter des Rokoko ein franzoesischer Exportartikel gewesen war. Unter den Taenzen hatte selbstverstaendlich der ausgelassene Cancan den Vorzug. Diese Tanzsängerinnen, "Chansonetten" genannt, machten überall Furore, wo sie sich dem Publikum zeigten: in Wien, in Berlin und auch in St. Pertersburg, wo sich ab dem Jahre 1860 eine besonders erfolgreiche Truppe unter der Fuehrung einer etwas derben, aber hoechst drastisch agierenden Kuenstlerin mit dem Spitznamen Rigolboche (sie hiess eigentlich Marguerite Radel) produzierte.

Obwohl diese Truppe in der Metropole St. Petersburg und nicht in Pawlowsk auftrat, wo Strauss konzertierte, muss der flotte Jean die Lieder und Taenze dieser Kuenstlerinnen recht gut gekant haben; und da er selbstverstaendlich auch bestrebt war, von dem Erfolg zu profitieren, der diesen Tanzsaengerinnen in Russland beschieden war, stellte er eiligst aus ihren Vortragsstuecken eine effektvolle Quadrille zusammen. Sie wurde in Russland unter dem Titel "Rigolboche-Quadrille" veroeffentlicht, das Deckblatt zeigte Szenen aus den Produktionen der Chansonetten.

Obwohl die Rigolboche spaeter auch in Wien ein Gastspiel gab (bei dem sie allerdings von der Kritik nicht gerade chevaleresk behandelt wurde und nur wenig Erfolg hatte), taufte der Verleger Carl Haslinger das in St. Petersburg bei Buettner als "Rigolboche-Quadrille" im Druck erschienene Werk um: bei ihm hiess es (und heisst es daher noch heute im Werksverzeichnis) "Chansonetten-Quadrille".

Die Erstauffuehrung in Pawlowsk erfolgte beim Benefizkonzert des Komponisten am 5. Oktober (d. i. 23. September nach dem russischen Kalendar) 1861, in Wien wurde es zunaechst einmal am 20. September 1861 als "aus Russland eingesendetes Werk" von Johann Strauss bei Weghuber aufs Programm gesetzt, die offizielle Erstauffuehrung in Wien (die auch Joseph Strauss in seinen Aufzeichnungen bestaetigt) war erst am 11. November 1861 : an diesem Tage fuehrte Strauss selbst das Werk im Volksgarten vor.

"Ballsträusschen", Polka schnell, op. 380
Die Schnellpolka mit dem Titel "Ballsträußchen" ist die Widmung des ins Lager der Operettenkomponisten übergegangenen Walzerkönigs Johann Strauß für den Concordiaball des Jahres 1878 und wurde von der Strauß-Kapella zusammen mit etlichen weiteren Widmungen anderer Komponisten am 19. Februar 1878 im Sofiensaal zum ersten Male aufgespielt. Johann Strauß hatte damals Probleme in der Familie und arbeitete im Grunde sehr lustlos und langsam an der Vertonung des Librettos für die Operette "Blindekuh". Für die Tanzsäle hatte er wenig beizutragen und dieses Wenige sparte er für die Operette auf, die allerdings erst am 18. Dezember 1878 über die Bretter des Theaters an der Wien gehen sollte. Strauß wollte es vermeiden, den einflußreichen Schriftstellern und Journalisten den von ihm erwarteten Beitrag zu ihrem Ball schuldig zu bleiben. Er schrieb also so zwischendurch eine schwungvolle Schnellpolka, die dann eben unter dem Fantasienamen "Ballsträußchen" im Sofiensaal vorgeführt wurde. Gerade rechtzeitig hatte Johann damals die, lange Zeit hindurch recht heftigen, Auseinandersetzungen mit seinem Bruder Eduard so einigermaßen beigelegt; der Aufführung seiner Widmung für die Jouralisten (die ja etwa 30 Jahre später noch Gustav Mahler als seine "Vorgesetzten" bezeichnet hat!), stand nichts im Wege. Der Beifall des Auditoriums war ihm gewiß.

Aus dieser Schnellpolka ist das erste Thema des Trios von Kapellmeister Adolf Müller für die Operette "Wiener Blut" ausgewählt und in die von ihm gestaltete Partitur dieses Werkes aufgenommen worden; es erklingt also bei jeder Aufführung dieses Bühnenwerkes.

"Kuss-Walzer", op. 400
Die erste Operette, die Johann Strauß als Gemahl seiner zweiten Frau, Angelica, geb. Dittrich, komponierte, läßt keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Zeit an der Seite Lilis zunächst eine glückliche war und der Komponist nach der Niederlage, die er durch das Versagen der Operette "Blindekuh" erlitten hatte, sehr rasch seinen gewohnten Schwung und seinen Einfallsreichtum wiedergefunden hatte. Irgendwann einmal, so zwischendurch, war Strauß ein Walzermotiv "durch den Schädel" gefahren, wie er selbst einmal sagte. Er hatte es zwar nicht auf einer Banknote, wie es in verschiedenen Anekdoten überliefert worden ist, aber immerhin ganz flüchtig auf einem Notenblatt notiert. Es war aber ursprünglich nicht für die neue Operette (sie ging unter dem Titel "Der lustige Kreig" am 25. November 1881 zum ersten Male über die Bretter des Theaters an der Wien) bestimmt. Als aber der Schauspieler und Sänger Alexander Girardi darauf bestand, sein Part in der neuen Operette müsse unbedingt durch ein Walzerlied ergänzt werden, griff Strauß auf diese Melodie zurück und machte daraus jenes Coupletfür Girardi, das der Künstler – da die Librettisten der Operette, vor allem Richard Genée, das Werk als "komplett" und sich selbst als ausgeschrieben und erschöpft bezeichneten – von seinem Freund Franz Wagner mit einem anzüglich-tändelnden Text versehen ließ, der mit den Worten begann: "Nur für Natur hegt sie Sympathie". (Strauß sprach daher später, wenn er von seinem Opus 400 erzählte, stets vom "Natur-Walzer".) Das Couplet wurde der Schlager der Oper; Girardi hatte den Erfolg der Premiere und war von diesem Abend an Wiens erfolgreichster und populärster Schauspieler.

Die Melodie des Liedes "Nur für Natur" bildete daher auch den Hauptteil des "Kuss-Walzers" nach Motiven der Operette "Der lustige Krieg". Strauß hatte zwar angenommen, jener Walzer werde den Leuten am ehesten in Erinnerung bleiben, den er für die Szene "Kommen und geh'n" geschrieben hatte (vgl. auch die Anmerkung zum "Italienischen Walzer", op. 407), aber er sah es nun selber ein, daß der "Natur-Walzer" eben einer seiner zündendsten Einfälle und dessen Popularität sozusagen unvermeidbar war. (Der Verleger wollte z. B. den Volkssängern die Verwendung dieses Walzers für ihre Produktionen verbieten lassen!) Die Uraufführung des "Kuss-Walzers" von Johann Strauß, dessen Erstausgabe die Widmung "Seiner lieben Frau Angelica" trug, besorgte Eduard mit einer eigenen Fassung des Werkes, die er beim Hofball am 10. Jänner 1882 zum ersten Male aufspielte. Strauß selbst hat den "Kuss-Walzer" erst bei einem von Lili arrangierten Wohltätigkeitskonzert (zusammen mit dem "Ersten Gedanken") am 22. März im Musikverein dirigiert.

Anm.: Nach der Trennung der Ehe Lili – Jean im Herbst 1882 wurde bei allen weiteren Ausgaben des Werkes die Widmung weggelassen. Mit der Erinnerung an Lili ist der "Natur-Walzer" trotzdem immer verbunden gewesen und ist es noch heute.


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