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8.223207 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 7
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II, der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

"Zeitgelster", Walzer, op. 25
Der etwa 20jährige Musikdirektor Johann Strauß hat seine Walzerpartie "Zeitgeister" zum ersten Male bei seinem Benefizball am Faschingmontag, dem 23. Februar 1846, in seinem Stammlokal, dem Casino Dommayer in Hietzing, aufgespielt. Als das Werk mit beträchtlicher Verspätung, nämlich im Oktober 1846, im Druck erschien, versuchte der Zeichner des reich ausgestatteten Titel blattes der Erstausgabe, A. Grube, den Interessenten den Namen des Walzers zu erklären: in einem Bilderrelief empfand er die Entwicklung aus der Zeit des Rokoko (der Tänzer einer galanten Szene trägt noch die "Mozart-Perücke") über den Beginn der Ära des Biedermeier bis zu den modernen Polkatänzen des Vormärz nach und vergaß auch die neuesten ErrungenschaftenderTechnik nicht, ein Dampfschiff und einen Eisenbahnzug. In der Mitte der Zeichnung ist ein Plakat angebracht, das in Domayer's [!] Casino nach Hietzing einlädt, ein elegantes Paar steht davor und liest den Text, von dem man die Buchstaben Zei erkennen kann. Es handelte sich wohl um die Einladungen zum Benefizball mit der Uraufführung des Walzers "Zeitgeister". Auf die wichtigsten Probleme dieser Zeit, auf die Pressezensur, die strenge Überwachung der Bevölkerung durch die Geheimpolizei und überhaupt auf alle Übel des diktatorischen "Systems" des Staatskanzlers Fürst Metternich ging der Zeichner nicht ein. Aber daran schien der junge Strauß mit den düsteren Klängen zu Beginn der Einleitung zu erinnern. Nur langsam lichtet sich in der Introduktion die beängstigende Stimmung, aber schließlich kann der Walzer doch mit erlösender Vitalität und heiterer Lebensfreude einsetzen. Es gelang also dem späteren Walzerkönig, schon in seiner Jugend die übelwollenden "Zeitgeister" mit seinen schwungvollen Melodien zu bannen.

Der "Wanderer" konnte daher am 28. Februar 1846 in seinem Karnevalsbericht konstatieren: "Waren das Bravos, Bravos, Bravos bei den neuen Strauss-Walzern "Zeitgeister" betitelt. Wir müssen aber auch diese Walzer als Zierde des ganzen Walzertums erklären. Es freut uns, daß Strauß-Sohn alle Hoffnungen, die man von ihm gemacht, nicht nur erfüllt, sondern noch übertrifft. "

"Bachus-Polka", op. 38
Dem römischen Gott Bachus (richtig: Bacchus) haben ebenso wie seinem Gegenstück Dionysos aus dem klassischen Griechenland so gut wie alle Wiener Komponisten des 19. Jahrhunderts mit lustigen, ja übermütigen Werken gehuldigt: als Gott des Weines und der fröhlichen Feste (bis hin zur griechischen Orgie) war er der richtige Adressat für solche Tanzweisen. Die Strauß-Familie zog dabei – ihrem Temperament entsprechend – den Champagner dem einfachen Landwein vor: Strauß-Vater zum Beispiel schrieb einen "Champagner-Galopp", op. 8, und einen "Champagner-Walzer", op. 14. Sein Sohn Johann begann die Serie seiner Huldigungen (die im Preislied auf den Champagner in seiner Operette "Die Fledermaus" ihren Höhepunkt erreichen sollte) im Jahre 1847 mit einer "Ba chus-Polka". Anlaß für die Komposition bot ihm das "Fest in Bachus-Hallen", ein fröhlicher Ball der Schauspieler und ihrer Freunde, der am 2. Februar 1847 in den Sträussl-Sälen in der Josephstadt, also im Gebäudekomplex des Theaters in der Joseph stadt, abgehalten worden ist. Das Werk muß grossen Erfolg gehabt haben, denn der junge Musikdirektor Strauß hat es bis in die frühen Fünfzigerjahre bei zahlreichen Veranstaltungen wieder holt.

Die Erstausgabe der "Bachus-Polka", die im September 1847 in Wien erschienen ist, läßt erkennen, daß Strauß seine Musiker angehalten hat, bei den Aufführungen des Werkes eifrig mitzusingen: "Bachus, Bachus, tralala" und "Bachus lebe hoch" steht unter den Noten. Derartige Vorschriften finden sich häufiger in den frühen Strauß-Kompositionen, als es die Aufführungspraxis unserer Zeit vermuten läßt. Es zeigt sich allerdings, daß die Gesangseinlagen in der Regel entbehrlich sind: die fröhliche Stimmung, die von dieser Polka (und ähnlichen Werken) ausgehen soll, wird auch bei der rein instrumentalen Wiedergabe erreicht.

"Odeon-Quadrille", op. 29
Im Jahre 1844, als die Anzeichen einer drastischen Wirtschaftskrise in der Donaumonarchie deutlich zu erkennen waren, kaufte der Mechaniker J.P. Fischer einen grossen Komplex in der Leopoldstadt an und ließ einen riesigen Tanzsaal erbauen. Die Pracht des Apollo-Saales, der nach seiner Eröffnung im Jahre 1808 in der Vorstadt Schottenfeld als europaweit berühmte Attraktion galt, sollte in dem riesigen Etablissement – es war 78 Klafter lang und 18 Klafter bren (d.s. 144 : 34 Meter) – womöglich noch überboten werden. Aber das Haus erwies sich schon während des Baues als "Monster", das die Leute eher erschreckte als begeisterte. Als dann am 8. Jänner 1845 der erste Ball veranstaltet wurde – Strauß-Vater spielte mit einem Orchester von 80 Mann zum Tanz auf und brachte als Widmung eine Walzerpartie mit dem Titel "Odeon-Tänze", op 172, mit – zeigte sich sogleich, daß das Mißtrauen der Wiener diesem Haus gegenüber durchaus begründet war: obwohl die Höchstzahl der Besucher, der Unternehmer rechnete mit etwa 8000 Gästen, nicht erreicht wurde, klappte die Organisation ganz und gar nicht. Die Versorgung der Besucher mit Speisen und Getränken ließ zu wünschen übrig, und zuletzt entstand bei den Garderoben ein Chaos, sodaß viele Gäste ohne ihre Mäntel, Schals und Hüte in der bitterkalten Nacht den Heimweg antreten und ihre Kleidung erst im Laufe der Woche abholen mußten. Dem mißglückten Start folgte eine schlechte Karnevalssaison, und obwohl es in der Foge gelang, etliche Veranstaltungen von hohem Rang, z.B. Konzerte des Wiener Männergesangvereins, im Etablissement abzuhalten, mußte der Pächter des "Odeon" sehr rasch kapitulieren. Das Haus war einfach zu groß für die damaligen Wiener Verhältnisse Strauß-Vater kehrte dem "Odeon" den Rücken.

So wurde Platz für das Orchester seines Sohnes: für kurze Zeit spieite der junge Musikdirektor Strauß in einem Teilbereich des Etablissements. Während dieses Gastspiels präsentierte er am 13 Juli 1846 seine "Odeon-Quadrille". Es gelang freilich auch dem jungen Strauß nicht, einen Massenbesuch in dem Etablissement herbeizuführen. Volkssänger und Artisten traten nun im "Odeon" auf. Eine Zeitlang beherbergte das Haus das Ensemble des Direktors Carl, als dieser anstelle des alten Leopoldstädter Theaters das neue, nach ihm benannte Carltheater erbauen ließ. Im Revolutionsjahr 1848 wurde das "Odeon" zu einem bevorzugten Treffpunkt der unzufriedenen Bevölkerung: Kundgebungen und Massenversammlungen wurden in den einst so festlichen Räumen abgehalten. Diese Verwendung wurde dem "Odeon" zum Verhängnis als kaiserliche Truppen das "revolutionäre Wien" vom Prater her stürmten, schossen polnisch. Soldaten am 28. Oktober 1848 das Etablissement in Brand. Während der Kampfhandlungen konnte und wollte niemand das "Odeon" retten; es brannte vollständg aus und wurde nicht mehr aufgebaut.

"Schnee-Glöckchen", Walzer, op. 143
Am 2. Dezember 1853 gab der russisch. Gesandte am österreichischen Kaiserhof, Felix Baron Meyendorff, ein Festbankett im "Sperl". Ehrengastwar Marie von Kalergis, die Tochter Ministers Karl Graf Nesselrode. Die im Jahre 1822 in Warschau geborene Dame gehörte zum Musikerkreis um Frédéric Chopin und Franz Liszt, später auch um Cosima und Richard Wagner. Für die Tafelmusik war die Strauß-Kapelle aufgeboten worden.

Johann Strauß wußte, was er Gräfin Kalergis schuldig war und widemete ihr einen sorgfältig ausgearbeiteten Walzer. Er nannte sein Werk "Schnee-Glöckchen" und man glaubt etwas vom Zauber dieser bescheidenen Blume aus den schlichten, und doch raffinierten Motiven dieser Walzerpartie zu spüren, von dem Reiz, den si. ausübt wenn sie aus der weißen Pracht des russischen Winters aufblüht. Ein gefühlvolles Cello-Solo führt zum ersten Walzerteil, der sich nur langsam zu Schwung und Klangfülle entfaltet. Es handelt sich um ein Werk, das eher im Konzert- als im Tanzsaal zur Geltung kommt. Aber der Vortragskunstdes jungen Musikdirektors gelang es auch, die Tanzlustigen zufrieden zu stellen, ais er seinen Walzer "Schnee-Glöckchen" bei seinem Benefizball am 13. Februar 1854 Im Sofiensaal zum ersten Male öffentlich vortrug. Beide Aufführungen wurden anerkannt: der konzertante Vortrag vor der musikverständigen Russin (baltischer Abstammung) im "Sperl" und das Aufspielen beim Strauß-Ball im Sofiensaal. Die "Morgenpost" urteilte, das Werk enthalte "reizende Motive in anmutiger Behandlung" und die Zeitung "Der Wanderer", die zweimal über Aufführungen des "Schnee-Glöckchen-Walzers" berichtet hat schrieb am 28. Februar nach einem Ball im "Sperl", die "Partie Walzer habe Sensation erregt und könne mit den besten Kompositionen des verstorbenen Vaters in Konkurrenztreten". Das war in einer Zeit, als der junge Strauß gerade in konservativen Kreisen Wiens bestenfalls als "Sohn eines berühmten Vaters" anerkannt wurde, eigentlich das höchste Lob und die wichtigste Anerkennung.

"Neuhauser Polka", op. 137
Kurz vor dem Jahreswechsel 1852/1853 brach Johann Strauß zusammen: er hatte seinem schmächtigen Körper zu viel zugemutet und lag, wie sein Bruder Joseph mit drastischer Deutlichken formuliert hat "zu Hause siech darnieder". Es gab sogar Stimmen in Wien, die den Musikdirektor bereits totsagten. Damals beschloß die Familie, daß auch Joseph Strauß die Laufbahn eines Musikdirektors einschiagen müsse, um seinen Bruder Johann zu entlasten. Daß Pepi Strauß zunächst nur beren war, "interimistisch" die Stelle eines Kapellmeisters einzunehmen, erwies sich als Illusion. Aber das wußte er noch nicht als sein Bruder am 25. Juli 1853 aus Wien abreiste, um den ersten der zahlreichen Bade- und Erholungsurlaube anzutreten, die in der Folge zu seinem Lebensrhythmus gehören soltten. Johann Strauß reiste zuerst nach Gastein im Lande Salzburg, hieit sich aber nicht lange in der, damals bereits berühmten und von zahlreichen Kurgästen besuchten, Stadt auf und übersiedelte in das vergleichsweise entlegene und einsame Bad Neuhaus bei Cilli in der Untersteiermark (heute Celje in Jugoslawien). Daß er dort zu vöillger Ruhe gleichsam genötigt wurde, mag seine Erholung gefördert haben. Während dieses Urlaubs schrieb er zwar eine kleine Polka, die am Ende der Coda durch den plötzlich aufklingenden Hörnerschall auf die Naturverbundenheit dieses Badeortes hinwies, unterließ es aber, den für den traditionellen Hernalser Kirchtag im August 1853 fälligen Widmungswalzer zu schreiben. Joseph mußte für ihn einspringen und komponierte, "einmal und nie wieder", die Walzerpartie "Die Ersten und die Letzten". Ob Joseph auch die "Neuhauser Polka" uraufgeführt hat, läßt sich nicht feststellen: das Werk fehlt in den von ihm später erstellten Aufzeichnungen völlig. Am 18. September 1853 war Johann Strauß wieder in Wien und erschien neben seinem Bruder Joseph an der Spitze der Kapelle (vgl. "Wiedersehens-Polka", op. 142). Die "Theaterzeitung" meldete das Ereignis am selben Tag: "Heute nachmittag wird In Ungers Casino Herr Capellmeister Strauß, von seiner Krankheit vollkommen hergestellt, zum ersten Male sein Orchester wieder dirigieren. Der Gebrauch der Bäder in Neuhaus und Gastein hat den allbeliebten Walzerkomponisten neu gekräftgt; möge er noch lange die Wiener nach seiner Violine tanzen lassen, denn so lange er das Szepter Terpsichorens schwingt, darf uns um ein Abstellen des Himmels voller Geigen nicht bange sein".

Ob es in Neuhaus damals tatsächlich so ausgesehen hat, wie es das Bild des Lithographen Berndt auf der Titelseite der Erstausgabe zeigt, mag dahingestellt bleiben. Die umliegenden Berge hat Strauß gewiß nicht bestiegen Immerhin – wie die hübsche Polka beweist, die an seinen Aufenthalt in Neuhaus erinnert – er hatte seine gute Laune und seine Schaffenskraft wiedergewonnen.

"Kron-Marsch", op 139
Als sich die ungarischen Nationalisten im Jahre 1849 gegen die Regenschaft des Hauses Habsburg über ihr Land erhoben, gelang as ihren Streitkräften, auch die kaiserliche burg in Ofen, dem am rechten Donauufer gelegenen Festungsbaezirk der Doppelstatt Ofen (= Buda) und Pest, zu erobern. Dabei gelangte die Stephanskrone, das traditionelle Symbol der legalen Herrschaft über "Magyarorszag" (= "Das Land der Maguaren"), in ihren Besitz. Als die Truppen des jungen Kaisers Franz Joseph Zum Gegenangriff antraten und schließlich – und zwar mit Hilfe einer Hilfsarmee des Zaren! – die Rebellen besiegten, mußten die Führer des Aufstandes donauabwärts ins Osmanenreich flüchten. In der Nähe der damaligen Grenzst Orsova (sie liegt heute in Rumänien) wurde die Stephanskrone an einem geheim-gehaltenen Ort vergraben: sie sollte nicht mehr in die Hände eines Habsburgers fallen und damit die Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft über Ungarn bestätigen. Kaiser Franz Joseph gab sofort den Befehl, in aller Stille nach der vergrabenen Krone zu suchen. Lange Zeit forschte die kaiserliche Kommission vergeblich: aber am 1. September 1853 gelang es ihr doch, die Stephanskrone unversehrt aufzufinden. Das Kleinod wurde unter größtmöglichem Pomp nach Wien gebracht; die Welt sollte wissen, daß Franz Joseph wieder in den Besitz der Insignien seiner Herrschaft über Ungarn gelangt war. Das sollte dazu beitragen, die Stabilisierung der Lage in der Monarchie zu dokumentieren.

Johann Strauß benützte den Anlaß, um einen "Kron-Marsch" zu komponieren in dessen Partitur eine Reihe ungarischer Nationalmotive aufgenommen worden sind, und führte das Werk bei seinem Benefizkonzert im Wiener Volksgarten am 9. Oktober 1853 zum ersten Male auf. Um Spannungen mit den Magyaren zu vermeiden, wurde es in der Folge nich allzuoft wiederholt, und der Verleger Haslinger lehnt es ab, die Orchesterstimmen des Marsches zu drucken. Er bot lediglich "korrekte Abschriften" an. Man hatte daher die Orchesterfassung des Werkes bereits verloren gegeben. Aber in jüngster Zeo ist doch die Partiturabschrift für den Verleger aufgefunden worden. Sie war die Grundlage dieser Aufführung, wohl der ersten seit 1853/1854.

"Ballg’schichten", Walzer (im Ländlerstil), op. 150
Am Ende des ereignisreichen Faschings 1854, bei seinem Benefizball im "Sperl" spielte Johann Strauß dem Publikum eine neue, gemütliche Walzerpartie im Ländlerstil unter dem Titel "Ballg'schichten" auf. Es war indessen zur Tradition geworden, daß die Brüder Strauß im Sommer anläßlich des Hernalser Kirchtags in Ungers Casino und im Winter beim Strauß-Ball im "Sperl" auf den, aus dem Biedermeier stammenden, Walzertypus "im Ländlerstyl" zurückgriffen. Aber im Jahre 1854 hatte diese Praxis eine beson­dere Bedeutung gewonnen: Johann Strauß hatte ja in diesem Karneval bei einer ganzen Reihe von neuen Walzern experimentiert und die Errungenschaften der damals neuen Opernmusik (die mit den Namen Meyerbeer und Wagner, sowie mit den Tondichtungen von Franz Liszt in Verbindung zu bringen wäre) auch auf die Gestaltung "moderner Walzer" übertragen (siehe "Novellen", op. 146, "Schallwellen", op. 148, und "Schnee-Glöckchen:", op. 143). Von diesen Kompositionen hob sich nun der gemütliche Walzer "Ballg'schichten" besonders deutlich ab.

In den Berichten über den Strauß-ball wurde ausdrücklich festgestellt, gerade die Jugend habe zu den Klängen dieses Walzers begeistert getanzt und sich das Werk mehrmals aufspielen lassen. Damit sollte der Anschein erweckt werden, daß niemand an Experimenten und Neuerungen interessiert war, auch nicht die nächste Generation. Das Neue hatte und hat es in Wien zu allen Zeiten besonders schwer, sich durchzusetzen. Das konservative "Wiener Neuigkeitsblatt": schrieb in seiner Ausgabe vom 1. März 1854 wörtlich: "Vor der Ruhestunde trug Herr Strauß mit seinem Orchester die eigens zu diesem Ballfeste komponierten Walzer 'Ballg'schichten' vor, welche zu dessen besseren Tanzkompositionen gehören und seine neuesten Walzer 'Schneeglöckchen', 'Novellen' und 'Schallwellen' weit hinter sich lassen." Später kam man zu einem anderen Urteil, das zwar die "Ballg'schichten" keineswegs herabsetzte, aber gerade die "modernen Walzer" des etwa 30­jährigen Komponisten als besonders interessant und wertvoll anerkannte.

Ein kleines Mißverständnis gab es auch bei der Erstausgabe des Werkes, die seltsamerweise erst im Herbst 1854 in den Musikalienhandlungen erschien: die humorvolle Titelzeichnung von F. Berndt (sie zeigt amüsante Ballszenen, bei denen Kobolde zum Tanze aufspielen) ist mit der falschen Opuszahl 151 versehen worden; doch wurde dieser Irrtum bei den rasch folgenden späteren Auflagen sogleich korrigiert.

"Furioso-Polka" (quasi Galopp), op. 260
Die "Furioso-Polka" von Johann Strauß hat stets, wenn sie einmal in einem Konzert öffentlich aufgespielt worden ist, ein völlig unterschiedliches Echo im Publikum ausgelöst: ein Teil der Zuhörer war begeistert über das "Furioso" im frappierenden Ablauf der Komposition, der andere räsonierte: "... das klingt nicht nach Strauß!". Wenn der Zeichner des Titelblattes der Erstausgabe tatsächlich gezeichnet hat, was der Komponist mit diesem Werk erreichen wollte, dann hat sich Strauß mit der rasanten Schnell polka wieder einmal einen Jux gemacht, und zwar einen sehr drastischen. Die Illustration zeigt zwei Dämonen, die ein Seil quer durch den Tanzsaal gespannt haben in der Absicht, die dahinrasenden Paare tückisch zu Fall zu bringen. Natürlich wollte der Komponist nicht erreichen, daß es bei diesem Werk zu einer Gefahr für die Tanzenden kommen sollte; nur die Hörgewohnheiten sollten aus den gewohnten Bahnen gedrängt, ja sogar geworfen werden. Pointiert schnurrt das Werk dahin: rasch wechseln die Tonarten, aus Dur wird Moll und umgekehrt, nichts ist so, wie man es von einer melodiösen Strauß-Polka erwartet hatte. Grob setzt das Blech die Akzente, aufgeregt rasen die Streicher quer durch die (verfremdete) Tonleiter. Für ein virtuoses, präzises Orchester ist der Vortrag der "Furioso-Polka" jedenfalls eine Galanummer!

In der österreichischen Musikchronik hatte es schon einmal einen "Furioso-Galopp" gegeben, Johann Strauß-Vater hat ihn als Opus 114 nach Motiven von Liszt (vor allem nach dem "Grand Galop chromatique") im Jahre 1839 geschrieben. Sein Sohn folgte seinem Vorbild mehr als 20 Jahre später mit einer Komposition nach eigenen Einfällen: seine "Furioso-Polka" ist also echter Strauß. Man muß sich eben mit dem Gedanken abfinden, daß Strauß ganz und gar nicht "eintönig" war, daß er nicht nur in der traditionellen wienerischen Weise zu komponieren vermochte (auch wenn er in dieser Tradition seine besten Werke geschaffen hat).

Die "Furioso-Polka" ist in Rußland entstanden, und zwar im Sommer 1861, und war zum ersten Male beim Benefizkonzert des Komponisten am 14. September (d. i. der 2. September nach russischem Kalender) in Pawlowsk bei St. Petersburg zu hören. (Die Stichvorlage von Zimmermann nennt als Datum: 12. September 1861, wahrscheinlich nach dem russischen Kalender; sie ist also etliche Tage nach der Uraufführung entstanden.) Die Strauß-Kapelle hat das skurrile Werk erst am 17. November 1861 gespielt, anläßlich des Wiederauftretens des Komponisten unter seiner Leitung. Wie es auf die Zuhörer damals gewirkt hat, ist nicht überliefert: es ging gleichsam in der Wiedersehensfreude unter.

"Deutscher Krieger-Marsch, op. 284
Der Feldzug gegen Dänemark, der am 1. Februar 1864 nach dem Ablauf eines Ultimatums eröffnet wurde, indem Truppen des Königreiches Preußen und die Soldaten eines österreichischen Kontingents den Fluß Eider in Schleswig-Holstein überschritten, war in der Donaumonarchie sehr unpopulär. Vergebens ließen die Minister des Kaisers Franz Joseph dem Volke versichern, die Staatsräson verlange ein Eingreifen des Habsburgerreiches an der Seite Preußens. In Wien war damals die allgemeine Ansicht: in Schleswig-Holstein haben wir nichts zu suchen und schon gar nichts zu gewinnen. Und das sollte sich ja dann auch als richtige Einschätzung der Entwicklung herausstellen. Johann Strauß trat im Zusammenhang mit den Ereignissen des Spätwinters und des Frühlings 1864 mit drei Kompositionen hervor: (vgl. "Saison-Quadrille", op. 283 und "Verbrüderungs-Marsch", op. 287), zunächst einmal mit dem "Deutschen Krieger-Marsch", der dazu bestimmt war, als Novität bei einem Festkonzert der Strauß-Kapelle im Volksgarten am 28. Februar 1864 aufgeführt zu werden. Die Veranstalter versprachen sogar, jeder Dame beim Eintritt in den Volksgartensalon eine Klavierausgabe dieses Werkes zu überreichen. Der Ertrag des Festes sollte für die verwundeten Krieger des Feldzugs in Schleswig-Holstein verwendet werden. Am 28. Februar wurde das Fest in verschiedenen Zeitungen (z. B. im "Fremden-Blatt" in großer Aufmachung annonciert. Der Verlag Spina, dem Strauß möglicherweise selbst ein Klavierarrangement des Marsches zur Verfügung gestellt hatte, lieferte den Marsch auch zwei Tage vor diesem Fest an die Musikalienhandlungen aus. (Ein Vermerk läßt vermuten, daß der Titel der Ausgabe noch umstritten war, als sich die Druckereiarbeiter ans Werk machten!) Und doch ist es zweifelhaft, ob der "Deutsche Krieger-Marsch", der sich allerdings eher melodiös-tänzerisch als schneidig-kriegerisch gebärdet, an diesem Tag auch tatsächlich zum ersten Male zu hören war: in den Aufzeichnungen von Joseph Strauß und Franz Sabay ist übereinstimmend der 8. März als Tag der Uraufführung durch die Strauß-Kapelle angegeben. Da Berichte über den Verlauf der Veranstaltungen an den beiden Tagen fehlen, kann man entweder dem Inserat (28. Februar) oder den Aufzeichnungen (8. März) vertrauen. Oft gespielt wurde der Marsch zunächst ohnedies nicht. Er wurde eher bekannt, als ihn Adolf Müller junior 35 Jahre später bei dem Arrangement der Musik für die Operette "Wiener Blut" verwendete: er begleitet nun bei jeder Aufführung des Werkes statt "Deutsche Krieger" – den Einzug des schöneren Geschlechts im 2. Akt.

"Colonnen", Walzer, op. 262
Am 9. März 1862 führten die Brüder Johann und Joseph Strauß ihre Novitäten aus dem vergangenen Karneval zum ersten Male im neuen Dianabadsaal dem Publikum vor. Darüber berichtete die Theaterzeitung "Zwischenakt" in ihrer Ausgabe vom 11. März: "Mehr als 2000 Personen waren anwesend und ergötzten sich an dem reichhaltigen Programm, das die beiden Benefizianten aufgestellt hatten und das nur die von ihnen in diesem Fasching komponierten Tänze – zwanzig an der Zahl – enthielt. Der Walzer 'Colonnen' mußte viermal gespielt werden."

Der genannte Walzer war am 4. Februar 1862 beim Juristenball im Sofiensaal zum ersten Male erklungen: Strauß selbst hatte ihn vorgeführt. Den Titel haben die Herren Studierenden der Rechte selbst ausgewählt und damit der Nachwelt ein Rätsel aufgegeben. Denn es ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln, was sie unter "Colonnen" eigentlich verstanden wissen wollten! Keine Probleme gab es und gibt es mit dem musikalischen Gehalt des Walzers. Als das Werk wenige Tage nach seiner Uraufführung im Druck erschienen war, urteilte der "Zwischenakt": "Melodische Schönheit und feurige Rhythmen sind die hervorragendsten Vorzüge dieses Werkes." Der Erfolg der "Colonnen" hielt auch während der Sommersaison in Rußland an. Als Joseph Strauß ab 2. August seinen nach Wien zurückreisenden Bruder bei der Leitung der Konzerte in Pawlowsk ablöste, mußte er die "Colonnen" auf Wunsch des Publikums immer wieder aufs Programm setzen. Er berichtete auch seiner Frau, daß sich von den zuletzt komponierten Werken seines Bruders vor allem der Walzer "Colonnen" als Verkaufsschlager des in St. Petersburg heimischen Verlegers Büttner erwiesen habe.

"Kriegers Liebchen", Polka Mazurka, op. 379
Mit fröhlichem Hörnerklang begrüßt die Polka Mazurka "Kriegers Liebchen": das hübsche Werk gehört zu den fünf "Piecen", die Johann Strau ß der Partitur seiner Operette "Prinz Methusalem" entnommen und für den Tanzsaal sowie für die Konzerte aufbereitet hat. Er hatte es diesmal ganz und gar nicht eilig mit der Umwandlung der Bühnenmusik in Tanzweisen: da er mit dem Erfolg seiner Operette, die am 3. Jänner 1877 im Carltheater zum ersten Male gespielt wurde, nicht zufrieden war und an eine Neufassung dachte, ließ er sich mit der Herausgabe der Werke nach Motiven aus diesem Bühnenwerk viel Zeit. Überdies reiste Strauß unmittelbar nach der Premiere im Carltheater nach Paris ab, um in der französischen Metropole die Uraufführung jener Operette "La Tzi gane" vorzubereiten, die er hatte arrangieren lassen. weil man in Frankreich eine Aufführung der Operette "Die Fledermaus" nicht gestattete. (Das Textbuch der "Fledermaus" benützte Motive des Schwanks "Le Reveillon" von Meilhac und Halévy, ohne daß die beiden Autoren um ihre Einwilligung gefragt und ihre Rechte abgegolten worden waren.) Die Vorbereitung dieser in Paris sehr erfolgreichen "Tzigane" nahm die Kräfte des Komponisten aber so sehr in Anspruch, daß die Pläne für eine Neufassung von "Prinz Methusalem" nicht weiter verfolgt und schließlich aufgegeben wurden.

Im Herbst 1877 konnte Eduard Strauß die Polka Mazurka "Kriegers Liebchen" dem Publikum seiner Sonntagskonzene im goldenen Saal des Musikvereins in Wien vorführen. Die Kenner wußten indessen, daß der Komponist Johann Strauß die Motive dieser Polka Mazurka einem Couplet entnommen hatte, das irn dritten Akt der Operette "Prinz Methusalem" vom Wachtmeister Spadi vorgetragen wurde. "Kriegers Liebchen" wandene nach seiner Uraufführung durch die Strauß-Kapelle am 7. Oktober 1877 im Musikverein zu den Militärkapellen weiter und blieb als gern gehörtes Vortragsstück bis zum Jahre 1914 in deren Repenoire.

"Nordseebilder", Walzer, op. 390
In der Stadt Wyk auf der Insel Föhr – sie liegt vor der Küste Schleswig-Holsteins und gehön zu den Nordfriesischen Inseln – ist man stolz auf jene Räume in dem neben dem Kurhaus gelegenen Gebäude, das in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhundens einer Witwe Petersen gehört und in dem Johann Strauß in den Jahren 1878 und 1879 gewohnt und auch ein wenig gearbeitet hat. Ganz ohne Beschäftigung konnte der einfallsreiche Komponist ja auch während seiner alljährlichen Erholungsurlaube nicht sein. So hat es sich ergeben, daß Johann Strauß sich noch einmal von den Eindrücken, die er am Nordseestrand erhielt, zu einer Walzerkomposition anregen ließ. Er hatte ja schon im Jahre 1852, als er von Hamburg aus die Mündung der Elbe in die Nordsee kennenlernte, eine Walzerpartie mit dem Titel "Wellen und Wogen" skizzien, die er dann in der Heimat zu einem seiner wichtigsten Konzertwalzer der Füngzigerjahre ausgearbeitet hat. (Vgl. "Wellen und Wogen", Walzer, op. 141, auf Vol. 6 dieser Serie.)

Bei seinen Urlauben in den Jahren 1878 und 1879 wurde Johann Strauß von seiner zweiten Gattin Angelica, geborene Dittrich, begleitet. Die beiden wurden sowohl in der Stadt Husum in Schleswig als auch in Wyk freundlich empfangen und haben sich am "grauen, kahlen Nordseestrand" (so schrieb der Husumer Bürgermeister Emanuel Gurlitt selbst in einem Begrüßungsgedicht für Lili Strauß) sehr wohl gefühlt. Strauß hatte Muße, einen großangelegten Walzer sorgfältig auszuarbeiten. Die Introduktion erhielt ausgesprochen symphonischen Charakter, und die Tonmalerei des ersten Walzerthemas wäre ebenfalls für eine symphonische Dichtung durchaus geeignet gewesen. Aber Strauß hielt eben an der Walzerform fest und erfüllte diese bereits stark erweiterte Form des klassischen Wiener Tanzes mit neuen Inhalten. Das Werk wurde unter dem Titel "Nordseebilder" im Herbst 1879 in Wien uraufgeführt, und zwar – wenn man es mit etwas freier Formulierung sagen will – gleich zweimal: am 16. November stellte Eduard Strauß es bei seinem Sonntagskonzert im Musikverein der Öffentlichkeit vor. Daraufhin berichtete das "Fremden-Blatt" am 19. November: "Der Walzer, welcher die reizendsten Melodien aneinanderreiht, wurde mit so großem Beifall aufgenommen, daß er viermal wiederholt werden mußte. "Mit diesem oberflächlichen (und wahrscheinlich auch übertreibenden) Bericht gab sich Strauß nicht zufrieden; er führte daraufhin am 30. November, ebenfalls im Musikverein, das Werk dem Publikum selbst vor. Durchsetzen konnte er es damals auch durch diese Aufführung nicht; erst allmählich eroberte es einen festen Platz im Repertoire der Strauß-Kapelle.

Ein Kuriosum ist übrigens die Gestaltung des Titelblattes der Erstausgabe: es zeigt eine düstere Gebirgslandschaft an einem tief eingeschnittenen Fjord. Wahrscheinlich haben Schilderungen über die erste österreichische Nordpolexpedition die Phantasie des Zeichners beflügelt. Mit jenem Nordseestrand bei der Insel Föhr, den Strauß kennengelernt hat, stimmt diese Küstenlandschaft jedenfalls nicht im mindesten überein.


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