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8.223208 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 8
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II, der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt-und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

"Die Sanguiniker", Walzer, op. 27
Der Walzer "Die Sanguiniker" war ein Appell des jungen Musikdirektors Johann Strauß an die Lebensfreude der Wiener. Zur ersten Aufführung der Komposition, die nach einer eher verhaltenen Einleitung mit einem schwungvollen Walzermotiv einsetzt, hatte er sich eine ungemein günstige Gelegenheit ausgesucht, ein reich ausgestattes und vom tüchtigen Gastwirt Hembsch sorgfältig vorbereitetes Fest auf dem Wasserglacis vor dem Karolinenthor der Kaiserstadt am 2. September 1846 (das ist etwa jenes Arreal, auf dem sich heute der Wiener Stadtpark befindet). Das Wetter spielte mit: ein ungewöhnlich schöner Spätsommerabend lockte zahlreiche Menschen vor die Stadtmauern, sodaß die Berichte die Zahl der Besucher des Festes mit etwa fünf – bis sechstausend angeben konnten. Zwei Kapellen waren aufgeboten: die Banda eines Infanterieregiments unter Kapellmeister Joseph Reznicek (dem Großvater des Komponisten Emil Nikolaus von Reznicek) und die Kapelle Strauß-Sohn. Der eigens für diesen Abend komponierte Walzer, "Die Sanguiniker", mit dem Strauß seinem Publikum in den schweren Zeiten des Vormärz beschwingte Lebensfreude vermitteln wollte, wurde von den Zuhörern günstig aufgenommen. Und als das Werk nur wenig später auch im Druck erschien, sorgte schon die hübsche Titelzeichnung (sie zeigt einen Musikanten mit Gitarre und eine Gruppe fröhlicher, junger Männer beim Wein) für einen raschen Abverkauf der Auflage. Trotzdem gab es ausgerechnet um die "Sanguiniker" dann doch noch Ärger: bei der Wiederholung des Festes auf dem Wasserglacis vertrieb anhaltendes Schlechtwetter die Besucher und der junge Strauß mußte sich von Journalisten, die im damals bereits hell lodernden Streit zwischen Strauß-Vater und seinem Sohn bei jeder Gelegenheit die Partei des "alten" Strauss ergriffen, vorwerfen lassen, er sei es offenbar nicht gewohnt, an kühlen Abenden Geige zu spielen; er habe danebengegriffen und auch das Orchester nicht zusammenhalten können. Man mußte schon Sanguiniker sein, um derartige Angriffe "wegzustecken". Den Erfolg des Werkes beim Publikum konnten derlei aus dem Vater-Sohn-Konflikt resultierende Vorwürfe allerdings nicht beeinträchtigen. Die "schönen, trefflich instrumentierten Sanguiniker" das bestätigte die Zeitschrift "Der Wanderer" – mßten z. B. auch bei Dommayer stets wiederholt werden.

"Pepita-Polka", op. 138
Im Frühsommer des Jahres 1853 wurde in Wien mit allen damals möglichen Mitteln der Reklame auf das bevorstehende Gastspiel der spanischen Tänzerin Pepita d'Oliva (1834-1868) hingewiesen. Die für heutige Begriffe recht mollige, aber höchst graziöse Künstlerin sollte sich auf der Bühne des Carltheaters produzieren. Als Donna Pepita dann in der Donaumetropole erschien, war es geradezu eine Ehrenpflicht für jeden lebenslustigen Wiener, ihre Produktionen zu besuchen und der "Künstlerin" mit größtmöglichem Enthusiasmus zuzujubeln. Der Komponist Carl Goldmark, der damals in der Notzeit seiner Jugendjahre im Carltheater als Geiger tätig war, berichtete in seinen Lebenserinnerungen:

"Enormes Aufsehen machte die schöne, graziöse, spanische Tänzerin Pepita, deren Nationaltänze sich weniger durch Virtuosität als durch rein sinnliche Bewegungen auszeichneten. 30 Abende en suite! Wir im Orchester hatten nicht bloß das Vergnügen, die schöne Tänzerin jeden Abend zu sehen, sondern auch all die lange Zeit hindurch keine Proben zu halten. Entzückend war allabendlich die Blumenpracht der Hunderte von Buketts und Kränzen, welche über unsere Häupter auf die Bühne flogen und das ganze Haus mit Blumenduft erfüllten."

Wien geriet in ein "Pepita-Fieber", in einen Taumel der Begeisterung, wie man ihn seit den Tagen der Tänzerin Fanny Elßler nicht mehr erlebt hatte. Nun war Donna Pepita wohl keine Künstlerin vom Rang der Elßler, und Johann Strauß liess sich auch eher von einer Marie Taglioni begeistern (ihr hat er mit den Werken op.123 und 173 gehuldigt) als von der üppigen Spanierin, aber als Komponist mußte er sich vom allgemeinen "Pepita-Fieber" mitreissen lassen. Er schrieb also aus Motiven jener Musik, zu deren Klängen sich Donna Pepita – eher gemächlich als leidenschaftlich auf der Bühne bewegte, rasch eine "Pepita-Polka", wie es damals in Wien eine ganze Reihe geben sollte. Dann reiste er zu dem längst geplanten Erholungsurlaub ab und überließ es seinem Bruder Joseph, diese Polka dem Publikum vorzuführen. Anlaß dazu bot ein Pepita-Ball, der zu wohltätigen Zwecken am 1. August 1853 im "Sperl" veranstaltet wurde und zu dem Donna Pepita sich auch bereitwillig einstellte. Aber ausgerechnet an diesem Abend blieb das Publikum aus. "Man zahlt einen Gulden, um Pepita im Theater tanzen zu sehen, aber nicht zwei Gulden, um sie nicht tanzen, sondern nur promenieren zu sehen", schrieb der Referent der "Ost-Deutschen Post". Seltsamerweise ließ sich auch der Verleger Haslinger mit derVeröffentlichung dieser Polka so langeZeit, bis Donna Pepita wieder abgereist war. Da waren auch die angeblichen Nationalmelodien bereits vergessen (ein Referent entdeckte "El Olé" und "Madrilena" in der Strauß-Polka), von denen Donna Pepita sich hatte begleiten lassen. Auch der Polka erging es nicht besser: ihre Orchesterfassung galt als verschollen, sie konnte erst in jüngster Zeit aufgefunden werden.

"Erzherzog Wilhelm-Genesungs-Marsch", op. 149
Die schwere Cholera-Epidemie des Jahres 1854 verschonte auch die Mitglieder der kaiserlichen Familie nicht: ausgerechnet im März dieses Jahres, als man in der gesamten Monarchie bereits zur Hochzeit des jungen Kaisers Franz Joseph mit Elisabeth, Prinzessin in Bayern, rüstete (vgl. den Walzer "Myrthenkränze", op. 154), erkrankte der jüngste Sohn Erzherzog Carls, Erzherzog Wilhelm (1827-1894), an Darmblutungen, die wohl ebenfalls eine Folge der Cholera gewesen sind. Täglich wurden Berichte über den Verlauf der schweren Krankheit veröffentlicht. Da der fesche Erzherzog (im Gegensatz zu Kaiser Franz Joseph) in weiten Kreisen der Bevölkerung sehr beliebt war, fanden diese Mitteilungen allgemeines Interesse; der Dichter Ferdinand von Saar brachte seine Genesungswünsche in Form eines langen, ergreifenden Poems zum Ausdruck. Die kräftige Natur des jungen Erzherzogs, der später als Hoch- und Deutschmeister in der Geschichte der Donaumonarchie eine brillante Rolle spielen sollte, überwand jedoch die Krankheit, und zwar so rechtzeitig, daß die Hochzeit im Kaiserhaus termingemäß im April stattfinden konnte.

Johann Strauß nahm das Geburtstagsfest des Erzherzogs, das am 28. Mai 1854 in der Weilburg in Baden bei Wien gefeiert wurde, zum Anlass, einen "Erzherzog Wilhelm-Genesungs-Marsch" zu komponieren, um damit seine Freude über die Wiederherstellung Erzherzogs Wilhelm zu bezeugen. Die Uraufführung des Werkes fand am Geburtstag, dem 28. Mai, statt, und zwar in Ungers Casino in Hernals. Unmittelbar anschließend reiste der Komponist selbst zu einem Erholungsurlaub nach Bad Gastein ab.

"Schallwellen", Walzer, op. 148
Johann Strauß hat für den Technikerball des Jahres 1854 einen Walzer mit dem Titel "Schallwellen" geschrieben und das Werk am 7. Februar selbst im Sofiensaal aufgespielt. Es gehört in die Reihe jener Kompositionen, bei deren Niederschrift der junge Musikdirektor nach Möglichkeiten suchte, die von seinem Vater übernommene Walzerform zu erweitern und die Motive zu modernisieren, indem er jene Impulse aufgriff, die von der symphonischen Musik und den Opern jener Zeit ausgegangen sind. Die Dramatik Giacomo Meyerbeers und Giuseppe Verdis, aber auch die Tondichtungen von Franz Liszt und die Bühnenwerke Richard Wagners (für die Strauß damals als erster Musiker in Wien eingetreten ist) boten die entsprechenden Anregungen.

Diese Einflüsse sind aus den Motiven des Walzers "Schallwellen" (und einiger weiterer Kompositionen aus dieser Zeit) deutlich herauszuhören. Das erregte den Unmut des mit Strauß etwa gleichaltrigen Musikkritikers Eduard Hanslick, der noch im Vormärz aus seiner Heimatstadt Prag nach Wien übersiedeltwar und zunächst einmal das Musikreferat in der amtlichen 'Wiener Zeitung" übernommen hatte. Hanslick ließ also in ein sehr umfangreiches Feuilleton mit der Überschrift "Kritik der Wiener Musikverlage", das am 6. November 1854 in den "Blättern für Literatur und Kunst", Beilage zur 'Wiener Zeitung", erschienen ist, folgende Sätze einfliessen:

"Wir sehen diesen talentvollen, geschickten Komponisten [d. i. Johann Strauß] auf bedenklichem Wege. In seinen neueren Walzern findet sich häufig ein falsches Pathos eingeschmuggelt, das – in der Tanzmusik gänzlich ungehörig – beinahe verstimmend auf den Hörer wirkt (...) Die von Posaunen herausgestossene klägliche Akkordfolge, welche den zweiten Teil von Nummer eins der 'Schallwellen' bildet, fände jedenfalls Anwendung bei Opernfinalen, wenn es besonders blutig hergeht, in einem Walzer ist sie abscheulich."

Zuletzt hat Eduard Hanslick den "Schallwellen", die er ausdrücklich als "Walzer-Requiem" [!] bezeichnet, als Vorbild die Walzer von Lanner und Strauß-Vater gegenübergestellt, also genau jene Werke, über deren Struktur hinaus Strauß zum "modernen", d. h. zeitgemässen Walzer gelangen wollte. Strauß hat sich auch von dieser Kritik, die ihm später oft von seinen Gegnern vorgehalten werden sollte, keineswegs beirren lassen; daher gehört die Walzerpartie "Schallwellen" zu seinen wichtigsten Werken!

"Wiedersehens-Polka", op. 142
Als Folge seiner schweren Erkrankung an der Wende 1852/1853 trat Johann Strauß im Sommer 1853 den ersten, seiner später so zahlreichen Erholungs- und Badeurlaube an. Vorher mußte er die Leitung der Kapelle "interimistisch", wie es in der Familie beschlossen worden war, seinem Bruder Joseph übergeben. Bis Mitte September 1853 blieb Johann Strauß im Kurort Bad Neuhaus (siehe auch "Neuhauser-Polka", op. 137). Am 18. September übernahm er dann die Leitung der Kapelle, und zwar bei einem Konzert in Ungers Casino in Hernals. Bei dieser Gelegenheit präsentierte Johann Strauß dem Publikum artig seine "Wiedersehens-Polka". Über den Verlauf des Sonntagskonzerts bei Unger berichtete zwei Tage später Adolf Bäuerles "Theaterzeitung": "Mit einem fast nicht enden wollenden Beifallssturm wurde Capellmeister Strauß, welcher am 18. d. in Ungers Casino in Hernals zum ersten Male nach seiner Rückkehr vor dem Publikum erschien und eine eigens hiezu componirte 'Wiedersehens-Polka' zur Aufführung brachte, empfangen. Gegen dreitausend Personen waren anwesend, um den beliebten Musiker zu begrüssen." Etwas differenzierter lautete der Bericht des "Wanderer" vom selben Tag: "Der Wiener Liebling, Herr Capellmeister Strauß dirigirte nach seiner Badereise abwechselnd mit seinem Bruder das Orchester und wurde mit einem Enthusiasmus von dem in außerordentlicher Anzahl versammelten Publikum begrüßt, welcher der Ausdruck der Freude war, einen geschätzten Künstler in seiner angegriffenen Gesundheit gekräftigt zu sehen. Herr Strauß, von dem liebevollen Empfang sichtbar bewegt, griff in diesem Freudentaumel in die Saiten seiner Violine und entzündete in seinem Orchester wieder das alte Leben." Das war gewiß gut gemeint, enthielt aber auch eine Abwertung des "Interimskapellmeisters" Joseph Strauß. Doch die flotte "Wiedersehens-Polka", die der 'Wanderer" als "superbe reizende Tanzblüte" bezeichnete, war geradezu darauf angelegt, ein lebensvolles, mitreißendes Musizieren anzuregen.

"Un ballo in maschera, "Quadrille nach Giuseppe Verdis Oper, op. 272
Die Orchester der Wiener Musikdirektoren waren es seit den Tagen Joseph Lanners und Johann Strauß-Vaters gewöhnt, neben der aktuellen Tanzmusik auch Ausschnitte aus den beliebtesten Opern der betreffenden Theaterspielzeiten ihrem Publikum vorzuführen. Ouvertüren wurden in eigenen Bearbeitungen der Musikdirektoren oder in der Originalfassung gespielt, Ausschnitte aus den Bühnenwerken erschienen als Instrumentalsoli mit Orchesterbegleitung oder in Form von Phantasien auf dem Programm. Nachdem Strauß Vater aus Paris die französische Quadrille nach Wien mitgebracht hatte, wurde gerade diese Musikgattung dazu ausersehen, Opernmotive in Quadrillenform in den Konzert- bzw. in den Tanzsaal zu bringen. Die Brüder Johann und Joseph Strauß gingen dabei mit ebensoviel Geschick als Einfühlungsvermögen ans Werk: die Ausschnitte aus den Opern Richard Wagners wurden nur in den Konzerten aufgeführt, aus den Melodien Giuseppe Verdis aber gestaltet Johann Strauß mehrere sehr erfolgreiche Quadrillen. Die Melodieführung des italienischen Meisters war dafür ebenso maßgebend wie seine Vorliebe für prägnante Rhythmen. Es war keineswegs selbstverständlich, daß Johann Strauß Quadrillen nach Opern von Giuseppe Verdi (vgl. "Melodien-Quadrille", op. 112, und "Neue Melodien-Quadrille", op. 254) dem Publikum vorführte. Denn Verdi, der in Parma zur Welt gekommen war, als dieses noch zum Kaisertum Österreich gehört hatte, und den man daher in Wien konsequent Josef Verdi zu nennen pflegte, war in der Kaiserstadt an der Donau nicht gerade populär: vor allem die Kritik fiel über jedes seiner Werke her, als hätte der Komponist geradezu ein Verbrechen begangen, es zu schreiben. Nur "Nabucco", dessen Erstaufführung 1843 in Wien Verdi, kaum beachtet, selbst dirigiert hatte, und "Rigoletto" liess man notgedrungen gelten, weil das Publikum die Aufführungen dieser Werke stürmte.

Die Oper "Un ballo in maschera", die nach nahezu endlosen Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde am 21. Dezember 1859 in Rom (Teatro Apollo) zum ersten Male aufgeführt wurde, kam erst etwa acht Jahre später in den Spielplan des Wiener Hofoperntheaters. Johann Strauß aber wartete diese Premiere keineswegs ab, sondern präsentierte bereits am 21. Dezember 1862 bei einem Konzert im Wiener Volksgarten, bei dem alle drei Brüder Strauß abwechselnd an der Spitze des Orchesters erschienen, seine "Maskenball-Quadrille". Geschickt hatte er die in der Oper enthaltene Tanzmusik in sein Opus 272 eingebaut, die Canzonen des Pagen Oscar boten die willkommene Brillanz, die Ariosi den Schmelz der Melodien.

So entstand ein Meisterwerk, das im Repertoire der Strauß Kapelle einen festen Platz erhalten hat und in seiner effektvollen Gestaltung beliebt ist bis auf den heutigen Tag.

"Carnevals-Botschafter", Walzer, op. 270
Im Sommer 1862 hat Johann Strauß seinem Verleger Carl Haslinger kein neues Werk geliefert. Er fühlte sich krank und verlangte mit großem Nachdruck, daß einer seiner Brüder nach Russland reisen und ihn mitten während der Konzertsaison in Pawlowsk bei St. Petersburg ablösen müsse. Mutter Anna bestimmte Joseph zur Reise und dieser traf Ende Juli bei Johann in Pawlowsk ein. Jean verliess eiligst das Zarenreich und fuhr nach Wien, um – am 27. August im Dom zu St. Stephan – die Sängerin Jetty Treffz zu heiraten! Joseph meinte daraufhin, Johann habe seine Krankheit nur vorgetäuscht; aber alles deutet darauf hin, daß die immer noch attraktive Jetty ihre Ehe als Pflegerin ihres Gatten, den sie Schani-Buben nannte, beginnen mußte. Erst nach der Hochzeitsreise, die nach Venedig führte, nahm Johann Strauß die Arbeit wieder auf. Nun war er allerdings im besten Schwung, und als er wieder an der Spitze der Kapelle erschien, hatte er dem Publikum gleich zwei Meisterwerke anzubieten, darunter die Walzerpartie "Carnevals-Botschafter". Man sollte annehmen, daß er diese Novität bei dem Konzert vorgetragen hat, das am 11. November anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Gesellschaft der Musikfreunde im "Sperl" stattfand. Johannes Brahms war damals unter den Festgästen. Aber im Tagebuch seines Bruqers Joseph wird bestätigt, daß jene Ankündigungen richtig sind, die erst für die Soiree am 22. November 1862 im Etablissement "Sperl" die Uraufführung des Walzers "Carnevals-Botschafter" versprochen haben. Es war ein fröhliches, ja geradezu übermütiges Werk und Strauß hatte seinen ganzen Einfallsreichtum aufgeboten, um die einzelnen Teile dieses Walzers so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Damals konnte niemand ahnen, daß der Karneval 1863, den dieser Walzer als prächtiger Herold mit Fanfaren ankündigte, dann ohne den gewohnten Novitätenreigen des Walzerkönigs ablaufen werde. Doch dies gehört auf ein anderes Blatt (vgl. den Walzer "Leitartikel", op. 273)

"Leichtes Blut", Polka schnell, op. 219
Die Brüder Strauß haben es sich zur Gewohnheit gemacht, am ersten Fastensonntag eines jeden Jahres alle für diesen Fasching geschriebenen Novitäten konzertant aufzuführen. Diese Karnevalsrevuen galten sehr bald als Attraktion und waren stets überfüllt. Im Jahre 1867 war das Aufgebot an Novitäten besonders reichlich: nicht weniger als 24 neue Kompositionen standen auf dem Programm der Karnevalsrevue am 10. März im Volksgarten an der neuen Ringstrasse. Johann Strauß hatte bereits 5 Werke vorzuführen, darunter die Walzer "An der schönen blauen Danau" (zum ersten Male mit Introduktion und Coda) und "Künstlerleben". Aber das genügte ihm nicht. Es spielte zwar keine Rolle, daß Joseph Strauß mit acht Novitäten das Programm beherrschte und auch Eduard diesmal bereits acht Kompositionen anzubieten hatte: aber dem flotten Jean fehlte in seinem Repertoire noch eine Schnellpolka. Er wollte ja im Sommer 1867 in Paris während der dort stattfindenden Weltausstellung konzertieren, da war eine rassige, zündende Schnellpolka das Richtige, um das internationale Publikum zu begeistern. Und so ganz nebenbei: Joseph hatte im Fasching 1867 mit seiner Schnellpolka "Jocus" einen geradezu sensationellen Erfolg gehabt. Auch das war für Johann Strauß ein Grund, um rasch noch ein mindestens gleichwertiges Werk zu schreiben.

Diese Motivation bewirkte, daß noch während der letzten Tage des Karnevals 1867 eine Schnellpolka mit derart mitreißenden Motiven entstand, daß Johann Strauß sicher war, mit diesem Werk sowohl mit seinem Bruder gleichziehen als auch dem Pariser Publikum imponieren zu können. Er gab dem genialen Werk den Titel "Leichtes Blut" und führte es gleich bei der Karnevalsrevue am 10. März 1867 zum ersten Male dem Publikum vor. Die Begeisterung der Zuhörer war so groß, daß die Schnellpolka trotz des Überangebotes an Novitäten wiederholt werden mußte. Nun ist das Werk bereits mehr als 100 Jahre alt; aber wenn es erklingt, jubelt das Publikum noch immer.

Saison-Quadrille", op. 283
Das unglückliche Abenteuer des Feldzugs in Schleswig-Holstein im Jahre 1864, in das die Donaumonarchie Österreich durch das Königreich Preußen verstrickt worden war, kündigte sich schon während des Faschings an. In Wien wurden Truppen zu einem Expeditionskorps zusammengezogen, das unter der Führung des Feldmarschalls Ludwig Frh. von Gablenz an der Seite der preussischen Truppen gegen Dänemark kämpfen sollte. Dieses Vorhaben war in der Donaumonarchie sehr unpopulär.

Das hinderte Johann Strauß aber nicht, aus Anlaß dieses Ereignisses einige Kompositionen zu verfassen (vgl. "Deutscher Kriegermarsch", op. 284, "Verbrüderungs-Marsch", op. 287). Als sich der Wiener Musikdirektor im Frühjahr 1864 auf seine Abreise nach Pawlowsk bei St. Petersburg vorbereitete, wurde ihm mitgeteilt, daß Anfang April eine großangelegte Wohltätigkeitsveranstaltung im Redoutensaal zum Besten der in Schleswig eingesetzten Truppen stattfinden werde. Daraufhin stellte Strauß in aller Eile aus Motiven der, in der dem Ende zugehenden Theaterspielzeit 1863/1864 gespielten, Bühnenwerke eine Quadrille zusammen und gab ihr den Titel "Saison-Quadrille". Das Werk sollte bei der Wohltätigkeitsveranstaltung im Redoutensaal zum ersten Male aufgeführt werden. Als aber der ursprüngliche Termin dieser Veranstaltung, der 5. April 1864, nicht eingehalten werden konnte, mußte Strauß seine Reise über Berlin nach St. Petersburg und Pawlowsk antreten und nahm die Quadrille im Reisegepäck mit. Als Johann Strauß am 5. Mai (d. i. der 23. April nach dem russischen Kalender) die Konzert-Saison in Pawlowsk eröffnete, setzte er auch die "Saison-Quadrille" aufs Programm. Er kündigte trotzdem die offizielle Uraufführung des Werkes für den 16. Mai bei dem ersten Festkonzert im Vauxhall noch einmal an. Ähnlich amüsant ging es bei der Erstaufführung in Wien zu: die "Saison-Quadrille", die indessen bereits im Druck erschienen war, wurde – "aus Rußland eingesendet" – als Novität des Konzerts im "Sperl" am 10. September in den Zeitungen angekündigt. Nach übereinstimmenden Angaben in den Aufzeichungen Joseph Strauß und des Hornisten der Strauß-Kapelle, Sabay, wurde das Werk aber erst eine Woche später im "Sperl" vorgeführt. Der Chronist hat also die Wahl, welches Datum er bei dieser in der Folge nur noch selten wiederholten Quadrille schließlich gelten läßt: vielleicht den 5. Mai 1864, den Tag des Eröffnungskonzerts der Konzertsaison in Pawlowsk.

"Cagliostro-Walzer", op. 370
Die Operette "Cagliostro in Wien", das vierte Bühnenwerk des Walzerkönigs Johann Strauß, erlebte ihre Premiere am 27. Februar 1875 im Theater an der Wien. Bei den vorhergehenden Strauß-Operetten war von der Kritik stets der Wunsch vorgebracht worden, man möge doch für den Wiener Meister einen heimischen Stoff zu einem Libretto aufbereiten. Diesem Wunsch wollte das routinierte Autorenteam F. Zell (Pseudonym für Camillo Walzel) und Richard Genée, mit dem Strauß aus diesem Anlaß zum ersten Male zusammenarbeitete, gerne nachkommen: aber der ehemalige Kapitän eines Donauschiffes, Herr Walzel, suchte allzuweit in der Verangenheit nach diesem Stoff und vergriff sich dabei auch noch an dem Roman eines bekannten Wiener Schriftstellers. So hatte das Spiel um eine Episode aus dem Leben des legendären Wunderdoktors und Betrügers Alessandro Graf Cagliostro nicht nur einen schlechten Start bei der Wiener Presse, die Herrn Walzel ungeniert einen Dieb nannte, es brachte auch eine Handlung auf die Bühne, die allein schon durch historische Auflagen schwerfällig und langweilig wirkte. Das wurde von den Rezensenten der Uraufführung so nachdrücklich hervorgehoben, daß für eine Würdigung der Musik nicht mehr allzuviel Platz übrig blieb. Trotzdem fiel im Referat des "Fremden-Blattes", das Ludwig Speidei verfaßt hatte, ein wichtiger Satz: "Wenn man glaubt, Strauß habe schon seine besten Karten ausgespielt, so bringt er zuletzt noch einen Walzer, welcher alles übertrumpft." Strauß blieb eben auch als Operettenkomponist zuletzt doch der "Walzerkönig".

Als "Cagliostro" längst von der Bühne verschwunden war, spielte man in der ganzen Welt noch immer den Walzer, den Strauß aus Motiven dieser Operette arrangiert hatte. Eröffnet wird der Melodienreigen des Werkes mit der hinreißenden Walzermelodie, die zu den Worten des Duetts erklingt: "Könnt' ich mit Ihnen fliegen durchs Leben". Es war jenes Walzermotiv, von dem Speidei in seinem Referat schrieb: "(...) in ihm atmet die Tanzseele von Wien". Seine Melodie prägt auch den "Cagliostro-Walzer". Die Einleitung mit ihren historischen Anklängen und die weiteren Motive, die sich mosaikartig aus Zitaten zusammensetzen, die allen drei Akten des Stückes entnommen sind, treten hinter dieser lockenden, verführerischen Melodie im Dreivierteltakt zurück. Er vermittelt eine Ahnung davon, wie es gehen könnte, das schwerelose "Fliegen durchs Leben", der Wunschtraum, der sich auf Erden wohl niemals erfüllt.

Die erste Aufführung des "Cagliostro-Walzers" überließ Johann Strauß seinem Bruder Eduard und dieser stellte das Werk am 16. Juni 1875 in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft an der Wiener Ringstraße dem Publikum vor. Johann Strauß selbst hat diesen Walzer, zumindest in seiner Heimatstadt Wien, nie dirigiert. Aber er hat ihn sehr geliebt und die ersten Takte in einer Stunde des Glücks und der Sehnsucht auf ein Billett geschrieben, das an seine dritte Gattin, Adèle, adressiert war.

"Banditen-Galopp", op. 378
Nach der Premiere der komischen Operette "Prinz Methusalem", die am 3. Janner 1877 im Wiener Carltheater stattgefunden hatte, tadelten die Kritiker nahezu einstimmig das Textbuch, das Strauß sich hatte in Paris herstellen lassen (die deutsche Fassung stammte von Carl Treumann). In den Rezensionen wurde aber auch zum Ausdruck gebracht, Strauß habe sich für das Werk zwar eine sehr kultivierte, ja vielleicht sogar zu anspruchsvolle Musik für die alberne Handlung des Stückes einfallen lassen, aber es fehle ein zündender Schlager. Nun – dieser Schlager wurde nachgeliefert. als Strauß aus der Partitur der Operette – wie gewohnt – die Tanzweisen herausarbeitete. Aus einem Duett mit Chor zu dem Text: "In der Stille, ganz verstohl’n, werden wirdie Schätze hol’n" und aus Motiven, die im Finale des ersten Aktes zu finden sind, machte er eine rasante Schnellpolka. Von der Last des Textes befreit, entfalteten die Motive irn jagenden Zweivierteltakt einen hinreißenden Effekt. Der Titel des Werkes ergab sich für den Verleger von selbst: da es ein Bandit war, der in der Operette die entscheidende Melodie anstimmte, ließ er über die Noten drucken: "Banditen-Galopp".

Unmittelbar nach der Premiere der Operette verließ Johann Strauß gemeinsam mit seiner Gattin Jetty Wien, um einer Engagementverpflichtung in Paris nachzukommen. So zwischendurch hatte er die Tanzweisen nach Motiven aus "Prinz Methusalem" allesamt arrangiert. Auf der Rückreise machte das Ehepaar Strauß in Baden-Baden Station. Dort hatte Jean in den Jahren 1871 und 1872 Triumphe als Dirigent des Kurorchesters gefeiert: als er nun wieder irn Conversationshaus der Stadt vor das Publikum trat, präsentierte er als begeistert umjubelte Novität eine Schnellpolka mit dem Titel "Sapristi". Es war der "Banditen- Galopp"'

"Lagunen-Walzer", op. 411
Aus den schönsten Walzermotiven seiner Operette "Eine Nacht in Venedig" hat Johann Strauß wohl noch vor der Uraufführung des Bühnenwerkes am 3. Oktober 1883 in Berlin den "Lagunen-Walzer" gestaltet: der Titel leitete sich von jener Arie im Dreivierteltakt her, die in Berlin vom Sänger des Herzogs von Urbino im dritten Akt angestimmt wurde, "Auf der Lagune bei Nacht". Da aber dieser Text mit den Versen weiterging:

"Nachts sind die Katzen ja grau, nachts tönt es zärtlich miau", kam es bei der Premiere irn Friedrich-Wilhelm-Städtischen Theater der preussischen Metropole zu einem Skandal. Das Publikum fing ebenfalls zu miauen an, Strauß mußte abklopfen, und als er das Lied noch einmal anstimmen ließ und der ungeschickte Sänger den Text wiederholte, ging der Wirbel von Neuern los. Erst bei der folgenden Aufführung wurden die Verse geändert und bei der Premiere der Operette in Wien (diesmal sang Alexander Girardi als Caramello den Walzer) gab es dann jenen Text, der seither gesungen wird: "Ach, wie so herrlich zu schau'n, sind all die lieblichen Frau'n".

Johann Strauß ließ sich durch alle diese Turbulenzen nicht beirren; der "Lagunen-Walzer" wurde mit dem in Berlin mißhandelten Walzerlied eröffnet und auch den Titel, der ja nun durch den Text nicht mehr gedeckt war, behielt der Komponist bei. Die Uraufführung des Walzers erfolgte beim Benefizkonzert Eduard Strauß' am 4. November 1883 im goldenen Saal des Wiener Musikvereins: Johann Strauß erschien zum Vortrag des "Lagunen-Walzers" selbst auf dem Podium. Er konnte für stürmischen Beifall danken und mußte das Werk dreimal wiederholen. Eduard brillierte an diesem Nachmittag übrigens mit seiner hübschen Schnellpolka "Mit Chic", op. 221. Neben dem Walzerlied "Auf der Lagune" hatte Strauß in seinem Opus 411 u. a. Motive aus dem 2. Akt ("Im Saale tanzen meine Gäste") und aus dem 1. Akt ("Alle maskiert", Serenade) verwendet.


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