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8.223212 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 12
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zelt hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Jouhann Strauß I. (1804–1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801–1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827–1870) und Eduard (1835–1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des “klassischen Walzers” erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Jouhann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete “Walzer-KÖnig” Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die “Operette der Operetten”, die “Fledermaus”. Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, “An der schönen blauen Donau” (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einen Leben voller Trimphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des “Wiener Walzer-Königs’ sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung biser noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Jouhann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht unde seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist “echter Johann Strauß”.

“Harmonie-Polka”, op. 106

Auch zu Beginn des Jahres 1852 wagte es die Regierung des jungen Kaisers noch nicht, den im Spätherbst des Revolutionsjahres 1848 über die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien verhängten Belagerungsszustand aufzuheben. Aber die Soldaten beherrschten nun nicht mehr das Stadtbild und das Bürgertum war entschlossen, trotz der Militärherrschaft die traditionellen Faschingsfreuden der Metropole des Habsburgerreiches so rasch wie möglich wieder im Karnevalskalender und sogar die verhältsnismäßig kleine protestantische Gemeinde Wiens schaltete sich zum ersten Male in ihrer Geschicte ins Faschingstreiben ein: sie veranstaltete im vergleichsweise großben Sofiensaal ein eigenes Tanzfest. Der 26jährige Johann Strauß war in diesem neu belebten Fasching der eindeutige Ball-Regent: bei allen repräsentativen Festen spielte seine Kapelle (zumindest eine Zeitlang unter seiner “persönlichen Leitung”) zum Tanze auf. Der fesche, elegante Kapellmeister brachte in der Regel auch eine Widmungskomposition für jeden Gesellschaftsball mit. Und da zeigte es sich, daß Strauß das Fest der Protestanten doch nicht als erstrangige Veranstaltung einstufte: das Komité mußte sich mit einer Polka begnügen. Das Werk hatte bei der Uraufführung den Titel “Concordia”. Aber das gefiel dem Verleger Carl Haslinger nicht: diese Bezeichnung war anderen Vereinen vorbehalten gewesen und sollte bald and die neu zu gründende Vereinigung der Journalisten und Schriftsteller übergehen. Haslinger nannte das Werk in der Druckausgabe daher “Harmonie-Polka”. Aber er ließ auf das Titelblatt drucken: “Eigens componirt zudem von der protestantischen Gemeinde am 4. Februar 1852 im Sofiensaal zu Wien veranstalteten Balle”. Man kann sich fragen, warum der junge Strauß in diesem Falle eine typisch “böhmische Polka” als Widmung gewählt hat. Darauf gibt es eine mögliche Antwort: bei den traditionsbewußten Wiener Bürgern, und dazu gehörten die Mitglieder der protestantischen Gemeinde jedenfalls, gat er damals noch als “Sohn seines Vaters”. Daher spielte er ihnen einen Tanz in der Nachfolge der böhmischen Polkas von Johann Strauß-Vater auf. Im lustic-übermütigen Trio zeigte er dann seine eigene Handschrift. Das mag dazu beigetragen haben, daß die “Theaterzeitung” anläßlich des Erscheinens der Druckausgabe der “Harmonie-Polka” schreiben konnte: “…daß diese Polka zu den beliebtesten der Saison gehört, ist eine bekannte Tatsache.”

“Die Gemüthlichen”, Walzer, op. 70

Im Oktober 1849 übernahm Johann Strauß die Leitung der Kapelle seines im September plötzlich verstorbenen Vaters. Selbsverständlich war es sein Ziel, dieselbe Position im Wiener Leben einzunehmen, die sein Vater innegehabt hatte. Der “alte” Strauß war ja in den vergangenen Jahren der allgemein anerkannte, souveräne Walzerkönig der Donaumonarchie gewesen, während es sein Sohn nur zum Kapellmeister der Jugend und der Randgruppen der Gesellschaft, wie zum Beispiel der nationalen Minderheiten in der kaiserlichen Residenzstadt, gebracht hatte. Das Gros der Bevölkerung hatte es nicht gebillight, daß sich Strauß-Sohn so entschieden gegen seinen Vater gestellt hatte. Nun stand der junge Musikdirektor also vor einer doppelten Aufgabe: er mußte trachten, die Verträge seines Vaters mit den Besitzern der wichtigsten Etablissements auf Wiener Boden auch weiterhin für die Strauß-Kapelle zu sichern, vor allem aber mußte er versuchen, die Anhänger des “alten” Strauß für sich zu gewinnen. Das war selbstverständlich am schwersten bei den Stammgästen im Etablissement “Sperl” zu erreichen; denn dort war ja gleichsam die Hochburg seiner bisherigen Gegner gewesen. Es ist daher selbstverständlich, daß der junge Strauß sich anlßlich der Eröffnung der neuen Saison im “Sperl” im Jahre 1850 sogleich mit einer Widmungskomposition einstellte, die exakt für das Publikum des Etablissements berechnet war. In den Zei tungen ließ Strauß ankündigen, sein Widmungswalzer werde den Titel “Echte Sperlianer” führen. Das Konnte heiÞen, daßer ebenden Stammgästen des “Sperl” zugedacht war; man konnte den Titel aber auch so deuten, daß diese Walzerpartie den Charakter einse gemütlichen Tanzes haben werde, wie ihn die Gäste des “Sperl” besonders schätzten. Im Druck ist der Walzer dann unter dem Namen “Die Gemüthlichen” erschienen. Und gemütlich, d. h. ein wenig im Charakter der bodenständigen Volksmusik, ist das Werk auch gehalten. Es hat offenkundig seinen Zweck erfüllt, denn der junge Strauß wurde auch im “Sperl” also vollwertiger Nachfolger seines Vaters anerkannt.

“Aurora-Polka”, op. 165

Die schöne, römische Göttin der Morgenröte wurde von der allerdings recht kurzlebigen Wiener Künstlervereinigung “Aurora” als Schutzgöttin auserkoren. Das Motto der Gesellsschaft, der vor allem Schriftsteller und Schauspieler angehört haben und die später von der Künstlervereinigung “Hesperus” abgelöost werden sollte, lautete demenstprechend: “Aurora musis amica” (Die Göttin ist eine Freundin der Musen”). Die Ballfeste der “Aurora” wurden stets in einem bescheidenen Rahmen abgehalten, nur ausnahmsweise, wie etwa im Jahre 1855, wagten sich die Veranstalter in den “Sperl”. Bei ihrem Ball am im Jahre 1855, wagten sich die Veranstalter in den “Sperl”. Bei ihrem Ball am 14. Februar dieses Jahres stellte sich Strauß, der wenigstens eine Zeitlang die Ballmusik dirigierte, mit einer fröhlichen, nach dem Urteil der “Theaterzeitung” ausgesprochen lieblichen “Aurora-Polka” ein. Strauß wiederholte das Werk später im Volksgarten und behielt es lange Zeit im Repertoire der Kapelle.

“Fest-Quadrille”, op. 44

Die “Fest-Quadrille”, op. 44, ist ein Jugendwerk des Musikdirektors Johann Strauß (und darf daher nicht mit der im Jahre 1867 in Großbritannien geschriebenen “Festival-Quadrille”, op. 341, verwechselt werden). Der Komponist, damals noch als Strauß-Sohn bei seinen Veranstaltungen annonciert, hat diese Quadrille zusammen mit einer ganzen Serie von Novitäten verfaßt, ehe er zu seiner riskanten Reise über Preßburg (Brastislava), Pest und Belgrad nach Siebenbürgen und Bukarest aufgebrochen ist. Vielleicht wollte der junge Strauß mit dieser Fülle neuer Kompositionen, deren von Kopisten geschriebene Partituren er anschließend dem Verleger zukommen ließ—die Stichvorlage der Quadrille ist mit 26, 112. 1847 datiert—seine Reisekasse auffüllen. Die Uraufführung der “Fest-Quadrille”, op. 44, erfolgte bei einer Veranstaltung auf dem Wasserglacis unmittelbar vor den Mauern der Kaiserstadt. Strauß-Sohn arrangierte den Abend ganz im Stil seines Vaters. Die großspurige Ankündigung versprach ein “Allegorisches Illuminations- und Decorationsfest unter der Bezeichnung ‘Tausendundeine Nacht’ in Verbindung der magischen Beleuchtung der blumenreichen Gartenanlage”. Versprochen wurde aber außber der eigens für diesen Abend komponierten “Fest-Quadrille” u. a. auch die Aufführung der “Tannhäuser-Ouvertüre”; das Werk dürfte damals nicht gespielt worden sein und Strauß selbst hat ja im Jahre 1854, als er am 2. Januar die bis dorthin in Wien immer noch unbekannte “Tannhäuser-Ouvertüre” tatsächlich vortragen ließ, ausdrücklich behauptet, diese Aufführung im Jahre 1854 sei die erste Wiedergabe des Werkes in der Donaumonarchie. Zu diesem Zeitpunkt aber war die am 1. September 1847 uraufgeführte “Fest-Quadrille” bereits vergessen. Sie wurde esrt für diese Aufnahme aus vergilbten Noten wiederhergestelt.

“Ella-Polka”, op. 160

Eine der amüsantesten Episoden im Kulturleben der Kaiserstadt Wien ist auf ebenfalls recht amüsante Art und Weise mit dieser Polka verbunden. Im Jahre 1854 gestattete Kaiser Franz Joseph dem jungen Zirkusdirektor Ernst Renz, mit seiner Truppe (deren herrlicte Pferde ihm und seiner jungen Gemahlin Sisi wohl besonders imponiert hatten) Vorstellungen in den Abendstunden zu veranstalten. Bisher waren solche Darbietungen verboten gewesen, da die Theater im Gegenzug dafür, daß sie den Sommer über durschpielen mußten, obwohles nur wenig Publikum gab, das Privileg erhalten hatten, daß “zur Theaterzeit”, also zwischen sieben und zehn Uhr abends, keine anderen Veranstaltungen als die Theateraufführungen stattfinden durften. Nun gab es also unmittelbarer Nähe des Carltheaters auf und—schädigte das Ensemble des Direktors Carl empfindlich.

Ein Jahr später ergab sich etwa dieselbe Situation. Nun war aber bereits Johann Nestroy Direktor des Carltheaters. Dieser überlegte, wie er trotz der Zirkusvorstellungen überleben könnte. Obwohl Nestroy natürlich—schon im Interesse seiner eigenen Bühnenwerkel—den künstlerischen Anspruch des Theaters bei jeder Gelegenheit hervorhob, verpflichtete er eine junge Kunstreiterin: diese sollte während der Saison im benachbarten Zirkus Renz auf seiner Bühne ihr Können präsentieren und dadurch die Leute in sein Theater locken. Nestroys Plan ist glänzend gelungen: “Miß Ella” mit ihrem flinken Pferdchen im Galopp auf der Bühne—das war eine Sensation, die sich die Zuschauer nicht entgehen lassen wollten. Das Carltheater war jeden Abend ausverkauft. In der Zeitung “Humorist” erschien folgendes Gedicht:

Miss Ella
Wer reitet so spät wie der Teufel geschwind?
Es ist Miß Ella, das Roß und das Kind!
Es hält Herr Nestroy sie fest in den Arm,
er hält sie fest, er hält sie warm.

‘Mein Kind, mein Kind—was machst für Gesicht?’
—‘Siehst Nestroy du den Circus denn nicht?
Den Circus mit seinem großen Gerschrei?’

‘Mein Nestroy, mein Nestroy, und hörst du nicht,
was Renz-Direktor mir alles verspricht?’
—‘Reit ruhig, reit ruhig, mein Kind,
im leeren Circus pfeift nur der Wind.’

‘Mein Nestroy, mein Nestroy und siehst du nicht dort
Renz-Direktors Tochter reiten allfort?’
—‘Mein Kind, mein Kind, ich seh’ es genau,
sie fÄllt von dem Pferd und schreit nicht ‘Mau’!’

Der Nestroy schmunzelt. Miß Ella geschwind
durh 50 Reifen, husch, wie der Wind.
Verdient das Geld, das Nestroy ihr bot.
In ihren Armen der Circus ist tot!”

Johann Strauß ließ sich von der allgemeinen Begeisterung für “Miß Ella” mitreißen und schrieb eiligst eine Zirkuspolka. In der “Wiener Zeitung” konstatierte der Referent: “…(in der Polka) hört man den leisen Hufschlag von Miß Ellas Zauberrößchen, während die eleganten Bogenstriche des Orchesters die elegante Reiterin selbst glücklich erinnern.”

Die Uraufführung der Polka erfolgte bereits 4 Tage nach dem ersten Auftreten der Kunstreiterin beim Benefizball der Strauß-Kapelle am 11. Februar 1855 im Sofiensaal. Eigentlich wollte Strauß bei diesem Ball “nur” seinen Bruder Eduard als Harfenspieler vorstellen (vgl. den Walzer “Glossen”, op. 163), aber nun mußte auch noch die Präsentation der “Miß Ella-Polka” ins Programm aufgenommen werden. Als das Werk wenig später im Verlag Haslinger im Druck erschien, fehlte zum Erstaunen des Publikums das Wort “Miß” im Titel. Aber Haslnger hatte offenbar einen Blick hinter die Kulissen des Carltheaters werfen können und wußte, was man vor dem Publikum geheimzuhalten wünschte: unter dem Namen “Miß Ella” trat nämlich der Artist Olmar Stokes auf. So blieb es bei dem Titel “Ella-Polka”. Und die Wiener huldigten noch einige Zeit der graziösen Kunstreiterin, die Wahrheit—ein Mann war.

“Man lebt nur einmal”, Walzer (Im Ländlerstil), op. 167)

Der gemütliche Strauß-Ball im “Sperl”, der damals stets am Faschingsmontag abgehalten wurde, fiel im Jahre 1855 auf den 19. Februar. Es war also ein relative kurzer Karneval, aber Strauß war an jedem Abend beschäftigt, und zwar recht häufig gleich bei mehreren Ballveranstaltungen. Eine schwere, bittere Zeit ging in diesen Wochen zu Ende: das ganze Jahr 1854 über hatte eine Cholera-Epidemie die Kaiserstadt an der Donau und ihre Vororte heimgesucht. Es gab tausende Opfer, darunter den Dichter Ferdinand Sauter und mehrere populäre Volkssänger. In einer ganz ähnlichen Situation (und zwar im Jahre 1831) hatte Strauß-Vater zwei besonders anmutige Walzer geschrieben: “Heiter auch in ernster Zeit”, op. 48, und “Das Leben, ein Tanz”, op. 49. Damals hatte man seine Botschaft verstanden: jeden Tag des Lebens auszukosten und nicht daran zu denken, daß Alles auf Erden ein Ziel gesetzt erhalten hat. Nun wiederholte der Sohn bei seinem Benefizball des Jahres 1855 die Botschaft des Vaters und nannte sein Opus 167 “Man lebt nur einmal”. Es wurde ein schöner, gemütlicher Walzer mit lebensvollen und doch ein wenig nachdenklichen Melodien. Aber dem Sohn nahmen manche Journalisten übel, was andere Kollegen dem Vater gedankt hatten. In der “Morgenpost” räsonierte ein Kritiker: “‘Man lebt nur einmal’—das heißt doch: ‘Der Mensch lebt nur einmal und nachher ist es gar!’ Das am Faschingsmontag zu hören, ist fürchterlicher als das ‘Memento mori’ (‘Denke an den Tod!’) am Aschermittwoch. Zu tanzen mit der Aussicht auf einen Totenkopf, zu tanzen, weil man doch sterben muß, welche Lust!” Und die Betrachtung schloß mit dem müden Scherz: “Das kann nur einem Kapellmeister einfallen, dem das Fasten bevorsteht.” Andere Zeitgenossen verstanden Strauß besser. Der Zeichner des Titelblattes der Erstausgabe, W. Tatzelt, strichelte auf seinem Doppelbild rechts einen dicht besetzten Tanzsaal, links eine Gruppe von Lebemännern, die mit Champagner auf das Leben anstoßen.

Der Volkssänger Johann Fürst, dessen Leiblied “Allweil fiderl” damals in Wien überaus populär war, brachte den Straß-Walzer aufs Brettl und sang dazu:

“Es kann nix mehr geb’n im ganzen Leben,
Nur immer Walzen, Jodeln und Schnalzen…”.

Etliche Jahre später schrieb der Bühnenautor Walter Gericke in seiner Komödie “Man lebt nur einmal” ein Lied mit einem ganz ähnlichen Text für den Volksschauspieler Alexander Girardi. Es war eben Wiener Tradition: das Leben unter dem Motto “Heiter auch in ernster Zeit” oder “Man lebt nur einmal”

“Krönungs-Marsch”, op. 183

Alexander Nikolaijewitsch aus dem Haus Romanow folgte seinem Vater, Nikolaus I., im März 1855 auf dem Zarenthron: damals tobte der für Rußland verlustreiche “Krimkrieg”, in dem das Kaisertum Österreich zwar nicht offen Partei ergriffen hatte und sich auf die Seite der gegen Rußland allierten Mächte (TÜrkei, Frankreich und England) stellte, aber dem Zarenreich die von Nikolaus erwartete Hilfe verweigerte und seinen Einfluß auf dem Balkan vergrößerte. Das führte zu einer Verstimmung zwischen den beiden Kaiserreichen, die bis zum Kriegsausbruch des Jahres 1914 eigentlich nie mehr überwunden werden konnte.

Die feierliche Krönung den neuen Zaren Alexander II. (1818–1881) erfolgte erst nach Beendigung der Kriegshandlungen am 7. September 1856 (d. i. der 26. August nach dem russischen Kalender).

Es spricht für den Kunstsinn des Zaren Alexander, daß er Johann Strauß, der im Frühjahr 1856 zu seiner ersten Sommersaison im Vauxhall von Pawlowsk angereist war, nur als Musiker und nicht als Repräsentant des Kaisertums Osterreich wertete. Kurz nach dem Debüt des Wiener Musikdirektors erschien nach dem GroÞfürstenpaar Alexandra und Konstantin auch der Zar bei den Konzerten in Pawlowsk und war von Strauß bald so begeistert, daß er ihn einlud, im September 1856 nach Moskau zu reisen und den Krönungsfeierlichkeiten beizuwohnen. Nach Berichten, die in den Wiener Zeitungen erschienen sind, hat Strauß dieser Einladung auch Folge gelesitet. Jedenfalls aber hat der Wiener Musikdirektor dem neuen Zarenpaar seine Huldigung dargebracht, indem er sowohl für die Kaiserin Maria Alexandrowna als auch fÜr Kaiser Alexander festliche Kompositionen schrieb. Für Alexander war der schwungsvolle “Krönungs-Marsch” bestimmt und so stand auf dem Titelblatt der Erstausgabe, neben einem Bild der Moskauer Kathedrale im Kreml, die ausführliche Widmung: “In tiefster Ehrfurcht seiner Majestät Alexander II., Zar aller Reussen aus Anlaß seiner festlichen Krönung in Moskau.”

Straß führte den Marsch nach seiner Rückkehr nach Pawlowsk selbst dem Publikum seiner Konzerte im Vauxhall vor, und zwar am 25. September (d. i. der 13. September nach dem russischen Kalender). Es gab selbstverständlich lebhaften Beifall.

“Neues Leben”, Polka francaise, op. 278

Am 20. November 1863 spielte Johann Strauß im k. k. Redoutensaal im der Wiener Hofburg eine neue Polka francaise unter dem Titel “Neues Leben” auf. Anlaß der Aufführung war die traditionelle Katharinen-Redoute der bildenden Künstler Wiens. Als das Werk später im Verlag des Musikalienhändlers Carl Haslinger im Druck erschien, fand sich auf dem Titelblatt der Erstausgabe die Widmung: “Seiner Hoheit dem Herzog Ernst von Sachsen-Coburg und Gotha”.

Aber mit diesen Feststellungen ist die Geschichte dieser Polka längst noch nicht erschöpfend darg estellt. Das zeigt allein schon der Blick auf die im Verlag Büttner in St Petersburg erschienene, russische Ausgabe des Werkes, In der Metropole des Zarenreiches wurde das Opus 278 mit dem Außeintitel “Adieu-Polka” verkauft. (Proschanie bedeutet etwa: “Abschied, Trennung”) Über der Stichvorlage, die vom Kopisten für den Verleger Carl Haslinger hergestellt worden war, stand ebenfalls “Adieu-Polka”. Und das paßt sehr gut zu den Aufzeichnungen des Orschestermitglieds F.A. Zimmermann, denn darin findet sich unter dem Datum 27. September 1863 eine “Addio-Polka”.

Die Umbenennung des Werkes (auf dem Titelblatt der Stichvorlage hat offenkundig Haslinger selbst das Wort “adieu” durchgestrichen und dafür “Neues Leben” hingeschrieben) stand zweifellos im Zusammenhang mit der beabsichtigten Widmung des Werkes and den regierenden Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, Ernst II. Dieser war allen Wiener Muskern bestens bekannt: er war nicht nur einer der einflußreichsten Regenten des 19. Jahrhunderts (das Haus Sachsen-Coburg-Gotha hatte damals Reprasentanten in zahlreichen Ländern Europas und in Brasilien), sondern auch ein vorzüglicher Komponist, dessen Opern u. a. am k. k. Hofoperntheater nächst dem Kärntnerthorn in Wien aufgeführt worden waren. Einige Winer Musikdirektoren (z. B. Philipp Fahrbach, der Vater) hatten ihm damals bereits Kompositionen gewidmet (und waren dafür mit einem Orden bedacht worden). In ihre Reihe gliederte sich nun also auch Johann Strauß ein—und erhielt ebenfalls nach einiger Zeit erhofften “Ernestinischen Hausorden”. (Daß Herzog Ernst später noch großzügig in sein Leben eingreifen werde, indem er nämlich die Heirat Johann Strauß’ mit seiner dritten Gattin, Adèle, in Coburg ermöglichte, lag für den Komponisten damals noch in ferner Zukunft!)

Ein früher Belegfür die neue Polka stammt aus Prag: Johann Strauß schrieb am 13. Oktober 1863 bei einem kurzen Aufenthalt in der böhmischen Metropole vier Takte als Widmung für einen Herrn Fleischer auf. Indesen war die Stchvorlage wohl bereits im Verlag Haslinger gelandet, denn als Strauß am 21. Oktober 1863 in Wien eingetroffen war, lobte er den Verleger in einem Brief mit den Worten: “Die neues Leben-Polka ist vortrefflich arrangirt.” Kurz darauf muß es allerdings zum Bruch der Familie Strauß mit der Familie Haslinger gekommen sein. Carl Haslinger protegierte fortan den jungen [Carl] Michael Ziehrer als “neuen Strauß” und die Polka “Neues Leben” war das letzte Werk der Brüder Strauß, das in seinem Verlag erschenen ist.

Später ließ Johann Strauß die Partitur der Polka vom Kopisten G. Kraus reinscheiben und übersandte sie in einem kostbaren Einband mit Golddruck nach Coburg.

“Hofball-Tänze”, Walzer, op 298

Alle Wiener Musikdirektoren, die nach dem Tod des Kapellmeisters Josef Wilde “die Ehre hatten, bei den allerhöchsten Hof- und Kammerbällen die Musik ausführen”, haben einen Walzer mit dem Titel “Hofball-Tänze” geschrieben. (Wilde war Musikdirector im k.k. Redoutensaal ab dem großen Völkerkongreß im Wien 1814/1815 bis 1831.) Den Anfang machte Johann Strauß-Vater im Jahre 1832, dann folgten Joseph Lanner im Jahre 1840 und Phillipp Fahrbach d. Ä. im Jahre 1852. Johann Strauß-Sohn war ja nach dem Tod seines Vaters (ihm zu Ehren wurde im Jahre 1846 der Titel “Hofball-Musikdirektor” geschaffen) nicht sofort zur Leitung der Ballmusik herangezogen worden; sie war vielmehr zunächst Philipp Fahrbach übertragen worden. Aber im Fasching 1852 war es dann so weit: nun spielte auch der Sohn bei den Festen am Kaiserhof zum Tanze auf (vgl. “Hofball-Quadrille”, op. 116). Auf den Ehrentitel “Hofball-Musikdirektor” mußte Strauß bis zum Jahre 1983 warte, Er ließ sich aber auhc seinerseits Zeit mit der Komposition eines Walzers für den Kaiserhof. Erst im Fasching 1865 schrieb er seine “Hofball-Tänze” und führte sie—nach übereinstimmenden Angaben in den Aufzeichnungen seines Bruders Joseph und des Musikers Sabay-beim großen Hofball am 22. Februar im Rittersaal der Wiener Hofburg zum ersten Male selbstden Gästen seines Kaisers vor.

Aber damit war der Schlußstrich unter die Entstehungsgeschicte dieses Werkes noch nicht gezogen. Bei der Karnevalsrevue 1865 im Wiener Volksgarten am 5. März, bei der die brüder Strauß alle für den Fasching dieses Jahres geschriebenen Novitäten konzertant vorgetragen haben, fehite ausgerechnet die Walzerpartie “Hofball-Tänze”. Dadurch wurde es dem Komponisten möglicherweise indessen noch einmal sorgfältig durchgearbeitet und mit Introduktion und Coda versahen hatte-einmal am 15. August 1965 in Pawlowsk bei St. Peterburg und dann noch einmal beim Benefizkonzert der Strauß-Kapelle am 12. November 1865 im Wiener Volksgarten der Öffentlichkeit als Novität zu präsentieren. Im Druck ist das Werk erst im Oktober 1865 bzw. (Orchesterausgabe) im Jänner 1866 erschienen.

Diese etwas komplizierte Entstehungsgeschichte ist deshalb interessant, weil sie den Beweis dafür erbringt, wie wichtig gerade dieser Wlazer seinem KOmponisten war. Und die “Hofball-Tänze” von Johann Strauß-Sihn sind denn auch das Meisterwerk in der gesamten Gruppe diser Widmungen an den Kaiserhof zu Wirn geworden.

“Stümisch in Lieb’und Tanz”, Polka schnell, op. 393

Die Schnellpolka “Stümisch in Lieb’und Tanz” war der Beitrag des Hofball-Musikdirekors Johann Strauß für den Ball der Schriftsteller- und Journalistenvereinigung “Concordia”, welcher am 22. Februar 1881 im Wiener Sofiensaal abgehalten wurde. Bei der Zusammenstellung dieses Wrkes hat sich der Komponist keine allzu große Mü he gegeben: routiniert wurden MOtive aus dem 3. Akt und aus dem Finale des 1. Aktes der Operette“Das Spitzentuch der Königin” verarbeitet. Die Schnellpolka was also kaum mahr als eine Geste der Höflichkeit für die Journalisten (und Kritiker): sie waren ja nicht bereit gewesen, der am 1. Oktober 1880 zum ersten Male im Theater an der Wien gespielten Operette mit der allerdings nicht recht plausiblen Handlung rings um das Spitzentuch einer etwas verwirrten Regentin im historischen Portugal auch nur ein wenig Lob zu zollen. Und den Titel der Schnellpolka hat Strauß wohl keineswegs selbst erfundem. Sein Bruder Eduard, der die Schnellpolka “Stümisch in Lieb’und Tanz” beim Concordiaball vorführte, hatte ja mit seinem Freund Jacques Kowy ein Abkommen geschloossen, demzufolge sich der Humorist Kowy Titel für die Strauß-Kompositionen aiszudenken hatte. Die Journalisten mogen aber trotzdem über den Titel erfreul gewesen sein: man hat ihnen damals im Alltag mancherlei nachgesagt (und vorgeworfen), warum sollte man ihnem nicht auch einmalzutrauen, “Stümisch in Lieb’und Tanz”zu sein?

“Weiner Frauen”, Walzer, op. 432

Mitte Jänner 1887 küdigten die Wiener Zeitungen an, daß am 14. Februar in den Sofiensälen der diesjährige Concordiaball stattfinden werde. Die Tanzmusik werew von der Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung und der beliebtem Banda des Regiments Nr. 84 unter Karl Komzak ausgeführt. “Meister Johann Strauß”, so hieß es weiter, “hat einen neuen Wlazer, ‘Weiner Frauen’ betitelt, dem Ballcomité bereits übersender.”

Es ist Johann Strauß nicht schwer gefallen, das Werk der “Concordia” zu übergeben, denn der Walzer stammte aus dem Jahre 1886 und war bereits in St. Peterburg uraufgeführt worden, dort allerdings unter dem Titel “Les Dames de St. Peterbourgh”. Jean hatte es sich also leicht gemacht: e in alter Walzer mit einem neuen Titel, das war sein Beitrag zum Concordiaball 1887 am 14. Februar in den Sofiensälen. Eduard spielte ihn zusammen mit einer Reihe anderer Widnungen andere Komponisten Ballgästen auf.

Viel interessanter aber ist die Geschichte der ursprünglichen Version des Werkes, also des Walzers “Les Dames de St. Peterbourgh”. Johann Strauß war eingeladen worden, in der Osterwoche des Jahres 11886 seine langjährigen Beziehungen zur russischen Metropole an der Newa wieder aufzunehmen, die seit dem Jahre 1869 unterbrochen gewesen waren. Die Damen der Gesellschaft in St. Petersburg nahmen iene Reihe geplanter Wohltätigkeitsveranstaltungen zum Anlaß, um Johann un Adèle Strauß(die verwitwete Adèle galt damals zwar bereits als Frau Strauß, war aber mit Jean noch nicht rechtsgültig verheiratet. Den NAmen Strauß trug sie nach ihrem verstorbenen Gatten Anton Stauß.) nach Rußland einzuladen. Diesen doppelte Einladung imponierte dem Komponisten und er sagte seine Mitwirkung bei den Wohltätigkeitsveranstaltungen in St. Petersburg zu.

Anfang April machten sich Johann und Adèle Strauß auf den Weg. Sie reisten zunächst nach Hamburg und Berlin (dort dirigierte Strauß Aufführungen der damals neuen Operette “Der Zigeunerbaron” und fuhren schließlich von Berlin aus nach St. Petersburg. Jean wurde als alter Liebling des Publikums begiestert empfangen und revanchierte sich mit etlichen Novitäten, die er in den Konzerten der Reihe nach vorführte (siehe auch “Mon salut ”[=“An der Wolga”], Polka Mazur, op. 425, und “Adelen-Walzer”, op. 424). Der Walzer “Les Dames de St. Peterbourgh” war am 27. April 1886 an der Reihe (d.i. der 15. April nach dem russ. Kalender) und zwar bei einem Galakonzert in der riesigen Halle der Reitschule des russischen Kavallerie-Garde-Regiments, das unter dem persönlichen Befehl des Zaren stand (vgl. “Russischer Marsch”, op. 426). Der Zar hatte übrigens auch die Schirmherrschaft über alle diese Veranstaltungen übernommen. Die Damen von St. Petersburg nahmen “ihren Walzer” freundlich auf und ließen sich das Werk wiederholt vorspielen. Der Walzer ist in Rußland auch unterdem Orignaltitel im Druch erschienen. Das war aber für Strauß kein Hindernis, das werk im Faschinf 1887…(siehe oben!)

“Souvenir-Polka”, op. 162

Ab der Mitte der Vierzigerjahre des 19. Jahrhunderts war die wirtschaftliche Not ein zwar unwillkommener, aber beständiger “Gast” in der Reichshaupt-und Residenzstadt der Donaumonarchie, der breite Kreiser der Bevölkerung—vor allem die Bewohner der kleinen Vororte Wiens—heimsuchte. Der große Zustrom aus den, ebenfalls unter anhaltender Not und Hunger leidenden, Kronländern (vor allem aus Böhmen, Mähren, Schlesien und Galizien) ver-schärfte abenfalls die sozialen Spannungen in der Kaiserstadt. Um wenigstens die ärgste Not zu lindern, wurden in diesen Jahren zahlreiche Wohltätigkeitsinstitutionen geschaffen und Vereine gegründet, die sich der Ärmsten der Armen angenommen haben. Eine“Institution” für sich wurde die des selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Franz Ignaz Singer: der ungemein tüchtige Unternehmer, der vor allem als Administrator volkstümlicher Zeitungen und Zeitschriften tätig war, hatte sich in den Fünfzigerjahren darauf spezialisiert, Akademien und Bälle zu veranstalten, deren Reinertrag er dazu verwendete, brebbholz anzukaufen und in den Vorstädten zu verteilen. Man nannte den Mann, der es auf Grund seiner Geschäftstüchtigkeit, vor allem aber wegen seiner Wohtätigkeit, zum Ritter von Singer brachte, in diesn Jahren schlechtweg den “Holz-Singer”.

Für einen Wohltätigkeitsball, den Franz Singer amm 23. Jänner 1855 im aufstrebenden Etablissement Schwender in Rudolfsheim veranstaltete und bei dem die Strauß- Kapelle zum Tanze aufspielte, versprach der eifrige Musikdirektor—der übrigens mit Singer auch bei zahlreichen anderen Gelegenheiten zusammengearbeitet hat—eine eigene Widmungskomposition und schrieb auch eine kleine, aber adrette Polka, die er “Souvenir-Polka” nannte und dem Veranstalter zueignete, ohne daß dies dann in der Druckausgabe angezeigt wurde. Der Ball war allerdings nicht so gut besucht, wie Singer es erwartet hatte—die Angst vor der noch nicht völlig augsgestandenen Cholera-Epidemie wirkte in der Bevölkerung eben noch nach—und Strauß kam auch erst etwa um die Mitternachtsstunde nach Rudolfsheim, um die Leitung der Ballmusik wenigstens für die Dauer einiger Tänze selbst zu übernehmen. Aber die “Souvenir-Polka” wurde jedenfalls vorgeführt und anschließend auch bei den weiteren Bällen des dreißigjährigen Komponisten .


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