About this Recording
8.223213 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 13
English  German 

Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß"

Fidelen-Polka, op. 26
Selbstverständlich war der junge Strauß-Schani nach seinem Debüt als Musikdirektor an der Spitze einer eigenen Kapelle bemüht, möglichst alle Schichten der Bevölkerung der Kaiserstadt Wien und ihrer Vororte als Publikum zu gewinnen. Aber es zeigte sich sehr bald, daß der Umstand, daß Strauß-Sohn durch seinen vehementen Angriff auf die Position seines Vaters im Leben der Donaumetropole und im "Walzergeschäft" bei allen jenen Musikfreunden chancenlos war, die im "alten" Strauß (der ja erst etwa 40 Jahre zählte und auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt war!) "ihren Walzerkönig" sahen. Der junge Mann, der schmächtig und bleich vor seinen Musikern agierte, erkannte sehr rasch, daß er immerhin über einen Trumpf verfügte, den sein Vater nicht (mehr) ausspielen konnte: er wußte, was die Jugend hören, nach welchen Melodien und Rhythmen sie tanzen wollte. Und diesen Vorteil nützte Strauß-Sohn in den ersten Jahren nach seinem Debüt in Dommayers Casino in souveräner Weise aus: mochte der Vater vorerst noch der bessere Walzerkomponist für das Wiener Bürgertum sein, derjunge Strauß war in der Lage, die effektvolleren Polkatänze zu schreiben und damit der herrschenden Tanzmode zu entsprechen. In die Reihe dieser Kompositionen, die sich vor allem an das junge Publikum wendeten, gehört die "Fidelen-Polka" aus dem Jahre 1846. Die Erstausgabe des Werkes für Klavier zeigt denn auch auf dem Titelblatt ein jugendliches Paar im Polkatanz. Strauß hatte im Fasching 1846 nur zwei einigermaßen repräsentative Tanzsäle zu betreuen: Dommayers Casino in der Vorstadt Hietzing und das Etablissement "Zum goldenen Strauß" im Gebäudekomplex des Theaters in der Josephstadt. Diese "Sträußelsäle", von denen ein Rest heute noch dem Publikum des Theaters als Pausenraum zur Verfügung steht, waren anno 1846 selbstverständlich ein Treffpunkt nicht nur der Jugend, sondern auch der Künstler. Es ist also sehr gut möglich, daß beim Festball des jungen Strauß und seines Orchesters am 26. April 1846 im Etablissement "Zum goldenen Strauß" auch die Sängerin Jetty Treffz anwesend war. Sie war ja Ensemblemitglied des Theaters gewesen und zeigte sich gern im Kreis der Künstler; allerdings an der Seite des Barons Moritz Todesco. "Fidel" war die Gesellschaft jedenfalls, und die neue Polka von Strauß hat gewiß die Stimmung angeheizt. Sie ist ein überzeugender Beweis für den Schmiß und Schwung seiner Jugendwerke.

Die Zillerthaler, Walzer im Ländlerstil, op. 30
Der große Erfolg des "Tiroler Heimatfestes" auf dem Tivoli nahe dem Schloß Schönbrunn, das im August 1845 stattgefunden hat, veranlaßte den Pächter der auf dem Grünen Berg gelegenen Meierei, auch am 5. August 1846 eine großangelegte Festveranstaltung zu arrangieren. Im Mittelpunkt dieser Feiern stand natürlich die Erinnerung an den heldenhaften Kampf des Bergvolkes an Inn, Etsch und Eisack gegen die Truppen Napoleons und der mit diesen verbündeten Bayern. Das war im Jahre 1809 gewesen, und Österreich hatte allen Grund, die damaligen Ereignisse nachträglich als "patriotische Taten" herauszustreichen; während des "anno neun" von Andreas Hofer organisierten Widerstandes der Tiroler waren die Freiheitskämpfer ja von Kaiser Franz aus Gründen der Staatsraison im Stich gelassen worden. Nun feierten also die Wiener mit den in der Kaiserstadt lebenden Tirolern gemeinsam die seinerzeitigen Heldentaten. Daß bei diesen Festen die Musik zu ihrem Recht kam, dafür sorgte jedesmal der junge Strauß mit seiner Kapelle. Im Jahre 1845 spielte er den Walzer "Berglieder". op. 18 (vgl. Vol. 3) zum Tanze auf , und ergänzte sein Programm aus diesem Anlaß durch den "Patrioten-Marsch" (siehe Nr. 5). Beim Fest am 5. August 1846 brachte er einen Walzer im Ländlerstil als Festgabe mit: er nannte ihn "Die Zillerthaler". Das war eine Huldigung an die Bewohner des im Herzen Nordtirols gelegenen Tales, das hinauf führt zu Berggipfeln von mehr als 3000 Meter Höhe. Die Zillertaler waren für ihre Lieder und Tänze weit über die Grenzen der Donaumonarchie hinaus berühmt: Sängergesellschaften unternahmen weite Kunstreisen, u. a. nach Paris und nach London. Man kann die Komposition, die der junge Strauß ihnen gewidmet hat, als "typischen Bauernwalzer" bezeichnen, wie er heute noch bei den Trachtenfesten in den österreichischen Gebirgsregionen zu hören ist: die nahe Verwandtschaft mit dem Ländler läßt sich gleich in der Introduktion erkennen oder in den Klarinettenmelodien des Walzers. Daher besteht auch eine Verbindung zu den Walzern (etwa "Dorfschwalben aus Österreich", op. 164) von Joseph Strauß aus dem Jahre 1864 oder zu dessen Polka Mazurkas im Ländlerstil. Gerade der Walzer "Die Zillerthaler" beweist, daß Johann Strauß nicht nur in die Schule seines Vaters gegangen war und sich darauf vorbereitete, dessen Werk fortzusetzen, sondern daß er auch mit der Volksmusik seines Vaterlandes von Jugend auf vertraut gewesen ist.

Tanzi-Bäri-Polka, op.134
Am 15. Juli 1853 amüsierte Johann Strauß die Besucher seines Konzerts im Wiener Volksgarten mit der Aufführung seiner Scherzpolka mit dem Titel "Tanzi-Bäri-Polka". Heute sind die Bärenführer mit ihren gelehrigen Tieren aus dem Stadtbild der mittel- und westeuropäischen Städte verschwunden, aber in Istanbul oder in manchen rumänischen Siedlungen kann man ihnen immer noch begegnen. In der Donaumonarchie waren sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch jedem Kinde bekannt und vertraut.

Mit umso größerem Vergnügen hat es das Publikum im Volksgarten damals mitangehört, wie geschickt Strauß die Auftritte der Bärenführer mit den Mitteln der Musik zu schildern wußte: ihre Flötenmelodie wird ebenso prägnant nachgeahmt wie das schwerfällige Tappen und Hopsen und sogar das Brummen des Bären (im Trio). Vergnügen dürfte dem Publikum aber auch die Druckausgabe des Werkes bereitet haben: denn auf dem Titelblatt war zu lesen, daß die "Tanzi-Bäri-Polka" der Gräfin Juliana Batthyani, einer geborenen Gräfin von Apraxin, zugeeignet worden war. Was damals in Wien jedermann bekannt war, kann man heute – zum Beispiel in den Erinnerungen eines anonymen Diplomaten über "Wien in den Fünfzigerjahren" – nachlesen. Dort heißt es u. a.:

"Am angenehmsten und unterhaltendsten zu jener Zeit war unzweifelhaft der Salon der Comtesse Helene Esterhazy, einer reichen Witwe von russischer Herkunft, deren Tochter Julie aus ihrer ersten Ehe mit dem Grafen Apraxin sich mit 'Turi' Batthyani verheiratet hatte. Julie hatte eine riesige Vorliebe für das Theater, die so weit ging, daß sie in Paris studierte und in der Comédie Française auftreten wollte. Sie hat auch in Wien Theater- und Ballettaufführungen angeregt und ausgeführt."

Für ihre Theaterbegeisterung fand die exzentrische Dame nicht überall Verständnis: man tuschelte über diverse Skandale, in die sie verwickelt worden sei. Genaues wußte freilich niemand. Und gerade das mag Strauß veranlaBt haben, der jungen Gräfin diese "Tanzi-Bäri-Polka" zu widmen. Vielleicht sah er sie als Bärenführerin, die so manchen ihrer Verehrer an der Nase herumführte.

Sirenen, Walzer, op. 164
Der Walzer "Sirenen" gehört zu den Ballwidmungen des für den 28jährigen Musikdirektor überaus arbeitsreichen Faschings 1853. Das Werk erklang beim Technikerball am 12. Februar im Sofiensaal und war daher den "Hörern der Technik in Wien" gewidmet. Da Johann Strauß alle seine Kompositionen für die Technikerbälle dieser Jahre mit Begriffen aus dem technischen Bereich versehen hat (z. B. "Motoren", "Schallwellen" oder "Cycloiden"), liegt der Gedanke nahe, daß sich der Titel dieses Walzers auf die auch damals schon bekannten Warnanlagen, eben die Sirenen, beziehen könnte. Der Inhalt des Walzers ergibt dafür allerdings keinen Beleg; weit näher liegt der Gedanke an jene "Sirenen" der griechischen Mythologie, die ebenso wie die Loreley am Rhein die Matrosen der vorbeifahrenden Schiffe ins Verderben locken konnten, und zwar mit betörender Musik. Der Referent der "Theaterzeitung" (sie nannte sich im Jahrgang 1853 "Wiener Conversationsblatt") kam ebenfalls zu dieser Ansicht, denn er schrieb anläßlich des Erscheinens der Druckausgabe des Walzers im Verlag Haslinger: "Nummer 5 der 'Sirenen' entspricht dem Titel am allermeisten, und es wird wohl keine tanz- und lebenslustige Dame geben, welche imstande wäre, beim Erklingen dieser wirklich verlockenden Töne die Spröde zu spielen und sich nicht in des Tanzes bezaubernden Taumel zu stürzen." Strauß selbst hat es wohlweislich vermieden, eine Deutung des Titels zu geben, und so kann man auch aus dem ersten Walzer eine orchestrale Nachahmung einer mechanischen (Warn-) Sirene heraushören.

Patrioten-Marsch, op. 8
Den patriotischen Charakter der Tiroler Feste auf dem Wiener Tivoli, deren erstes am 19. August 1845 abgehalten worden ist (vgl. "Berglieder", op. 18, Vol. 3, und "Die Zillerthaler", op. 30, Vol. 13, Nr. 2), benützte der junge Musikdirektor Johann Strauß zur Komposition seines "Patrioten-Marsches". Er spielte das Werk gemeinsam mit einer Militärmusikkapelle zum ersten Male bei diesem Fest auf und mußte es sogleich wiederholen. Die Zeitung "Der Sammler" schrieb in ihrem Bericht über das "Tivoli-Fest": "Der Marsch gehört zu den vorzüglichsten, er hebt den Fuß ordentlich zum taktmäßigen Weiterschreiten und regt das Herz zum kühnen Vordringen an. Wenn eine Komposition, voll solcher Kraft und Energie, häufig von stürmischem Beifall unterbrochen und zur Wiederholung verlangt wird, so ist diese Auszeichnung eine wohlverdiente." Der junge Strauß verfolgte aber mit diesem Marsch noch ein anderes Ziel: er widmete das Werk dem "Officierscorps des löbl. 2. Wiener Bürger-Regiments". Es war sein Dank dafür, daß ihn dieses Regiment zu seinem Kapellmeister ernannt hatte.

Die Bürgerregimenter der Kaiserstadt waren während der Freiheitskriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründet worden. In Friedenszeiten gehörten ihre Aufmärsche zu den Attraktionen im Leben der Donaumetropole. Die Mitglieder der Truppen hatten prächtige Uniformen und zur Ausrüstung des Kapellmeisters, der an der Spitze der Regimentskapelle einherschritt, gehörte ein Helm mit großem Federschmuck. Die Regimenter waren bestrebt, die populärsten Wiener Musikdirektoren als Kapellmeister aufzubieten; daher wurde Johann Strauß (Vater) zum Kapellmeister des ersten, Joseph Lanner zum Kapellmeister des zweiten Bürgerregiments ernannt. Nach Lanners Tod war die Position "vacant": nun war also die Wahl der Offiziere auf den jungen Strauß gefallen. Das war für ihn (als Nachfolger Lanners) eine hohe Auszeichnung, brachte ihn aber zugleich in direkte Konfrontation mit seinem Vater, dem Leiter der Banda des ersten Bürgerregiments. Doch das war dem Sohn nur recht; er war sicher, auch in diesem Falle in Ehren bestehen zu können. Seinen letzten Auftritt in der Uniform des Bürgerregiments hatte der junge Strauß übrigens im Jahre 1848 in Bukarest: er unterstützte dort die Revolutionäre überaus effektvoll. Dann aber war die Zeit der Bürgerregimenter vorbei. Sie wurden verboten.

Demolirer-Polka, op. 269
Am 20. Dezember 1857 hat der junge Kaiser Franz Joseph mit einem Handschreiben an den Minister des Inneren der Donaumonarchie die Erweiterung seiner Reichshaupt- und Residenzstadt Wien "anzuordnen geruht". Die Pläne sahen vor allem eine Beseitigung der historischen Mauern rings um die Innenstadt und ihres Vorfelds, des sogenannten "Glacis", sowie die Anlage einer neuen Ringstraße an ihrer Stelle vor. Dieser Maßnahme waren stürmische Debatten vorangegangen: die Repräsentanten der k. k. Armee wandten sich mit aller Entschiedenheit gegen den Abbruch der Festungsanlagen, obwohl sich spätestens im Revolutionsjahr 1848 gezeigt hatte, daß solche "Fortifikationen" bereits so gut wie wertlos geworden waren. Aber auch in der Bevölkerung waren die Meinungen geteilt: die Anhänger der Tradition wollten eine derart einschneidende Veränderung des Stadtbildes nicht hinnehmen. Und sogar der berühmteste Dichter derEpoche, der alternde Hofrat Franz Grillparzer, notierte mit unverkennbarem Arger:

"Wiens Wälle fallen in den Sand,
Wer wird in engen Mauern leben?
Auch ist ja schon das ganze Land
Von einer chinesischen umgeben."

Noch drastischer drückten es die Schauspieler und Volkssänger in ihren aktuellen Couplets aus:

"Die Bastein wer'n zerbröselt.
Sie zerfall'n Stück für Stück.
die Welt schreit, da seht nur,
die Wiener hab'n Glück.
Was der Türk' net hat z'sammbracht,
mit Müh und Plag.
Das tut der Krowat
um zwanz'g Kreuzer perTag."

Das hörte die Geheimpolizei gar nicht gern: die Erinnerung daran, daß die Stadtmauern zweimal dem Ansturm der türkischen Truppen standgehalten hatten (zuletzt 1683) und daß bei den Abbrucharbeiten schlecht bezahlte "Gastarbeiter" aus den Kronländern (Böhmen, Mähren und vor allem Kroatien) eingesetzt wurden, wurde sehr rasch unterdrückt.

Der knapp 27jährige Kaiser blieb unbeeindruckt von allen Widerständen. Stolz begann er sein Handschreiben mit den Worten: "Es ist mein Wille." Franz Joseph sah die stürmische Entwicklung seiner Reichshaupt- und Residenzstadt völlig richtig vorher: die Einwohnerzahl Wiens stieg von etwa 430.000 im Jahre 1857 auf mehr als eine Million im Jahre 1900. Die Abbrucharbeiten wurden unverzüglich eingeleitet. Im Jahre 1862 waren große Teile der Stadtbefestigung abgetragen, und nun mußten auch die stolzen, wuchtigen Stadttore den Fundamenten für die neue Ringstraße – heute die Prachtstraße Wiens! – weichen.

Johann Strauß war nicht unter den Kritikern der Stadterweiterung. Er widmete vielmehr im November 1862 den Abbrucharbeitern, die man in Wien "Demolierer" nannte, eine adrette Polka und spielte sie nach seiner Rückkehr von der Hochzeitsreise am 22. November 1862 zusammen mit dem Walzer "Carnevals-Botschafter", op. 270 (Vol. 8), im Alt-Wiener Etablissement "Zum Sperl" zum ersten Male auf. Niemals in der Welt ist ein Zerstörungswerk von einer anmutigeren, fröhlicheren Musik begleitet worden, als die Niederreißung der Wiener Bastein von der "Demolirer-Polka" von Johann Strauß!

Thermen, Walzer, op. 245
Erst gegen Ende der Fünfzigerjahre hatte sich Johann Strauß aus dem Schatten seines im Jahre 1849 verstorbenen Vaters zu lösen vermocht und war auch von den konservativen Wienern als "neuer Walzerkönig" anerkannt worden. Die "Theaterzeitung" bestätigte in einem Artikel im Fasching 1860 seine "außerordentliche Beliebtheit" und versuchte das Geheimnis seines Erfolges zu beschreiben: "Wie fliegen in stürmischer Hast und feuriger Lust die Paare dahin, wenn Strauß, die Geige ans tänzelnde Knie gestemmt, am Dirigentenpulte steht, und gar, wenn er selber zu spielen beginnt, die Geige hoch, weit über die waagrechte Linie erhebend, den Körper in ewig wogenden Biegungen windend, den Bogen in raschen Strichen über die Saiten führend – das zündet die Herzen, elektrisiert die Beine ..."

Mit einerganzen Serie von Meisterwalzern bestätigte der nun etwa 28jährige Johann Strauß seinen Ruhm. Zu diesen Kompositionen gehört auch der Walzer "Thermen", den der fleißige Musikdirektor für den Medizinerball des Jahres 1861 schrieb und den er bei diesem Tanzvergnügen am 22. Jänner im Sofiensaal auch selbst aufspielte. Den Titel hatten wohl wieder einmal die Herren vom Komité dieses repräsentativen Balles ausgewählt: er erinnerte an das Kurmittel der Thermalbäder, das gerade von der Wiener Ärzteschaft mit einer gewissen Vorliebe angewendet worden ist. Im Raum südlich der Kaiserstadt an der Donau gibt es ja auch heute noch eine ganze Reihe beliebter Badeorte, sodaß man den Abbruch des Wienerwaldes zur pannonischen Ebene geradezu als "Thermenlinie" bezeichnet.

Der Walzer "Thermen" erregte gleich bei der Uraufführung den Beifall des Publikums und das Interesse der Kenner. Der Komponist Peter Cornelius berichtete seiner Freundin Marie Gärtner: "Wir soupirten im Ballsaal, hörten Strauß, einen reizenden Walzer in G-Dur, der Pianist Tausig meinte, es wären die 'Thermen'. (Anm.: Carl Tausig hat sich geirrt. Der Walzer "Thermen" steht in E-Dur; es liegt offenbar eine Verwechslung mit dem Walzer "Wahlstimmen", op. 250, vor!) Lassen Sie sich diesen und die 'Accelerationen' (op. 234) geben. Ich liebe diese Dinge sehr!" Auch bei den Sommerkonzerten in Pawlowsk bei St. Petersburg erregte Strauß gerade mit diesem Walzer Aufsehen. Stolz und ein wenig spöttisch schrieb er seinem Verleger Haslinger: "Thermen machen hier enormes Glück – ich begreife es nicht – wie so? – Jedes Concert muß 'Thermen' im Programm haben; von der Direction befohlen!! Zu dumm!!!" Carl Haslinger war offenbar von der Terzenseligkeit im Walzer Nr. 1 der "Thermen" nicht so begeistert wie das Publikum. Aber das Urteil der Tänzer in Wien und der Zuhörer in Rußland erwies sich als richtig: "Thermen" gehört zu den Meisterwalzern von Johann Strauß.

Die Belagerung von La Rochelle, Quadrille, op. 31
Da die Oper "Die Haymonskinder" in Wien bei ihren Aufführungen, am 14. Dezember 1844 im Theater in der Josephstadt, am 25. September 1845 im Theater an der Wien und am 27. September 1845 auch noch im k. k. Hofoperntheater nächst dem Kärntnerthor, erfolgreich gewesen war, wurde der Komponist, der aus Irland stammende Michael William Balfe (1808-1870), eingeladen, seine übrigen Werke den Bühnen der Kaiserstadt an der Donau zu überlassen und die Erstaufführungen selbst zu dirigieren. Am 24. Oktober 1846 war jene Oper an der Reihe, mit der Balfe dereinst seine Laufbahn in Großbritannien begonnen hatte, "The Siege of Rochelle" (Uraufführung in London am 29. Oktober 1835). Im Theater an der Wien erhielt das Werk den Titel "Die Belagerung von La Rochelle". Für die weibliche Hauptrolle bot Direktor Franz Pokorny die 28jährige Sängerin Jetty Treffz auf, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt war. Aber auch die gefeierte Künstlerin, die damals die Freundin des Barons Moritz Todesco war (im Jahre 1862 sollte sie die erste Gattin des Walzerkönigs Johann Strauß werden!), konnte dem Werk in Wien nicht zum Erfolg verhelfen: die Rezensenten stellten fest, das Publikum sei nur "mäßig enthusiastisch" gewesen und auch die Treffz habe nicht die perfekte Leistung erbracht, die man von ihr erwartet hatte.

Johann Strauß-Sohn ließ sich freilich nicht davon abbringen, auch nach den Motiven dieser Oper Baifes eine Quadrille zu schreiben. Viel Glück hat ihm die Arbeit nicht gebracht: als der 21jährige Musikdirektor die Quadrille bei Dommayer in Hietzing aufspielte, war die Oper selbst nach nur drei Vorstellungen längst wieder vom Spielplan verschwunden. Balfe, der die Erstaufführung der Oper im Theater an der Wien dirigiert hatte, war bereits abgereist: er hat also die Strauß-Quadrille nicht gehört. Über die Uraufführung der Quadrille berichtete der "Wanderer" am 21. November 1846 beiläufig: "Man plaudert, daß Strauß Sohn an einem der letzten Sonntage (d. i. 8. oder 15. November 1846) bei Dommayer zum ersten Male eine Quadrille nach Motiven 'Die Belagerung von La Rochelle' zur Aufführung brachte, die sich vielen Beifalls erfreute."

Nur fort, Polka schnell, op. 383
Der Mißerfolg seiner Operette "Blindekuh", die am 18. Dezember 1878 zum ersten Male über die Bretter des Theaters an der Wien gegangen ist, mußte dem dirigierenden Komponisten aus vielen Gründen unangenehm sein. Nicht zuletzt deshalb, weil seine neue Gattin Angelika, die immerhin sehr viel von Theaterangelegenheiten verstand (oder zu verstehen meinte), in der Loge saß und das Debakel, das auch durch höflichen Beifall des Premierenpublikums nicht kaschiert werden konnte, mit wachsendem Ärger miterlebte. Es half Strauß auch nichts, daß man die Schuld an dem Versagen der Operette nicht ihm, sondern Direktor Maximilian Steiner gab, der den Stoff ausgewählt und für Strauß hatte einrichten lassen. Vielleicht war dieser Ärger auch der Grund, warum Johann Strauß nicht alle Motive der Operettenpartitur für den Tanzsaal auswertete: eine Polkamelodie wurde zum Beispiel erst von Peter Kreuder "entdeckt"; er machte daraus den langsamen Walzer "Sag beim Abschied leise Servusl" – und es wurde ein Schlager! Nur fünf Tänze hat Strauß selbst für den Tanzsaal adaptiert: einer davon war die Schnellpolka mit dem Titel "Nur fort". (Er stammt aus der Eröffnungsmelodie des Ensembles, "Nur fort, nur fort zum Schatten kühl, zur Wiese dort, zum Spiel", aus dem zweiten Akt.)

Die Hauptmelodie wird schon in der Ouvertüre als effektvoller Schluß zitiert. Um die Aufführung dieser Schnellpolka, deren vitaler Schwung auch in unserer Zeit seine Wirkung unfehlbar übt, hat sich der Komponist – wahrscheinlich ebenfalls aus seinem verständlichen Unmut heraus – auch nicht gekümmert. Er überließ es seinem Bruder Eduard, die Schnellpolka "Nur fort" ins Programm der Karnevalsrevue am 2. März 1879 einzugliedern. Er selbst war der Devise: "Nur fort" bereits gefolgt und hatte Wien mit seiner Gattin Lili verlassen.

Neue Melodien-Quadrille, op. 254
Giuseppe Verdi war zwar schon im Jahre 1843 einmal in Wien: er führte bei diesem Besuch den Musikfreunden in der Metropole der Donaumonarchie seine Oper "Nabucco" vor. Aber es dauerte viele Jahre, bis er sich nördlich der Alpen wirklich durchgesetzt hatte. Vor allem die Wiener Kritik ließ keine seiner frühen Opern gelten und bekämpfte seine Musik noch weit gehässiger als die Opern Richard Wagners. Trotzdem war Johann Strauß (und mit ihm später auch sein Bruder Joseph) stets bestrebt, die jeweils neuesten Arbeiten Verdis dem Publikum seiner Konzerte vorzuführen. Zeugnis dafür legte bereits im Jahre 1852 seine "Melodien-Quadrille", op. 112, ab (vgl. Vol. 17). Das Bedürfnis des Publikums nach italienischer Musik hielt auch weiterhin an, und so entschloß sich Johann Strauß, nach Schluß der Ballsaison des Jahres 1861 noch eine Quadrille nach Motiven aus italienischen Opern zu schreiben. Es ging Strauß damals gar nicht gut: er war überanstrengt und wirkte manchmal so müde, daß der deutsche Komponist Peter Cornelius, der sich damals längere Zeit in der Donaumonarchie aufhielt, nach Hause berichtete, Strauß sei sehr krank und zerstöre sich selbst völlig. Nun – die neue Quadrille nach italienischen Motiven von Giuseppe Verdi ("Rigoletto", "La Traviata" und "II Trovatore"), Gaetano Donizetti ("Lucia di Lammermoor" und "La fille du régiment") und Vincenzo Bellini ("La Sonnambula") hat Strauß nicht allzuviel Mühe bereitet. Es genügte, für Kontraste und Übergänge zu sorgen: die Melodien selbst begeisterten die Tänzer und Konzertbesucher (das Werk wurde am 17. März im Dianabadsaal zum ersten Male aufgespielt, und zwar von Johann Strauß selbst) ebenso selbstverständlich wie das Publikum der Operntheater in der ganzen Welt.

Was sich liebt, neckt sich, Polka française, op. 399
Nicht weniger als zehn Tanzstücke hat Johann Strauß aus der Partitur seiner Operette "Der lustige Krieg" entnommen und für Konzerte und Bälle aufbereitet. (Vergleiche die Angaben bei der Schnellpolka "Nur fort": im Falle der Operette "Blindekuh" waren es nur fünf Arrangements.) Nun war aber die Operette "Der lustige Krieg", die am 25. November 1881 zum ersten Male über die Bretter des Theaters an der Wien gegangen ist, eines der erfolgreichsten Bühnenwerke des Walzerkönigs: trotz der Katastrophe des Ringtheater-Brandes am 8. Dezember 1881, die das Publikum vom Besuch aller Wiener Theater abschreckte, erreichte der "Lustige Krieg" eine Serie von mehr als hundert Aufführungen. Das Werk paßte offenbar genau in die Zeit und erfüllte die Erwartungen der Zuschauer und – Zuhörer! Strauß hatte nämlich nicht nur eine melodienreiche Partitur geschrieben, er hatte es auch verstanden, seinen Einfällen eine wahrhaft künstlerische Form zu geben. Das wurde von allen Kritikern der Uraufführung ausdrücklich hervorgehoben, sogar vom gestrengen Eduard Hanslick in der "Neuen Freien Presse".

Die Polka française "Was sich liebt, neckt sich" erschien als drittes Werk in der Reiheder Tänze nach Motiven "Der lustige Krieg" und paßt sich mit seinem Titel der volkstümlichen, ja sprichwörtlichen Bezeichnung für eine eher amüsante als gefahrvolle oder bösartige Auseinandersetzung an. In der Polka sind Melodien aus dem dritten (Ensembleszene) und dem ersten Akt (Arietta der Violetta) geschickt vereint. Die Klavierausgabe wurde Herrn Alexander D. Golz "zur Erinnerung an den 22. März 1882" gewidmet. An diesem Tag fand nämlich im Musikverein ein Wohltätigkeitsfest zu Gunsten der Ferienaktion für erholungsbedürftige Großstadtkinder statt, an der sich die zweite Gattin des Walzerkönigs, Lili, führend beteiligte; ihr zuliebe hatte Herr Golz die Veranstaltung organisiert. Strauß führte bei dieser Gelegenheit den "Ersten Gedanken" und den "Kuß-Walzer", op. 400, auf (siehe Vol. 6). Die Uraufführung der offenbar erst nachträglich Herrn Golz gewidmeten Polka "Was sich liebt, neckt sich", dirigierte Johann Strauß allerdings bereits beim Benefizkonzert seines Bruders Eduard am 15. Januar 1882. Das Werk er-schien in der Folge allerdings nur selten in den Programmen der Strauß-Konzerte. Das ist verständlich: denn die Auseinandersetzung im Hause Strauß während des Jahres 1882, die schließlich zur Trennung der Ehe führte, war ganz und gar kein lustiger Krieg; die Verharmlosung: "Was sich liebt, neckt sich" stimmte mit der Wirklichkeit dieser für den Komponisten bitteren Erfahrung nicht überein. Da die Erinnerung so schmerzlich war, wurde das Werk "vergessen". Die Polka ist also – ohne diesen Bezug – neu zu entdecken und zu genießen!

Egyptischer Marsch, op. 335
Johann Strauß hat das Charakterstück mit dem Titel "Egyptischer Marsch" im Sommer 1869 in Pawlowsk bei St. Petersburg komponiert. Da er in dieser Saison die Konzerte im Bahnhofgebäude abwechselnd mit seinem Bruder Joseph leitete, blieb ihm Zeit, seine Einfälle sorgfältig auszuarbeiten. Und Einfälle hatte Johann Strauß in diesem Sommer in erstaunlicher Anzahl und bewundernswerter Qualität. Nach den Aufzeichnungen des Musikers Zimmermann wurde das Werk beim Benefizkonzert der Brüder Strauß am 6. Juli (nach dem russischen Kalender: 24. Juni) 1869 zum ersten Male vorgetragen und mußte sogleich wiederholt werden. Einige Tage später erschien es wieder auf dem Programm: aber diesmal hatte es den Titel "Tscherkessen-Marsch". Nun war das vergleichsweise kleine Volk der Tscherkessen (Siedlungsgebiet im Kaukasus) im Zarenreich berühmt, für die Schönheit seiner Frauen und Mädchen ebenso wie für die Kühnheit seiner Männer. Und vielleicht gab es für Strauß einen aktuellen Anlaß, den Tscherkessen zu huldigen. Seltsamerweise gelangte die Partitur des Marsches unter diesem Namen auch nach Wien: in der Verlagsankündigung der Firma Spina erschien das Werk zunächst unter dem Titel "Tscherkessen-Marsch". Aber schließlich setzte sich der ursprüngliche Titel "Egyptischer Marsch" durch. Und das ist sehr gut verständlich. Denn am 16. November 1869 wurde der Suez-Kanal, die künstliche Wasserstraße zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer, feierlich eröffnet. Unter den zahlreichen Ehrengästen aus aller Welt befand sich auch der Kaiser der Donaumonarchie, Franz Joseph. Der Eröffnungszeremonie in Port Said folgten Feiern in Kairo. (Das Titelblatt der Erstausgabe des "Egyptischen Marsches" zeigt Ismail Pascha bei einer Truppenparade im Angesicht der Pyramiden.) – Die Oper "Aida" von Giuseppe Verdi, die aus diesem Anlaß aufgeführt werden sollte, war allerdings nicht fertig geworden. Der Marsch von Johann Strauß wurde in Wien – zu einer Bühnenszene erweitert – zum ersten Male anläßlich der Aufführung einer Gelegenheitsposse von Anton Bittner, "Nach Egypten", vorgetragen, und zwar bei der Premiere dieses heiteren Spiels um angebliche Vorkommnisse anläßlich der Kanaleröffnung, die am 26. Dezember 1869 im Theater an der Wien gezeigt wurde. Die konzertante Aufführung des Marsches durch die Strauß-Kapelle erfolgteam 13. März 1870 im Musikverein. Und die Widmung des Marsches an "Seine königliche Hoheit, den Großherzog von Baden" ist wohl noch später erfolgt, denn sie ist erst auf späteren Ausgaben (nach den Konzerten des Walzerkönigs in Baden-Baden) zu finden. Es hat sich also viel getan um die Präsentation dieser Kostbarkeit, des "Egyptischen Marsches".

PS: Am 24. Juni 1870 gab es einen interessanten Test: der achtjährige Prinz Tewik Pascha hörte im Volksgarten den "Egyptischen Marsch". Daß er eifrig applaudierte, wurde respektvoll registriert. Er gefiel also auch einem Agypter, der "Egyptische Marsch".


Close the window