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8.223216 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 16
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Ligourianer Seufzer, Scherzpolka, op. 57
Es ist erstaunlich, wie souverän es dem 23jährigen Johann Strauß gelungen ist, den "revolutionären Ereignissen" (wie es im Kaisertum Österreich in der offiziellen Sprachregelung heißen sollte) des Jahres 1848 auch heitere, ja geradezu amüsante Aspekte abzugewinnen. Den blutigen Auseinandersetzungen am 13. März, die zur Kapitulation des "Metternich-Systems" geführt hatten, folgten verhältnismäßig ruhige Wochen, in denen nach den Elementen einer neuen, liberalen Verfassung in der Habsburgermonarchie gesucht wurde. Die Bürger sorgten nun durch ihre Garde selbst für die unerläßliche Ordnung in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Aber diese Hilfstruppen waren dann doch nicht imstande, für eine völlige und allgemeine Ruhe zu sorgen. Immer wieder rotteten sich die Menschen vor den Häusern jener Männer zusammen, die während der vergangenen Jahre und Jahrzehnte allzu treue Diener des "Metternich-Systems" gewesen waren: da wurden dann vor den Fenstern "Katzenmusiken" veranstaltet, d. h. es wurde stundenlang mit Singen und Pfeifen, mit dem Einsatz von Ratschen, Trommeln und anderen Lärminstrumenten ein Höllenspektakel erzeugt: Steinwürfe zertrümmerten die Fenster und wenn die Tore nicht stabil genug waren, wurde gelegentlich das Gebäude gestürmt und Einrichtungsgegenstände und Möbel auf die Straße geworfen.

Ein bevorzugtes Ziel der Volkswut waren die Niederlassungen des Jesuiten- und Dominikaner-Ordens in Wien, insbesondere das Kloster des von dem (kürzlich übrigens heiliggesprochenen) Pater Alfonso Maria di Ligouri (1696-1787) gegründeten Ordens, dessen Mitglieder – so hieß es – Spitzeldienste für die Geheimpolizei des Fürsten Metternich geleistet hatten. Den "Ligourianern" – so nannte man die Ordensmänner – wurden also besonders eifrig Katzenmusiken gebracht und schließlich räumten diese die Kaiserstadt. Der junge Musikdirektor Strauß gab ihnen seine Scherzpolka "Ligourianer Seufzer" gleichsam mit auf den Weg. Er ließ darin ein Spottlied anstimmen: "Ligouri ci gouri gouriani ani ani" (wobei das Wortspiel "Ligourianer – zieht ab" anklingt) und ahmte schließlich die Katzenmusiken (samt dem Klirren der berstenden Fensterscheiben) im Trio nach. Auf dem Titelblatt der Erstausgabe des Werkes ist ein Wegweiser zu sehen, auf dem die Worte stehen: "Zum Teufel!". Daß die Uraufführung dieser Scherzpolka am 3. Juni 1848 in dem Gasthaus "Zur blauen Flasche" in der Vorstadt Neulerchenfeld (heute 16. Wiener Gemeindebezirk) stattgefunden hat, wurde durch eine Gedenktafel bezeugt. Später spielte Strauß-Sohn die Polka auch in der ruhigeren Vorstadt Oberdäbling, im Etablissement "Zägernitz", mit ebensolchem Erfolg wie in Neulerchenfeld. Der Lärm war hier wie dort so groß, daß man ihn bis zum Linienwall (der äußeren Stadtgrenze), also etwa 500 bis 1000 Meter weit, härte. In der Zeitung "Wanderer" war zu lesen: "Kein Zweifel, daß die frommen Ligourianer über diese Profanierung seufzen werden. Aber es ist besser, sie seufzen, als das durch sie geknechtete Volk. Ob die Polka gefallen hat? – Natürlich, schon des Titels halber!" Die vorliegende Aufnahme bietet erstmals die Originalfassung des Werkes mit Gesang und Katzenmusik: so wurden die "Ligourianer Seufzer" im Wien des Jahres 1848 vorgetragen, zum Gaudium des Publikums.

Sängerfahrten, Walzer, op. 41
Die Walzerpartie "Sängerfahrten" ist die erste einer ganzen Reihe von Kompositionen, die Johann Strauß dem Wiener Männergesangverein gewidmet oder für den Verein und seine Veranstaltungen geschrieben hat. Daß sich der junge Strauß schon zu Beginn seiner Laufbahn entschlossen hat, der Sängerschar zu huldigen, erscheint keineswegs als selbstverständlich. Die Gründung des Wiener Männergesangvereins im Jahre 1843 hatte nämlich gegen den Widerstand des Staatskanzlers Fürsten Metternich und der Polizeibehörden im Kaisertum Österreich durchgesetzt werden müssen. Das "freie Lied" wurde nicht gern gehört, und das mag auch ein Grund dafür gewesen sein, daß die junge Vereinigung nicht nur in Wien konzertierte, sondern auch "Sängerfahrten" hinaus in die Umgebung der Kaiserstadt organisierte.

Draußen vor den Toren der Donaumetropole war man unter sich – und so einigermaßen sicher vor den Spitzeln der Staatspolizei. Schon neun Monate nach der Gründung des Vereins wurde die erste Sängerfahrt organisiert, weitere Unternehmungen folgten am 20. September 1846 und am 11. Juni 1847. (Diese Sängerfahrten wurden auf dem Titelblatt der Erstausgabe des Walzers von Johann Strauß berücksichtigt.) Wer also den Sängerfahrten huldigte, signalisierte damit unmißverständlich, daß er, wie die Mitglieder des Männergesangvereins, mit dem "Metternich-System" nicht einverstanden war. Johann Strauß mag mit dem Verein dadurch in Verbindung gekommen sein, daß sich im Jahre 1846 das Probenlokal der Sängerschar im Gebäude des Theaters in der Josephstadt befunden hat und Strauß im Saal zum "Goldenen Strauß" (der ja ebenfalls im Theatergebäude untergebracht war) konzertierte und Ballmusiken spielte. Am 9. Juni schrieb Strauß der Vereinsleitung einen höflichen Brief: "Löblicher Männer-Gesang Verein! Wertheste Herren!

Ihr schönes, für die Kunst so erfolgreiches Wirken, das in allen Kreisen Wien's die eklatanteste Anerkennung gefunden, regt auch mich an, Ihnen einen schwachen Beweis dessen zu geben, wie sehr ich mich über Ihre schönen Leistungen freue, und wie anregend dieselben auf mich gewirkt. –

Jedem liegt es ob, in seinem Kreise und nach seiner Weise zu wirken, und daher bin ich so frei, Ihnen das Anerbiethen zu machen, die Dedication einen eigens von mir zu diesem Zwecke komponierten Walzerparthie: 'Die Sängerfahrten.' betitelt, annehmen zu wollen. Mögen diese Ergebniße meines schwachen Talentes, Sie nur zum Theil so erfreuen wie mich die Ihrer gediegenen Vollkraft und es wird seinen schönsten Lohn darin finden

Ihr mit aller Hochachtung zeichnender Johann Strauß Sohn".

Der Verein dankte dem Komponisten am 10. Juni 1847 mit einem Schreiben seines angesehenen Chormeisters A.M. Storch, der ausdrücklich versicherte: "Die schmeichelhafte Widmung einer von Ihnen componirten Walzerparthie unter dem Titel 'Sängerfahrten' nehmen wir mit Vergnügen an, und wünschen Ihnen dafür so allgemeinen Beifall, wie Ihre bisherigen Tondichtungen erlangt und verdient haben."

Der Wiener Männergesangverein hat also als erste Institution die außerordentliche Begabung des jungen Musikdirektors erkannt und anerkannt. Die Uraufführung des Walzers "Sängerfahrten" erfolgte im Rahmen einer Wohltätigkeitsveranstaltung am 19. Juni 1847 im Theater an der Wien. Das Orchester war aus diesem Anlaß auf 70 Mann verstärktworden. Die Berichte über die Veranstaltung waren für den Komponisten und sein Ensemble ausnahmslos positiv. Strauß hat sein Opus 41 auch in späteren Jahren nicht aus dem Gedächtnis verloren: so spielte er das Werk im Sommer und Herbst 1867 in England unter dem Titel "Londoner Bouquets" nochmals auf.

Zigeunerin-Quadrille, op. 24
Der irische Komponist Michael William Balfe war in Wien durch seine Oper "Die vier Haimonskinder" bekannt geworden: unter diesem Titel wurde das Werk zunächst am 14. Dezember 1844 im Theater an der Wien aufgeführt; das Hofoperntheater nächst dem Kärntnerthor zeigte es zwei Tage später unter dem etwas veränderten Titel "Die vier Haimonssöhne". Alle diese Aufführungen waren erfolgreich und auch die Quadrille, die Johann Strauß-Vater nach Motiven dieser Oper arrangiert hatte (op. 169), erwies sich als Verkaufsschlager. Nun erwartete man einen ähnlichen Erfolg, als am 24. Juli 1846 ein weiteres Werk Balfes im Spielplan des Theaters an der Wien erschien: es handelte sich um die Oper "The Bohemian Girl" (Uraufführung am 27. November 1843 im Drury Lane Theatre in London), die in Wien den Titel "Die Zigeunerin" erhielt. Aber diese Erwartung wurde nicht erfüllt: es gab keinen zweiten Sensationserfolg für Balfe; doch konnten immerhin 31 Vorstellungen bis zur Absetzung des Stückes vom Repertoire im März 1848 erreicht werden.

Da alle Wiener Musikdirektoren an dem Erfolg des Bühnenwerkes "Die Zigeunerin" profitieren wollten, setzte noch vor der Premiere im Theater an der Wien eine Art Wettstreit ein, welcher Komponist als erster in der Lage sein werde, eine Quadrille nach den effektvollsten Motiven der Oper zu arrangieren und mit seiner Kapelle dem Publikum vorzuführen. Man erwartete eigentlich, daß Strauß-Vater es sich nicht entgehen lassen werde, mit einer "Zigeunerin-Quadrille" so rasch wie möglich den Erfolg seiner "Haimonskinder-Quadrille" zu wiederholen. Aber diesmal war sein Sohn schneller: schon am 23. Juli 1846 meldete die Zeitung "Der Sammler", der junge Strauß arbeite an einer "Zigeunerin-Quadrille". Am 1. August 1846 berichtete dasselbe Journal: "Die 'Zigeunerin-Quadrille' hat richtig nicht lange auf sich warten lassen. Strauß II., ergo unser vielbeliebter Strauß-Sohn, hat eine geschrieben." Dann ging das Blatt sofort auf den Konkurrenzkampf zwischen Vater und Sohn ein und vertrat die Ansicht: "Wir sagen nicht zuviel, wenn wir behaupten, daß diese Quadrille in kurzem die Popularität der 'Haimonskinder-Quadrille' nicht nur erreichen, ja vielleicht noch übertreffen wird; denn erstens sind die Melodien an und für sich sehr lieblich, und zweitens hat Strauß-Sohn dieselben mit so vielem Geschmack, mit so vieler Effekt- und Sachkenntnis zusammengestellt, daß die sangeslustigen Wiener sie gewiß bald allgemein im Gedächtnis und im Munde führen werden. Einem zweiten 'Zigeunerin-Quadrillen-Macher' dürfte kaum ein Feld zur Auszeichnung mehr übrig bleiben, wenn er nicht ins Nachahmen verfallen und hinter dem Erfolge Strauß-Sohn zurückbleiben will." Das war deutlich – und in diesem Falle auch richtig! Denn als Strauß-Vater am 7. August im Volksgarten seine "Zigeunerin-Quadrille" (op. 191) vorführte, erreichte sie nicht denselben Erfolg wie die Quadrille seines Sohnes. (Aus der Meldung des "Sammler" am 1. August ging auch noch hervor, daß die Quadrille des Sohnes durch ihre Aufführungen in Dommayers Casino in Hietzing zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt war: sie muß also noch Ende Juli vorgeführt worden sein. Ein Referat gibt es allerdings erst über eine Aufführung am 2. August 1846.) Nun – eine Nachprüfung der Behauptung des "Sammler", der Sohn habe bei diesem Wettstreit den Vater zweifach überflügelt: einmal durch raschere, dann aber auch durch bessere Arbeit führt zu dem Ergebnis, daß dieses Urteil richtig ist; zwar haben Vater und Sohn je sechs Motive der Oper Balfes entnommen, aber der Sohn hat allein schon durch die Wahl des fröhlichen Galopps aus dem ersten Akt der Oper für den ersten Satz der Quadrille (Pantalon) einen Vorsprung erreicht, da sich sein Vater ausgerechnet dieses effektvolle Motiv entgehen ließ. Die "Zigeunerin-Quadrille" des Sohnes erschien allerdings erst nach dem Werk seines Vaters im Druck. So machte der tüchtige Verleger Haslinger den Vorsprung, den der Sohn bei der Aufführung seiner Quadrille gewonnen hatte, wieder zunichte. Aber es bleibt dabei: die Quadrille des Sohnes ist wirkungsvoller!

Schnellpost-Polka, op. 159
Im Jahre 1840 haben die beiden führenden Musikdirektoren im Wiener Biedermeier ihre letzten Galoppaden komponiert oder veröffentlicht: Johann Strauß-Vater den "Gibelinnen-Galopp", op. 117, Joseph Lanner die "Nymphen-Galoppe", op. 153. Dann war der rasante Tanz verpönt; er hatte vor allem unter den jugendlichen Tänzerinnen zu viele Opfer gefordert. Das war auch eine Folge der "Wiener Krankheit", der Lungenschwindsucht; die von dieser Krankheit geschwächten Frauen und Mädchen konnten in ihren schweren Balltoiletten die dahinjagenden Tanzfiguren nur mit großer Anstrengung ausführen, und so kam es immer wieder vor, daß Tänzerinnen in den Ballsälen zusammenbrachen und in der Folge dahinsiechten. Die Galoppaden wurden also aus dem Tanzrepertoire verbannt und durch die neu in Mode kommende Polka ersetzt.

Freilich – allmählich wurden verschiedene Formen des ursprünglich böhmischen Tanzes entwickelt, die wieder ausgelassene Fröhlichkeit und sogar eine gewisse Rasanz bei der Ausführung ermöglichen (z. B. die "Hopser-Polka"!). Die systematische Beschleunigung der Polka zum Galopp wurde von den Tanzkomponisten erst wieder in den fünfziger Jahren gewagt. Für Johann Strauß ergab sich im Spätherbstdes Jahres 1854 eine Möglichkeit, eine Schnellpolka aufzuführen. In den Sommermonaten dieses Jahres wurde die Reichshaupt- und Residenzstadt der Donaumonarchie wieder von einer Cholera-Epidemie heimgesucht, die nur langsam abzuklingen begann. Dementsprechend schlecht waren im Herbst 1854 die Konzerte und Ballfeste besucht. Um etwas Besonderes zu bieten, wagte es Strauß, für den Katharinenball in Schwenders Etablissement in der Vorstadt Rudolfsheim, der zu seinem Benefiz stattfand, eine sehr flotte Polka mit dem Titel "Schnellpost" aufzuführen. Die Bezeichnung "Schnellpolka" (später auf seltsame Weise entfremdet zur: "Polka schnell"!) gab Strauß dem Werk allerdings nicht. Die Uraufführung des kleinen, aber sehr interessanten und amüsanten Werkes am 27. November 1854 wurde nicht allzusehr beachtet, aber als es dann im Druck erschien, urteilte die "Theaterzeitung", es handle sich bei der Polka "Schnellpost" um "eine der originellsten und frischesten Arbeiten des produktiven Komponisten". Die Anregung zur Titelwahl hat Strauß, so meinte jedenfalls Max Schönherr, von Moritz Saphir bezogen ("Schnellpost für Literatur, Theater und Geselligkeit") oder von dem Zeitungstitel "Wiener Schnellpost". Es kann aber auch sein, daß Strauß mit diesem Titel einfach signalisieren wollte, daß es sich bei seinem Opus 159 um seine erste Galoppade (pardon: Polka schnell) handelte.

Freuden-Salven, Walzer, op. 171
Aus dem Werksverzeichnis des Musikdirektors Johann Strauß lassen sich zwei Entwicklungslinien herauslesen, die für die fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts typisch gewesen sind. Die eine Linie betraf die Haltung des jungen Strauß selbst: nach der Niederwerfung der Revolution des Jahres 1848, vor allem aber nach dem jähen Tod seines Vaters im Herbst 1849, gab sich Strauß große Mühe, sein Mitwirken bei den "revolutionären Ereignissen" des Jahres 1848 in Vergessenheit geraten zu lassen und dafür bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Ergebenheit für das österreichische Kaiserhaus zu demonstrieren. In diesem Zusammenhang sind etliche seiner Märsche ("Kaiser Franz Joseph- Marsch", op. 67, "Triumph-Marsch", op. 69, "Viribus unitis", op. 96, "Großfürsten-Marsch", op. 107 u. a.) zu nennen. Auch die "Vivat-Quadrille", op. 103, und der Walzer "Maxingtänze", op. 79, sind direkt an Mitglieder des Kaiserhauses adressiert. Die andere Entwicklung hatte staatspolitischen Charakter: die Führung der Monarchie wollte den eigenen Völkern, vor allem aber den auswärtigen Mächten (etwa Großbritannien und Frankreich) beweisen, daß in allen Regionen des Reiches wieder Ruhe eingekehrt sei. Um das zu demonstrieren, unternahm Franz Joseph mit großem Gefolge "Visitionen" (also Besuchsreisen mit Empfängen in den Rathäusern der besuchten Städte und mit Militärparaden) zunächst in Ungarn vor, dann – und zwar im Frühjahr 1855 – in Galizien, also in jenem Teil des Kaisertums, der an Russich-Polen, an die Donaufürstentümer (= Rumänien) und an Ungarn grenzte. Um die Bedeutung dieser Reisen weiter hervorzuheben, wurde jeweils nach der "glücklichen Rückkehr des Monarchen" in Wien ein Jubelfest veranstaltet. Daß man darüber im Ausland nur Spott übrig hatte (schließlich war es ja eine Selbstverständlichkeit, daß sich ein Regent in seinem Herrschaftsgebiet ohne Gefährdung seines Lebens bewegen konnte!), nahm man dabei in Kauf. Im Juli 1855 liefen die beiden Entwicklungslinien zusammen: Franz Joseph kehrte von seiner Galizien-Reise nach Wien zurück und Johann Strauß veranstaltete aus diesem Anlaß ein Festkonzert im Volksgarten, und zwar am 17. Juli. Bei diesem Konzert, das übrigens durch einen Wolkenbruch drastisch abgekürzt wurde, brachte Strauß – wie es in der "Wiener Zeitung" hieß – "seinen aus Anlaß der freudigen Rückkehr seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph I. neu componirten Walzer unter dem Titel 'Freuden-Salven' zum ersten Male zur Aufführung". Nehmen wir gleich vorweg, daß Strauß Wert darauf gelegt hat, daß auch auf dem Titelblatt der Druckausgabe, die im September 1855 erschienen ist, abermals der Vermerk aufgedruckt wurde: "Aus Anlaß der freudigen Rückkehr Sr. Majestät Franz Joseph I. am 9. Juli 1855" (komponiert). Die "Freuden-Salven" sind in dem Werk auch deutlich zu hören: die schwungvollen Akkorde der kurzen Introduktion und des Hauptthemas rechtfertigen den Titel. Die anderen Teile des Walzers sind auf problemlose Heiterkeit abgestimmt. Das "Wiener Neuigkeitsblatt", das den Erfolg der Uraufführung am 17. Juli 1855 bestätigt hat, rühmte denn auch vor allem die "einfachen und graziösen Melodien" des Walzers.

NB: Unmittelbar nach der Uraufführung der "Freuden-Salven" reiste Strauß eiligst nach Bad Gastein zur Erholung ab. Die Gelegenheit zu einer Huldigung für Franz Joseph ließ er sich jedoch nicht entgehen!

Fürst Bariatinsky-Marsch, op. 212
Der "Fürst Bariatinsky-Marsch", den Johann Strauß in Pawlowsk bei St. Petersburg komponiert und zum ersten Male bei seinem Benefizkonzert am 10. August 1858 (d. i. 29. Juli nach dem russischen Kalender) vorgetragen hat, gehört zu jenen ganz wenigen Werken des Walzerkönigs, die außerhalb des Zarenreiches nur sehr selten gespielt worden sind und daher wohl nur den Kennern bekannt waren. Mit dem Namen dieses Fürsten verband man zum Beispiel in Wien keinerlei Vorgänge, die in irgendeiner Beziehung zum Kaisertum Österreich standen. Strauß selbst scheint das Werk in seiner Heimatstadt nur in einer kurzen Serie von Konzerten unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Rußland im November 1858 vorgetragen zu haben: es gibt einen Bericht über eine Aufführung im Volksgarten am 21. November, und der Hornist Franz Sabay hat in seinem Register eine Aufführung am 24. November im "Großen Zeisig" eingetragen. Später sucht man den Titel des Marsches vergeblich in den Programmen der Strauß-Kapelle.

Aber gerade das Opus 212 ist ein sehr interessantes Werk: es präsentiert im Trio ein notengetreues Zitat jenes Walzers "Juristenball-Tänze" (op. 177), den Strau ß bei seinem Debüt (1856) in Rußland gespielt hat und der zu einer Lieblingskomposition des Publikums in Pawlowsk geworden war. Das ist ganz gewiß mit voller Absicht so eingerichtet worden: man kann daraus schließen, daß jener Mann, dessen Name im Titel des Marsches genannt wird, die allgemeine Begeisterung für die "Juristenball-Tänze" geteilt hat, ja daß sie zu seinen Lieblingskompositionen gehörten. Fürst Wladimier Iwanowitsch Bariatinsky war Kommandeur jenes Kavallerie-Regiments in St. Petersburg, dessen Offiziere wiederholt aktiv an den Vergnügungsveranstaltungen in Pawlowsk teilgenommen haben. Nun revanchierte sich Strauß also mit der Komposition und der Aufführung dieses Marsches. Daß sich in dem Werk auch Anklänge an die "Armenball-Polka", op. 176 – sie stammt wie die "Juristenball-Tänze" aus dem Fasching 1856 – finden lassen, scheint eher ein Zufall zu sein: denn es läßt sich nicht nachweisen, daß auch dieses Werk in Pawlowsk besonders beliebt gewesen ist (das würde eher auf die "Sanssouci-Polka", op. 178, zutreffen). Ebensowenig konnte bisher ein Bericht darüber aufgefunden werden, ob der Fürst selbst unter den Zuhörern in Pawlowsk gewesen ist: der Zar hatte den tüchtigen Offizier im Jahre 1856 zum Oberbefehlshaber der Kaukasus-Armee ernannt, später wurde er Feldmarschall.

Studenten-Polka, op. 263
Die Studenten Wiens waren die Träger der Revolution des Jahres 1848, die Führer des Aufstandes gegen das "System" des Staatskanzlers Clemens Fürst Metternich. Nach der Niederwerfung dieser Revolution verloren daher vor allem die Studierenden an den Hochschulen der Donaumetropole an Einfluß und Bedeutung; sie galten auch im Reich des jungen Kaisers Franz Joseph als unzuverlässig und sogar als gefährlich für die Zukunft der Monarchie. Es dauerte daher mehr als 10 Jahre, bis wieder Studentenverbände entstehen konnten. Doch als sich dann doch wieder Organisationen bildeten, konnten ihre Repräsentanten auf Unterstützung aus allen Schichten der Bevölkerung zählen. Um ein soziales Problem – die Finanzierung einer Krankenversorgung für die Studierenden an Wiens Hochschulen – in Angriff nehmen zu können, wünschte die Führung der jungen Leute in jedem Karneval ein Ballfest abzuhalten, das nicht an die traditionellen Berufsstände (Ärzte, Juristen, Techniker) gebunden war. Im Jänner 1862 war es so weit: es hatte sich ein Komitee zur Abhaltung eines Studentenballs zusammengefunden. Man suchte nach Verbündeten, um diesem Fest möglichst großes Ansehen geben zu können – und fand tatsächlich tatkräftige Förderer: zahlreiche Damen des Hochadels! Mit ihrer Unterstützung gelang es sogar, vom Obersthofmeisteramt die Erlaubnis zu erwirken, die Studentenbälle im schönsten und repräsentativsten Ballsaal der Kaiserstadt, nämlich im Redoutensaal der k. k. Hofburg, abhalten zu dürfen.

Es war selbstverständlich, daß die Brüder Johann und Joseph Strauß bei diesem Ball selbst an der Spitze der Kapelle erscheinen und Widmungskompositionen präsentieren würden. Und so war es dann auch: beim Studentenball am 24. Februar 1862 im Redoutensaal spielte die Strauß-Kapelle zum Tanz auf und der junge Walzerkönig Johann hatte auch die erwarteten Widmungen vorbereitet: Johann Strauß ehrte die Damen des Ballkomitees mit dem "Patronessen-Walzer", op. 264 (er wird seinen Platz in dieser Serie auf Vol. 18 erhalten) und spielte für die tanzlustige Jugend überdies auch eine fröhliche "Studenten-Polka" auf, die allerdings nichts weiter war als eine geschickt zusammengestellte Kette von Studenten-Liedern. Das hat der Komponist in der Widmung auch freimütig zugegeben; sie lautet: "Den Studierenden nach ihren Liedern.". (Verwendet wurden die studentische Hymne "Gaudeamus igitur", der Chor "Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren" und das Lied "Wohlauf nach getrunken den funkelnden Wein".)

Beim Erscheinen der Druckausgabe schrieb die Theaterzeitung "Der Zwischenakt": "Dieser ebenso pikante als originelle Tanz hat nicht verfehlt, bei der ersten Produktion die allgemeinsten Sympathien zu erringen." Auch während der Sommersaison in Pawlowsk gehörte die "Studenten-Polka" zu den beliebtesten Werken.

Motoren, Walzer, op. 265
Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Mitglieder der Strauß- Familie mit der rasanten, technischen Entwicklung im 19. Jahrhundert identifiziert haben. Noch ehe sich in der Donaumonarchie der erste Eisenbahnzug auf der Kurzstrecke von Floridsdorf bei Wien nach Wagram in Bewegung setzen konnte, schrieb Johann Strauß, der Vater, schon einen "Eisenbahn-Lustwalzer". Das war im Jahre 1836! Von diesem Zeitpunkt an reihen sich in der Strauß-Chronik in dichter Folge die Musikstücke aneinander, die das Fortschreiten der Technisierung in Wirtschaft und Verkehrswesen begleiteten. Johann Strauß- Sohn nahm den Technikerball des Jahres 1852 zum Anlaß zur Komposition der "Elektromagnetischen Polka", seinem Opus 110. In der Folge gab ihm jeder Ball der Hörer an der technischen Hochschule zu Wien – er selbst war ja Schüler des Polytechnikums gewesen! – eine willkommene Gelegenheit zu neuen – wenn man so sagen will – "musikalischen Kommentaren" zu den technischen Errungenschaften jener Epoche, die man mit Recht als "Gründerzeit" bezeichnet hat: immer neue Bahnlinien wurden in Europa gebaut, überall in der Donaumonarchie entstanden Fabriken und Werkstätten. Im Jahre 1862 schrieb Johann Strauß schon die elfte Komposition, deren Titel sich auf einen Begriff aus der Welt der Technik bezog, den Walzer "Motoren". Zum ersten Male vorgeführt – und zwar vom Komponisten selbst an der Spitze der Strauß-Kapelle – wurde das Werk am 10. Februar im Wiener Sofiensaal. Viel Aufsehen hat die Novität allerdings nicht erregt: es reichte nur zu routinemäßigen Erwähnungen der Ballwidmung im Rahmen der ebenfalls routinemäßigen Ballberichterstattung; es war schon viel, daß es in der "Presse" hieß: "Strauß brachte neue Walzer, 'Motoren', die sehr ansprachen.". Der Herr Musikdirektor hat alledem wohl nicht sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt: er war von der Vielzahl seiner Verpflichtungen in den Wiener Ballsälen – in den Redoutensälen der kaiserlichen Burg ebenso wie in etlichen Etablissements in den Vorstädten – derart übermüdet und erschöpft, daß er kaum bis zum Aschermittwoch, dem Ende der Ballsaison, durchhielt. Sehr bald nach Faschingsschluß, nämlich am 6. April 1862, stellte Johann dann seinen jüngsten Bruder Eduard als weiteren Kapellmeister der Strauß-Kapelle vor: bei seinem Debüt im Wintergarten des Dianabades hatte Eduard die Aufgabe, die neuesten Kompositionen seines Bruders Johann vorzuführen. Er machte seine Sache ausgezeichnet. Daß Johann mit diesem Debüt seinen Rückzug aus den Ballsälen vorzubereiten begann (und daß er mit der Bevorzugung des jüngsten Bruders, der vom Publikum sofort den Spitznamen "der schöne Edi" zugeteilt erhielt, seinen Bruder Joseph zurücksetzte!), fiel der Öffentlichkeit nicht weiter auf. Doch als der Walzer "Motoren" am 20. April 1862 im Druck erschien, waren die Würfel bereits gefallen: wie sich die motorische Kraft des ersten Walzermotivs dieser Novität mit fast tändelnder Grazie verbindet, so trieb Johann ebenso energisch wie "elegant die Entwicklung voran: im nächsten Fasching standen erstmals alle drei Strauß-Brüder als Balldirigenten in den Etablissements zur Verfügung und erfüllten das Wiener Leben mit Laune und Schwung!

Éljen a Magyár, Schnellpolka, op. 332
Nach dem Ende der Ballsaison 1869 hatten die Brüder Johann und Joseph Strauß noch einige repräsentative Verpflichtungen zu erfüllen ehe sie zur Sommertournee nach Pawlowsk bei St. Petersburg aufbrechen konnten: nach dem Erfolg ihres gemeinsamen Konzerts an der Spitze der Strauß-Kapelle im vergangenen Jahr waren sie eingeladen worden, im Festsaal des neuen Redoutengebäudes in Pest abermals zweimal zu wohltätigen Zwecken zu konzertieren. Es war für einen prächtigen Rahmen und für ein auserlesenes Publikum gesorgt: alle Persönlichkeiten des politischen und des kulturellen Lebens der Doppelstadt Pest-Ofen an der Donau hatten ihr Erscheinen zugesagt. Dementsprechend sorgfältig bereiteten sich die Brüder Strauß auf diese Konzerte vor: diesmal sollte auch Eduard die Reise mitmachen und als Dirigent auftreten, Joseph schrieb einen neuen Marsch ("Andrassy-Marsch" – Julius Graf Andrassy, der 1849 zum Tode verurteilt worden war, sich der Hinrichtung aber durch die Flucht entzogen hatte, war nun zum Präsidenten des ersten ungarischen Ministeriums ernannt worden!) und Johann Strauß präsentierte seine Schnellpolka mit dem Titel "Eljen a Magyár"; das Werk war der "edlen ungarischen Nation" gewidmet. Bei den Konzerten am 16. und 17. März 1869 wirkten auch mehrere Gesangsvereine mit: daher konnten der Walzer "An der schönen blauen Donau" und die Polka "Sängerslust" in der Originalfassung (für Gesang und Orchester) aufgeführt werden. Johann Strauß schrieb aber auch zur Schnellpolka "Eljen a Magyár" einen Chorsatz, sodaß die Uraufführung des Werkes unter seiner Leitung im Zusammenwirken der Strauß-Kapelle und des "Budai dalárda" (Budaer Sängerchor) stattfand. In dieser Version wurde die Schnellpolka offenkundig nur bei dieser Gelegenheit ausgeführt: für die sehr zahlreichen, späteren Aufführungen wurde stets die Orchesterfassung ohne das Chorarrangement verwendet. Strauß huldigte übrigens nicht nur mit der Widmung der Schnellpolka der "edlen ungarischen Nation" und ihrem Nationgefühl, er verwendete zum Ausklang als Krönung des Werkes auch ein Zitat des "Rákóczi- Marsches", der in Ungarn seit alters her jene Rolle gespielt hat, wie später in Österreich der "Radetzky-Marsch" von Johann Strauß-Vater. (Auch Hektor Berlioz hat den "Rákóczi-Marsch", den er 1846 bei einem Besuch in Pest kennengelernt hatte, als "ungarischen Marsch" in sein Werk "Faust's Verdammnis" aufgenommen.) Daß dieses "nationale Zitat" immer noch recht problematisch für einen Österreicher war, geht aus einer Bemerkung des Komponisten hervor, die Strauß in einem Brief an seinen Verleger Spina gemacht hat. "Gestern wagte [!] ich, die ungarische Polka auf dem Hofballe zu spielen ...". (11. 2. 1870) Nun das Werk gefiel auch am österreichischen Kaiserhof – und es gefällt noch heute!

La Berceuse, Quadrille, op. 194
Im Jahre 1856 war Johann Strauß sehr spät, nämlich erst im Dezember, von seinem ersten Engagement in Pawlowsk bei St. Petersburg nach Wien zurückgekehrt. Er geriet daher mit der Niederschrift der von ihm im Karneval 1857 erwarteten Widmungskompositionen in Rückstand. Nun war dieser Fasching ohne rechte Höhepunkte: das Kaiserpaar hielt sich in den zur Donaumonarchie gehörenden Provinzen südlich der Alpen auf, in Venedig zum Beispiel, und deshalb entfielen die Hofbälle und auch die Feste in den Adelspalästen waren nicht so glanzvoll, als sie es bei Anwesenheit der Spitzen der Hofgesellschaft gewesen wären. Arbeit für die Brüder Strauß gab es trotzdem genug: die Bürgerschaft des "Weißgärberviertels" am rechten Ufer jenes Donauarmes, der heute als Donaukanal die Leopoldstadt und die Praterregion von der Innenstadt und dem dritten Bezirk trennt, veranstaltete ein Wohltätigkeitsfest im Sofiensaal, dessen Reinertrag zur Gründung einer Kinderbewahrungsanstalt (das Wort Kindergarten hat sich erst später eingebürgert) bestimmt war. Das war eine soziale Maßnahme, die damals noch ohne Gegenstück gewesen ist. Selbstverständlich übernahm die Strauß-Kapelle die Ballmusik an diesem Abend, dem 2. Februar 1857, und Johann versprach auch eine Widmungskomposition: es wurde allerdings "nur" eine Quadrille, die den für den Anlaß passenden Titel "La Berceuse" erhielt. Zeit für eine sorgfältige Gestaltung der Novität scheint Strauß allerdings nicht gefunden zu haben, denn er schrieb seinem Verleger Carl Haslinger im Sommer aus Pawlowsk, er arbeite noch am 4. Satz, "Trenis". Dieser Teil der Quadrille wurde später als Manuskript nach Wien geschickt. Der Verleger ließ sich mit der Edition des Werkes dann auch noch Zeit, sodaß die Erstausgabe etwa Ende Oktober ausgeliefert und am 1. November in der "Wiener Zeitung" annonciert wurde. Viel Aufsehen hat die Quadrille allerdings nicht mehr gemacht: sie verschwand bald im Orchesterarchiv. Spätere Wiederholungen scheint es nicht gegeben zu haben.

Bürgerweisen, Walzer, op. 306
Über dem Karneval des Jahres 1866 in Wien lagen bereits die ersten Schatten eines drohenden Konflikts. Das Königreich Preußen suchte unter der Führung Otto von Bismark einen Vorwand, um die für die weitere Zukunft Deutschlands und damit ganz Mitteleuropa entscheidende, militärische Kraftprobe mit der Donaumonarchie Österreich herbeizuführen. Vergeblich hoffte Kaiser Franz Joseph auf die Unterstützung der im "Deutschen Bund" vereinigten Fürstentümer; nicht einmal der Bayernkönig Ludwig, ein Verwandter und Vertrauter der Kaiserin Elisabeth war Österreich gegenüber zur Bündnistreue bereit. Trotz der nicht gerade überquellenden Faschingsfreude lieferten die Brüder Strauß im Karneval 1866 so viele neue Tanzkompositionen, daß ein Rekord von 22 Novitäten erreicht werden konnte. Imposant war aber nicht nur die Stückzahl, sondern auch die Qualität der Werke. Es war, als hätten die Strauß-Brüder geahnt, daß die Ereignisse auf einen Wendepunkt in der historischen Entwicklung zusteuerten, von dem aus es für die Monarchie abwärts gehen müsse und gehen werde. Nichts – so meinte man zu spüren, werde künftighin so sein können, wie es im Fasching 1866 noch war. In dieser Stimmung schrieb Johann Strauß als eine seiner sieben Ballwidmungen dieses Jahres den Walzer "Bürgerweisen". Er war für den Bürgerball am 24. Jänner 1866 im Redoutensaal der Hofburg bestimmt, dementsprechend war die Druckausgabe den "Comité-Mitgliedern des Bürgerballes" gewidmet. Heiter tändelnd beginnt der Walzer, und erinnert damit im Charakter ein wenig an jenes Werk, das sein Vater mehr als 30 Jahre früher ebenfalls in schwerster Zeit geschrieben hatte, an den Walzer "Das Leben ein Tanz". Strauß erhielt für seine Widmung dankbaren Applaus – niemand wollte ja an eine bevorstehende Katastrophe glauben. Aber auch die Serie der Alt-Wiener Bürgerbälle, denen Kaiser Franz Joseph jedesmal, wenn es irgendwie mit seinen Herrscherpflichten zu vereinbaren war, als Gast beiwohnte, ging nun schon dem Ende zu: nur noch einmal konnte ein Komitee für einen Bürgerball erstellt werden (1868), dann war es mit der Ära dieser ebenso prächtigen wie für die Bürgerschaft der Donaumonarchie repräsentativen Feste vorbei.

Johann Strauß hat seinen Walzer "Bürgerweisen" nicht vergessen: er spielte ihn im Sommer 1869 in Pawlowsk und war damit einverstanden, daß er in dem Walzer zitiert wurde, den er für seine Gastspiele im Jahre 1872 in Boston und New York arrangieren ließ und der in Amerika den Titel "Manhattan-Walzer" erhielt. Auch in jenem "Walzer-Bouquet", auf dessen Titelblatt der Ausgabe im Verrag C. A. Spina vermerkt worden ist: "Dieser Walzer wurde bei Gelegenheit des großen Musikfestes in Boston zum ersten Male unter Leitung des Komponisten aufgeführt", ist der Walzer "Bürgerweisen" (Nr. 1a) vertreten. Er blieb auch im Repertoire der von Eduard geleiteten Strauß-Konzerte im Wiener Musikvereinssaal bis ans Ende des Jahrhunderts.

Brautschau, Polka, op. 417
Die Operette "Der Zigeunerbaron" – das zehnte Bühnenwerk des Walzerkönigs – wurde am 24. Oktober 1885 im Theater an der Wien zum ersten Male aufgeführt, also am Vorabend des 60. Geburtstages des Komponisten. Das nach dem Vorbild einer Novelle des fruchtbaren und phantasievollen, ungarischen Erzählers Jokay Mor – sie erschien in deutscher Version unter dem Titel "Saffi" in "Westermanns Monatsheften" – Libretto bot Gelegenheit zu einer historischen Handlung etwa zur Zeit der Kaiserin Maria Theresia, in der Elemente des Königreiches Ungarn und des Kernlandes der Habsburgermonarchie, der Region an der Donau rings um die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, verarbeitet werden konnten. Da es im Jahre 1867 zum "Ausgleich" zwischen den Interessen des Königreichs Ungarn und des Kaisertums Österreich gekommen war, galt die Operette "Der Zigeunerbaron" gleich am Premierenabend als Symbol dieses Ausgleichs, als ideale Verbindung der Magyaren und der Österreicher, insbesondere der Wiener, und ihrer Musik. Auch Johann Strauß schrieb seine Partitur als harmonisches Nebeneinander ungarischer und wienerischer Motive. Ursprünglich sollte aus dem Werk einen "Komische Oper" werden, doch dann schrieb Strauß auch etliche Szenen und Couplets, die typischen Operettencharakter hatten, vor allem das später weltweit berühmte Lied des Schweinezüchters Zsupán: "Ja, das Schreiben und das Lesen ist nie mein Sach' gewesen." Der Erfolg des Werkes mündete in einen Triumph für den Komponisten. Der Rezensent des "Fremden-Blattes" schrieb: "Der stürmische Beifall, mit welchem Herr Strauß empfangen wurde und der nach jedem Thema der Ouvertüre losbrach, wiederholte sich nach jeder Gesangsnummer. Die volle Hälfte der Operette mußte wiederholt werden. Der Darsteller des Zsupán, Herr Girardi, mußte seine Couplets insgesamt dreimal vortragen."

Selbstverständlich wertete Johann Strauß die Melodien der Operette "Der Zigeunerbaron" auch für den Konzert- und Tanzsaal aus: aus dem reichen Vorrat an populären Motiven konnte er sechs Piecen ausarbeiten, die in den auf die Premiere folgenden Wochen der Reihe nach bei den Sonntagskonzerten der Strauß-Kapelle dem Publikum vorgeführt wurden. Am 29. November 1885 war – unter der Leitung von Eduard Strauß – eine Polka an der Reihe, die unter dem Titel "Brautschau" auf dem Programm erschien. Das Publikum war nicht wenig überrascht, als ausgerechet unter dieser Bezeichnung vor allem das Auftrittscouplet des Schweinezüchters erklang: denn im Text dieses Couplets heißt es ja: "Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweinespeck", und seinem Bestand an Tieren rühmt Zsupán nach: "in meinem ganzen Lager ist auch nicht eines mager!". Gar nicht wenige Zuhörer glaubten an einen Scherz des zu solchen Spässen jederzeit aufgelegten Komponisten. Denn der Chor "Hochzeitskuchen, bitte zu versuchen", der einen Bezug der Texte der Operette zu dem Wort "Brautschau" hätte darstellen können, kommt in der Polka nicht vor, sondern erklingt in der "Husaren-Polka", op. 421! Es bleibt also noch heute bei jedem Erklingen dieser beliebten Polka dem Hörer überlassen, eventuell daran zu glauben, daß sich Strauß bei der Titelwahl vielleicht doch einen Jux gemacht hat.


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