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8.223217 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 17
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Freiheits-lieder, Walzer, op. 52
Aus allen Kompositionen, die Johann Strauß im Jahre 1848 nach dem Ausbruch des Volksaufstandes in der Reichshaupt- und Residenzstadt des Kaisertums Österreich geschrieben hat, läßt sich gatiz exakt erkennen, daß der junge Kapellmeister zwar mit den revolutionären Kräften sympathisiert hat, daß er selbst aber kein fanatischer Freiheitskämpfer gewesen ist. Bei seiner Rückkehr aus Rumänien und Ungarn kam Strauß gerade zurecht, um den "Barrikadentag" in Wien zu erleben: am 26. Mai 1848 errichteten Mitglieder der Nationalgarden und der Akademischen Legion gemeinsam mit den Arbeitern im Zentrum der Kaiserstadt 160 Straßensperren; sie protestierten damit gegen ein Dekret der ohnedies nur provisorischen Regierung, das die Auflösung der Akademischen Legion und die Schließung des Hauptgebäudes der Wiener Universität (heute: Alte Universität in Wien I., Universitätsplatz) anordnete. Unter dem Druck der Demonstration mußte das Dekret zunächst zurückgezogen werden. (Nach der Niederwerfung der Revolution im Herbst 1848 kam es dann doch zur Schließung des alten Universitätsgebäudes und zum Unterricht in Ausweichquartieren, bis in den Jahren 1873-1884 die neue Universität an der Wiener Ringstraße errichtet wurde. (Siehe auch den Walzer "Grüße an die Aula", op. 233, von Eduard Strauß.)

Johann Strauß benützte die erste Gelegenheit nach seiner Rückkehr, ein Volksfest, das wohl am 28. Mai 1848 im Casino Zögernitz in Oberdöbling (also weit außerhalb des Stadtzentrums) stattfand, zum Vortrag eines neuen Walzers. Das Werk trug zwar an diesem Tag den Titel "Barrikadenlieder" (der auch auf dem Autograph vermerkt ist), aber schon eine Woche später wurde dieser Titel abgeändert in "Freiheits-Lieder". Der Verlag kündigte in der "Wiener Zeitung" vom 2. Juni 1848 an, das Werk werde ehestens im Druck erscheinen, und zwar, wie aus einer weiteren Anzeige hervorgeht, "mit allegorischem Titelblatt, worauf eine Barrikade (zu sehen ist)". Damit war der Aktualität des Werkes aber auch schon Genüge getan. Die Melodien des Walzers sind nämlich ganz und gar nicht vom Schwung der Revolution getra-gen: anmutig dahintanzende Motive fügen sich zu einem schönen, schwungvollen Tanzwalzer aneinander und ergeben ein hübsches Werk an der Schwelle vom Biedermeier zur "Moderne" der kommenden fünfziger Jahre. Es ist daher verständlich, wenn der kurz zuvor aus Prag nach Wien, seiner künftigen Wirkungsstätte, übersiedelte Kritiker Eduard Hanslick in seinem Artikel "Wiener Freiheitsmusik", der am 3. September 1848 in der "Wiener Zeitung" erschienen ist, zur Ansicht kam: "Die Revolution des 13. März lechzte nach einer Marseillaise. Eine deutsche Marseillaise! Daß uns die Muse der österreichischen Komponisten auch nicht einen wirklich originellen, kraftvollen Freiheits-Chor oder -Marsch geliefert hat, ist zu bedauern und läßt uns besorgen, daß wir kein im echten Sinne populäres Talent unter uns haben. Der Vollständg-keit halber erwähnen wir zwei Walzerparthien, die 'Freiheits-lieder' von Strauß-Sohn und die 'Katzenmusik' von Fahrbach, von denen die erstere durch ihre gefälligen Melodien, letztere durch drastische Orchesterspäße Glück machen werden."

Eduard Hanslick hat sich in seinen Betrachtungen doppelt geirrt: es gab zwar populäre, aber keine revolutionäre Talente im Wien des Jahres 1848. Und Fahrbachs "Katzenmusik" hat den Sommer 1848 nicht überlebt. Nur der Walzer von Strauß ist nicht in Vergessenheit geraten – eben wegen seiner "gefälligen Melodien".

PS: Einen Bericht über die Uraufführung des Walzers bei Zögernitz gibt es nicht. Die Druckereiarbeiter waren nämlich in diesen Tagen ebenfalls auf die Barrikaden gestiegen, sodaß keine Zeitungen erschienen sind. Auch keine "revolutionären"

PPS: Verboten wurde der Strauß-Walzer übrigens keineswegs. Er wurde noch im Jahre 1850 annonciert!

Armen-Ball-Polka, op. 176
Die Tanzlust der Bevölkerung Wiens ließ sich durch die zunächst sehr unangenehmen Ereignisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht stören: ausgerechnet während der verlustreichen Napoleonischen Kriege, die erst mit der Schlacht bei Waterloo (heute eine unauffällige Ortschaft nahe bei Brüssel in Belgien) im Sommer 1815 zu Ende gegangen sind, erstand in der Donaumetropole ein luxuriöser Tanzsaal nach dem anderen. Diese Entwicklung hat sich dann in den dreißiger und vierziger Jahren fortgesetzt und führte schließlich dazu, daß auch in den Vorstädten einfache Gasthäuser allmählich zu Unterhaltungszentren ausgebaut wurden. Ein besonders eindrucksvolles Exempel für diese Entwicklung hat der aus Deutschland stammende Unternehmer Carl Schwender (1806-1866) beigesteuert. Schwender war im Jahre 1833 aus Karlsruhe nach Wien gewandert und in der Kaiserstadt seßhaft geworden; er begann seine Laufbahn als Kellner, gestaltete aber bereits nach kurzer Zeit eine Scheune neben dem Landhaus der Baronin Pereira-Arnsteiner in dem Vorort Reindorf in eine Kaffee-Schänke um und richtete so nebenbei einen regelmäßigen Fuhrdienst zwischen dem Stadtzentrum und dem Bereich vor der Mariahilferlinie ein. Aus diesem bescheidenen Anfang erstand durch ständige Zubauten allmählich ein grandioses Etablissement. (Als es im Jahre 1865 den Namen "Colosseum" erhielt, schrieb Joseph Strauß zur Eröffnung seine "Colosseum-Quadrille", op. 175.) Im Jahre 1836 war das Etablissement noch vergleichsweise klein; aber schon damals war es ungemein beliebt und jede Veranstaltung bei Schwender konnte mit einem Massenbesuch rechnen. (Ausnahmen gab es nur im Cholera-Jahr 1854.)

Am 7. Jä:nner 1856 wurde bei Schwender der "Armenball" des Ortsteils Reindorf abgehalten; d. h. die wohlhabenden Bürger und Unternehmer der Vorstadt gaben ein Fest, dessen Reinertrag den Armen des Bereichs zugute kommen sollte. (Armenbälle gab es praktisch in jedem Stadtteil; aus diesen Veranstaltungen entwickelten sich später die Bürgerbälle der einzelnen Wiener Bezirke. ) Johann Strauß leitete an diesem Abend (zumindest für einige Zeit) die Tanzmusik und spielte eine neue Polka auf, die auf den Noten der Musiker den Titel "Reindorfer Armenball-Polka" führte. (Später hat Strauß das Werk noch einmal auch beim Armenball in Leopoldstadt aufgespielt!) Im Druck erschien das anmutige Werk dann unter dem allgemein gehaltenen Titel "Armen-Ball-Polka". Es gehörte zu den Favorit-Piecen dieses Jahres!

Melodien-Quadrille, op" 112
Der italienische Opernkomponist Giuseppe Verdi ist als österreichischer Untertan geboren worden: Regentin in Parma war während seiner Jugendjahre jene Erzherzogin Louise, Tochter des Kaisers Franz I., die aus Staatraison mit Napoleon verheiratet worden war, den Korsen aber nach seiner Entmachtung einfach im Stich gelassen hatte! Louise hat das Talent Verdi auch gefördert. In Wien war Giuseppe Verdi im Jahre 1843; er leitete die Erstaufführung seiner Oper "Nabucco" in der Kaiserstadt. Niemand nahm damals von seiner Anwesenheit Notiz, nicht einmal alle Journale berichteten über die Aufführung. In der Folge wurde Verdi gerade in Wien noch viel leidenschaftlicher bekämpft als etwa Richard Wagner. Nur nach der Erstaufführung der Oper "Rigoletto" (am 12. Mai 1852 im k. k. Hofoperntheater nächst dem Kärntnerthor) gab es anerkennende Berichte. Dieser Umstand mag den jungen Musikdirektor Strauß ermutigt haben, eine Quadrille zu schreiben, die er unter dem Titel "Hesperiden-Quadrille" nach Motiven von Verdi ankündigte und am 16. Juli 1852 im Wiener Volksgarten zum ersten Male aufspielte. In den ganz allgemein gehaltenen Berichten über dieses Konzert findet sich noch der Titel "Hesperiden-Quadrille", erst die Druckausgabe hatte die Bezeichnung "Melodien-Quadrille" (nach Verdi'schen Themen). Interessant ist an diesem Werk – das neun Jahre später ein Gegenstück in der "Neuen Melodien-Quadrille", op. 254, (Vol. 13) erhalten sollte – vor allem der Umstand, daß Musikdirektor Johann Strauß nicht nur Themen der populären Oper "Rigoletto" verwendet, sondern auch die Oper "Macbeth" berücksichtigt hat, obwohl diese sowohl bei ihrer Uraufführung am 14. März 1847 in Florenz als auch bei ihrer Präsentation in Wien vom Publikum abgelehnt worden war. Strauß wußte eben genau, welches Format dieser von der Kritik so einhellig abgewertete Verdi besaß. Übrigens hatte Verdi in Wien noch einen getreuen Anhänger, nämlich den jungen Kaiser Franz Joseph. Als Verdi im Jahre 1875 wieder nach Wien kam, hat ihn der Kaiser eingeladen, in Schönbrunn oder in der Hofburg Quartier zu beziehen. Das hat Verdi freilich nicht angenommen, aber er wollte sich bei Franz Joseph erkenntlich zeigen. Das ist zwar dann unterblieben, aber bei Strauß hat Verdi sich mit der Anerkennung revanchiert: "Ich respektiere ihn (= Strauß) als einen höchstbegabten Kollegen!" In dem interessanten Kapitel der Kulturgeschichte "Verdi und das Kaisertum Österreich" hat die "Melodien-Quadrille" von Strauß aus dem Jahre 1852 eine wichtige Position.

Windsor-Klänge, Walzer, op. 104
Im Jahre 1849 schlugen die Truppen des Kaisertums Österreich die ungarische Revolution blutig nieder. Es war allerdings kein triumphaler Sieg, vielmehr mußte der Zar Nikolaus Pawlowitsch (1796-1855) dem jungen Kaiser Franz Joseph durch die Entsendung eines starken Truppenkontingents zu Hilfe kommen. Eine der Bedingungen dieser Intervention war das Ersuchen, die Führer des Aufstandes der Ungarn gegen das Haus Habsburg mit Schonung zu behandeln. Aber die Regierung des Kaisers Franz Joseph hielt sich nicht an diese Bedingung; es gab etliche Todesurteile, die in Arad (heute Rumänien) vollstreckt wurden, und bei der anschließenden Säuberung ging der in österreichischen Diensten stehende General Haynau derart brutal vor, daß zahlreiche Ungarn in Panik ins Ausland flüchteten. Sie fanden vor allem in Großbritannien Aufnahme, da die Regierung Ihrer Majestät, der Königin Victoria, das Verhalten Österreichs noch entschiedener mißbilligte als die Minister des Zarenreiches. In der Folge kam es zu zahlreichen, grotesken Episoden: so fielen zum Beispiel österreichische Künstler, die in London bei den Veranstaltungen zum Besten der ungarischen Emigranten mitgewirkt hatten, am Kaiserhof sofort in Ungnade und durften in der Heimat nicht mehr auftreten. So stark waren daraufhin die Spannungen zwischen London und Wien, daß die diplomatischen Beziehungen praktisch nicht mehr bestanden.

Dieser Zustand dauerte bis zum Jahre 1851. Dann lenkte die Regierung in London ein, da sie wegen ihrer Balkanpolitik doch wieder den Kontakt mit der Donaumonarchie benötigte. Königin Victoria wählte einen ihrer erfahrensten Politiker, Generalleutnant John Fane 11th Earl of Westmoreland, zum neuen Gesandten und bevollmächtigten Minister am österreichischen Kaiserhof und entsandte ihn nach Wien. Dabei kam es noch einmal zu Zwischenfällen und einem vorübergehenden Aufschub der offiziellen Vorstellung des Diplomaten in der Wiener Hofburg. Aber schließlich erkannte man auch in Österreich, daß gute Beziehungen zu Großbritannien in nächster Zukunft sehr nützlich sein würden, und räumte dem Earl aus London sogar eine bevorzugte Stellung innerhalb des diplomatischen Korps ein. Nun war aber John Fane Earl of Westmoreland nicht nur Diplomat und General, sondern erwies sich in seinen privaten Neigungen auch als vortrefflicher Musiker und tüchtiger Komponist. Daher stellte er sich in Wien, übrigens gemeinsam mit seiner ebenfalls komponierenden Gattin Priscilla, der Gesellschaft auch in diesen Funktionen vor. Als bevorzugten Musikdirektor wählte der Earl den jungen Strauß und dieser war darüber so glücklich, daß er Ausschnitte aus Kompositionen sowohl Lord Westmorelands als auch seiner Gattin Priscilla in seinen Konzerten (z. B. im Wiener Volksgarten) vorführte. Da der Gesandte der britischen Königin, die ja ebenso wie ihr Gemahl Prinz Albert, aus dem Hause Sachsen-Coburg und Gotha stammte, im Wiener Hauptquartier der Coburger, im Palais in der Nähe des Wasserglacis, residierte, wurde dieses Palais auch Zentrum des regen Musiklebens. In der benachbarten Karlskirche ließ Lord Westmoreland eine "Große Messe" aufführen, deren Orchesterpart von Mitgliedern der Strauß-Kapelle übernommen wurde. Strauß selbst spielte bei allen Festen im Palais Coburg (das die Wiener wegen seiner Säulenreihe respektlos als "Spargelburg" bezeichneten), und als am 10. Jänner 1852 ein Hausball veranstaltet wurde, war selbstverständlich Strauß zur Stelle. Als Festgabe hatte er einen besonders sorgfältig gearbeiteten und originellen Walzer mitgebracht, mit dem er hoffen konnte, den Beifall seines musik erständigen Auftraggebers zu erringen: er nannte das Werk "Windsor-Klänge" und widmete es Ihrer Majestät der Königin Victoria von Großbritannien und Irland. Die erste öffentliche Aufführung des Walzers fand beim Strauß-Ball (Benefiz) des Jahres 1852 am 10. Februar im Sofiensaal statt. Das Werk blieb auch in den folgenden Jahren stets im Repertoire der Strauß-Kapelle und war noch in den Programmen der Sonntagskonzerte im Musikverein, die Eduard leitete, wiederholt zu finden.

's gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien, Polka schnell, op. 291
Diese fröhliche, wienerische Polka ist ein Zeugnis der Vorfreude des in Pawlowsk bei St. Petersburg tätigen Komponisten auf seine Heimreise: Johann Strauß hat das Werk im Sommer 1864 geschrieben, und zwar gegen Ende der zweiten Saison, die er zusammen mit seiner Gattin Jetty in Rußland zugebracht hatte. Aus dieser Vorfreude heraus erklärt sich auch sein Titel: die Worte "'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien" kannte in Wien (und weit über die Grenzen der Donaumetropole hinaus!) jedes Kind. Sie stammten aus einem, allerdings längst vergessenen Singspiel von Adolf Bäuerle mit Musik von Wenzel Müller: es handelte sich um ein Duett zweier Wiener, die einander weit entfernt von der Heimat begegnen. Der Mann (Bims) gibt dem Mädchen (Cilli) Auskunft über die Heimatstadt und jedesmal singen beide begeistert den Refrain: "Das muß ja prächtig sein, da möcht' ich hin – ja nur a Kaiserstadt, ja nur a Wien"! War auch das Singspiel, "Aline oder Wien in einem anderen Weltteil" (Uraufführung am 9. Oktober 1822 im Theater in der Leopoldstadt in Wien), indessen längst vergessen, die Strophe war zum "geflügelten Wort" geworden, zum gleichsam alltäglichen Lobpreis auf die Metropole an der blauen Donau. In diesem Sinne hat eben auch Strauß diese Worte verwendet, und zwar als Titel einer Polka, die allerdings Wenzel Müllers Musik nicht zitiert; sondern mit einem kurzen Aufklingen der Kaiserhymne schließt. (Das Müller-Zitat steht bereits im Walzer "Telegraphische Depeschen", op. 195.) In Rußland hat Strauß diese Polka zum ersten Male bei seinem Abschiedskonzert in Pawlowsk aufgeführt, und zwar am 8. Oktober (= 26. September nach dem russischen Kalender) und unter dem Titel "Vergißmeinnicht". (Diesen Titel hat Strauß übrigens in Rußland mehrfach verwendet und jedesmal abgeändert!) In Wien wurde die Polka beim Festkonzert am 4. Dezember 1864 im Volksgarten unter dem endgültigen und richtigen Titel vorgeführt: es war damals ungefähr 20 Jahre her, daß der Strauß Schani bei Dommayer in Hietzing debütiert hatte (siehe die Opera 1-4); das mußte natürlich gefeiert werden und da war diese wienerische Polka am rechten Ort! Übrigens gab es noch eine weitere Verwendung für das Werk: in der Textierung und Bearbeitung durch Richard Genée wurde es am 3. Februar 1874 auch bei der Faschingsliedertafel des Wiener Männergesangvereins vorgetragen. Der Erfolg blieb dem Werk auch in dieser Fassung treu.

Bürgersinn, Walzer, op. 295
In die Reihe der Kompositionen der Familie Strauß für die Bürgerbälle in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien fügt sich die Widmung für das glänzende Fest am 7. Februar 1865, der Walzer "Bürgersinn", besonders harmonisch ein. Strauß mußte gerade diese Veranstaltungen, die zur Zeit des Wirkens seines Vaters beim "Sperl" in der Leopoldstadt und bei Dommayer in Hietzing abgehalten worden sind, die aber nach der Unterbrechung durch die "revolutionären Ereignisse" des Jahres 1848 bei ihrer Wiederaufnahme in den Redoutensaal der kaiserlichen Burg verlegt wurden, ganz besonders geschätzt und geliebt haben. Denn alle seine Kompositionen für die Bürgerbälle sind besonders sorgfältig gearbeitet worden und beweisen nicht nur Temperament und Anmut, sondern auch ein Mitschwingen des Gefühls der Bewunderung und der Zuneigung. Natürlich hat Kaiser Franz Joseph recht gut gewußt, warum er "seinen Bürgern" bei der Wiederaufnahme ihrer Faschingsfeste den glänzenden Rahmen der Hofburg zur Verfügung stellen ließ: sie sollten die Überzeugung gewinnen, daß sie nunmehr bei Hof willkommen waren. Ähnlich mag es Johann Strauß empfunden haben: die Bürger Wiens waren sein bestes, kostbarstes Publikum. Es war schwierig gewesen, ihr Herz – das zunächst seinem Vater gehört hatte – nach dessen Tod für sich zu gewinnen. Aber gerade deshalb schätzte er sie nun besonders hoch ein. Das zeigt sich deutlich und schön bei der Konzeption des Walzers "Bürgersinn": die sanft-wiegende Melodie der Introduktion scheint eher die Einleitung zu einer Frühlings- oder Pastoral-Symphonie als zu einem Tanzstück zu sein und erst die energischen Fanfaren laden die Gäste des Bürgerballes zum Drehen und Schleifen im wiegenden Dreivierteltakt ein, zum Auskosten des herrlichen Saales, in dem der Bürgerball stattfand. Das Kaiserpaar, das den Bürgerball besuchte, nahm freilich am Tanzvergnügen längst nicht mehr teil. Aber darauf kam es Strauß nicht an – die Bürger und ihre Damen konnten jedenfalls mit Strauß zufrieden sein.

PS: In der Ausgabe, die im Verlag Büttner in St. Petersburg erschienen ist, wollte man offenkundig von einem "Bürgersinn" nichts wissen: dort nannte man das Werk lieber "Patrioten- Walzer". Nun ja – auch unter dieser Bezeichnung war die Komposition überaus erfolgreich.

Liebchen, schwing Dich, Polka Mazurka, op. 394
Die Motive der anmutigen, dezent fröhlichen Polka Mazurka "Liebchen, schwing Dich" stammen aus dem reichen Melodienvorrat der Operette "Das Spitzentuch der Königin" von Johann Strauß, die am 1. Oktober 1880, also zu Beginn der Direktionstätigkeit Franz Steiners, im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Zum ersten Male hatte Strauß den Textdichter einer Operette selbst gewählt – und war prompt an den Unrechten geraten. Der Librettist Heinrich Bohrmann konnte vielleicht als tüchtiger Theaterfachmann gelten, über die Gabe, eine Operette musikgerecht aufzubauen und die Handlung so zu entwickeln, daß für den Komponisten der nötige Freiraum geschaffen wurde, verfügte er nicht. Es war daher noch eine Gruppe von Mitarbeitern notwendig (zuletzt erschien allerdings nur noch der Name Richard Genée auf dem Theaterzettel der Premiere), um das Werk so einigermaßen aufführungsreif zu machen. Einen auch nur einigermaßen zufriedenstellenden Erfolg in Wien erzielte die Operette jedenfalls nicht, und ebenso war die Zahl der Bühnen, die das Werk nachspielten, recht klein.

Aber für Strauß zählte im Grunde nur jenes Flair des Lebens und Treibens am portugiesischen Königshof rings um den Dichter Cervantes, der seinen idealistischen Träumen inmitten einer wenig poetischen Gesellschaft folgte. Es war eine Welt voll Grazie und eleganter Lebensfreude, die Strauß in seinen Melodien nachzeichnete: er ging von jenem Motiv im Dreivierteltakt aus, "Trüffel-Couplet", das auch den Anfang seines berühmten Walzers "Rosen aus dem Süden", op. 388 (siehe Vol. 18) bildete. Eine ganz ähnliche Stimmung erfüllt auch die Polka Mazurka "Liebchen, schwing Dich", die sich aus Motiven zusammensetzt, die in der Operette im zweiten Akt, im Lied der Königin und in der Einleitung des ersten Aktes aufklingen. Die Uraufführung der Polka Mazurka überließ Johann Strauß seinem Bruder Eduard: dieser reihte sie in die Gruppe der Faschingsnovitäten des Jahres 1881 ein (Karnevalsrevue), die am 6. März 1881 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins dem Publikum vorgeführt wurde. "Liebchen, schwing Dich" wurde nicht so populär wie der Walzer von den "Rosen aus dem Süden", steht aber an Wert dieser Favorit-Piece des Publikums kaum nach.

Feenmärchen, Walzer, op. 312
Das Jahr 1866 stand im Zeichen des Krieges, den das Königreich Preußen unter Otto von Bismarcks Führung gegen die Donaumonarchie Österreich zu entfesseln entschlossen war und der dann auf den Schlachtfeldern Böhmens, vor allem in den Kämpfen um Königgrätz (Sadowa), zum Nachteil Österreichs entschieden worden ist. So total war die Niederlage der kaiserlichen Truppen im Juli 1866, daß Kaiser Franz Joseph daran dachte, seine Residenz Wien zu verlassen und von Pest-Ofen aus die Monarchie zu regieren. Er hatte es nur dem Entschluß Bismarcks zu danken, der eine völlige Entmachtung des Habsburgerreiches nicht wünschte, um eine Art europäisches Gleichgewicht – nun aber unter Preußens Führung! – zu erreichen, daß Franz Joseph schließlich nicht dem Beispiel seiner bereits nach Ungarn geflüchteten Gattin Sisi folgte, sondern in Wien blieb. Das Leben in seiner Residenz aber stand ganz im Zeichen der Niederlage, die in der Folge das Ende Österreichs einleitete.

Auch Johann Strauß verbrachte den Sommer 1866 in Wien. Zunächst erwies er sich als Patriot und stellte eines seiner Häuser als Offiziersspital zur Verfügung, dann veranstaltete er ein Korso-Fest im Wiener Prater, dessen Reinertrag den "verstümmelten Kriegern" zugute kommen sollte. Schließlich resignierte er – und zog sich weit ins Reich seiner Melodien zurück. So entstand der weltabgewandte Walzer "Feenmärchen". Dieses Werk bietet – trotz der erlesenen Schönheit seiner Motive – keinen musikalischen Spiegel der Lebensfreude und der Lebenslust: traurig fast beginnt seine Einleitung, leise, beinahe zaghaft setzt der Walzer ein. Aber schließlich gewinnen die Melodien doch wieder an Schwung und Elan; sie sind wieder "straußisch" – und das hatte zur Folge, daß Motive dieses Walzers nicht nur in der von Adolf Müller arrangierten Operette "Wiener Blut", sondern auch im Ballett "Graduation Ball" (zusammengestellt und bearbeitet von Anton Dorati im Jahre 1940) verwendet werden konnten.

Die erste öffentliche Aufführung des Walzers "Feenmärchen" erfolgte bei einem Strauß-Konzert im Volksgartensalon am 18. November 1866, bei dem alle drei Strauß-Brüder am Pult des Orchesters erschienen. Seinen neuen Walzer hat Johann selbst dem Publikum vorgeführt. In den wenigen Berichten über dieses Konzert finden sich nur die auch bei anderen Gelegenheiten verwendeten Formulierungen: "interessantes Werk, mehrere Wiederholungen". Der besondere Charakter der Komposition wurde damals jedenfalls nicht erkannt und gewürdigt.

Fest-Polonaise, op. 352
Im Sommer 1870 plante Johann Strauß zum ersten Male ein Gastspiel in der Kurstadt Baden-Baden an der Oos am Rande des Schwarzwaldes. Aber das Projekt scheiterte: der Ausbruch des preußisch-französischen Krieges am 19. Juli lähmte den Kurbetrieb in dem damals vor allem von Franzosen besuchten Bad und so gab es auch keine Konzerte. Das Auftreten des Wiener Walzerkönigs in Baden-Baden wurde verschoben. Im Juli 1871 reiste Strauß zusammen mit seiner Gattin Jetty an die Oos und begann am 15. Juli mit seiner Mitwirkung bei den Konzerten des Kurorchesters. Es hatte sich damals bereits wieder ein elegantes Publikum in Baden-Baden versammelt; dabei hatte ein Austausch der Kurgäste stattgefunden: nun stellten nicht mehr die Franzosen, sondern Besucher aus Preußen, aus dem Rheinland und aus Süddeutschland das Gros der prominenten Gäste (russische Großfürsten und Intellektuelle sorgten für eine zusätzliche Attraktion). Unter den Künstlern, die sich in Baden-Baden aufhielten, war auch Johannes Brahms.

Es war immerhin bemerkenswert zu erleben, daß Johann Strauß noch vor dem Start seiner Konzertserie bei einem Extrakonzert am 14. Juli mitwirkte, das auf Wunsch der deutschen Kaiserin Auguste angesetzt worden war. (Die Kaiserwürde der aus Weimar stammenden, kunstsinnigen Monarchin war damals erst etwa 7 Monate alt: sie datierte vom 18. Jänner 1871. An diesem Tag wurde Preußenkönig Wilhelm in Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert.) Johann Strauß wußte die Ehre dieses Sonderkonzerts zu schätzen und beschloß, für das deutsche Kaiserpaar eine Polonaise zu komponieren. Es entstand in der Folge ein Werk, das doch recht weit außerhalb des bisherigen Tätigkeitsbereichs des Wiener Walzerkönigs stand. Der Richard Wagner der "Meistersinger" war bei der Konzeption der Polonaise ein unverkennbares Vorbild. Natürlich wurde über den großen Erfolg des Sonderkonzerts in ganz Deutschland (und selbstverständlich auch in der Donaumonarchie, die im Konflikt Preußen – Frankreich neutral geblieben war) ausführlich berichtet. Überdies wurde Strauß eingeladen, so bald wie möglich wieder in Berlin zu konzertieren. Es traf sich gut, daß Strauß ohnedies am 25. August in die neue deutsche Hauptstadt reiste, um die Berliner Erstauführung seiner Operette "Indigo" zu dirigieren. Es fand sich in diesem Zusammenhang allerdings keine Gelegenheit, die neue, Kaiser Wilhelm I. zugedachte "Fest-Polonaise" zu präsentieren. Strauß überließ also das Werk seinem Bruder Eduard, der es am 15. September 1871 bei einem Konzert im Volksgarten zum ersten Male vorführte, und zwar unter dem Titel "Fest-Polonaise". Auch in der im November 1871 veröffentlichten Ausgabe für Klavier zu vier Händen hatte das Werk diesen Titel.

Im Sommer 1872 war Johann Strauß abermals in Baden-Baden; er kam direkt von seiner Reise nach den Vereinigten Staaten über Hamburg an die Oos. Nun hatte er Gelegenheit, seine Polonaise selbst vorzuführen: aber nun hieß seine Komposition "Kaiser Wilhelm-Polonaise" und auch auf den Noten der Orchesterausgabe wurde der neue Name verwendet. Als "Kaiser Wilhelm-Polonaise" wurde das Werk schließlich im Jänner 1873 auch in Wien präsentiert. Es war nun keine Sensation mehr, daß ein Wiener Komponist dem neuen Kaiser in Berlin ein Werk zueignete; in den Jahren 1870/71 hätte es ein Teil der Bevölkerung, der mit den Franzosen sympathisierte, Strauß vielleicht noch übel genommen. So aber endete die etwas wirre Geschichte dieses Werkes in schönster Harmonie. Wiederholt aber wurde das schwierige, anspruchsvolle Stück in der Folge nur selten. Später, viel später widmete Strauß der "Concordia" für ihren Ball eine Polonaise mit dem Titel "Die schöne Wienerstadt". Da sich Noten mit dieser Werksbezeichnung nicht finden ließen, darf man vermuten, daß Strauß damals eine – vielleicht vereinfachte – Fassung der indessen fast vergessenen "Fest-" bzw. "Kaiser Wilhelm-Polonaise" noch einmal verwendet hat. Zu beweisen ist es freilich vorerst nicht.

Adelen-Walzer, op. 424
Am 10. Jänner 1884 fand in den Räumen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien eine Veranstaltung des damals neuen, übrigens nur kurzlebigen Vereins "Wiener Kunstfreunde" statt. Aus diesem Anlaß wurde ein Gedenkblatt verteilt, das die Violin-Stimme eines kurzen Walzers mit dem Titel "1884" und die Widmung enthielt: "Horcht und nehmet mit nach Haus, ein frisches Sträußchen von unserem Strauß." Dieses Blatt wurde bei dem im Oktober 1884 mit großem Aufwand gefeierten Jubiläum der 40. Wiederkehr des Tages, an dem Strauß als Musikdirekor und Komponist bei Dommayer debütiert hatte, noch einmal verwendet. Die Orchesterfassung dieses Walzers wurde bei der erwähnten Veranstaltung des Kunstvereins vom Strauß-Orchester als Intermezzo vorgeführt. Aber das war auch nur eine Episode in der Geschichte dieser Komposition.

Im Jahre 1886 reiste Johann Strauß mit seiner "Gattin" Adèle über Hamburg und Berlin nach St. Petersburg. Die Angelegenheit war insofern delikat, als Frau Adèle, geborene Deutsch, als Witwe des Kaufmanns Anton Strauß zwar denselben Namen wie der Walzerkönig führte, mit diesem jedoch noch immer nicht rechtsgültig verheiratet war. Adèle hatte sich mit Johann Strauß zwar sofort nach dessen Scheidung von seiner zweiten Gattin Angelika, geb. Dittrich, im Herbst 1882 zu einer Lebensgemeinschaft verbunden, aber der ohnedies nicht ernsthaft unternommene Versuch, eine sogenannte "Siebenbürger Ehe" einzugehen (als Katholik konnte sich Johann Strauß nicht noch einmal verheiraten, solange Lili Strauß am Leben war), war gescheitert. Nun plante Strauß, der soeben vom Katholizismus zum Protestantismus übergetreten war (Frau Adèle war vom Judentum ebenfalls zum Protestantismus konvertiert),. die Staatsbürgerschaft des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha anzunehmen. Damit war die Voraussetzung für einen Trennung der Ehe mit Lili durch den regierenden Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha und die darauffolgende Hochzeit mit Adèle in Coburg geschaffen. Strauß hat diesen Plan dann auch durchgeführt; es kam zur Eheschließung im August 1887 in Coburg.

Aber während der Rußlandreise war Adèle Strauß, geborene Deutsch, eben noch nicht mit dem Walzerkönig verheiratet. Doch die Damen der St. Petersburger Adelsgesellschaft, die Strauß zu seinem letzten Besuch im Zarenreich veranlaßt hatten, sahen im Interesse eines guten Gelingens dieses Gastspiels über die "delikate Situation" hinweg. Während der Konzerte in St. Petersburg dirigierte Johann Strauß unter anderen Novitäten auch seinen neuen "Adelen-Walzer", und zwar am 28. April (d. i. der 16. April nach dem russischen Kalender). Der erste Walzerteil war identisch mit dem Fragment "1884", Introduktion und die weiteren Walzerteile waren neu. Das Werk wurde vom 80 Mann starken Orchester der kaiserlich russischen Oper unter der Leitung des Komponisten gewiß schwungvoll vorgetragen; es erhielt auch lebhaften Beifall und eine anerkennende Beurteilung in der russischen Presse – aber es überzeugte nicht so recht. In Wien stellte Johann Strauß den "Adelen-Walzer", dessen Druckausgabe die Widmung erhielt: "Meinem Weib Adèle", ebenfalls selbst dem Publikum vor, und zwar am 7. November 1886 beim Benefizkonzert seines Bruders Eduard im Musikvereinssaal. Auch hier gab es freundlichen Beifall, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Strauß hat sich hörbar viel Mühe mit der Gliederung und Ausarbeitung des Werkes gegeben. Es enthält viel Kostbares und Schönes: ein Meisterwerk ist der "Adelen-Walzer" trotzdem nicht. Adèle aber nahm die Huldigung dankbar an: für sie war gerade dieses Werk der "Walzer aller Walzer"!

Violetta, Polka francaise, op. 404
Von den zehn Tanzkompositionen, die Johann Strauß nach Motiven seiner bei der Uraufführung am 25. November 1881 im Theater an der Wien ungemein erfolgreichen Operette "Der lustige Krieg" gestaltete, erhielt eine sehr melodiöse Polka francaise als Titel den Namen "Violetta". Damit war die Trägerin der weiblichen Hauptrolle des Werkes gemeint, Violetta, verwitwete Gräfin vom Lomellini. Ihr war in der etwas verwirrenden Handlung der heute leider völlig unzeitgemäßen Operette die Aufgabe zugedacht, den angeblich nur "lustigen Krieg" zwischen den ohnedies nicht kampfbereiten Armeen zweier rivalisierender Kleinstaaten in einem Phantasie-Italien beizulegen. Daß sie selber der Preis für den Friedensschluß sein werde, war der schönen Violetta eigentlich von Anfang an klar und – sie hatte gegen eine friedensstiftende Heirat auch gar nichts einzuwenden. Bei der Premiere des Werkes sang die aus Ungarn gebürtige Sängerin Karoline Finaly die Rolle der Violetta, eine Künstlerin, die während ihres Engagements im Theater an der Wien auch die Partien der Laura in Millöckers "Bettelstudent" und der Annina in der Strauß-Operette "Eine Nacht in Venedig" verkörperte. Strauß hat die Künstlerin sehr geschätzt und ihre Abschiedsvorstellung selbst dirigiert.

Johann Strauß hat auch die Uraufführung der Polka "Violetta' durch die Strauß-Kapelle am 15. Jänner 1882 im Musikvereinsgebäude persönlich geleitet. Er vertraute darauf, daß ein Konzert, bei dem er am Dirigentenpult erschien, auch dann ausverkauft sein werde, wenn er nur die eine oder andere Novität dem Publikum vorführte. Und das war im Jänner 1882 besonders wichtig. Der Schock des Ringtheaterbrandes am 8. Dezember 1881 war noch immer nicht überwunden, die Theater (mit Ausnahme des Theaters an der Wien, auf dessen Spielplan auch weiterhin die Operette "Der lustige Krieg" stand) waren nicht gut besucht und selbst der Prachtbau des Musikvereins, der als feuersicher galt, wurde von vielen Musikfreunden nicht allzu bereitwillig aufgesucht. Nun – die Rechnung des Walzerkönigs ging am 15. Jänner 1882 trotzdem auf: die Präsentation der Polka "Violetta", in der Motive aus allen drei Akten der Operette "Der lustige Krieg" enthalten sind, fand in einem dicht besetzten Saal statt und brachte dem Komponisten, ebenso wie die Operette, einen großen, nachhaltigen Erfolg.

Kaiser Franz Joseph-Marsch, op. 67
Es ist dem 23jährigen Musikdirektor Johann Staruß nicht allzu schwer gefallen, nach der Niederwerfung der Revolution in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien aus dem Lager der Rebellen gegen das Unterdrückungssystem des Staatskanzlers Clemens Fürst Metternich in die Reihen jener Patrioten zurückzukehren, die dem 18jährigen Kaiser Franz Joseph I., der am 2. Dezember 1848 in Olmütz den Thron der Habsburgermonarchie bestiegen hatte, die Fähigkeit zubilligten, das Kaisertum Österreich wieder zu festigen und für Strauß war es völlig klar, daß er nun sofort seine Loyalität gegenüber dem Herrscherhaus und dem jungen Kaiser beweisen, ja geradezu demonstrieren mußte.

Johann Strauß konnte im Jahre 1849 freilich noch nicht ahnen, daß die Herrschaft des jungen Erzherzogs Franz, dem man beim Antritt seiner Herrschaft den Namen des Volkskaisers Joseph mit auf den Weg gab, bis zum Jahre 1916 regieren und einer langen Epoche des politischen, aber auch des kulturellen Lebens in Mitteleuropa den Stempel seiner Persönlichkeit aufprägen werde. Immerhin war der junge Strauß bereit, dem Monarchen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit möglichst auffällig zu huldigen. Welche Gelegenheit im Frühjahr 1849 Strauß dann wählte, um seinen in aller Eile komponierten "Kaiser Franz Joseph-Marsch" zum ersten Male vorzutragen, ist nicht mit absoluter Sicherheit anzugeben: in Frage kommen die Feste in Dommayers Casino in Hietzing am 31. Mai oder mit größerer Wahrscheinlichkeit am 16. August 1849, also anläßlich des 19. Geburtstages Franz Josephs, der selbstverständlich in Dommayers Casino, das ja in unmittelbarer Nähe des Schlosses Schönbrunn lag, mit besonderer Festlichkeit begangen wurde. Ausdrücklich erwähnt wurde der neue "Franz Joseph-Marsch" anläßlich eines Balles mit der Bezeichnung "Österreichs freudvolle Zukunft" in der Bierhalle in Fünfhaus. Und ein Jahr später, als sich Strauß neuerlich dem Kaiserhaus zu empfehlen wünschte, kam es zu einer neuen Aufführungsserie des Werkes, und zwar abermals in Dommayers Casino. Die Klavierausgabe des Marsches ist jedenfalls bereits am 10. Oktober 1849 im Druck erschienen und in der "Wiener Zeitung" angekündigt worden. Da es Orchesterstimmen nur "in Abschrift" gegeben hat konnte eine authentische Partitur des Werkes bisher nicht erstellt werden, weil sich diese geschriebenen Originalstimmen des Verlags Mechetti offenkundig nicht erhalten haben. Von den zahlreichen Bearbeitungen des Werkes bietet diese Aufnahme die Instrumentation von Max Schönherr aus dem Jahre 1974.


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