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8.223219 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 19
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II, der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Hoch Österreich, Marsch, op. 371
Aus Motiven der Operette "Cagliostro in Wien" hat johann Strauß fünf Tanzkompositionen und einen Marsch arrangiert – und es fällt auf, daß sich in diesen Werken auch Melodien finden, die im Klavierauszug der Operette nicht enthalten sind. Man darf annehmen, daß es sich um Motive handelt, die zwar in der ursprünglichen Fassung der Operette verwendet, jedoch im Verlaufe der Komposition oder bei den Proben ausgeschieden worden sind. (Vgl. auch die Polka "Bitte schön", op. 372.) Das erste Thema des Marsches stammt aus Nr. 2 des Klavierauszuges. Lied und Chor: "Frisch ihr tapfern Kriegssoldaten", daran schließt sich der Refrain aus dieser Nummer, "Eins, zwei, eins, zwei, frisch ihr Brüder". Die erste Melodie des Trios ist durch die Umwandlung eines Walzermotivs in den Marschrhythmus entstanden. Die zweite Melodie könnte sich allenfalls noch in einem der Skizzenbücher des Komponisten nachweisen lassen. In der Partitur steht sie nicht. – Das Libretto der Operette "Cagliostro in Wien"wurde von F. Zell (Pseudonym für Camillo Walzel) und Richard Genée aus einem "alten Stoff" zurechtgeschneidert; Genée hat aber nicht nur die Verse der Gesänge in der Operette beigesteuert, er ist Strauß ebebso wie bei den früheren Bühnenwerken (einschließlich der Operette "Die Fledermaus") auch bei der Ausfertigung der Partitur an die Hand gegangen.

Wahrscheinlich ist noch während der Arbeit an der Operette nebenbei die Chorfassung des Marsches "Hoch Österreich" durch Richard Genée entstanden, denn auch dieser Text stammt von seiner Hand. Das würde auch erklären, daß der Marsch den Titel "Hoch Österreich" erhalten hat. Im Text der Chorfassung heißt es nämlich:

"Recht in Freud und Lust.
Aus der vollen Brust
klingt der Ruf: 'Hoch Österreich'."

Sicher ist, daß beide Versionen der Komposition, die Orchester- und die Chorfassung, einige Zeit nach der Uraufführung der Operette "Cagliostro in Wien" (diese fand am 27. Februar 1875 im Theater an der Wien statt) im Druck erschienen sind. Die Fassung für Männerchor und Orchester wurde im Oktober 1875 herausgebracht. Die Orchesterfassung war aber bereits am 25. Juni 1875 bei einem Konzert der Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung im Wiener Volksgarten zu hören. Berühmt ist dieser Marsch allerdings nicht geworden. In Musikerkreisen hält sich bis auf den heutigen Tag der Ausspruch eines Zeitgenossen: "Das Beste an diesem Marsch ist – sein Titel!" Nun ja – um eine Bosheit war man in Wiener Musikkreisen nie verlegen ...

Dorfgeschichten, Walzer im Ländlerstil, op. 47
Mit dem Tod Joseph Lanners im April 1843 war die Zeit der Ländler in der wienerischen Tanzmusik zunächst einmal vorbei. In der Volksmusik freilich klangen die "Landerer" (so lautete der ursprüngliche Titel dieser langsamen Tänze im Dreivierteltakt) noch viele Jahre lang weiter. Ganz aber wollten auch die Herren Musikdirektoren auf diese Tänze nicht verzichten, weil sie eben vor allem beim Publikum in den Vorstädten Wiens weiterhin sehr beliebt waren. Johann Strauß-Vater und sein Sohn Johann schrieben daher, und zwar beinahe gleichzeitig, Walzer im Ländlerstil – wobei es ihnen vor allem um die charakteristische Melodienführung der einstigen "Landerer" ankam, die sie nun für diese Art von Walzern übernahmen. Es ist verständlich, daß sowohl Strauß-Vater als auch sein mit ihm in verbissenem Wettstreit liegender Sohn nach einer Verbindung ihrer Kompositionen zu den um die Mitte des 19. Jahrhunderts beliebten Erzählungen suchten, deren Inhalt von einem idealisierten und daher vor allem harmonischen und idyllischen Leben in den ländlichen Regionen Europas handelte. Im Jahre 1847 übernahm Strauß-Vater den Titel einer Novellen-Sammlung, "Feldbleamln", für seinen Walzer im Ländlerstil, op. 213, - der übrigens zu seinen besten Werken gerechnet werden muß; Philipp Fahrbach, der Vater, bezog für sein Opus 61 von Anton Baron Klesheim den Titel "Schwarzblattln aus'm Wienerwald" (unter Schwarzblattln verstand Klesheim die Amseln) und schließlich entlehnte Johann Strauß-Sohn den Titel seines Walzers im Ländlerstil, op. 47, von den "Schwarzwälder Geschichten" des deutschen Novellisten Berthold Auerbach, und zwar in der Abwandlung "Dorfgeschichten aus Österreich". Anlaß für diese Komposition dürfte das Bestreben des jungen Musikdirektors Strauß gewesen sein, mit der bereits genannten Walzerpartie seines Vaters, "Feldbleamln", gleichzuziehen. Denn sein Walzer "Dorfgeschichten" wurde keineswegs für einen Kirchtag oder ein Fest in der Vorstadt geschrieben, sondern war in einem Paket von neuen Kompositionen enthalten, die Johann Strauß-Sohn vor dem Aufbruch zu seiner kühnen Winterreise in die Balkanregion bis nach Bukarest rasch nacheinander dem Publikum vorgeführt (und wohl auch dem Verleger übergeben) hat. Er brauchte schließlich – Reisegeld! Die "Dorfgeschichten", die der junge Strauß seinem Publikum zugedacht hatte, waren zum ersten Male bei einem Festauf dem Wasserglacis in der Nähe des Karolinentores (heute befindet sich auf diesem Terrain ein Teil des Stadtparks) zu bewundern, und zwar bei einem Wohltätigkeitsfest am 18. September 1847. Kurz darauf trat Strauß-Sohn mit seinen Musikern dann die Fahrt nach Ungarn, Serbien, Siebenbürgen und Rumänien an. Der Erfolg, den Strauß bei der Uraufführung des Werkes in Wien erreichen konnte, begleitete ihn auf dieser Reise; das bezeugen Berichte z. B. aus Hermannstadt in Siebenbürgen. Im Druck konnte das Werk freilich erst im Sommer 1848 erscheinen. In der Folge ist es nur noch selten aufgeführt worden und war schließlich völlig vergessen. Erst unser Jahrhundert hat die gemütliche Walzerpartie "Dorfgeschichten" neu entdeckt und wieder in Erinnerung gerufen.

Electro-magnetische Polka, op. 110
Nach der Beendigung der revolutionären Ereignisse des Jahres 1848 durch die Truppen der k. k. Armee kam das gewohnte Gesellschaftsleben in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien nur langsam wieder in Schwung. Noch lag ja die Kaiserstadt an der Donau unter dem Druck des im Oktober 1848 verhängten Belagerungszustandes. Aber in den Jahren 1851 und 1852 wagten es die ersten Standesorganisationen des Bürgertums doch wieder, mit kleinen Festen und vorerst bescheidenen Ballveranstaltungen an das "brausende Leben" im Vormärz (also der Zeit vor dem Ausbruch der Märzrevolution 1848) anzuschließen. Noch dachte niemand, daß es wieder so turbulent zugehen werde im Wiener Fasching, wie es zur Zeit des Wettstreits zwischen Strauß-Vater und Joseph Lanner gewesen war (= in den dreißiger Jahren des 19, Jahrhunderts), aber man setzte doch den Reigen der Feste vorsichtig wieder in Bewegung.

Zu den ersten Vereinigungen, die sich zur Wiederaufnahme ihrer traditionellen Bälle entschloß, gehörte die Organisation der Techniker. Sie gab am 11. Februar 1852 im repräsentativen Sofiensaal wiederihr Festzum Besten ihrer Studenten.

Selbstverständlich wurde die Strauß-Kapelle für diesen Abend engagiert – schließlich gab es ja indessen keinen Zweifel mehr darüber, daß Strauß-Sohn das Erbe seines Vaters angetreten und sich selbst als würdiger Nachfolger auf dem Thron des Walzerkönigs etabliert hatte. Der junge Strauß war auch darin ein echter Repräsentant der Familie Strauß, daß er ebenso wie sein Vater aufgeschlossen war für alles Neue und Moderne, das sich ringsum auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ereignete. Vor allem der Faszination der technischen Entwicklung ist Johann Strauß (ebenso wie sein Bruder Joseph!) stets bereitwillig erlegen. Für den ersten Technikerball in der neuen Ära schrieb Musikdirektor Strauß eine Polka, der er – wohl im Einvernehmen mit den Veranstaltern – den Titel "Electro-magnetische Polka" gab. Mit dem Magnetismus hatte man sich in Wien sehr intensiv schon zu Lebzeiten Wolfgang Amadeus Mozarts befaßt (siehe die Parodie auf Professor Mesmers Experimente in der Oper "Cosi fan tutte"), nun wurde der Magnetismus zu den vorerst noch nicht entschleierten Geheimnissen der Elektrizität in Beziehung gebracht. Schon im Jahre 1820 war diese Beziehung vom dänisphen Physiker Christian Oersted (1777-1851) entdeckt worden. Fünf Jahre später hatten weitere Forschungen (darunter Experimente des Engländers William Sturgeon, (1783-1850) zur Herstellung eines Elektromagneten geführt. Vielleicht dachten die Techniker an eine Ehrung der beiden Entdecker, als sie gerade im Jahre 1852 – also kurz nach Oersteds Tod – Strauß den Titel "Electro-magnetische Polka" empfohlen haben. Strauß hat ihn jedenfalls bereitwillig aufgegriffen und in einer flotten Komposition auf seine Weise gedeutet. Seit dem Ballabend, am 11. Februar 1852, gab es also den "Electro-Magnetismus" auch – in der Musik!

Novellen, Walzer, op. 146
Der Walzer "Novellen", das Opus 146 von Johann Strauß, wurde für den Ball der Juristen im Jahre 1854 geschrieben: sein Titel meint daher nicht jene Form der Dichtkunst, die in der Literaturgeschichte als "Novellen" bezeichnet wird. Für den Juristen sind "Novellen" ergänzende oder abändernde Nachträge zu einem bereits bestehenden Gesetz. Die Bezeichnung hätte gerade für diesen Walzer nicht besser gewählt werden können: denn mit diesem Werk (und dem gleichzeitigen Walzer "Schallwellen", op. 148, vgl. Vol. 8) ergänzte Strauß die Tonsprache seiner Zeit und erweiterte sie durch die Einbeziehung der damals neuen, revolutionären Musik von Franz Liszt und Richard Wagner in die traditionellen Tanzweisen. Wenn Strauß die Absicht hatte, seine Stellung als führender Musikdirektor der Kaiserstadt an der Donau nach seiner krankheitsbedingten Abwesenheit im Sommer 1853 wieder festigen zu müssen, so konnte er dieses Ziel nicht besser erreichen als eben durch das Eintreten für die Musik Richard Wagners, die in der Donaumonarchie immer noch unbekannt war, weil Wagner nicht aufgeführt werden sollte. Der damals bereits mit vier Bühnenwerken erfolgreiche Komponist galt ja seit seiner Teilnahme am Aufstand 1848 in Dresden als Anarchist und gefährlicher Aufwiegler. Doch nun brach Johann Strauß diesen Bann: im Jahre 1853 führte er mit seiner Kapelle im Volksgarten Teile der Opern "Lohengrin" und "Tannhäuser" auf, zu Beginn des Jahres 1854 verstärkte er sogar sein Orchester auf 54 Mann, um auch die "Tannhäuser-Ouvertüre" in ihrer Originalfassung dem Publikum vorstellen zu können. (Die erste dieser Aufführungen fand am 2. Jänner 1854 im Sofiensaal statt.) Johann Strauß brachte aber auch in die Tanzmusik den revolutionären Schwung der neuen Musik ein: der energische Beginn des Walzers "Novellen" stand in deutlichem Gegensatz etwa zur gemütlichen, traditionellen Walzerpartie "Ballgeschichten", op. 150 (vgl. Vol. 7), die Strauß für seinen Benefizball im "Sperl", dem Traditionslokal der Strauß-Kapelle, geschrieben hatte.

Es konnte nicht ausbleiben, daß die Modernisierung der Tanzmusik von allen jenen Musikfreunden abgelehnt wurde, die auch Richard Wagners Werke als "Zukunftsmusik ohne Gegenwart" ablehnten. Zu diesem Personenkreis gehörten so verschiedene Persönlichkeiten wie der Schauspieler-Dichter Johann Nestroy (in der von ihm bearbeiteten "Tannhäuser-Parodie") und der Kritiker Eduard Hanslick. Die Aufführung des Walzers "Novellen" beim Juristenball am 31. Jänner 1854 hatte Hanslick wohl nicht miterlebt, aber als das Werk später bei Konzerten wiederholt wurde und gedruckt vorlag, da nörgelte er in der "Wiener Zeitung" am 6. November 1854.

"Selbst Themen, wie die ersten der ... 'Novellen' mit ihren langgestreckten, achttaktigen Motiven, ihren ächzenden verminderten Septimen und Nonen-Akkorden, ihrem Posaunen und Paukengedonner sind nicht mehr tanzgemäß. Nicht alles, was im Dreivierteltakt spielt, ist darum ein Walzer".

Gewiß – es läßt sich leicht mit wissenschaftlichen Begriffen argumentieren, wenn man vom Schreibtisch her urteilt: im Tanzsaal war alles ganz anders gewesen – dort hatten die "Novellen" die Tänzer begeistert und der Walzer hatte mehrfach wiederholt werden müssen.

Seladon-Quadrille, op. 48

Auch im Wien des Biedermeier, dessen Bewohnern die Namen der Akteure sowohl der griechischen und römischen Mythologie als auch der damals aktuellen Romane und Theaterstücke durchaus geläufig waren, dürfte nicht jedermann sofort gewußt haben, was er unter einem "Seladon" zu verstehen habe. Gewiß – es gab ein Ständchen mit dem Text:

"Vor dem Fenster am Balkon
steht ein schöner Seladon
singt ein süsses Lied zur Laute
und die Traute ist nicht weit ...".

Aber – wer kannte schon dieses Ständchen und wußte überdies, daß es sich bei einem Seladon um eine Figur aus einem französischen Schäferroman aus galanter Zeit handelte, und zwar um einen schüchternen Liebhaber? Es ist auch keineswegs sicher, daß dem jungen Musikdirektor Johann Strauß – der selbst alles andere als ein schüchterner Liebhaber war! – das Wort Seladon vertraut gewesen ist. Als er im Fasching 1847, und zwar bei seinem Benefiz am 15. Februar in Dommayers elegantem Casino in Hernals eine neue Quadrille aufspielte, wählte er für das Werk jedenfalls einen anderen Titel, der viel besser zu dem Publikum dieses Balles paßte; er nannte seine Widmung "Lions-Quadrille". Diese Bezeichnung deckte sich ganz exakt mit der Schilderung eines Berichterstatters, der kurz vor diesem Ball in der "Theaterzeitung" geschrieben hatte: "Bei Dommayer herrscht der Ton der Noblesse. Man ist in einem Salon. Der Vollblutlöwe steigt mit hochaufgeschobenen Vatermördern [= steife Hemdkrägen] zwischen den Tischen herum und lorgniert mit einem künstlich eingezwängten Glasscherben [= Monokel!] die Löwin, welche mit nachlässiger Tornure und halbgeschlossenen Augen die Huldigung aufnimmt."

Die Bälle bei Dommayer hatten eben ein exquisites Publikum – eine übermütige Jugend, die nur allzugern bereit war, auch Modetorheiten mitzumachen und sich blasiert zu gebärden, um "interessant" zu erscheinen. Für dieses Publikum war die "Lions- Quadrille", also der Figurentanz für die (Salon-) "Löwin" und den "Löwen" geradezu ideal: die sechs Teile der Quadrille wurden mit elegantem Schwung und Elan abgespult. Was den Verleger dann bewogen hat, das auch in den Journalen unter dem Titel "Lions-Quadrille" erwähnte Werk umzutaufen, läßt sich nicht einmal vermuten. Denn für einen schmachtenden Liebhaber taugt diese übermütige Quadrille überhaupt nicht. Aber man kann auch eine andere Vermutung anstellen: diese Quadrille hat gewiß auch aus einem "Seladon" ganz selbstverständlich einen "Löwen" gemacht! Jedenfalls war das Werk im Vormärz (also vor der Revolution des Jahres 1848) sehr beliebt!

Studentenlust, Walzer, op. 285
Johann Strauß hat für die Studentenbälle, die ab dem Jahre 1863 alljährlich in Wien veranstaltet worden sind, nicht allzuviel komponiert: er überließ diese Aufgabe sehr rasch seinen Brüdern Joseph und Eduard. Überdies war ihm der Betrieb auf den Hochschulen nicht besonders gut bekannt: zum Stichwort "Student" fiel ihm zumeist nur jenes Leben und Treiben ein, das in den zahlreichen Studentenliedern der Epoche eifrig besungen worden ist. Als er daher im Jahre 1864 für den Studentenball am 31. Jänner einen Walzer zu komponieren hatte, begann er die Introduktion mit dem "klassischen Kneipenlied" der Burschenschaften: "Im tiefen Keller sitz ich hier". Und in der Coda zitierte er das Lied, das Strauß offenbar für den Inbegriff der "Studentenlust" gehalten hat, gleich noch einmal. Auch der Zeichner des Titelblattes der Erstausgabe ging auf diese Charakteristik ein: er strichelte einen Studenten, der auf einem Weinfaß durch die Luft segelt, nebst einem Weingelage und einem aufgeregten Professor. Weiters zeigte der Illustrator offenkundig unentbehrliche Requisiten des Studentenlebens: Pfeife, Maßkrug, einen Säbel für die Mensuren, aber auch eine Gitarre. Die Studentenbücher dienten als Fußschemel.

Nun – so lustig war das Studentenleben Im Wien des Jahres 1864 ganz und gar nicht: und zwischen den beiden Stationen "im tiefen Keller" ließ Strauß denn auch einen anmutigen, eher verhaltenen als übermütig-fröhlichen Walzer erklingen. Vielleicht galt diese Zurückhaltung aber den adeligen und hochadeligen Damen, die sich der Studentenschaft als Patronessen dieses Balles zur Verfügung gestellt hatten; denn ihnen – und nicht den Hochschülern – ist die Walzerpartie gewidmet worden. In der Folge hatte es gerade dieses Werkschwer, sich im Repertoire der Strauß-Kapelle durchzusetzen. es mußte ja mit einer Fülle an Novitäten in Wettbewerb treten, wie zum Beispiel mit dem Journalisten-Walzer "Morgenblätter", op. 279 (Vol. 10). Alle Werke des Faschings 1864 sind – als Folge des Zerwürfnisses der Brüder Strauß mit ihrem Verleger Carl Haslinger – im Verlag C.A. Spina erschienen, und dieser brauchte bis weit ins Frühjahr hinein, um die neuen Tänze seiner willkommenen Autoren auszugeben. Aber auch Strauß hat seinen Walzer "Studentenlust" deutlich vernachlässigt: so hat er das Werk während der Konzertsaison 1864 in Pawlowsk bei St. Petersburg erst am 20. September (d.i. am 8. September nach dem russischen Kalender) dem russischen Publikum vorgestellt und nur fünfmal wiederholt, während die "Morgenblätter" dreiunddreißig Mal und der neue "Persische Marsch", op. 289, sogar fünfundsechzig Mal aufgeführt worden sind. Und im Schatten dieser Meisterwerke ist die am 31. Jänner 1864 im Redoutensaal der Wiener Hofburg uraufgeführte Walzerpartie auch geblieben, bis auf den heutigen Tag.

Episode, Polka française, op. 296
Im Herbst 1864 kehrte Johann Strauß in schlechter gesundheitlicher Verfassung von seinem Engagement in Rußland nach Wien zurück. Am 26. Jänner 1865 berichtete Jetty einem Freund über die Situation: "Jean ist sehr leidend zurückgekommen und befindet sich erst seit kurzer Zeit ein wenig besser, doch darf er an eine angestrengte Beschäftigung gar nicht denken, nach dem Ausspruch der größten Notabilitäten der Heilkunde. Mindestens zwei Jahre Ruhe, Bäder und wieder Ruhe. Carlsbad und hierauf Gastein sollen den armen Buben wieder herstellen. Hier spielt er hie und da im Volksgarten, da gänzliches Zurückziehen für ihn auch gefährlich wäre, doch jede Anstrengung muß sorgfältig vermieden werden."

Aus Rücksicht auf Jeans Zustand sollten im Fasching 1865 seine Brüder Joseph und Eduard die Hauptlast des Walzergeschäfts übernehmen. Aber diese Pläne wurden abrupt gestört, als Joseph Strauß plötzlich am Schreibtisch zusammenbrach und sowohl als Dirigent als auch als Komponist für einige Wochen ausfiel. Johann Strauß wollte sich an dem Tanzrepertoire des Karnevals 1865 nur mit dem Widmungswalzer für den Concordia-Ball beteiligen und mit einem Beitrag zum gemeinsam mit seinen Brüdern skizzierten Walzer "Trifolien" für den Hesperusball. Der Walzer für die "Concordia" mit dem Titel "Feuilleton", op. 293 (Vol. 10), war fertig, ebenso der erste Teil der "Trifolien". Doch nun fehlten noch etliche Widmungen, die Joseph nicht hatte fertigstellen können. Johann Strauß sprang daher für den Bruder ein – doch konnte er, da er sich tatsächlich schonen mußte, statt der von den Veranstaltern erhofften Widmungswalzer nur Polkatänze liefern. Für den Studentenball steuerte er ein Werk mit dem Titel "Tanz-Episode" bei und führte es an der Spitze der Strauß-Kapelle am 20. Februar 1865 im Redoutensaal der kaiserlichen Hofburg auch selbst den Studenten und ihren Gästen vor. Als die Polka am 6. März im Druck erschien, stand auf dem Titelblatt neben der Widmung. "Den Comité-Mitgliedern des Studentenballes" nur die Kurzbezeichnung "Episode". In den folgenden Jahren war diese Polka nicht sehr häufig in den Programmen der Kapelle zu finden, aber Antal Dorati hat sie in seine Ballett-Fantasie "Graduation Ball" (1940) eingegliedert.

Rosen aus dem Süden, Walzer, op. 388
Im Jahre 1901 veröffentlichte der Schriftsteller Heinrich Bohrmann im Wiener "Fremden-Blatt" einen Bericht über den Beginn seiner Zusammenarbeit mit Johann Strauß. Darin hieß es u. a.: "Ich beschäftigte mich damals (d. i. im Jahre 1879) mit dem Entwurf zu einem Lustspiel 'Cervantes' und verpflichtete mich, den Stoff zu einem Operettentextbuch für Franz von Suppé auszuarbeiten. Dies geschah und ich fügte als erste Gesangsnummer das 'Trüffelcouplet' bei. Doch ich erfuhr, daß suppé währenddessen ein anderes Textbuch angenommen habe. Ich ging zum Verleger Gustav Lewy, der mit mir sofort zu Strauß fuhr. Ich las diesem das Szenarium des 'Spitzentuch der Königin' vor und der Vertrag wurde abgeschlossen. Acht Tage später spielte mir der Meister bereits das 'Trüffelcouplet' vor. Strauß erzählte mir, den Refrain zu diesem Couplet zwölfmal umgearbeitet zu haben, und drei verschiedene Fassungen spielte er mir vor."

Es ist nicht sicher, ob Strauß damals das gesamte Textbuch Bohrmann-Riegens durchgesehen hat. Die ersten Szenen, vor allem das "Trüffel-Couplet" hatten ihn inspiriert, das zählte für ihn! Als die Operette "Das Spitzentuch der Königin" am 1. Oktober 1880 im Theater an der Wien Premiere hatte, zeigte es sich, daß Bohrmanns Libretto – an dessen "Letztfassung" noch andere Autoren hatten mitarbeiten müssen – für die Bühne ungeeignet war, daß aber Johann Strauß ein Füllhorn kostbarster Melodien über den unbrauchbaren Text ausgegossen hatte. Vor allem das "Trüffel-Couplet" war ein delikates Meisterwerk.

Johann Strauß wußte genau um die Qualität seiner Musik. So peinlich es ihm sein mußte, daß sich am Premierenabend nicht jener Erfolg einstellte, den er sich erhofft hatte, so rasch reagierte er mit präziser Folgerrichtigkeit: schon vier Tage später konnte sein Verleger Cranz zusammen mit dem ersten "Spitzentuch-Potpourri" jenen Walzer annoncieren, den Strauß aus Motiven dieser Operette arrangiert hatte. Und die erste, bezaubernde Melodie war jene des "Trüffel-Couplets"! (Auch die kostbare Romanze des Cervantes: "Wo die wilde Rose blüht" war in den Walzer aufgenommen worden, hatte ihm vielleicht sogar den Titel gegeben.) Der Berichterstatter des "Fremden-Blattes" beschrieb die Situation am Premierenabend mit folgenden Sätzen:

"Es war ein bewegter Abend, das Haus bis an den Giebel gefüllt, galt es doch, ein Werk unseres Strauß zu hören, denn Strauß genießt das immer seltener werdende Prädikat 'unser', was soviel wie die dritte Steigerungsstufe für einen Künstler bedeutet:

1. Stufe = Herr Strauß
2. Stufe = Strauß
3. Stufe = unser Strauß!"

Als sich der Premierenjubel gelegt hatte, ergab sich folgendes Resultat: der Walzer "Rosen aus dem Süden" erreichte jenen Erfolg, den sich Strauß für seine Operette erhofft hatte. Er blieb eben der Walzerkönig.

PS: Die zweite Auflage des Walzers mit einem veränderten Titelbild erhielt den Aufdruck einer Widmung: "Sr. Majestät, König Humbert von Italien in tiefster Ehrfurcht gewidmet." Indessen hatte nämlich König Humbert Wien besucht und Strauß einen Orden zugedacht ...

Burschenwanderung, Polka française, op. 389
Am 1 .Oktober 1880 eröffnete Franz Steiner seine erste Spielzeit als Direktor des Theaters an der Wien mit der Uraufführung der Operette "Das Spitzentuch der Königin" von Bohrmann-Riegen mit der Musik von Johann Strauß. Die vom Komponisten selbst geleitete Premiere wurde zwar bejubelt, doch war das Textbuch so undramatisch, daß sich das Publikum nicht in der erhofften Anzahl bei den folgenden Aufführungen einstellte. Strauß leitete auch noch die 20. Vorstellung des Werkes am 20. Oktober, dann verließ er mit seiner zweiten Gattin Lili Wien, um in Berlin und Hamburg revidierte Fassungen der Operette zu dirigieren.

Vor seiner Abreise nach Deutschland hatte Strauß aber noch eine Ehrenpflicht zu erfüllen: der langjährige Chormeister des Wiener Männergesangvereins, Rudolf Weinwurm, der die Uraufführungen der ersten Chorwalzer von Johann Strauß, also auch des Walzers von der "Schönen blauen Donau" dirigiert hatte, war in den Staatsdienst getreten und hatte die Position des Chormeisters beim Akademischen Gesangverein der Wiener Hochschulen übernommen. Für sein erstes Chorkonzert an der Spitze dieser Sängerschar erbat sich Weinwurm eine Komposition von Johann Strauß. Selbstverständlich hatte Strauß diese Bitte zu erfüllen: die Zeit reichte allerdings nicht für die Niederschrift eines weiteren Chorwalzers. Weinwurm gab sich aber auch mit einer Polka zufrieden. Strauß setzte sich also mit dem routinierten Textdichter August Seuffert in Verbindung und gemeinsam schufen die beiden eine Komposition mit dem Titel "Burschenwanderung". Seufferts Text erinnert an den Herrn von Rodenstein, der zwar – wie Dr. John Whitten ermittelt hat – ein frommer Edelmann gewesen und als Pilger im Jahre 1500 in Rom verstorben ist, dessen Namen aber der Dichter Victor von Scheffel an einen"deutschen Falstaff" weitergegeben hat: Scheffels Herr von Rodenstein war ein "heroischer Trinker", der seinen Besitz, Dorf für Dorf, verkaufen oder verpfänden mußte, um seine Schulden zu bezahlen. Was ihm von seinem Besitz noch verblieb, vererbte er den Studenten der Universität Heidelberg mit der Bestimmung, daß auch dieser Rest so rasch wie möglich vertrunken werden müsse.

Die Chorfassung des Werkes, die ebenfalls im Rahmen dieser Gesamtausgabe zu hören sein wird, hat der Akademische Gesangverein am 7. Dezember 1880 bei seiner Liedertafel im Sofiensaal zum ersten Male vorgetragen; die hier wiedergegebene Instrumentalfassung des Werkes wurde von der Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung bei der Karnevalsrevue am 6. März 1881 uraufgeführt.

Le premier jour de bonheur ("Ein Tag des Glücks"), Quadrille nach Aubers Oper, op. 327
Die Strauß-Kapelle nahm sehr bald nach ihrer Gründung die Musik des französischen Komponisten Daniel François Esprit Auber (1782-1871) in ihr Repertoire auf. Sowohl bei den Konzerten in Wien als vor allem auch während der Tourneen Strauß-Vaters durch zahlreiche Regionen und Länder Europas standen immer wieder Werke Aubers auf dem Programm: die Ouvertüren zu den Opern "Le Serment – ou Les Faux-monnayeurs" (1832) und" La Muette de Portici" (1828) waren beliebte Vortragsstücke. Johann Strauß-Sohn leitete sein Debüt-Konzert in Dommayers Casino am 15. Oktober 1844 mit einer schwungvollen Wiedergabe der effektvollen Ouvertüre zu "La Muette de Portici" ein; er begann also mit diesem Werk seine Laufbahn als Kapellmeister. Später erschienen auch die weiteren Opernouvertüren Aubers jeweils kurz nach den Uraufführungen der Stücke auf dem Repertoire der Strauß-Kapelle, sogar von jenen Werken, die in der Donaumonarchie nicht auf den Bühnen erschienen sind.

Die melodiöse Musik des französischen Meisters eignete sich auch ganz vortrefflich zum Arrangement von Quadrillen (bzw. Cottillons) und Galoppaden, sowie zur Einbeziehung in Potpourris und sogar in Walzerpartien (z. B.: "Bayaderen-Walzer", op. 53, von Strauß-Vater nach Motiven der Oper "Brahma und die Bayadere"!); am Schluß dieser siebengliedrigen Kette von Auber-Zitaten in Strauß-Kompositionen findet sich die im Jahre 1868 entstandene Quadrille von Johann Strauß-Sohn nach Motiven der Oper "Le premier jour de bonheur"; da die Uraufführung dieser Oper des greisen Komponisten am 15. Februar 1868 in der Opéra Comique stattgefunden hatte, muß sich Strauß sofort die Noten des Werkes verschafft haben. In Wien wurde Aubers Oper unter dem Titel "Ein Tag des Glücks" erst am 7. November 1874 gespielt, und zwar nicht in der k. k. Hofoper, sondern in dem unseligen Haus, das zuvor als Komische Oper eröffnet worden war. Es wurde später in Ring-Theater umbenannt und hatte das tragische Schicksal, bei einer der größten Brandkatastrophen in der Theatergeschichte vernichtet zu werden. Als man in diesem Haus im Jahre 1874 endlich Aubers längst weltweit erfolgreiche Oper (Prag und München hatten das Werk gleich im Jahre 1868 nachgespielt) dem Publikum vorführte, waren einige der effektvollsten Motive längst bekannt – und zwar von der Quadrille des Walzerkönigs Johann Strauß, die zum ersten Male anläßlich eines großangelegten "Deutschen Künstler-Kongresses" am 3 September 1868 in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft erklungen war und seitdem im Konzertrepertoire des Orchesters – wie früher die Ouvertüren Aubers – einen festen Platz innehatte.

Seid umschlungen, Millionen, Walzer, op. 443
"Johannes Brahms muß mit einer Dedication, einem Walzer meiner Composition bedacht werden. Ich will diesen Walzer populär, aber dennoch gewürzt urd gepfeffert ohne Einbuße des Zwecks eines Walzers halten. Er darf jedoch nichts davon erfahren!"

So schrieb Johann Strauß am 25. November 1891 in einem Brief an seinen Berliner Verleger Friedrich Simrock während der letzten Vorbereitungen für die Uraufführung seiner komischen Oper "Ritter Pasman", die dann am 1. Jänner 1892 über die Bretter der Wiener Hofoper ging.

Brahms (1833-1897) hatte ja die Verbindung zwischen Johann Strauß und Simrock (bei dem der Großteil seiner eigenen Kompositionen im Druck erschien) zustande gebracht. Es wurde allerdings keine dauerhafte Bindung, sie war nach dem Mißerfolg der Oper "Ritter Pasman" und der daraus resultierenden Rückkehr des recht verzweifelten Strauß ins Lager der Operettenkomponisten bald wieder zu Ende. Die Freundschaft zwischen Strauß und Brahms überlebte jedoch auch die Affäre rings um den ehrgeizigen Vorstoß des Walzerkönigs auf die Opernbühne: Brahms, der ursprünglich von dem Texbuch des "Pasman" sehr angetan gewesen war, kam nach einem ersten Einblick in die Partitur zur Ansicht, Strauß habe diesmal nichts Rechtes zustande gebracht – und das hat Strauß natürlich auch erfahren. Umso mehr lag ihm daran, den schon vor diesen Ereignissen gefaßten Entschluß einer Walzerwidmung an Brahms auch auszuführen. Aber ganz so rasch, wie Strauß es gewollt hätte, kam der Plan dann doch nicht zur Ausführung. Fest stand allerdings bereits seit längerer Zeit der Titel des neuen Werkes: der Berliner Schriftsteller Julius Stettenheim (der als einer der berühmtesten Humoristen seiner Zeit als "Wippchen" die aktuellen Ereignisse glossierte) hatte vorgeschlagen, der "Ode an die Freude" Friedrich Schillers den Walzertitel zu entnehmen: "Seid umschlungen, Millionen". Stettenheim hoffte, daß Strauß diesen Walzer den Berliner Journalisten für ihren Ball im Fasching 1892 zur Verfügung stellen werde. Aber zu diesem Zeitpunkt war der Walzer längst noch nicht vollendet. Dann fand Strauß eine andere Gelegenheit, die neue Komposition wirksam zu plazieren: als ihn Pauline Fürstin Metternich um einen Beitrag zu der von ihr am 7. Mai im Wiener Prater zu eröffnenden "Internationalen Musik- und Theaterausstellung" ersuchte, sagte ihr Strauß zu, den neuen Walzer für diesen Zweck zur Verfügung zu stellen. Als "Ausstellungs-Walzer" wurde das Werk auch angekündigt, Da aber damals bereits abzusehen war, daß die kulturell höchst verdienstvolle "Musik- und Theaterausstellung" im Wiener Prater, (die bis heute kein gleichwertiges Gegenstück erhalten hat!) mit einem gewaltigen Defizit enden werde, taufte der Wiener Witz den Strauß-Walzer um: "Seid verschlungen, Millionen"! Vielleicht hat dieser Umstand dazu beigetragen, daß Strauß die Eröffnung der Ausstellung nicht abgewartet hat, sondern den Walzer im letzten Strauß-Konzert der Saison 1891/1892 im Musikverein selbst vorgeführt hat. Er hat Brahms dazu eingeladen und dieser dankte auf einer Visitkarte mit den Worten: "Morgen ihr vergnügtester und stolzester Zuhörer." Den Groll der Fürstin Metternich nahm Strauß gelassen in Kauf.

Die Uraufführung des Walzers am 27. März 1892 im Goldenen Saal des Musikvereins brachte dem Komponisten einen vollen Erfolg. Brahms-Freund Eduard Hanslick schrieb in seinem Feuilleton am 6. April in der "Neuen Freien Presse":

"Die größte Begeisterung, den lautesten Jubel in der letzten Zeit hat unser Johann Strauß heraufbeschworen mit seiner neuen Walzerparthie: 'Seid umschlungen, Millionen'! In Wahrheitwerden bald Millionen sich umschlungen fühlen von den verführerischen Rhythmen dieses Walzerhymnus 'an die Freude'. Die Composition ist Brahms gewidmet – geniale Naturen erkennen einander auch auf den verschiedensten Gebieten. Brahms und Strauß – jeder ist der Erste in seinem Fach."

Nach dem ersten Erklingen des Walzers tobte das Publikum und erzwang eine Wiederholung. Aber damit war es noch nicht zufrieden – das Werk mußte abermals gespieltwerden, und – wie Brahms an Simrock schrieb – "beim dritten Male spielte das ganze Publikum mit". Der Plan, den Walzer gleich zu Beginn bei der "Internationalen Musik- und Theaterausstellung" zu präsentieren, schlug fehl – die Strauß-Kapelle reiste unter Eduards Leitung nach Hamburg. Erst nach seiner Rückkehr nach Wien im Herbst spielte Eduard das Werk – am 13. September 1892 – auch auf dem Arreal der Ausstellung im Prater. Für den Verleger Simrock, der den Walzer ab April auf den Markt brachte, wurde der "Millionen-Walzer" zunächst nichtdas erwartete große Geschäft. Simrock warf dies in seiner direkten, unverblümten Art und Weise Strauß auch mehrfach vor. Johann schrieb daraufhin seinem Bruder Eduard nach Hamburg:

"Der Millionenwalzer bringt nicht jene Geschäfte, die Simrock erwartete. Vor vierzehn Tagen teilte er mir mit, daß er nur 6.000 Exemplare verkauft habe. Sicherlich ein sehr bescheidenes Ergebnis – natürlich, denn der Walzer erschien erst vor zweieinhalb Monaten." (Aber das war wohl nicht der einzige Grund: Simrocks Verlag war für symphonische Literatur bekannt – man suchte bei ihm einfach keine Tanzmusik, auch nicht von Johann Strauß!) Natürlich setzte sich Eduard daraufhin mit doppeltem Eifer für das Werk ein und konnte seinem Bruder Ende Mai berichten: "Der Millionenwalzer verursacht überall Sensation, ich spiele ihn in jedem Konzert."

In unserer Zeit hat das Werk seinen unbestrittenen Platz unter den besten und wichtigsten Arbeiten des Walzerkönigs zugewiesen erhalten. Die Popularität des "Donauwalzers" hat der "Millionenwalzer" freilich nicht erreicht.


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