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8.223223 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 23
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Deutschmeister-Jubiläums-Marsch, op. 470
Im Spätsommer des Jahres 1896 rüstete die gesamte Region rings um die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien zu einem großangelegten Volksfest, das zu Ehren des Wiener Hausregiments Nr. 4 mit dem Namen "Hoch und Deutschmeister" in der Zeit vom 4. bis 7. September abgehalten werden sollte. Die Anteilnahme der Bevölkerung war extrem rege: denn bei den "Deutschmeistern" mit der Garnison in der Residenz dienten vor allem Rekruten aus Wien und aus den umliegenden Gemeinden. Kein anderes Regiment in der riesigen Habsburgermonarchie war so populär wie das I. R. 4 – keines wurde in Liedern und Theaterstücken derart oft und überschwenglich gepriesen wie eben die Truppe der "Edelknaben", also der Mitglieder dieses Regiments. Nun wurde also die 200-jahr-Feier der "Deutschmeister" vorbereitet: selbstverständlich wurden auch die Komponisten der Monarchie aufgefordert bzw. ermutigt, für das jubiläum Widmungskompositionen beizusteuern. Dieser Anregung folgte neben den Hofopern-Kapellmeistern josef Bayer und josef (Pepi) Hellmesberger auch Johann Strauß. Bayer und Hellmesberger hatten im Wiener Hausregiment gedient und waren während dieser Zeit Mitglieder der Regimentskapelle, Strauß aber hatte nur des Kaisers Hof-Uniform getragen (als Hofball-Musikdirektor), aber keinen Tag den Rock eines Soldaten. Trotzdem wurde sein "Deutschmeister-Jubiläums-Marsch", op. 470, bei seiner Uraufführung im Rahmen eines Monstrekonzertes, das von sieben Militärmusikkapellen in Gabor Steiners Prater- Etablissement "Venedig in Wien" am 9. September 1896 abgehalten wurde, vom Publikum besonders stürmisch bejubelt. Strauß hatte sich hervorragend auf den Typus des Militärmarsches nach Wiener Art eingestellt und eine flotte, ganz und gar nicht parademäßig-feierliche und überhaupt nicht aggressiv-kriegerische Komposition geschrieben, die in Form einer Partiturskizze den Militärkapellmeistern zum Einrichten für ihr Monstrekonzert zur Verfügung gestellt worden ist. Dieses Arrangement ist leider nicht erhalten geblieben. In der Wiener Stadt- und Landesbibliothek wird hingegen das vollständige Partitur-Manuskript verwahrt. Dieses weicht in einigen Einzelheiten von den im Verlag Cranz erschienenen Ausgaben (u. a. für Klavier zu vier Händen, für kleines Orchester und für Militärmusik) ab: daher bietet die Edition der "Johann Strauß-Gesamtausgabe" zwei Versionen dieser Stellen. Für den Effekt des Stückes sind diese Differenzen ohne Belang. Die erste Aufführung des Werkes bei den Strauß-Konzerten im Musikverein erfolgte am 18. Oktober durch Eduard Strauß.

PS.:
Johann Strauß hat der Uraufführung dieses Marsches nicht beigewohnt, er war lieber in Bad Ischl geblieben. Ja, und der Referent der "Neuen Freien Presse" stellte in seinem Bericht am 10. September 1896 fest, eigentlich sei Josef Bayers Marsch ("ein im wahren Wiener Stil gehaltenes Stück") der beste Beitrag gewesen ...

Populär wurden alle drei Kompositionen nicht: schließlich gibt es ja auch noch den "Deutschmeister-Regimentsmarsch" von Wilhelm August Jurek (1870-1934) und den "Hoch- und Deutsch- meistermarsch", op. 14, von Dominik Ertl (1857-1911). Diese beiden Märsche werden bis auf den heutigen Tag mit dem Wiener Hausregiment in Verbindung gebracht und sind daher jedem Wiener Kind auf das Beste bekannt. Nur der Fachmann weiß darüber hinaus noch um die Widmungen der beiden, gedienten Deutsch- meister Bayer und Hellmesberger sowie um den mit der eigenhändigen Zueignung des Komponisten versehenen ("dem k. u. k. Infanterie Regiment Hoch- und Deutschmeister Nr. 4. zum 200 Jahr-Jubiläum") Marsch von Johann Strauß.

Rhadamantus-Klänge, Walzer, op. 94
Am 19. November 1850 kehrten Johann Strauß und die Musiker seiner Kapelle von ihrer kühnen Reise nach Warschau in die Heimatstadt zurück (vgl. "Warschauer Polka", op. 84, Vol. 6). Ursprünglich sollte die Tournee über mehrere Stationen bis nach Berlin ausgedehnt werden, aber wegen der politischen Spannungen, die damals zwischen der Habsburgermonarchie und dem Königreich Preußen herrschten, wurde die Reise an die Spree verschoben. Da Johann Strauß in Warschau als Kapellmeister des Zaren agiert hatte, war nach seiner Rückkehr in den Wiener Zeitungen zu lesen, der Wiener Musikdirektor werde im folgenden Sommer in St. Petersburg konzertieren. Doch dieses Projekt wurde erst ab dem Jahre 1856 (dann aber in Pawlowsk bei St. Petersburg) verwirklicht. Für den Karneval 1851 in der noch immer unter dem Belagerungszustand leidenden Reichshaupt- und Residenzstadt Wien bereitete Johann Strauß nur einige wenige Ballwidmungen vor: ein allzu lebhafter Faschingstrubel war ja nicht zu erwarten. Für den ersten Juristenball der neuen Ära, der wahrscheinlich Ende Januar im Sofiensaal abgehalten worden ist, schrieb Strauß einen besonders interessantenWalzer. Das Werk erhielt wohl auf Wunsch der Ballveranstalter, der Studenten der Rechtswissenschaft an der Universität Wien, den Titel "Rhadamantus-Klänge. Da es sich – so steht es in der Mythologie Griechenlands – bei Rhadamantes, einem Sohn des Zeus und der Europa, um einen der Richter im Hades, also in der Unterwelt, handelte, der die Seelen der Verstorbenen nach ihren Taten auf Erden entweder in die himmlischen Gefilde oder ins ewige Feuer des Tartarus weiterzuschicken hatte, konnte Strauß zu Beginn der Einleitung seiner Komposition ein düsteres Bild der Richtstätte des Rhadamantes beschwören. Der auftrumpfende Walzer ließ dann allerdings keinen Zweifel daran, daß Strauß der festen Überzeugung war, die Seelen seiner Tänzer auf Erden würden nach einem fröhlichen Leben gewiß nicht in den Tartarus verbannt werden. (Und daß es bei Strauß auch in der Hölle, also der Unterwelt des Christentums, nicht allzu furchterregend zuging, bewies der flotte Jean im selben Jahr 1851 mit seinem schwungvollen Walzer "Mephistos Höllenrufe", op. 101.)

Während Johann Strauß am Ende dieses Karnevals zum ersten Male als Folge der ständigen Überanstrengung schwer erkrankte, wurden die Kompositionen dieses Faschings, darunter die "Rhadamantus-Klänge", nicht nur in der Donaumonarchie, sondern auch irn Ausland eifrig gespielt. Sie blieben im Archiv der Strauß-Kapelle, und als Eduard Strauß im Jahre 1894, anläßlich der Feiern zur 50. Wiederkehr des Tages, an dem Johann Strauß im Jahre 1844 bei Dommayer als Dirigent und Komponist zum ersten Male vor die Öffentlichkeit getreten war, einen Huldigungswalzer für seinen Bruder schrieb, den er "Blüthenkranz Johann Strauß'scher Melodien" (op. 292) nannte, erinnerte er sich an die "Rhadamantus-Klänge" und nahm den ersten Walzerteil in den Melodienreigen auf.

Marie Taglioni-Polka, op. 173
Die schöne und temperamentvolle Tänzerin Marie Taglioni, die Jüngere (1833-1891), hat den etwa 27 Jahre alten Musikdirektor Johann Strauß bei ihrem Auftreten im Ballett "Satanella oder Die Metamorphosen" – zunächst an der königlichen Oper ihrer Heimatstadt Berlin und anschließend bei einem Gastspiel in der k. k. Hofoper in Wien – derart begeistert, daß er der Künstlerin mit zwei Kompositionen huldigte: mit der "Satanella-Quadrille", op. 123 (Vol. 3), und der "Satanella-Polka", op. 124 (Vol. 2). Auch ein Satanella-Ball wurde damals in Wien arrangiert, aber zur entschiedenen Enttäuschung des begeisterten Johann Strauß erschien die Künstlerin an diesem Abend nicht. Ihr Vater Paul Taglioni, dessen Schwester Marie Taglioni, die Ältere, eine Generation vorher das Publikum entzückt und Johann Strauß-Vater zur Komposition seines "Taglioni-Walzers", op. 110, angeregt hatte, war der Ansicht, seine Tochter habe sich für ihre Auftritte auf der Bühne zu schonen und müsse daher unter seiner Aufsicht hübsch brav zu Haus bleiben. Nun – es kam schließlich doch zu ersten Kontakten der Künstlerin mit der Wiener Gesellschaft, allerdings eher mit Repräsentanten der Aristokratie als mit dem "Musikervölkchen" um Johann Strauß. Schließlich wurde die umschwärmte Künstlerin eine Fürstin Windischgraetz, übersiedelte als Gutsherrin in die Umgebung Wiens und ist auch in Niederösterreich gestorben. Bei ihrem Tod im Jahre 1891 war ihre Leistung als "Satanella" noch unvergessen.

Es ist also durchaus zu verstehen, daß Johann Strauß dieser Künstlerin und reizvollen Frau mehrere Huldigungen dargebracht hat. Zu den beiden bereits genannten "Satanella"-Kompositionen gesellte sich im Dezember 1855 eine weitere Polka, die am Nachmittag des 16. Dezember 1855, also drei Tage vor der Abreise der Taglioni nach einer weiteren Gastspielserie an der Hofoper in Wien, zum ersten Male aufgeführt wurde. In den Programmen hieß das Werk noch "Silvester-Polka", aber bald darauf nannte Strauß die Komposition, die im Volksgarten zusammen mit der aparten Polka Mazur "Le Papillon", op. 174, bei einem Benefizkonzert des feschen Jean dem Publikum vorgestellt worden war, nach der Tänzerin Marie Taglioni. Der Verleger Carl Haslinger war mit der Umbenennung einverstanden und brachte die kleine Polka unter diesem Namen – und mit einer hübschen Zeichnung der Künstlerin auf dem Titelblatt der Klavierausgabe, im Januar 1856 in den Handel. Das Werk hatte Erfolg. Bald konnte Haslinger eine zweite Auflage nachliefern.

PS:
Bei seinen Konzerten in Pawlowsk bei St. Petersburg ergab sich für Strauß noch eine Gelegenheit zur Erinnerung an die Künstlerin in ihrer Glanzrolle als "Satanella": das in Wien als "Diabolin-Polka" verkaufte Opus 244 hieß im Verlag Büttner (St. Petersburg): "Nouvelle Satanella Polka".

Wien, mein Sinn, Walzer, op.192
Am 19. Februar 1857 meldete das in Wien erscheinende "Fremden-Blatt", Johann Strauß werde am 23. Februar bei seinem Benefizball im "Sperl" "Vor seiner Abreise nach St. Petersburg zum letzten Male die Ballmusik dirigieren" und bei dieser Gelegenheit die "neu komponierten Walzer" unter dem Titel "Wien, mein Sinn" zum ersten Male aufführen.

Diese Meldung löste in der Kaiserstadt an der Donau einige sarkastische Kommentare aus: "Wenn der Jean tatsächlich Wien im Sinn hat, warum fährt er dann jetzt schon, gleich nach dem Ende des Faschings nach Rußland?" Nun – Johann Strauß hat keineswegs nach dem Aschermittwoch seine Heimatstadt sofort verlassen, und der gemütliche Benefizball am Faschingmontag im "Sperl" war nun einmal viele Jahre lang der Abschluß der Ballsaison für die Strauß-Kapelle. Ebenso war es zu einer Gewohnheit geworden, daß für diesen Ball eine Walzerpartie im Ländlerstil komponiert wurde, und ein solches Werk hat der Herr Musikdirektor Johann Strauß den Gästen seiner Benefizveranstaltung am 23. Februar 1857 auch aufgespielt. Daß er dabei den Geschmack seiner Landsleute genau getroffen hat, wurde ihm im Ballbericht der "Wiener Theaterzeitung" bestätigt. Nach dem allgemeinen Lob, die Musen hätten Johann Strauß in diesem Karneval besonders begünstigt und ihm ein großes Füllhorn voll Fantasie zur Verfügung gestellt, hieß es: "Seine neueste Inspiration, die Walzer 'Wien, mein Sinn', ist ein echtes Kind der Wiener Gemütlichkeit, frisch, launig und voll Humor." Auch der Volkssänger Johann Fürst (1825-1882) kam zu der Überzeugung, daß die Melodien dieses Walzers genau die richtigen seien für eines seiner kernigen, volkstümlichen Lieder. Damit folgte der "biedere Fürst" einer Übung, die bereits in den Zeiten des Volkssängers Johann Baptist Moser (1799-1863) und seiner Kollegen in Mode gekommen war. Indessen waren zahlreiche Tanzkompositionen von Johann Strauß-Vater und von seinen Söhnen Johann und Joseph zu wienerischen Liedern, Duetten und Terzetten verwendet worden. Fürst hat z. B. auch den Walzer "Man lebt nur einmal" mit einem launigen Text versehen.

Johann Strauß war sich dessen stets bewußt, daß seine Kunst aus der Sphäre seiner Heimatstadt Wien die besten und wichtigsten Impulse erhielt. Das drückte er auch beim Festbankett aus, das am 15. Oktober 1894, anläßlich seines Jubiläums (50. Wiederkehr des Tages, an dem er bei Dommayer debütiert hatte) abgehalten worden ist. Strauß sagte: "Wenn es wahr ist, daß ich einiges Talent besitze, so verdanke ich diese Entwicklung meiner Heimatstadt Wien, in welcher Erde meine Kraft ihre Wurzel hat, in dessen Luft die Musik liegt, die mein Ohr empfängt und meine Hand niederschreibt."

Le Beau Monde, Quadrille, op. 199
"Die schöne Welt" – sie stellte das begehrteste Publikum jedes Musikdirektors im 19. Jahrhundert. (In Wien sprach man von der "Haute volée" oder den "distinguierten Kreisen".) Wer gehörte damals zu dieser "schönen Welt"? Bei den Strauß-Konzerten in Pawlowsk bei St. Petersburg – und dort ist die Quadrille "Le beau monde" entstanden – fanden sich Mitglieder des Kaiserhofes – Zar Alexander (1818-1881) und seine Brüder, die Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch (1827-1892) und Michael Nikolajewitsch (1832-1909) sowie die Gattin Konstantins, Alexandra Fedorowna (vgl. "Großfürstin Alexandra-Walzer", op. 181, Vol. 18) – ebenso ein wie die Repräsentanten der Adelsgesellschaft aus St. Petersburg, die Familien der Beamten und der Offiziere und alle Mitglieder des Bürgertums und der Künstlerschaft, die sich einen Ausflug nach Pawlowsk leisteten. Der rege Zuspruch dieses (zahlungskräftigen!) Publikums zu den Veranstaltungen in Pawlowsk erlaubte es Strauß, seinem Verleger Haslinger nach Wien zu berichten: "Man lebt nur in Rußland! Hier ist Geld, und wo dasselbe vorhanden ist, existiert Leben, nur Leben. – Ich habe trotz der schlechten Witterung, der ich mich bei jedem meiner Benefize zu erfreuen hatte, dennoch 1000 Cfm gewonnen. Eine solche Summe bei einem Ball oder einem Gartenfest in Wien zu gewinnen, gehört zu den Unmöglichkeiten. – Ich werde noch ein Benefiz im Laufe dieses Monats haben, zu welchem ich einen Walzer und eine Quadrille komponieren werde."

Strauß hat offenbar sein Vorhaben ausgeführt, denn im zweiten Teil der Sommersaison 1857 in Pawlowsk präsentierte er dem Publikum – wahrscheinlich Ende August oder Anfang September – noch den Walzer "Telegraphische Depeschen", op. 195, und eine Quadrille nach russischen Motiven, der er – nach der Gepflogenheit der "schönen Welt" in St. Petersburg, die sich gern der französischen Sprache bediente – den französischen Titel "Le beau monde" gab. Bei der Uraufführung könnten die Orchestermusiker (und vielleicht sogar ein Teil des Publikums) im Finalsatz mitgesungen haben, denn in der Partitur ist ein Chorsatz eingetragen, dessen Text allerdings nur ein fröhliches "La, la, la" umfaßt.

Im Wiener Volksgarten hat Johann Strauß die Quadrille am 1. November 1857 dem heimischen Publikum vorgeführt. Dazu merkte die "Theaterzeitung" an: "Interessant ... ist die nach russischen Motiven komponierte 'Beau monde-Quadrille', ein Tanz, der die den Russen eigentümliche Schwärmerei mit der Eleganz und der feinen Bewegung der Franzosen verbindet." Daß sie etwa auch in Wien von der "Haute volée" gesungen worden wäre, ist nicht vermerkt. Daher konnte das "La, la, la" auch bei dieser Aufnahme entfallen.

Vibrationen, Walzer, op. 204
Der Walzer "Vibrationen" gehört zur Gruppe von zehn Tanzkompositionen, die Johann Strauß für den Karneval 1858 geschrieben hat. (Joseph war bei der Karnevalsrevue 1858 mit fünf Novitäten präsent.) Diese Serie umfaßt ein reiches Spektrum an interessanten Versuchen zur Bereicherung der traditionellen, wienerischen Tanzmusik durch Elemente der damals neuen Musik, die aus Deutschland (Franz Liszt, Richard Wagner) und aus Italien (vor allem Giuseppe Verdi) nach Wien vordrang. Ein besonders fesselndes Exempel für das Bemühen um neuartige Klangfarben, aber auch um die Lockerung der starren Formen der alt-wienerischen Walzerpartie bietet jene Komposition, die Johann Strauß für den am 19. Januar im Sofiensaal abgehaltenen Medizinerball geschrieben hat und die – wohl auf Anregung der Ballveranstalter, also der Studenten der medizinischen Fakultät der Universität Wien – den Titel "Vibrationen" erhalten hat. Die Verwendung von Vibratoren in der Medizin war zwar damals längst üblich, wurde aber wieder einmal in stärkerem Maße zur Heilung von Verhärtungen in den Gelenken und im Muskelsystem angewendet.

Wie bei vielen anderen Kompositionen regte der Werktitel auch diesmal den Komponisten zu einem kleinen Tongemälde an: das lockende Motiv der Einleitung wird von "Vibrationen" der Streicher begleitet und geht sehr rasch, als müßte ein Heilerfolg sogleich angezeigt werden, in eine beseligende Aufschwungmelodie über, die auch noch nachhaltig durch energische Unisonofloskeln bekräftigt wird.

Aber das eigentliche Klangwunder dieses Walzers ereignet sich zu Beginn des ersten Teiles: zu den Moll-Akkorden der Geigen und Hörner und der elegischen Cello-Melodie kontrastieren auf sehr aparte Weise die Holzbläser und die Trompeten. Dann klingt abermals ("vivace e marcato", also betont belebend) eine getragene Geigenpassage. Erst im zweiten Walzer kommt der "Strauß'sche Elan" zu seinem Recht; er treibt nun die Tänzerinnen und Tänzer in die gewohnte Walzerseligkeit.

Diese kühne Komposition muß das Publikum bei der ersten Aufführung im Ballsaal überrascht haben, denn das "Fremden-Blatt" mußte am 21. Januar 1857 in seinem Bericht über den Medizinerball bemerken, daß die Widmung "Vibrationen" nur geteilten Beifall gefunden habe. Das Werk konnte sich in Folge auch bei den Konzerten niemals so richtig durchsetzen. Strauß selbst hat seine kunstvoll experimentierende Komposition nicht vergessen und für ein Zitat im "Jubilee-Walzer" gesorgt, der für das Weltfriedensfest zusammengestellt worden war und während der Konzerte im Juni und Juli 1872 in Boston (USA) wiederholt aufgeführt worden ist.

Die Pariserin, Polka française, op. 238
In den späten fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts ging von der französischen Metropole Paris wieder einmal eine Welle fruchtbarer Impulse auf den Gebieten der Musik, des Theaters und der Mode aus. Im Jahre 1858 erschienen die ersten Bühnenwerke Jacques Offenbachs in der Donaumonarchie, in den Ballsälen wurden neben der aus Paris stammenden, bereits längst heimisch gewordenen Quadrille die französische Polka und die Polka Mazur getanzt; die Opern einer neuen Komponistengeneration (zu der u. a. Charles Gounod gehört hat) hielten ihren Einzug in die Unterhaltungs- konzerte, und zwar lang vor ihren Premieren etwa in der k. k. Hofoper in Wien. Dazu kam eine besonders aparte Welle amüsanter Unterhaltungen, die von jungen Pariserinnen in den Etablissements der Donaumetropole ebenso bekannt und populär gemacht wurde wie etwa in Pest, Warschau und vor allem im lebenslustigen St. Petersburg: es handelte sich um Chansonetten, die in flotten Kostümen Lieder vortrugen, die nur ganz ausnahmsweise von der himmlischen Liebe oder von der Tugend der Enthaltsamkeit handelten. Selbstverständlich reagierten auch die Brüder Johann und Joseph Strauß auf die Invasion der anmutigen und kapriziösen Tänzerinnen und Sängerinnen: so gibt es von Johann Strauß die – in Rußland komponierte – "Chansonetten-Quadrille", op. 259 (Vol. 6), und von Joseph z. B. die flotte "Debardeurs-Quadrille", op. 97. Es ist verständlich, daß Johann Strauß gern selbst nach Paris gereist wäre, um sich gleichsam an der Quelle über die neuen Entwicklungen zu informieren. Im Frühjahr 1860 erhielt er auch die Einladung zu einer Kunstreise nach London und nach Paris. Zunächst scheint der flotte Jean nicht abgeneigt gewesen zu sein, diese Einladung anzunehmen. Aber dann erwies es sich als unmöglich für ihn, die bereits festgelegte, neuerliche Fahrt nach Pawlowsk bei St. Petersburg abzusagen oder auch nur aufzuschieben. Doch der Gedanke an ein Gastspiel in der französischen Metropole und das Erscheinen der hübschen Mädchen aus Paris auf den Wiener Bühnen, in den Etablissements und in den Tanzsälen hat Johann Strauß bewogen, noch vor seiner Reise nach Rußland eine Polka zu schreiben, die ebenso apart und originell sein sollte, wie es das Erscheinungsbild der Pariserin damals gewesen ist. Dem Wiener Publikum spielte er das neue Werk bei seinem Abschiedskonzert am 6. Mai 1860 in Ungers Casino selbst vor. Auch in Pawlowsk war das Werk, das im Wiener Theaterklatt "Der Zwischenakt" als "besonders pikante Polka" bezeichnet worderrst, während der Sommersaison 1860 sehr erfolgreich.

Telegramme, Walzer, op. 318
Die Zeichnung auf der Titelseite der Klavierausgabe des Walzers "Telegramme" von Johann Strauß hält eine amüsante Szene fest: an der linken Seite ist ein Porträt des Komponisten zu sehen – unverkennbar durch den Backenbart, den sich Jean ab dem Jahre 1863 hatte wachsen lassen – wie er an der Introduktion des Werkes arbeitet: auf 5 Drähten, die den fünf Linien des Notensystems entsprechen, werden die Noten zur rechten Bildhäfte übermittelt und dort von der Gattin des Komponisten, Frau Jetty Treffz, entgegengenommen. Der dazugehörige Text lautet: "Am 12. Feb[ruar] 1867." Das war das Datum der Uraufführung des Walzers "Telegramme" beim Ball der Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" im Sofiensaal. In dieser Introduktion des Walzers ist auch mit sehr lebhaften Passagen die telegraphische Übermittlung angedeutet, wie sie damals bei Depeschen mit Hilfe der Morsezeichen üblich war.

Als Johann Strauß den Walzer für die Gäste des Concordiaballes zum ersten Male aufgeigte, konnte der Verleger C. A. Spina das offenkundig bereits im Herbst 1866 komponierte Werk schon im Druck anbieten, denn im Auslieferungsbuch des Verlages ist es mit dem Datum 12. Februar 1867 eingetragen. Der sehr sorgfältig gestaltete Walzer, für den sich Strauß einige aparte; melodische Wendungen hat einfallen lassen, wurde mit großem Beifall aufgenommen und die "Wiener Zeitung" konnte in ihrem Ballbericht konstatieren, daß unter der langen Reihe der für den Festabend der Journalisten verfaßten bzw. zur Verfügung gestellten Kompositionen der Strauß'sche Walzer am besten gefallen habe.

Nicht ganz so große Beachtung fand das Werk in den folgenden Jahren; schon bei der Karnevalsrevue 1867 am 10. März, bei der alle Novitäten der Brüder Johann, Joseph und Eduard Strauß konzertant vorgeführt worden sind – es waren insgesamt 25 Tänze für den im übrigen recht tristen Karneval 1867 – gerieten die "Telegramme" in den Schatten so meisterhafter Arbeiten wie "Künstlerleben", op. 316, "Lob der Frauen", op. 315, "Leichtes Blut", op. 319, und – nicht zuletzt! – "An der schönen blauen Donau", op. 314, von Johann Strauß, sowie "Delirien", op. 212, und "Marienklänge", op. 214, von Joseph Strauß.

Es ist immer aufs Neue faszinierend, an Hand dieses Reichtums an unvergänglichen Melodien die Bedeutung Wiens als Musikstadt zu erkennen: in der schweren Zeit, in der die Donaumonarchie Österreich durch die Niederlage im Krieg gegen Preußen im Sommer 1866 ihre politische Machtstellung eingebüßt hatte, eroberten die Melodien aus Wien die ganze Welt!

Indigo-Quadrille, op. 344
Als Johann Strauß auf Rat seiner Gattin Jetty ab dem Jahr 1868 allmählich ins Lager der Operettenkomponisten überging und zunächst ein Stück mit dem Titel "Die lustigen Weiber von Wien" konzipierte, war er fest entschlossen, die Melodien, die er für seine Bühnenwerke niederschreiben wollte, auch in den Ballsälen zu nützen. Er wollte ja sein Talent für die wienerische Tanzmusik weiterhin nach Möglichkeit optimal auswerten. Eine Folge davon war, daß Johann Strauß in den Jahren 1868 bis 1870 vergleichsweise wenige Widmungen für die Faschingsveranstaltungen in der Residenzstadt Wien zur Verfügung gestellt hat: er sammelte eben einen Melodienvorrat für seine erste Operette. Nachdem das Projekt von den fröhlichen Abenteuern der lustigen Weiber von Wien aufgegeben werden mußte, nützte Strauß seinen Vorrat eben für das Werk, das ihm der Direktor des Theaters an der Wien, Maximilian Steiner (der die Bühne gemeinsam mit der Diva Marie Geistinger führte), arrangieren ließ. Das Stück erhielt schließlich den Titel "Indigo und die 40 Räuber" und erschien am 10. Februar 1871 im Theater an der Wien. Es enthielt Musik für mindestens drei Operetten, und zwar fast ausschließlich Stücke im Rhythmus der Tanzmusik.

Dementsprechend groß war die Ausbeute an Tanzweisen, die Strauß nach den Melodien der Operette "Indigo und die 40 Räuber" arrangierte. Alle diese Werke, beginnend mit der "Shawl-Polka", op. 343, bis hin zur Schnellpolka "Die Bajadere", op. 351, sind in der vorliegenden Gesamtaufnahme berücksichtigt.

Trotz des reichen Inhalts der Operette – sie umfaßt 23 musikalische Nummern und eine ausgedehnte Ballettmusik – ging Strauß bei der Zusammenstellung der Quadrille, op. 344, schließlich doch der Vorrat aus: er verwendete daher als Krönung des Finales noch einmal die zündende Hauptmelodie des "Indigo-Marsches" (Trio des Opus 349). Sie gibt dem an sich schon flotten und abwechslungsreichen Werk einen besonderen Schmiß und Schwung. Die erste Aufführung der "Indigo-Quadrille" erfolgte am 5. März 1871 beim Strauß-Konzert im Musikverein. Dirigent war Eduard Strauß.

Glücklich ist, wer vergißt, Polka Mazurka, op. 368
Aus dem Melodienvorrat seiner dritten Operette, die unter dem Titel "Die Fledermaus" am 5. April 1874 zum ersten Male über die Bretter des Theaters an der Wien gegangen ist, hat der Komponist Johann Strauß ebenso wie im Falle seiner ersten Operette "Indigo und die 40 Räuber" eine respektable Serie von Tanzweisen arrangiert. Und doch ergab sich bei dieser Vorgangsweise ein seltsamer Unterschied: Während Strauß sofort nach der Premiere seines ersten Bühnenwerkes die Tanzstücke im Druck erschienen ließ, hatte er nichts dagegen, daß im Falle der Operette "Die Fledermaus" viel Zeit verstrich, ehe das letzte der nach Motiven dieses Werkes arrangierte Tanzstück im Verlag Schreiber publiziert wurde. Dafür mag es zwei Gründe gegeben haben: erstens die Ungewißheit, wann die Operette "Die Fledermaus" tatsächlich aufgeführt werden konnte. Die Direktion Geistinger-Steiner war ja in Schwierigkeiten geraten und es hatte so zwischendurch den Anschein, als müsse die;. Operettenpremiere bis Herbst 1874 aufgeschoben werden. Aber auch der Ubergang vom Verlag C. A. Spina zu dem wenig zahlungskräftigen Verlag Friedrich Schreiber mag dazu beigetragen haben, die Auslieferung der Tanzstücke aufzuschieben. Dazu kam noch, daß Johann Strauß kurz nach der "Fledermaus"-Premiere seine Heimatstadt Wien verließ, um eine ausgedehnte Italientournee anzutreten. Anschließend zog Strauß sich nach Graz zurück und zeigte keine Eile, nach Wien zurückzukehren.

Das alles hat dazu geführt, daß die einzelnen Tanzstücke nach Motiven der Operette "Die Fledermaus" nur allmählich im Druck erschienen sind. Die Erstausgabe der Polka Mazur "Glücklich ist, wer vergißt" wurde erst am 31. Oktober 1874 in den Zeitungen annonciert. Eine Aufführung durch die Strauß-Kapelle war bisher nicht nachzuweisen – daher waren es wohl die Militärkapellmeister, die sich das Material vom Verlag beschaffen konnten (oder einfach den Klavierauszug instrumentiert haben) und für die Uraufführung der Polka Mazur sorgten. Strauß hat für sein Opus 368 zunächst das damals bereits allgemein bekannte Duett Rosalinde – Alfred aus dem 1. Akt des Werkes verwendet; dazu gesellte er das spöttisch-tragische Lied Rosalindes "So muß allein ich bleiben" und einen Ausschnitt aus der Ballettmusik. Schließlich ergänzte er die Polka Mazurka durch eine Anleihe aus seinem Skizzenbuch, eine Melodie, die vielleicht für die "Fledermaus" vorgesehen gewesen war, aber nicht verwendet wurde.

Groß-Wien, Walzer, op. 440
Der Walzer "GroB-Wien" ist anläßlich der zweiten Erweiterung der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie entstanden. Nach dem Fall der alten Stadtmauern (vgl. "Demolirer-Polka", op. 269, Vol. 13) wurde zunächst die Region zwischen der neuen Ringstraße und dem noch aus der Türkenzeit stammenden "Linienwall" rings um Wien eingemeindet und in die Bezirke zwei bis neun gegliedert. Dieses Ereignis hat Johann Strauß mit dem für den Narrenabend 1870 des Wiener Männergesangvereins komponierten Walzer "Neu Wien", op. 342, akzentuiert.

Im Jahre 1890 wurde mit dem Abbruch bzw. der Einebnung des sinnlos gewordenen "Linienwalles" begonnen; damit wurde die Ausdehnung Wiens durch die Einbeziehung der zahlreichen Vororte, die seit altersher beliebte Ausflugsziele der Wiener Stadtbevölkerung gewesen waren (z. B. Hietzing, Hernals, Grinzing, Sievering), auf eine Fläche von mehr als 170 Quadratkilometer ermöglicht. Aus den ehemaligen Vororten wurden nun die Bezirke zehn bis neunzehn, die Zahl der Wiener erhöhte sich auf 1.342.000 Zivilpersonen und 22.600 Mann aktives Militärpersonal. Wie bereits im Jahre 1870 wollte Johann Strauß auch dieses Ereignis zum Anlaß für eine Chorkomposition nehmen, die beim Narrenabend 1891 vom Wiener Männergesangverein uraufgeführt werden sollte. Der bewährte Textdichter Franz von Gernerth, der bereits für die Neutextierung des Walzers "An der schönen blauen Donau", op. 314, gesorgt hatte, stand für dieses Projekt zur Verfügung und lieferte seine Verse auch zeitgerecht ab. Aber es fiel Strauß diesmal schwer, eine seinen eigenen hohen Ansprüchen genügende Komposition zu schreiben. Überdies versuchte er so ganz nebenbei, seinem neuen Verleger Fritz Simrock in Berlin mit dem Hinweis, ein Chorwalzer erfordere mehr Mühe, biete aber auch größere Einnahmemöglichkeiten, ein höheres Honorar herauszulocken. Schließlich mußte der Narrenabend 1891 ohne den bereits angekündigten Walzer "Groß-Wien" abgehalten werden.

Im April 1891 bot sich die nächste Gelegenheit zur Präsentation des neuen Werkes: für den 10. Mai 1891 wurde ein Monstrekonzert aller damals in Wien in Garnison liegenden Militärkapellen vorbereitet. Da es sich um ein Wohltätigkeitskonzert handelte, sagte Strauß sowohl seine Mitwirkung als auch die Aufführung des Walzers "Groß-Wien" zu. Das Aufgebot von etwa 500 Militärmusikern unter der Leitung der Regimentskapellmeister Alphons Czibulka, Karl Komzak, Joseph Kral, Franz Lehar (senior), Johann Müller, Adalbert Pretl, Ludwig Schlögel und Carl Michael Ziehrer sowie die Mitwirkung des Walzerkönigs lockte am 10. Mai ein Massenpublikum in die Sängerhalle im Wiener Prater. Im zweiten Teil des sehr anspruchsvollen Programms, das von den Kapellmeistern abwechselnd dirigiert wurde, war es dann so weit: Johann Strauß kletterte auf das Podium und leitete die Uraufführung des Walzers "Groß-Wien". Daß ihn eine schwierige Aufgabe erwartete, wußte Strauß sehr genau und schrieb daher seinem Verleger Simrock: "Über 500 Musiker – das ist keine kleine Anstrengung!" Und so war es auch. Doch Strauß hat diese Aufgabe in bewunderswürdiger Art und Weise gemeistert. Das beweisen sowohl die Presseberichte des Jahres 1891 als auch ein Beitrag des Komponisten Franz Lehar (junior), der das Monstrekonzert als Mitglied in der Kapelle (I. R. 50) seines Vaters miterlebt hatte. Im Bericht über "Groß-Wien" im Monstrekonzert in der Sängerhalle hieß es in der "Neuen Freien Presse" u. a.: "Das Tonstück wurde mit größter Spannung erwartet. In der Riesenhalle wurde es mäuschenstill, als der Meister mit jugendlicher Elastizität ans Dirigentenpult trat. Heller Jubel begrüßte den Walzerkönig, welcher mit demselben feurigen Temperament, wie wir ihn vor Jahrzehnten an der Spitze von großen Orchesterkörpern gesehen, seinen Taktstock schwang. Es war ein interessanter Anblick, Strauß als musikalischer Leiter dieser fünfhundertköpfigen Musikgesellschaft jede Bewegung und jeden Takt lenken zu sehen. Der Walzer 'Groß-Wien' beginnt mit einer reizenden Introduktion von edelster Klangwirkung, welche mit interessanter Tonmalerei das Ringen und Kämpfen von Neu-Wien charakterisiert, jedoch viel harmonischer, als es in unseren gemeinderätlichen und Wählerversammlungen sich geltend zu machen pflegt. Festliche Fanfaren künden dann das fröhliche Auferstehen von Groß-Wien an. Nach einer wirkungsvollen Kunstpause, in welcher man sich fragen möchte: Was wird nun Groß-Wien beginnen? erhält man die echt Strauß'sche Antwort: Tanzen. Es beginnt ein vornehmes, mehr im Tone des Gesangswalzers gehaltenes Thema, welches, meistens von Violinen getragen und in glänzendem Melodienflusse dahinströmend, sich ungemein rasch dem Ohr einschmeichelt und die vieltausendköpfige Zuhörerschaft geradezu elektrisierte. Besonders die Damen fingen sofort an, sich acnh den lieblichen Takten zu regen, und von oben gesehen, machte dieses Rauschen und Wogen der Frauen mit den blumengeschmückten Hüten den Eindruck, als ob ein ganzer blühender Garten in Bewegung geraten wäre. Auch die übrigen Themen sind ungemein melodisch und fanden gleichfalls großen Anklang. Nach Stellen von lyrischem Charakter und liebgewohnten Tönen und Rhythmen aus dem tanzenden Alt-Wien melden sich auch musikalisch die angegliederten der neuen Bezirke mit echt vorortlichen Akzenten, in welche schon Wiener Wald hereinzuklingen schient. Was auch immer Johann Strauß sich bei seinem 'Groß-Wien' gedacht haben mag, jedenfalls wünschten Alle, daß das wirkliche Groß-Wien uns ebenso reich und blühend wie diese neueste Schöpfung des Meisters entgegentreten möge. Als der letzte Ton verklungen war, erhob sich unisono ein Beifallssturm und Händeklatschen. Das Orchester stimmte einen Tusch an, und eine Deputation der Militär-Kapellmeister mit den Herren Komzak und Lehar überreichte dem Meister unter stürmischem Jubel der Anwesenden zwei prächtige Lorbeerkränze. Immer wieder wurde Strauß hervorgejubelt, bis er sich entschloß, den Walzer zur Wiederholung zu bringen. Unter denjenigen, welche Strauß am herzlichsten applaudierten, befand sich auch Meister Brahms." Faszinierend ist aber auch der Bericht, den Franz Lehar im Jahre 1925 unter dem Titel "Eine Strauß-Erinnerung" veröffentlicht hat. Darin schilderte Lehar zuerst das Auftreten des Kapellmeisters Komzak und seines Vaters. Dann schrieb er: "Zum Schluße erkletterte ein schmächtig aussehender, sichtlich kränklicher und bejahrter Herr den schwindelerregend hoch angebrachten Dirigentenstand. Kohlrabenschwarzes Haar, pechschwarzer, glänzender Schnurrbart. Ein Zivilist inmitten eines Meeres von Uniformen. Energisch klopft er ans Pult. Schwungvoll hebt er die Rechte. Mit einer unnachahmlichen Kopfbewegung überblickt – Johann Strauß das sprungbereite Orchester. Die Einleitung des Walzers dirigiert Johann Strauß mit dem Rücken zum Publikum. Der Taktstock flitzt nach verschiedenen Richtungen, der Dirigent selbst bleibt ganz ruhig. Da erklingen die ersten Töne im Walzertempo. Johann Strauß wendet sich langsam dem Publikum zu. Bewegung kommt in den anscheinend schon recht gebrechlichen Körper. Bald schwingt der ganze Oberleib aus den Hüften. Auch die Füße bleiben nicht auf dem gleichen Platz. Der ganze Johann Strauß vibriert und tanzt. Mit ihm 400 Musiker – das beste Musikantenblut Österreichs, aufjauchzend, jubilierend, schluchzend – triumphierend! Noch ist der Walzer nicht zum Schluß gelangt, als bereits das ganze Publikum hingerissen applaudiert. Tausende erheben sich. Der Beifall wird zum Orkan, der schließlich das ganze Riesenorchester zu übertönen droht. Man hört nicht mehr Johann Strauß – man sieht ihn nur. Aber man sieht ihn so, wie er wohl einst beim Dommayer in Hietzing dirigiert hat, wie er einst unsere Väter und Mütter begeistert hat, da sie noch jung waren, sehr, sehr jung." (Noch eindrucksvoller hat Lehar übrigens in einem Rundfunkinterview aus dem Jahre 1942 diese Erinnerung formuliert.)

Bleibt zu konstatieren, daß die Aufführung der Originalfassung des Walzers "Groß-Wien" durch den Wiener Männergesangverein am 4. Oktober 1891 erfolgte, und zwar ebenfalls im Wiener Prater.

Rasch in der That!, Polka schnell, op. 409
Gegen Ende des Jahres 1882 stand der Name Strauß weit öfter, als es seinem Träger lieb war, in den Zeitungen nicht nur der Donaumonarchie, sondern praktisch der ganzen Welt. Die Berichte behandelten allerdings nicht eine neue Komposition des Walzerkönigs, sondern drehten sich um seine Ehekrise, die erst durch die Scheidung von seiner zweiten Gattin Angelika (Lili) am 9. Dezember 1882 beendet wurde. Dem Komponisten war also besonders viel daran gelegen, wieder für ein neues Werk eine "gute Presse" zu erhalten. Er schrieb daher im Januar 1883 eine Schnellpolka und stellte sie dem Ballkomitee zur Verfügung. Die Schnellpolka "Rasch in der That!" von Johann Strauß findet sich daher zum ersten Male im Verzeichnis der Tänze für den Ball der Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" des Jahres 1883; auch die wenige Tage später im Druck erschienene Erstausgabe des flotten und eleganten Werkes ist dieser Vereinigung gewidmet. Eduard Strauß stellte das Tanzstück dem Publikum seiner Konzerte im Musikverein am 11. Februar 1883 allerdings unter einem anderen Titel vor: er nannte es "Ball-Reporter".

Dieser Titel paßt gewiß besser zur Komposition: er trägt dem Schwung und Schmiß vor allem der ersten Teile der Polka sehr gut Rechnung. Das Trio dieser Komposition zeigt sich freilich weniger inspiriert: die Polka mußte eben zum Balltermin (29. Januar 1883) fertig sein, da konnte auch ein Johann Strauß nicht auf Einfälle warten, da mußte eben auch er sich auf seine Routine verlassen. Der etwas umständliche Titel, unter dem das Stück erschienen ist, "Rasch in der That!" (wobei die alte Schreibweise in den Ballberichten wie auf dem Titelblatt der Erstausgabe wiederkehrt), ließe annehmen, daß es sich um den Anfang eines Operettentextes handeln könnte; diese Vermutung liegt umso näher, als auch andere Ballwidmungen (eine Polka Mazurka von Millöcker nach Motiven der Operette "Der Bettelstudent" und ein Walzer "Feuilleton im Dreivierteltakt" nach Operettenmelodien von Franz von Suppé) aus musikalischen Bühnenwerken dieser Zeit stammten. Doch dieser Verdacht wird durch Vergleiche der Schnellpolka mit den damals neuen oder in Ausarbeitung begriffenen Theaterkompositionen von Johann Strauß eher widerlegt als bestätigt. Es blieb Adolf Müller junior vorbehalten, die ersten beiden Teile der Schnellpolka auf die Operettenbühne zu bringen: er hat sie in die von ihm zusammengestellte Partitur von "Wiener Blut" als Duett Franzi – Graf eingegliedert und ihr den Text "Grüß Gott, mein liebes Kind" unterlegen lassen. Und da paßte Musik und Titel denn auch ausgezeichnet; denn der Herr Graf war in der Tat "Rasch in der That"!


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