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8.223224 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 24
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Viribus Unitis, Marsch, op. 96
Als der 18jährige Erzherzog Franz, Sohn der Erzherzogin Sophie von Bayern und des Erzherzogs Franz Carl, am 2. Dezember 1848 in Olmütz die Regentschaft in der Habsburgermonarchie nach dem Thronverzicht seines an Epilepsie schwer erkrankten Onkels Ferdinand übernahm, wählte er als Wahlspruch (Motto) seines künftigen Wirkens: "Viribus unitis" (= "Mit vereinten Kräften"). Erzherzog Franz, der als Kaiser den Namen des Reformators Joseph (1741-1790) seinem Namen hinzufügte und als Franz Joseph I. regierte, wollte mit diesem Wahlspruch die zahlreichen Nationalitäten seiner Monarchie auffordern, in Einigkeit zusammenzuarbeiten. Aber gerade dieser Wunsch war damals, da sich Ungarn von Österreich losgesagt hatte, die Regionen Oberitaliens nur mit Mühe niedergehalten werden konnten und auch die Reichshaupt- und Residenzstadt nach den "revolutionären Ereignissen" des Sommers 1848 noch lange nicht befriedet war, nicht mehr als eine Hoffnung. Es gelang Franz Joseph erst später, viel später im Laufe seiner langen Regentschaft, den schon von seinem Großvater Franz I. ersehnten "Ruhestand" so einigermaßen zu erreichen, aber bei seinem Tod im Jahre 1916 war deutlich abzusehen, daß die Auflösung der Donaumonarchie in mehrere Nationalstaaten in naher Zukunft bevorstand.

Im Sommer des Jahres 1851 waren die Mitglieder des Kaiserhofes und die Minister der Monarchie mit besonderem Eifer bestrebt, zu Einigkeit und Zusammenarbeit aller Völkerschaften aufzurufen. Das wußte selbstverständlich auch Johann Strauß. Er nahm daher eine Feier anläßlich des 21. Geburtstages Franz Josephs am 18. August zum Anlaß, einen Festmarsch unter dem Titel "Viribus unitis" zu komponieren und diesen bei dem geplanten "Wiener Huldigungsfest" im Zusammenwirken mit der Kapelle des Kürassier-Regiments König von Sachsen im Volksgarten aufzuführen.

Daß Johann Strauß auch ein persönliches Ziel mit dieser Komposition verfolgt hat, geht aus dem Umstand hervor, daß er veröffentlichen ließ, er werde das Werk auf eigene Kosten im Verlag Carl Haslinger erscheinen lassen und den Ertrag aus dem Verkauf dem Fonds zur Unterstützung verkrüppelter Krieger zuwenden. Ein solches Vorhaben mußte bei Hof mit Wohlwollen aufgenommen werden und daher dazu beitragen, die Vorbehalte gegen die Heranziehung des damals 26jährigen Johann Strauß bei den musikalischen Veranstaltungen am Kaiserhof abzubauen. Strauß wollte ja jene Position erringen, die sein Vater innegehabt hatte: die Ehrenstelle eines Hofball-Musikdirektors.

Das Huldigungsfest im Volksgarten konnte zwar wegen ungünstiger Witterung nicht am 18., sondern erst am 22. August 1851 abgehalten werden, aber der Marsch "Viribus unitis" erreichte eben an diesem Tage die beiden Ziele, die sein Komponist sich gesetzt hatte. Er gefiel dem Publikum, sodaß die "Theaterzeitung" in ihrem Bericht am 24. August konstatieren mußte, der Marsch habe unter allgemeinen Beifallsrufen mehrere Male da capo gespielt werden müssen, und er wurde auch "bei Hof" mit Wohlgefallen registriert. Der Marsch "Viribus unitis" hat mit Sicherheit dazu beigetragen, daß der junge Strauß im darauffolgenden Fasching in der Wiener Hofburg zum Tanz aufspielen durfte. (Vgl. "Hofball-Quadrille", op. 116.)

Heski-Holki-Polka", op. 80
Wer Johann Strauß nur als Wiener Walzerkönig gelten läßt – und das geschieht auch in zahlreichen, zeitgenössischen Aufsätzen und gar nicht wenigen Biographien – übersieht die vielen Kompositionen des Urwieners Strauß mit slawischen (russischen, tschechischen, serbischen) und ungarischen Melodien. Vor allem der junge Musikdirektor Strauß war im ersten Jahrzehnt seines Wirkens geradezu der bevorzugte Kapellmeister der in Wien lebenden, nationalen Minderheiten aus Böhmen, Mähren, Serbien, Kroatien und Slowenien. (Vgl. z. B. "Serben-Quadrille", Nr. 1 und 2, op. 14, op. 33, "Czechen-Polka", op. 13, "Slawen-Potpourri", op. 39 u. a.) Im Sommer 1850 kam ein neues Werk hinzu, das allein schon durch seinen tschechischen Titel an dieses Strauß treu ergebene Publikum adressiert war: "Heski-Holki" (korrekt geschrieben: Hezky Holki) bedeutet: "Den hübschen Mädchen".

Natürlich lag der Gedanke nahe, daß diese hübsche, mit leichter Hand niedergeschriebene Polka bei einem tschechischen oder slawischen Nationalfest zum ersten Male erklungen ist. Aber in der "Theaterzeitung" vom 24. Juli 1850 findet sich ein Bericht über eine Veranstaltung im "Sperl", in dem es u. a. heißt:

"Zur Vorfeier des Annentages fand vorgestern im Sperl ein großartiges Ball- und Musikfest statt, dessen Reinertrag zu gleichen Theilen für die Pfründer (= Bewohner) des Armenhauses der Gemeinde Leopoldstadt und der vom Herrn Doctor Hügel für die Gemeinden des Bezirkes Wieden gegründeten Säuglingsbewahr-Anstalt bestimmt wurde. Die beabsichtigte Illumination des Gartens mußte wegen fortwährendem Regen unterbleiben. Indessen fehlte es nicht an Tanzlustigen, denn Capellmeister Johann Strauß II., der würdige Nachfolger seines berühmten Vaters dirigirte sein treffliches Orchester, und executirte seine neuesten Compositionen, unter denen die für dieses Ballfest eigens componirte 'Madlein-Polka' besonderen Beifall erhielt."

Das Wort "Madlein-Polka" gab Rätsel auf – aber man muß nurdaran denken, daß man in Wien statt dem hochdeutschen Wort Mädchen lieber das wienerische "Madeln" verwendet (siehe noch den Walzer "Weaner Madeln", op. 388, von Carl Michael Ziehrer aus dem Jahre 1887), dann hat man wohl des Rätsels Lösung gefunden: "Madlein" ist ein Druckfehler für "Madeln". Damit kann die Uraufführung der "Heski-Holki-Polka" mit dem Fest am 22. Juli 1850 in Verbindung gebracht werden.

Idyllen, Walzer, op. 95
Die Walzerpartie "Idyllen" hat Johann Strauß für eine "Sommer-Festsoiree" komponiert, die am 6. Juni 1851 im Wiener Volksgarten stattfinden sollte. Der schmächtige, nach seiner Erkrankung im Frühjahr noch erschreckend bleiche Musikdirektor – die Aufführung des "Idyllen-Walzers" im Volksgarten ist in einer oft reproduzierten Lithographie festgehalten worden – schrieb aus diesem Anlaß ganz bewußt ein Werk, das seinen vollen Reiz nicht im Ballsaal, sondern bei einer konzertanten Wiedergabe vor einem aufmerksamen Publikum entfalten konnte.

Da es am 6. Juni heftig regnete, mußte das Musikfest auf den 13. Juni verlegt werden. Das Publikum erschien auch an diesem Abend sehr zahlreich, obwohl etwa gleichzeitig eines der berühmten Spektakel des Lust-Feuerwerkers Stuwer im Prater abgehalten wurde. Einige Feuerwerkskörper hatte Stuwer allerdings auch für den Volksgarten aufgehoben und ließ sie zum Abschluß der Veranstaltung, bei der auch die Banda des Infanterie-Regiments Constantin mitwirkte, in den Nachthimmel steigen. Die Attraktion des Festes aber war die Walzerpartie "Idyllen", in der es dem jungen Strauß gelungen ist, seine geniale Begabung unwiderleglich unter Beweis zu stellen und den Anspruch, als neuer Walzerkönig in Wien zu gelten, mit größtem Nachdruck zu unterstreichen.

Den Erfolg der Aufführung beim Publikum bestätigten zunächst die Berichte über das Musikfest am 14. Juni im "Wanderer" und am 15. Juni in der "Theaterzeitung". "Eine so gelungene Komposition, daß sie dreimal wiederholt werden mußte", nannte der "Wanderer" die Walzerpartie "Idyllen"; und die "Theaterzeitung" schrieb, die "Idyllen" seien sehr originell und entfalteten eine Menge pikanter Tanzrhythmen, welche sehr schwungvoll instrumentiert seien. Heute würde man die "Idyllen" wohl ein wenig anders charakterisieren, aber daß dieses Werk sehr originell und abwechslungsreich in der Gegenüberstellung bzw. Aufeinanderfotge verschiedener Walzercharaktere ist, müßte man immer noch anerkennen, ebenso die meisterhafte, sehr persönliche Instrumentation. Wie groß die Wirkung des Werkes gleich bei seiner Uraufführung gewesen ist, zeigt auch der Umstand, daß in einer zeitgenössischen Novelle bereits auf den Zauber hingewiesen worden ist, der von dieser Komposition ausgehe.

Mit dem "Idyllen"-Walzer ging Johann Strauß zum Verleger seines Vaters, Carl Haslinger, über. Die Verbindung, die im Herbst 1851 möglich wurde, weil Haslinger den Nachlaß Strauß-Vaters aufgearbeitet hatte und der Verlag Pietro Mechetti den Besitzer wechselte, sollte bis zum Herbst 1863 bestehen. Angekündigt wurde diese Entwicklung im "Wanderer", der in seiner Ausgabe vom 12. September 1851 referierte:

"Die kk Hofmusikalienhandlung des Herrn Carl Haslinger quondam robias hat mittels Contract das ausschließliche Eigentums- und Verlagsrecht auf sämtliche Kompositionen des Herrn Cpm. Johann Strauß (Sohn des weiland kk Hofballmusikdirektor gleichen Namens) für ganz Europa sich erworben. Die beiden Namen Haslinger und Strauß sind ja auch früher schon Hand in Hand gegangen und haben hiedurch glückliche Resultate erzielt."

Im 5. Walzer der "Idyllen" zitiert Strauß ein populäres Volkslied, "O Mädchen mein unter'm Hollerstock". "Idyllisch" klingt die coda der Walzerpartie (allerdings mit einigen kraftvollen Schlußakkorden) dann auch aus.

Demi-Fortune, Polka française, op. 186
Die beiden Kompositionen mit den Opuszahlen 186 und 185, die Polka française "Demi-Fortune" und die "Strelna-rerassen-Quadrille" sind wohl in rascher Aufeinanderfolge im Spätherbst des Jahres 1856 entstanden. Johann Strauß schloß seine erste Konzertsaison in Pawlowsk bei St. Petersburg am 13. Oktober (d. i. 1. Oktober nach der russischen Zeitrechnung) ab, kehrte aber nicht sofort in seine Heimatstadt zurück. Das gab zu Gerüchten Anlaß, Strauß wolle überhaupt in Rußland bleiben und habe die Absicht, sich in St. Petersburg zu vermählen. Das hat der flotte Jean zwar mit einigen Depeschen (Telegrammen) dementiert, aber völlige Klarheit darüber, was Strauß in Petersburg zurückgehalten hat, bestand damals nicht (und konnte bisher auch nicht völlig hergestellt werden). Fest steht nur, daß Strauß in dieser Zeit den Vertrag ausgehandelt hat, der ihn bis zum Saisonschluß 1858 zu weiteren Sommerkonzerten in Pawlowsk verpflichtet hat.

In den Wochen zwischen dem Saisonschluß in Rußland und der Heimkehr nach Wien, die erst Mitte Dezember 1856 erfolgte, hat Strauß nach dem Abschluß der Reihe seiner "russischen Kompositionen" dieses Sommers mit der "Strelna-Terassen-Quadrille" (siehe Nr. 5) die Karnevalswidmungen für den Fasching 1857 zumindest vorbereitet. Zu diesen Werken gehörte die Polka française "Demi-Fortune", die möglicherweise noch in St. Petersburg – wo man als wichtigste Fremdsprache die französische verwendet hat – ihren Titel erhalten hat. Denn die Analogie "Demi- Monde" für die "Halbwelt" und "Demi-Fortune" (also etwa "Halbschwestern des Glücks") entspricht eher der Sphäre von St. Petersburg als jener in der Wiener Künstlerschaft, für deren Ball am 21. Januar 1857 im "Sperl" diese Komposition bestimmt war. Die zweite Widmung für diesen Ball, und zwar den von den Künstlern erhofften Walzer, steuerte Joseph bei: er schrieb die "Künstler-Ball-Tänze", die dann unter dem neuen Titel "Ball-Silhouetten" aufgeführt und später als Opus 30 veröffentlicht wurden.

Sieger im Wettstreit der Brüder Johann und Joseph war diesmal Johann Strauß: das zeigte sich in voller Deutlichkeit aber erst beim Strauß-Ball am 16, Februar im Sofiensaal. An diesem Abend (bzw. in dieser Nacht) führten die Brüder alle ihre bis zu diesem Zeitpunkt bei den verschiedenen Bällen aufgespielten Kompositionen noch einmal vor und verbanden diese Melodienparade mit einer Preisfrage. Das las sich in den Ballankündigungen (z. B. am 11. Februar im "Fremden-Blatt") so:

"Großer Ball mit Preisverteilung an Damen und einer besonderen Preis-Aufgabe für sämtliche Anwesende, und zwar unter der Bezeichnung 'Tanz-Bataille'.

Ein Kampf zwischen den herrschenden Tänzen Schottisch – Polka Mazur – Polka française – Kör – Mazur – Quadrille und Walzer. Jener Tanz, welcher durch Stimmenmehrheit der anwesenden Damen mittels Abgabe von Wahlzetteln, den Sieg erringt, kommt (außer dem gewöhnlichen Tanzprogramm) um elf Uhr mit Sieges-Akklamation zur Aufführung und es erhält jede Dame, durch deren Wahl dieser Tanz seinen Triumph verdankt, ein Exemplar der Tanz-Komposition des Unterzeichneten. Außerdem Rebus – für die 1. Lösung als Souvenir Prachtausgabe in drei Bänden von sämtlichen Tanzkompositionen des weil. Johann Strauß, kk Hofballkapellmeister."

Zur allgemeinen Überraschung war es aber dann nicht ein Walzer, der den beim Benefizball im Sofiensaal anwesenden Damen am besten gefiel – die Lösung des Rebus lautete ja: "Wien und der Walzer sind unzertrennlich" – ihre Wahl fiel vielmehr auf die aparte Polka française "Demi-Fortune". Und diese gehört auch unbestreitbar zu den Meisterwerken des Walzerkönigs Johann Strauß!

Strelna-Terassen-Quadrille", op. 185
Mit dieser abwechslungsreichen Quadrille hat Johann Strauß die musikalische Ernte seines ungemein fruchtbaren, ersten "russischen Sommers", sein Gastspiel als Kapellmeister der Eisenbahndirektion St. Petersburg, abgeschlossen. Der erfolgreiche Wiener Musikdirektor hat Melodien zusammengefaßt, die er möglicherweise (einen zwingenden Beleg dafür gibt es leider nicht) auf der Terrasse des Schlosses Strelna bei St. Petersburg, einem Sommersitz des Großfürsten Constantin Nikolajewitsch und seiner Gattin, Großfürstin Alexandra, aufgeführt hat. Wie dieses Schloß ausgesehen haben mag, kann man der Titelzeichnung der Erstausgabe der "Strelna-Terassen-Quadrille" (Illustrator: W. Tatzelt) entnehmen. Dieser Zeichnung zufolge muß Strelna ein Prachtbau gewesen sein. Zu sehen ist auf dem Titelblatt ein Doppelpavillon auf einer geräumigen Empore, die von einer Parklandschaft umgeben ist. Das Gelände (heute: Constantin-Park), das sechs Kilometer von Peterhof entfernt ist, grenzt an den finnischen Meeresbusen: daher sind im Hintergrund der Zeichnung der Meeresstrand und einige Schiffe zu sehen.

Die erste öffentliche Aufführung dieser Quadrille, die zahlreiche russische Volksweisen und Lieder aufklingen läßt, hat unter der Leitung des Komponisten in Pawlowsk erst beim Schlußkonzert der Saison 1856, also am 13. Oktober (d. i. 1. Oktober nach dem russischen Kalender) stattgefunden. Diese Aufführung, der – wie gesagt – eine leider nicht nachweisbare Wiedergabe in Strelna vorangegangen sein könnte, ist auch durch die Aufzeichnung bestätigt worden, die der aus Wien nach Rußland mitgereiste Bratschist F.A. Zimmermann hinterlassen hat.

Nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt hat Strauß die Kompositionen seiner Sommersaison 1856 – ausnahmslos vortreffliche Werke! – nacheinander dem Wiener Publikum selbst vorgeführt: die "Strelna-Terassen-Quadrille", deren Titelblatt übrigens keine Widmung enthält, war beim Konzert im "Sperl" am 27. Dezember 1856 an der Reihe. Sie hatte auch in Wien Erfolg, verschwand aber leider recht rasch wieder aus den Programmen der Strauß-Kapelle. Es gab eben ein Überangebot an großartigen Kompositionen der Brüder Johann und Joseph Strauß – und dann erhielten sehr bald die ebenfalls grandiosen Widmungskompositionen des Karnevals 1857 den Vorrang in den Konzerten und im Ballrepertoire der Kapelle.

Lockvögel, Walzer, op. 118
Die Nachahmung der Vogelstimmen wurde von den Mitgliedern der Strauß-Familie wiederholt in ihren Kompositionen verwendet. Beispiele dafür sind der Walzer "Die Schwalben" von Johann Strauß-Vater, op. 208, oder die "Nachtigall-Polka" von Strauß-Sohn (op. 222, Vol. 22.), später steuerte auch Joseph Strauß in seinem Walzer "Dorfschwalben aus Österreich", op. 164, ein weiteres Exempel bei. Vogelstimmen erklangen in Philipp Fahrbachs Walzer "D'Schwarzblatt'In (= Amseln) aus'n Wienerwald", op. 2, und auch noch in Carl Michael Ziehrers Walzer "Die Natursänger", op. 415.

In die Reihe dieser Kompositionen fügt sich der Walzer im Ländlerstil ein, den Johann Strauß für sein Benefizkonzert in der Bierhalle Fünfhaus (heute: 15. Wiener Gemeindebezirk) am 5. Juli 1852 geschrieben hat. Er nannte das Werk "Lockvögel" und bereits in der Introduktion beginnen die Flötentriller als Imitation der Vogelstimmen. Das deutet darauf hin, daß Johann Strauß unter "Lockvögel" dasselbe verstand wie z. B. die Jäger, die sich seit alters her der Vogelattrappen oder auch echter Singvögel bedient haben, um Raubvögel anzulocken, die dann im Anflug auf die "Beute" abgeschossen werden konnten. Diese Jagdmethode hat eine Tradition, die weit ins Mittelalter zurück reicht: in einer Ballade von Carl Löwe wird berichtet, wie "Herr Heinrich" am "Vogelherd" mit der Kunde überrascht wurde, er sei zum deutschen Kaiser gewählt worden.

Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß der Begriff "Lockvogel" auch in der Unterwelt verwendet wurde. Der Wiener Journalist Friedrich Schlögl (1821-1892) berichtet in dem Buch "Wiener Blut", das übrigens Johann Strauß dazu anregte, seinen Walzer op. 354 ebenfalls "Wiener Blut" zu nennen, von populären Volkssängerinnen, die über die "göttliche Liebe" sangen, aber jene käufliche Liebe meinten, die in den Lokalen und in ihrer Umgebung feilgeboten wurde; diese "Künstlerinnen" wurden, It. Schlögl, zu "Lockvögeln, welche die Aufmerksamkeit der 'Wüstlinge der Nacht' anzogen wie ein Magnet das Eisen".

In der Walzerpartie von Johann Strauß werden beide Bedeutungen des Wortes "Lockvögel" angedeutet: neben den Walzerteilen mit Vogelstimmen (1a, 1b, 3b und 4a) finden sich verführerische Partien mit lockenden Melodien; nur möchte man bei diesen Weisen an Glück und Freude denken, nicht aber an die zwielichtige Sphäre für die "Wüstlinge der Nacht"!

Über die Umstände, unter denen die Walzerpartie "Lockvögel" am 5. Juli 1852 in der Bierhalle zum ersten Male von Strauß persönlich vorgetragen wurde, und über den Erfolg des Werkes berichtete die "Theaterzeitung" am 7. Juli:

"Ein Festgeber ist ein beklagenswerther Mann, denn er hängt von der Witterung, von der Laune des Publikums und von weiß Gott was für Um- und Zuständen ab. Herr Strauß hat nicht die Laune des Publikums zu fürchten, denn er ist dessen erklärter Liebling, aber gegen Jupiter Pluvius vermag kein Sterblicher etwas; und so ging es diesmal auch Herrn Strauß, mit seinem vorgestern in der Bierhalle stattgehabten Benefice. Das Vormittags herrliche Sommerwetter schien dem Unternehmen günstig, aber Nachmittags trübte es sich und war so zweifelhafter Natur, daß sich viele Personen abhalten ließen, das Fest zu besuchen. Zwei Militärcapellen wechselten mit Herrn Strauß Orchester ab, und ernteten für die trefflliche Ausführung der gewählten Tonstücke reichen Beifall. Den Glanzpunkt der Musikproductionen bildete aber Strauß neuester Walzer: "Lockvögel", welcher im Verlaufe des Abends gegen zehn Mal gespielt werden mußte. Reizende, eben so pikante und dem Titel entsprechende Tanzmotive, mit origineller effectvoller Instrumentierung bilden den Hauptnerv dieser im Ländlerstyle gehaltenen Walzer."

Auch die "Allgemeine Wiener Musikzeitung" ließ sich herbei, von der Strauß-Uraufführung Notiz zu nehmen. Sie berichtete kurz und bündig: "Seine neuesten Walzer 'Lockvögel' sind originelle, effektvolle, im Ländlerstyle gehaltene Tonpiecen; sie gefielen so sehr, daß sie im Verlauf des Abends wenigstens achtmal gespielt werden mußten." Ein langes Leben hatten übrigens diese "Lockvögel" nicht: sie verschwanden nach etlichen Monaten wieder vollständig aus den Programmen der Strauß-Kapelle. Der Volkssänger Röder schrieb auf die Melodien der Walzerteile ein strophenreiches Lied mit dem Titel "Alleweil a wengel rauschi"! Und das grenzte immerhin ans Lasterhafte, denn "rauschi" heißt betrunken, ev. "ein wenig enthemmt".

Rokonhangok ("Sympathieklänge"), Polka française, op. 246
Zu den wiederholten Versuchen, nach den Ereignissen der Revolutionsjahre 1848 (Wien, Italien) und 1849 (Ungarn) eine politische Neuordnung der Donaumonarchie herbeizuführen, gehörte der Erlaß eines Diploms, das am 20. Oktober 1860 im Namen Kaiser Franz Josephs publiziert wurde ("Oktober-Diplom"). Die darin festgeschriebene Konzentration der Macht bei der Wiener Regierung forderte u. a. den Widerstand der Ungarn heraus. Der Protest griff auch auf die Studenten an den Wiener Hochschulen und Uni- versitäten über. Daher gaben am 6. Februar 1861 die "in Wien studierenden, ungarischen Jünglinge" im Dianabad-Saal einen eigenen Ball, zu dem die Gäste in den Nationaltrachten der Magyaren erschienen. Johann Strauß war gern bereit, bei diesem Ball die Musik auszuführen und stellte eine eigene Widmung in Aussicht. Diese Komposition durfte aber kein Walzer sein – denn der "Wiener Tanz" wurde (solche Unsinnigkeiten ereignen sich nun einmal im Gefolge der hohen Politik!) von den selbstbewußten Magyaren – vorübergehend! – geradezu geächtet. Johann Strauß nahm auf diese Stimmung Rücksicht und präsentierte beim Magyarenball im Dianabad-Saal eine ungarische Polka: "Rokonhangok", die allein schon wegen ihres Titels und wegen der darin enthaltenen Anklänge an die typisch ungarische Unterhaltungsmusik am Ballabend mit Begeisterung aufgenommen wurde. Konsequent veröffentlichte der Verleger Carl Haslinger das Werk in einer Ausgabe, die sowohl die Bezeichnung "Rokonhangok" als auch die ungefähre deutsche Übersetzung "Sympathieklänge" auf dem Titelblatt enthielt, und sogar der Name des Komponisten wurde als Strauß Janos bzw. Johann Strauß aufgedruckt. Nach dem Ballabend machte das Werk, wie Strauß es gesagt hätte, "wenig Glück". In Wien wollte man die Polka justament nicht hören; aber auch in Pawlowsk bei St. Petersburg, wo Strauß das Werk bei der Eröffnung der Sommersaison 1861 am 26. (14.) Mai 1861 ebenfalls präsentierte, gefiel die Komposition ganz und gar nicht. (Sie gehört mit Sicherheit zwar zu den interessanten, aber nicht zu den besten Arbeiten des Walzerkönigs.) Nach nur sieben Aufführungen wollte niemand mehr etwas von "Rokonhangok" hören. Die "Sympathieklänge" erweckten nun einmal keine Sympathien...

Gavotte der Königin, op. 391
Die Tanzmode geht mitunter seltsame Wege. Ein besonders interessantes Beispiel dafür bietet einer der graziösesten und anmutigsten Tänze Europas, die Gavotte. Von Beginn des 16. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts beherrschte dieser ursprünglich von den ländlichen Bauerntänzen aus der französischen Region Dauphiné abgeleitete Tanz die Ballsäle und Salons der Adelspaläste und noblen Bürgerhäuser. Zur Zeit der Herrschaft des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. war die Gavotte der Lieblingstanz der Pariser Hofgesellschaft und in jeder europäischen Stadt, deren Bewohner etwas gelten wollten, wurde dieses Beispiel eifrig nachgeahmt.

Spätestens mit dem Ende des Wiener Kongresses der Jahre 1814/1815 war zunächst einmal die Zeit der aus Frankreich stammenden Tänze vorüber: mit dem Menuett verschwand auch die Gavotte, klang nur noch in der "ernsten Musik: (etwa in den Suiten von J. S. Bach und G. F. Haendel) weiter.

Als Johann Strauß-Vater seine Laufbahn begann, bestand kein Interesse mehr an einer Gavotte. Er hat daher auch kein Werk dieser Gattung geschrieben. Auch für seine Söhne Johann, Joseph und Eduard ergab sich kein Anlaß, eine Gavotte für das Tanzrepertoire der Strauß-Kapelle zu komponieren. Aber in der Operette "Das Spitzentuch der Königin", deren Handlung am Hof des Königs von Por1ugal im Jahre 1580 spielt, ergab sich eine Möglichkeit, Musik im charakteristischen Rhythmus der Gavotte zu verwenden. Johann Strauß nützte diese Herausforderung souverän aus, und als die Operette am 1 .Oktober 1880 auf der Bühne des Theaters an der Wien erschienen war, arrangierte Strauß nach den Motiven dieser Operette u. a. die "Gavotte der Königin". Ihr thematischer Inhalt bestand vor allem aus dem Allegro moderato-Teil im zweiten Akt (Szene und Couplet: "Um was sich's handelt ... es gilt Cervantes"). Dazu hat Strauß aus seinem Melodienvorrat noch ein besonders bezauberndes Trio angefügt.

Die Darstellerin der Königin in der Operette "Das Spitzentuch", Karoline Tellheim (recte Bettelheim, 1842-1906), hat sich möglicherweise Hoffnungen gemacht, die Gavotte werde ihr vom Komponisten zugeeignet werden; aber die Klavierausgabe des Werkes trägt keine Widmung.

Die Gavotte wurde in den Strauß-Konzerten am 12. Dezember 1880 durch Eduard Strauß im Musikverein uraufgeführt; sie konnte sich freilich zunächst trotz ihrer Anmut und meisterhaften Instrumentation nicht durchsetzen. Erst um die Jahrhundertwende kamen die Tänze "aus alter Zeit" vorübergehend wieder in Mode. Daher haben Johann Strauß III. ("Rokoko-Gavotte" nach Motiven seiner Operette "Katze und Maus", 1898), Carl Michael Ziehrer, Joseph Hellmesberger und Franz Lehar erfolgreiche Gavotten veröffentlichen können. Damit aber wurde die schöne "Gavotte der Königin" von Johann Strauß erst recht abgedrängt. Aber – ihre Zeit ist nun wohl gekommen und wird weiterdauern in die Zukunft.

Jux-Brüder, Walzer im Ländlerstil, op. 208
Kurz nach dem Ende des Faschings 1858 verlor Wien durch den Tod zwei Gastwirte, in deren Lokalitäten sich die wienerische Tanz- und Unterhaltungsmusik hatte in großartiger Weise entfalten können: den Besitzer des Hietzinger Casinos, Ferdinand Dommayer (geb. 1799), und den weit über die Grenzen der Donaumonarchie hinaus berühmten "Sperl"-Inhaber (und Gründer der ersten Sparkasse in Österreich), Johann Georg Scherzer (geb. 1796). Den beiden "Bürgern vom Grund" hatten die Mitglieder der Strauß-Familie viel zu verdanken: bei Dommayer hatte Strauß-Vater jahrelang konzertiert und der "Sperl" war gleichsam die "Wiege seines Ruhms". In Dommayers Casino hatte Johann Strauß debütiert, nach dem Tod Strauß-Vaters hatten seine Söhne Johann, später auch Joseph die Musik im "Sperl" übernommen. Nun hatte Johann Georg Scherzer das Etablissement "Zum Sperl" kurz vor seinem Tod an den ebenfalls sehr erfolgreichen Unternehmer Franz Daum (ihm gehörte das "Elisium", ein Tempel des wienerischen Vergnügens besonderer Art) um den Betrag von 75.000 Gulden verkauft. So standen die Dinge, als die "Wiener Theaterzeitung" die folgende Ankündigung veröffentlichte:

"Unter der Bezeichnung 'Der letzte Fasghinginontag im alten Sperl' findet am 15. d. im Sperl das Benefice J. Strauß's statt. Dieses Ballfest wird das letzte in diesen der Freude und der Lust gewidmeten Hallen sein, da vom nächsten Herbst an, die sämmtlichen Gebäude in den Besitz des Hrn. Daum übergehen, welcher dieselben zu einem ganz neuen Vergnügungsorte umgestalten und nach Pariser Art ausschmücken wird. Mit dem Sperl geht also auch wieder ein Stück des guten alten Wien unter!

Strauß, der Unermüdliche, hat für diesen Abend eine Partie Walzer componirt, im Ländlerstyle, welche er 'Jux-Brüder' betitelt hat. Wien, das fashionable Wien wird am Faschingmontag sehr zahlreich im Sperl vertreten sein, ist es ja das letzte Mal, daß Freund Carneval hier seine Anhänger versammelt. Also am Faschingmontag sei die Losung: Sperl und Strauß!"

Nehmen wirgleich vorweg: am 15. Februar 1858 fand keineswegs der letzte Strauß-Ball im "Sperl" statt, aber die Stimmung des Abschiednehmens war dennoch begründet. Denn die Umgestaltung des "Sperl" leitete den Niedergang des Alt-Wiener Etablissement ein. Vielleicht wollte Strauß mit seiner Ballwidmung den "echten Sperlianern" huldigen: denn welcher lebenslustige Wiener wollte nicht als "Jux-Bruder" gelten! Das Wort "Jux" stammte zwar nicht aus dem Wiener Dialekt, sondern leitete sich vom Lateinischen "Jocus" her und bedeutete eigentlisch Spaß, Scherz. Aber seit Johann Nestroy eine Posse mit dem Titel "Einen Jux will er sich machen" geschrieben hatte, verstand man in Wien unter einem "Jux-Bruder" einen unternehmungslustigen, zu jedem heiteren Abenteuer bereiten ("verfluchten") Kerl, der imstande ist, notfalls die Welt auf den Kopf zu stellen.

An diese "Jux-Brüder" war also der Widmungswalzer adressiert, den Johann Strauß im Fasching 1858 komponiert und beim Benefizball am 15. Februar , bei dem er abwechselnd mit seinem Bruder Joseph die Musik leitete, aufgespielt hat. Nach dem Bericht der "Wiener Theaterzeitung" erzielte das Werk auch den "großartigsten Erfolg" des Abends und mußte unter stürmischem Beifall fünfmal nacheinander wiederholt werden. "Diese Walzer", so schrieb der Ballreporter weiter, "sind echte Wiener Melodien, so fesch und frisch, so melodiös und verlockend, so voll tiefer Gemütlichkeit wie der Charakter der Wiener. Die Tänzer, von diesen kernigen Weisen – die ihrer Bezeichnung vollkommen entsprechen – hingerissen, schienen sich in perpetuum mobiles verwandelt zu haben, keiner wollte vom Parquett weichen, keiner wollte seine Tänzerin lassen, und abermals mußte Strauß Violine und Bogen zur Hand nehmen und die 'Jux-Brüder' anstimmen. Dieser Walzer wurde im Laufe des Balles wohl ein Dutzendmal gespielt, jedes Mal erregten sie denselben Enthusiasmus. Die 'Jux-Brüder' werden noch oftmals erklingen müssen, denn sie sind zu allerliebste, frische Melodien, als daß man ihrer so bald überdrüssig werden sollte."

Nun, die Prophezeiung der "Wiener Theaterzeitung" vom 17. Februar 1858 hat sich nicht bewahrheitet. Die Walzerpartie von Johann Strauß wurde niemals wirklich populär und auch die Volkssänger, die noch lange Zeit hindurch von den Wiener Jux-Brüdern schwärmten, konnten das Werk nicht retten. Es verschwand noch während des Jahres 1858 aus dem Repertoire der Strauß-Kapelle.

Auch der "neue Sperl" des Herrn Daum wurde immer deutlicher ein Treffpunkt nicht der Jux-Brüder, sondern der Wiener Demimonde und schließlich ein "Hort des Lasters". (So schrieb jedenfalls Ludwig Schlögl.) Trotzdem hörte man nun wieder gern den "Jux-Brüdern" zu, wie Strauß sie in seiner Walzerpartie charakterisiert hat. Denn es stimmt schon: es erklingen echte Wiener Melodien, melodiös und verlockend ...

Licht und Schatten, Polka Mazurka, op. 374
Aus dem Melodienvorrat der Operette "Cagliostro in Wien" arrangierte Johann Strauß nach der Premiere des Werkesam 27. Februar 1875 im Theater an der Wien fünf Stücke für den Tanzsaal, die der Reihe nach bei verschiedenen Gelegenheiten dem Publikum vorgeführt worden sind. Aber damit war der Vorrat noch nicht erschöpft; daher holte der Komponist aus der reichen Partitur des lustigen Spieles um den Alchemisten und Betrüger Alexander Graf Cagliostro (1743-1795) auch. hoch eine Polka Mazurka heraus, die als Nachzügler irgendwann im Herbst 1875 ebenfalls der Offentlichkeit übergeben wurde. Das Erscheinen der diversen Ausgaben des Werkes, das den mit der Operette in keinerlei Zusammenhang stehenden Titel "Licht und Schatten" erhielt, wurde im Oktober 1875 annonciert, und man kann daher annehmen, daß sich die Kapellmeister der Militärbandas diese aparte Komposition nicht haben entgehen lassen und sie für ihre Konzerte verwendet oder selbst arrangiert haben. Als Eduard Strauß am 17. Oktober die Saison seiner Konzerte im Musikverein eröffnete, stande die Polka Mazurka ebenfalls auf dem Programm. Der Zettel vermerkte aber lediglich "neu", und nicht, wie bei Uraufführungen üblich, "neu, zum ersten Male".

Wer darüber nachdachte, warum die Komposition den Titel "Licht und Schatten" hatte, wurde möglicherweise durch die in der Klavierausgabe enthaltene Widmung zur Lösung des Problems hingeführt: Strauß hatte nämlich aufdrucken lassen, das Werk sei der Kunstjüngerin [!] Fräulein Marianne Preindelsberger zugeeignet worden. Ob damals jemand in Wien dieses Fräulein kannte – wahrscheinlich hat es sich um eine Schauspielschülerin gehandelt – weiß man nicht; der Nachwelt ist es jedenfalls bisher nicht gelungen, die Spur dieser jungen Dame zu entdecken. Vielleicht ist einmal auch noch die Lösung dieses Rätsels möglich: es muß sich ja nicht unbedingt um eine Wienerin handeln. Wir wissen daher auch nicht, ob für ihren künftigen Lebensweg nun Licht oder Schatten bestimmend geworden sind.

Wenn wir dieses Rätsel bisher auch nicht lösen können, bleibt uns doch die Komposition von Johann Strauß, und wir können nur hoffen, daß Fräulein Marianne ebenso anmutig gewesen ist wie die ihr gewidmete Polka Mazurka.

Sinnen und Minnen, Walzer, op. 435
Der Walzer "Sinnen und Minnen" ist im Sommer oder Herbst 1888 entstanden, als Johann Strauß die Arbeit an seiner komischen Oper "Ritter Pasman" in Angriff genommen hatte. Es ergab sich in dieser Zeit für den Komponisten eine seltsame Doppelgleisigkeit: einerseits bemühte er sich um eine "operngerechte" Partitur, in der er sich Richard Wagner zum Vorbild nahm und möglichst jeden Hinweis auf seinen Rang als Walzerkönig vermied, andererseits aber schrieb er – und zwar keineswegs nebenher – eine Reihe von sorgfältig gestalteten, in der Form bewußt erweiterten und symphonisch instrumentierten Walzern: die Gruppe dieser interessanten Produktionen im Dreivierteltakt des Opernkomponisten Johann Strauß, die etwa mit dem Opus 434, dem "Kaiser-Jubiläums-Jubelwalzer" (siehe Vol. 15), beginnt und bis zu Opus 444, "Märchen aus dem Orient" (Vol. 20) reicht, wurde später unter dem Titel "Alterswalzer" von Johann Strauß zusammengefaßt und aus der Gruppe der vorhergehenden und nachfolgenden Kompositionen deutlich herausgehoben.

Die wichtigsten Merkmale aller dieser Kompositionen, die erweiterte Form und die sorgfältige symphonische Gestaltung der Partitur, sind auch im Walzer "Sinnen und Minnen" deutlich zu erkennen. Auffällig ist aber die "unruhige" Gestaltung der Motive der einzelnen Walzerteile: sie läßt die innere Spannung ahnen, in der sich Strauß gerade im Jahre 1888 befand. Vielleicht ahnte er schon, daß von seiner Oper "Ritter Pasman" am ehesten jener Teil gefallen werde, in dem er als Tanzkomponist, von Text und Szene unabhängig, sein Talent voll einsetzen konnte, nämlich die Balletmusik.

Mit dem Titel "Sinnen und Minnen" steht die Gestaltung der Walzermotive offenbar in keinerlei Zusammenhang. Titel und Widmung weisen eher in die Sphäre der Poesie: ein Gedichtband des österreichischen Dichters Robert Hamerling (1830-1889), der im Jahre 1860 in Prag erschienen war, trug diesen Titel. Die Widmung des Werkes war an "Ihre Majestät, die Königin Elisabeth von Rumänien" adressiert. Elisabeth von Rumänien aber, eine geborene Prinzessin von Wied, hatte unter dem Namen Carmen Silva etliche Bände Poesie und Prosa veröffentlicht. Die feinsinnige Königin, deren nicht sehr glückliches Leben mit einer Erblindung nach einem schweren Augenleiden endete, war in Wien ein gern und verhältnismäßig oft gesehener Gast: sie galt als einzige Freundin der ebenfalls alles andere als glücklichen Elisabeth, Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn. Ein Zusammenhang zwischen der Uraufführung des Walzers "Sinnen und Minnen" und einem Besuch der Monarchin in Wien besteht nicht. (Eher ging es Strauß um einen weiteren Orden ...)

Zum ersten Male ist der Walzer "Sinnen und Minnen" in einem vom "schönen Edi" geleiteten Novitätenkonzert der Strauß-Kapelle vorgetragen worden, das am 21. Oktober 1888 im Musikverein stattgefunden hat. Bei dieser Gelegenheit wurde ferner die Polka Mazur "Aus den schlesischen Bergen", op. 260, von Eduard und die Schnellpolka "Auf zum Tanze", op. 436 (Vol. 20), von Johann Strauß aufgeführt. Weitere Novitäten waren damals: die Ouvertüre zu "Fierabras" von Franz Schubert (die also von der Strauß-Kapelle wiederentdeckt worden ist!), "Passepied von Leo Delibes sowie zwei Arrangements von Eduard Strauß und Ch. Oberthür (Chor "An die Künstler" von Mendelssohn und "Hommage à Parish-Alvars"). Viel Aufmerksamkeit hat der Walzer "Sinnen und Minnen" nicht erregt, obwohl die "Neue Freie Presse" bemerkte, das Werk habe ein solche Begeisterung gefunden, daß es dreimal wiederholt werden mußte. Das war aber nur eine Floskel, die sooft wiederholt worden war, daß niemand mehr sie ernst nahm. Ernst nehmen aber sollte man endlich den Walzer "Sinnen und Minnen". Er gehört zu den Hauptwerken des Walzerkönigs. (Der sich übrigens mit diesem Walzer und mit der Schnellpolka "Auf zum Tanze" vom Verlag Cranz vorübergehend verabschiedet hat.)

So ängstlich sind wir nicht, Schnellpolka, op. 413
Mit geradezu virtuoser Bravour hat Johann Strauß aus Motiven seiner Operette "Eine Nacht in Venedig" die Schnellpolka "So ängstlich sind wir nicht" zusammengefügt. Der Titel deckt sich mit dem Couplet, das im Stück, und zwar im zweiten Akt, Agricola, die resolute Gattin des Senators Barbaruccio, energisch vorträgt, und das in der Schnellpolka das Trio einleitet. Daran reiht der Komponist ein Zitat jenes Duetts zwischen dem Fischermädchen Annina und der Senatorsgattin Agricola, das bei der Uraufführung des Werkes gar nicht verwendet, sondern aus der Partitur herausgenommen wurde. Die Hauptmelodie der Schnellpolka aber wird auf der Bühne vom Makkaronikoch Pappacoda angestimmt: "Ihr habet euren Markusplatz"; da dieses Auftrittslied aber mit den fröhlichen Worten weitergeht: "Drum sei fröhlich Venetia, Pappacoda ist da!" könte die Schnellpolka ebensogut "Pappacoda-Polka" heißen. Aber diesen Titel halle Strauß bereits für eine weitere Kompilation von Motiven der Operelle "Eine Nacht in Venedig" vorgesehen (Opus 412). Er war eben ein Melodienkrösus und in seiner Schatzkammer türmten sich die Einfälle übereinander bzw. gingen ineinander über.

Die Erstaufführung dieser Polka ist nicht mit Sicherheit zu ermilleln. Nach den Turbulenzen rings um die Aufführungen der Operelle "Eine Nacht in Venedig" zuerst in Berlin, dann in Wien, überschlugen sich die Ereignisse. Da aber der Verlag Cranz die Tanzweisen nach Motiven dieser Operelle gerade wegen des Aufsehens, das diese Premiere weltweit hervorgerufen hatte, so rasch wie möglich publizierte, dürften die Militärkapellmeister dem Strauß-Orchester mit den Aufführungen dieser Stücke mehrfach zuvorgekommen sein. Im Spätherbst 1883 war die Schnellpolka "So ängstlich sind wir nicht" jedenfalls bereits wohl bekannt; im Fasching 1884 gehörte sie zu den beliebtesten Werken in allen Tanzsälen, und zwar nicht nur in der Kaiserstadt an der Donau!


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