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8.223225 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 25
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Großfürsten-Marsch, op. 107
Das Titelblatt der ersten Klavierausgabe des "Großfürsten-Marsches", op. 107 – herausgegeben am 26. Mai 1852 vom Verlag Carl Haslinger – trägt die Aufschrift: "Componirt von johann Strauß, Capellmeister, zur Feier der Anwesenheit Ihrer Königlichen Hoheiten, der Großfürsten Nikolaus und Michael von Rußland, in Wien."

Die beiden Großfürsten, Söhne des regierenden Zaren Nikolaus (1796-1855), begleiteten ihren Vater im März 1852 und waren Gäste des jungen, österreichischen Kaisers Franz Joseph. Am 21. März waren Nikolaus (1831-1891) und Michael (1832-1909) Ehrengäste einer Soiree, die Paul Anton Fürst Esterhazy in seinem Palais (heute: Wallnerstraße 4) veranstaltete. Für die Musikproduktion war der 27jährige Kapellmeister Johann Strauß mit seiner Kapelle engagiert worden. Bei dieser Gelegenheit wurde also der "Großfürsten-Marsch" zum ersten Male aufgeführt. (Für eine weitere Feier zu Ehren der beiden Gäste hat Musikdirektor Philipp Fahrbach ebenfalls eine Widmung präsentiert: eine aus mehreren Teilen bestehende "Festmusik".)

Die erste öffentliche Aufführung des "Großfürsten-Marsches" erfolgte am Sonntag, den 2. Mai 1852, in Ungers Casino in Hernals. Der Referent der "Neuen Wiener Musikzeitung" schrieb in der Ausgabe des Blattes vom 6. Mai:

"Man muß gestehen, daß dieses Tonstück zu den ersten seines Genres gehört, die Melodie ist reizend, die Instrumernation effektvoll, und sehr wirksam. Daß dieser Marsch sich bald zur Favorit-Piece sämtlicher Musikkapellen emporschwingen wird, davon sind wir überzeugt."

Explosions-Polka, op. 43
Im Herbst 1846 tauchte eine Sensationsnachricht in den Wiener Zeitungen auf: sie berichtete von einer "explodierenden Baumwolle" (d. i. die von Christian Friedrich Schönbein, 1799-1868, entdeckte Nitrozellulose), die nunmehr an die Stelle des Schießpulvers treten und das tägliche Leben der Menschen "explosiv" gestalten werde. Vor allem die Humoristen griffen das Thema begierig auf: man malte sich genüßlich aus, welche Baumwollprodukte nun "explosiv" gemacht werden könnten. Ein Witzblatt warnte die Mütter sogar davor, ihre Allerjüngsten in Baumwollwindeln zu wickeln: "die Dinger sind imstand', Frau Nachbarin, und schießen zurück!", sagte eine besorgte, alte Wienerin in einer Karikatur.

"Explosiv" wurde das Modewort der jungen Welt, wurde aber auch das Motto so mancher Veranstaltung im Fasching 1847. Mitte Februar meldete die Zeitung "Der Wanderer":

"Zeitgeistliches Fortschreiten. Strauß-Sohn wird noch in diesem Fasching eine explodierende Baumwoll-Polka loslassen. Wir wünschen, daß sie einschlägt!"

Nun – der Wunsch ging in Erfüllung. Die "explodierende Polka" hatte bei Dommayer in Hietzing und auch in allen anderen Alt-Wiener Etablissements, in denen Strauß-Sohn aufspielte, einen "explosiven" Erfolg.

Die Uraufführung der "Explosions-Polka" fand am 8. Februar 1847 bei einem "Lust-Explosionsfest" in den SträußI-Sälen des Theaters in der Josefstadt (zum Benefiz von Johann Strauß) statt.

Frauenkäferln, Walzer, op. 99
Johann Strauß benützte die Gelegenheit des Hernalser Kirchtages im August 1851, bei dem die Strauß-Kapelle wieder in Ungers Casino konzertierte und zum Tanz aufspielte, um den von ihm erwarteten Walzer im Ländlerstil so effektvoll wie möglich vorzutragen. Er hatte sich vorgenommen, ein Gegenstück zu seinem allgemein beliebten Walzer im Ländlerstil "Johannis-Käferln" (op. 82, Vol. 21) aus dem Sommer 1850 zu schreiben: er gab daher seinem neuen Werk den Titel "Frauenkäferln". Ob er dabei wirklich an ein Gedicht des volkstümlichen Poeten Anton Freiherr von Klesheim gedacht hat, wie Max Schönherr vermutete, mag dahingestellt bleiben. In der Bevölkerung des Raumes rings um Wien war die Bezeichnung "Frauenkäferln" für die mit sieben schwarzen Punkten auf ihrem roten Flügelpaar gekennzeichneten Marienkäferln allgemein bekannt: Maria, die Mutter Christi, wurde ja als "unsere liebe Frau" bezeichnet. Das schlechte Wetter im August 1851 machte es Strauß schwer, sein neues Werk einem fröhlichen, gutgelaunten Publikum zu präsentieren. An den beiden Tagen, an denen der Hernalser Kirchtag in Ungers Casino gefeiert werden sollte, regnete es in Strömen und so verlegte Strauß sein Konzert, das ja auch zu seinem Benefiz veranstaltet wurde, auf Mittwoch, den 27. August 1851. Der Abend verlief dann doch, wie Strauß es sich wohl gewünscht hatte, und der Referent des "Wanderer" konnte berichten, der Strauß'sche Benefizball sei in jeder Hinsicht so brillant ausgefallen, wie selten ähnliche Feste. "Enthusiastische Aufnahme fanden des Musikdirektors jüngste, sehr gelungene Walzer 'Die Frauenkäferln'."

Das Werk, das im Verlag Haslinger als Opus 99 erschienen ist, konnte sich trotz der genialen Melodien (vor allem wäre das Motiv des ersten Walzers hervorzuheben) nicht ganz zur Höhe der Walzerpartie von den "Johannis-Käferln" aufschwingen. Aber eine prächtige Arbeit des 26jährigen Strauß-Schani ist der Walzer eben doch.

Le Papillon, Polka Mazurka, op. 174
Im Wiener "Fremden-Blatt" vom 14. Dezember 1855 wurde ein "Großes Konzert zum Benefize von Johann Strauß" angekündigt, das am Sonntag, den 16. Dezember, im Salon des Volksgartens abgehalten werden sollte. Für dieses Konzert wurden zwei Novitäten in Aussicht gestellt: die Polka Mazurka "Le Papillon" und eine "Silvester-Polka". Im Bericht des Reporters, den das "Wiener Conversationsblatt" in den Volksgarten entsandt hatte, war dann allerdings von den von Strauß produzierten "Polka Mazurkas" die Rede, und das war natürlich ein Unsinn, denn die "Silvester-Polka", die schon einige Tage später unter dem neuen (endgültigen) Namen "Marie Taglioni-Polka", op. 173 (vgl. Vol. 23), annonciert worden ist, war eine (Schnell-) Polka.

Das Lob des Reporters fürdie Anmut der Polka Mazurka aber war berechtigt: dieser aparte "Schmetterling" ("Papillon"), der an einem kalten Wintertag im Wiener Volksgarten zum ersten Male zu bewundern war, gehört zu den reizvollsten Arbeiten des jungen Strauß. Es überrascht daher ein wenig, wenn man auf Grund der Aufzeichnungen konstatieren muß, daß ausgerechnet dieses Werk in der Saison 1856 in Pawlowsk bei St. Petersburg dem Publikum nicht gefiel. Anläßlich des Erscheinens der Druckausgabe im Januar 1856 gab es hingegen eine zutreffende Bemerkung: "Dieses neueste Opus unseres melodienreichen Componisten reiht sich seinen besten Compositionen an." ("Theaterzeitung", 30.1.1856)

Promenade-Quadrille, op. 98
Der Besitzer des Volksgarten-Kaffeehauses, Johann Baptist Corti, hatte für Anfang Mai des Jahres 1851 das erste Frühlingsfest in seinem Etablissement vorbereitet; es sollte unter dem pompösen Titel "Blumen-Mosaik" zur Feier des "Erwachens der Natur" abgehalten werden. Aber in diesem Jahr verzögerte sich – wie so oft in der Geschichte der Donaumetropole – das Eintreffen des Frühlings mit entnervender Beharrlichkeit. Am 23. Mai wollte Herr Corti nicht mehr länger zuwarten: obwohl die Temperaturen noch keineswegs frühlingshaft-angenehm waren, spielten die Strauß-Kapelle und die Banda eines Infanterie-Regiments dem zwar in Pelzkleidung und Mänteln, aber doch recht zahlreich erschienenen Publikum die neuesten Kompositionen auf.

"Das erste Maifest des Herrn Corti war in Winterkleider gehüllt", das konstatierte der Berichterstatter der "Theaterzeitung" sarkastisch. Für Johann Strauß aber fand er Worte des Lobes und der Anerkennung:

"Herr Strauß hatte für diesen Abend eine neue Quadrille 'Promenade-Quadrille' komponiert und zur Aufführung gebracht, welche wegen origineller, melodiöser und effektvoller Figuren auf stürmisches Verlangen da capo gespielt werden mußte."

Nun – Johann Strauß konnte beim Arrangieren dieser Quadrille auf Motive zurückgreifen, die er in seinem Skizzenbuch in den Jahren 1843 bis 1851 gesammelt hatte, und das erklärt den Reichtum an originellen Motiven. Das Werk hielt sich lange Zeit im ständig wechselnden, stets aktualisierten Programm der Strauß-Kapelle. Als Leonide Massine und Roger Désormière für das Ballett "Die blaue Donau" (1924) Musik des Walzerkönigs zusammenstellten, griffen sie u.a. auch auf die "Promenade- Quadrille" zurück und verwendeten die erste und dritte Figur der Quadrille ("Pantalon" und "Poule") bei der Gestaltung der Introduktion.

Krönungslieder, Walzer, op.184
Auf den Titelblättern zweier Kompositionen des Walzerkönigs Johann Strauß steht der Name Maria Alexandrowna, Zarin von Rußland: es handelt sich um die Walzer "Krönungslieder" aus dem Sommer 1856 und "Souvenir de Nizza", op. 200, komponiert im Sommer 1857, jeweils in Pawlowsk bei St. Petersburg. Man kann auch die "Warschauer-Polka", op. 84 (Vol. 6), mit der Zarin in Verbindung bringen; allerdings ist bei diesem im Jahr 1850 entstandenen Werk die Widmung an Maria Alexandrowna nur in den Zeitungen erwähnt, nicht aber auf das Titelblatt der Klavierausgabe gedruckt worden. Johann Strauß scheint eine tiefe Achtung für diese Frau (1824-1880) empfunden zu haben, die als Prinzessin Maximiliane Wilhelmine Marie von Hessen-Darmstadt, Tochter des Großherzogs Ludwig II. von Hessen, in Deutschland aufgewachsen und durch ihre Verehelichung mit dem Großfürsten Alexander Nikolajewitsch (1818- 1881) in die Familie Romanow aufgenommen worden war. In den erster Jahren war die Ehe, der sechs Söhne und zwei Töchter entstammten, durchaus glücklich. Aber im Jahre 1856, als Maria Alexandrowna nach dem Tod ihres Schwiegervaters Nikolaus I. am 2. März 1855, an der Seite ihres Gatten zur Zarin von Rußland gekrönt wurde, zeigte sich ein allmählicher Verfall ihrer Kräfte. Es war kein Geheimnis mehr, daß sich Zar Alexander II. bereits der schönen und rassigen Katharina Dolgoruskaja (Fürstin Jurevskaja) zugewandt hatte. Aus Anlaß der Krönung des Zaren Alexander und seiner Gattin Maria Alexandrowna am 7. September 1856 (d. i. der 26. August nach dem russischen Kalender) in Moskau hat Strauß neben dem "Krönungs-Marsch", op. 183 (Vol. 12), den er dem Zaren gewidmet hat, auch den Walzer "Krönungslieder" komponiert. Es wurde eines der Meisterwerke des Walzerkönigs; das wurde sowohl bei der Uraufführung am 14. August 1856 (d. i. der 2. August nach russischem Kalender) in Pawlowsk als auch bei Präsentation des Walzers in Wien anläßlich des Strauß-Balles am 16. Februar 1857 im Sofienbad-Saal allgemein anerkannt. Heute steht das Werk ein wenig im Schatten späterer Meisterwerke: es sollte allerdings in Zukunft den ihm zukommenden Platz inmitten dieser Arbeiten zugewiesen erhalten.

Bonbon-Polka française, op. 213
Der Titel "Bonbon-Polka" kommt im Werksverzeichnis der Brüder Strauß zweimal vor: Joseph hat ihn im Jahre 1858 für ein Stück verwendet, das er bei seinen Sommerkonzerten in Ungers Casino in Hernals zum ersten Male aufführte ("Bon-Bon-Polka", op. 55), Johann etwas später, aber ebenfalls im Sommer 1858, für ein in Pawlowsk bei St. Petersburg entstandenes Werk. Bei der tändelnden Komposition Josephs kann man eventuell an ein Konfekt denken, wie man es im Biedermeier und natürlich auch noch während der Gründerzeit zu einem Rendezvous mitzubringen pflegte; der Titel des Werkes aus St. Petersburg aber hat einen anderen, wenn auch verwandten Sinn. Gegen Ende der Konzertsaison 1858 in Rußland begann der flotte Jean eine Liebesbeziehung zu Olga Smirnitzkaja, die er zunächst im Interesse des Mädchens geheim zu halten wünschte. Er fürchtete nämlich, und zwar mit Recht, wie sich zeigen sollte, daß die Eltern der kapriziösen Olga keine Verbindung zwischen der Beamtentochter aus St. Petersburg und dem Musikdirektor aus Wien wünschten.

Die beiden Liebenden tauschten also ihre Briefe aus, indem sie die Schreiben in Geheimverstecken hinterlegten: und diese Verstecke (in Baumhöhlen des weitläufigen Parks von Pawlowsk oder unter Steinen) nannten sie "Bonbons". Die Briefe der schönen Olga, die später von der dritten Gattin des Walzerkönigs, Adèle, in ihrem Buch "Johann Strauß schreibt Briefe" im Jahre 1926 veröffentlicht worden sich, enthalten u. a. den Satz: "Was zankst Du mich aus in Deinem Bonbon?" Damit ist der Titel der Komposition erklärt. Aber auch die ganze Anlage dieser Polka scheint auf einen programmatischen Inhalt hinzuweisen: das Werk ist eher ein Charakterstück als eine bloße Tanzkomposition. – Ob die "Bonbon-Polka" française in Pawlowsk uraufgeführt worden ist, läßt sich nicht feststellen; in Wien ist sie jedenfalls am 21. November 1858 im Volksgarten zum ersten Male erklungen: Johann hat sie nach seiner Rückkehr aus Rußland, zusammen mit anderen Kompositionen dieses Sommers, dem Publikum vorgestellt.

Spiralen, Walzer, op. 209
Zu den zahlreichen Kompositionen, die Johann Strauß für den Karneval 1858 komponiert hat, gehörte der Walzer "Spiralen". Das besonders sorgfältig und abwechslungsreich gestaltete Werk wurde von seinem Komponisten zum ersten Male beim Ball der Eisenbahningenieure am 31. Januar 1858 im k. k. Redoutensaal in der Wiener Hofburg aufgeführt und selbstverständlich bei der bejubelten Karnevalsrevue im Volksgarten konzertant wiederholt. Das russische Publikum bekam das Werk am 31. Juli (nach dem russischen Kalender = 12. August) in Pawlowsk bei St. Petersburg zum ersten Male zu hören, als Johann Strauß es bei seinem Benefiz mit der Geige in der Hand vorführte. Der Walzer "Spiralen" hatte überall Erfolg und hielt sich lange Zeit hindurch im Repertoire sowohl des Strauß-Orchesters als auch der Militärmusikkapellen der Habsburgermonarchie.

Als Leiter mehrerer Militärkapellen lernte auch der tüchtige Wiener Kapellmeister Carl Michael Ziehrer (1843-1922) den Walzer kennen und schätzen. Als Ziehrer, der viele Jahre hindurch im Wettstreit vor allem mit Eduard Strauß stand, ins Lager der Operettenkomponisten überging und auch noch eine beliebte Zivilkapelle leitete, ging ihm die erste Melodie der "Spiralen" durch den Kopf. Er verwendete sie, ein wenig abgewandelt und mit einem veränderten Abschluß, für die Partitur einer Vogeloperette, die dann nicht aufgeführt werden konnte. Erst als Ziehrer das Textbuch zur Operette "Die Landstreicher" erhielt, hatte er den richtigen Platz für das Walzermotiv: hatte die schmiegsame Weise ursprünglich den Text "Sei gepriesen, du lauschiges Nest" begleitet, so hieß es nun: "Sei gepriesen, du lauschige Nacht". Mit diesem Text wurde der Walzer einer der Schlager der Operette "Die Landstreicher", die am 20. Juni 1899 in der Arena des Sommeretablissements "Venedig in Wien" zum ersten Male aufgeführt wurde. Ziehrer konnte es getrost wagen, die Melodie des Strauß-Walzers "Spiralen" als seinen Einfall auszugeben, denn Strauß war am 3. Juni 1899 gestorben und aus seiner Familie kam niemand in den Wiener Prater. Als der Bühnenbildner der k. k. Hofoper, Franz Gaul, in einem wütenden Brief gegen den Diebstahl (oder sagen wir: die Anleihe) protestierte, reagierte Ziehrer nicht. Es genügte ihm, daß ganz Wien nun die Melodie zu dem Text "Sei gepriesen, du lauschige Nacht" sang und sie als Walzer von Ziehrer anerkannte. Die Strauß'schen "Spiralen" aber verschwanden in den Archiven. Ziehrer, der schließlich der letzte k. k. Hofball-Musikdirektor der Donaumonarchie geworden ist, schätzte zeitlebens Johann Strauß außerordentlich, aber in diesem Falle war er nicht bereit, öffentlich einzugestehen, daß er eine Melodie "entlehnt" hatte, die eben zuerst dem Walzerkönig Johann Strauß eingefallen war.

Künstler-Quadrille, op. 201
Von der Ära der Barockmusik bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war es selbstverständlich, daß Motive aus Bühnenwerken und aus der symphonischen Musik auch in der Unterhaltungsmusik verwendet wurden; es gab keinerlei Grenzen im Reich der Musik. In den Symphonien Joseph Haydns, Wolfgang Amadeus Mozarts und ihrer Zeitgenossen erklangen Menuette, und die Herren Musikdirektoren in Wien (ebenso wie ihre Kollegen etwa in Paris und London) spielten bei ihren Konzerten und Bällen ganz selbstverständlich Tänze nach Motiven aus Opern und Konzertsaal. (Mozart zitierte ja ganz ungeniert seine eigene Opernmusik in den "Deutschen" und "Contretänzen"!) Es war daher nicht verwunderlich, daß Johann Strauß-Sohn bei seinen beiden "Künstler-Quadrillen" (die erste, sein Opus 71, stammte aus dem Jahre 1849) Motive aus dem Bereich des Hof-Operntheaters und des Musikvereins in Wien verwendete. Bei der ersten Quadrille wurde das von der Öffentlichkeit auch ohne jeden Widerspruch als selbstverständlich hingenommen. Als Johann Strauß aber für den Künstlerball am 2. Februar 1858 wieder eine "Künstler-Quadrille" arrangierte, und zwar aus Motiven, die während der laufenden Opern- und Konzertsaison in Wien zu hören gewesen waren (ein Schubert-Lied übrigens zum ersten Male bei einer Produktion des Männergesangvereins!), gab es Kritik: die angesehenen "Blätter für Musik, Theater und Kunst", die von L.A. Zellner redigiert und herausgegeben wurden, enthielten in der "Musikalischen Wochenlese" folgenden Abschnitt: "Beethoven's Ruinen-Marsch, das Andante aus seiner Kreutzer-Sonate, Mendelssohn's Hochzeitsmarsch, welche Herr Strauß nebst Mozart'schen, Weber'schen, Meyerbeer'schen, Chopin'schen und anderen Motiven zu einer Quadrille zusammengestellt hatte, haben nicht verfehlt, wie sonst Herz und Gemüth, diesmal die Füße zu rühren. Hat nun auch dieses Tonstück auf mich speciell den Eindruck einer künstlerischen Blasphemie ausgeübt, so will ich doch meine Gefühle mit dem Gedanken beschwichtigen, daß die Absicht eine harmlose sei und der Schellengott regiere, dem alles erlaubt ist, der nichts erhöhen und nichts erniedrigen kann. Indessen sollen competente Stimmen sich dahin ausgesprochen haben, daß sich auf die 'Künstler-Quadrille' gar nicht gut habe tanzen lassen. Wenn daran nicht die theilweise verfehlte Wahl rhythmisch ungeeigneter Motive, oder die stellenweise effectlose Instrumentation die Schuld getragen haben mag, so sind es sicherlich die rächenden Manen der ernsten Tongeister gewesen, die da ihren Einfluß geltend machten und ihr unsichtbares veto einlegten. Es soll nicht widersprochen werden, wenn man aus dieser Bemerkung herausfindet, daß wir mit der besagten Composition des Herrn Strauß nicht sympathisiren und es auch dann nicht würden, selbst wenn sie gelungener ausgefallen wäre, als sie es in der That ist. Eine gewisse Grenze muß es geben, bis zu der man im Scherze gehen kann; darüber hinaus liegen die Heiligthümer, denen kein wahrhaft künstlerisch Gesinnter – und wir zählen Herrn Strauß zu diesen – ohne Ehrfurcht nahen darf."

Johann Strauß hat diese Zeilen gelesen – berücksichtigt hat er sie allerdings nur teilweise: er ließ es sich auch künftighin nicht verbieten, Opernmotive und Lieder für seine Quadrillen zu verwenden. Die Gewohnheit auch aus seiner eigenen Operetten- und Opernmusik Quadrillen zusammenzustellen, selbst wenn es dabei nicht ohne Verzerrungen abging, behielt er zeitlebens bei. Die (zweite) "Künstler-Quadrille" von Johann Strauß ist übrigens auch heute in den Konzertprogrammen gar nicht selten zu finden. Sie ist eben amüsant und originell!

Lust'ger Rath, Polka française, op. 350
Johann Strauß hat aus dem Material, das er in seiner ersten Operette "Indigo und die 40 Räuber" verwendet hatte, nach der Uraufführung des Werkes am 10. Februar 1871, eine imposante Reihe von Tanzstücken herausgegeben: einen Walzer ("Tausend und eine Nacht", op. 346), eine Quadrille (op. 344), einen Marsch (op. 349, Vol. 9) und vier Polkatänze. Unter diesen befand sich die Polka francçaise Opus 350, "Lust'ger Rath". Das Werk erhielt seinen Titel durch die Verwendung des Liedes, mit dem in der Operette Janio, der lustige Rat am Hofe des Königs Indigo, die Bühne betritt. Der Sänger Albin Swoboda (1836-1901), der bei der Premiere diese Rolle mit souveränem Können darstellte, ist auch auf dem Titelblatt der Erstausgabe der Polka zu sehen. Außer dem Lied mit dem Text: "Ein lust'ger Rath zu sein, von des Königs Gnad', ach das ist sehr fad", werden in der Tanzkomposition ein Motiv aus dem Finale des ersten Aktes der Operette ("Es haust bei uns im Land") und die Melodie der Romanze "Ein Bettler zog zum Wald hinaus" verwendet. Ein weiteres Motiv hat Strauß offenbar dem Melodienvorrat entnommen, der bei der endgültigen Fassung der, schon vor der Uraufführung mehrfach umgearbeiteten, Operette nicht mehr benötigt wurde. (Auf ein Motiv mehr oder weniger ist es dem Melodien-Krösus Johann Strauß niemals, und bei seinem ersten Bühnenwerk schon gar nicht, angekommen!)

Die erste Aufführung der Polka française "Lust'ger Rath" erfolgte beim Benefizkonzert des Musikdirektors Eduard Strauß am 16. Juni 1871 im Wiener Volksgarten. Bei dieser Gelegenheit hat der "schöne Edi" übrigens auch eines seiner besten Werke, den Walzer "Fesche Geister", op. 75, dem Publikum vorgestellt. Leider gibt es keinen Bericht über dieses Konzert – aber daß beide Novitäten, der Walzer Eduards ebenso wie die Polka Johanns, einen vollen Erfolg erzielten, darüber gibt es keinen Zweifel.

In's Centrum!, Walzer, op. 387
Die großen Schützenfeste, die ab der Mitte des 19. Jahrhunderts abwechselnd in den Zentren der deutschen Staaten und der Donaumonarchie abgehalten worden sind, hatten den Charakter fröhlicher Volksfeste. Natürlich war das Wettschießen nach den Scheiben wichtig und jeder Volltreffer ins Zentrum der Scheibe wurde mit Jubel und mit einem Trommelwirbel angezeigt und gefeiert; aber die Schützen und ihre Begleitung genossen auch das turbulente Treiben auf dem Festplatz mit seinen Buden und Gaststätten und waren eifrig zur Stelle, wenn beim abschließenden Ball bis in die frühen Morgenstunden hinein getanzt wurde. Beim Schützenfest des Jahres 1868 hatten alle drei Brüder Strauß teilgenommen; Johanri, der beim Festball für die Wiedergabe des "Donauwalzers" mit frenetischem Jubel bedankt wurde, hatte sich bei den Schützen mit einer rasanten Schnellpolka eingestellt ("Freikugeln", op. 326), Joseph konzertierte im k. k. Volksgarten und präsentierte dort einen "Schützen-Marsch", op. 250, und alle drei Musikdirektoren steuerten überdies eine prachtvolle "Schützen-Quadrille" bei.

Beim Schützenfest des Sommers 1880 war zwar die Strauß-Kapelle anwesend, aber nur Eduard Strauß stand als Musikdirektor zur Verfügung. Joseph war gestorben und Johann Strauß hatte keine Zeit für das Schützenfest: er bereitete seine Übersiedlung in seinen Sommersitz in Schönau an der Triesting vor, den er mit Vertrag vom 1. Juli 1880 erworben hatte. Immerhin stellte sich der Walzerkönig bei den Schützen mit einem seiner interessantesten Walzer ein. Das Werk hatte den Titel "In's Centrum!", bezog sich also auf die Höhepunkte des Wettschießens, aber gleich in der weit ausgreifenden Einleitung wurde auch das typische Treiben auf dem Festplatz geschildert: Volksmusik klang auf, von der Zither (oder von der Harfe) vorgetragen, dann folgte ein Aufmarsch und schließlich erklang der übermütige Walzer. Der Trommelwirbel war zu hören, mit dem – wie gesagt – jeder Volltreffer angezeigt und gefeiert wurde; so zwischendurch hatten die Musiker auszurufen: "Centrum hurra!". Strauß hat die Motive ungemein geschickt miteinander verbunden, die Marschrhythmen gehen in den Walzertakt über, Jubel und Trubel herrschen in der Coda.

Die Uraufführung des Walzers "In's Centrum!" erfolgte während eines Festkonzerts des Wiener Männergesangverein am 22. Juli 1880 im Wiener Prater, und zwar durch die Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung. Eine weitere Aufführung gab es am 9. August bei der Sommerliedertafel des Vereins in der "Neuen Welt" in Hietzing. Dann aber verschwand das Werk für lange Zeit vom Repertoire – gegen Ende des Jahrhunderts war die Ära der Schützenfeste vorbei. Der Walzer aber sollte weiterklingen; er erinnert an die Feste einer zwar vergangenen, aber keineswegs vergessenen Zeit.

Muthig voran!, Schnellpolka, op. 432
Nach dem großen Erfolg seiner (ursprünglich als "komische Oper" geplanten) Operette "Der Zigeunerbaron" bei der Premiere des Werkes am 24. Oktober 1885 im Theater an der Wien wollte sich Johann Strauß endgültig der Opernkomposition zuwenden. Der Triumph des populären Bühnenwerkes "Der Trompteter von Säckingen" des Elsäßers Victor Ernst Neßler (Uraufführung im Jahre 1884 in Leipzig) auch an der Wiener Hofoper ließ Strauß nach einem vergleichbaren Stoff für ein "ernstes Werk" Ausschau halten. Als ihm der junge Schriftsteller Victor Léon (eigentlich Viktor Hirschfeld, 1858-1940) anbot, aus dem Roman "Simplicius Simplicissimus" ein Libretto anzufertigen, griff Strauß zu und – scheiterte nach langer, mühevoller Arbeit. Das Stück "Simplicius", das am 17. Dezember 1887 – nun doch als Operette bezeichnet – über die Bretter des Theaters an der Wien ging, versagte so vollständig, daß es in der Folge auch durch mehrfache Neufassungen nicht zu retten war.

Johann Strauß verschwendete in das Libretto so viele Einfälle, daß er drei Bühnenwerke damit hätte ausstatten können – am Ende überantwortete er einen Korb, vollgefüllt mit Notenpapier, der Vernichtung. Es blieb aber genug Material übrig, um aus der "Simplicius"-Musik sechs Tanzweisen herauszuarbeiten: vom berühmten "Donauweibchen-Walzer", op. 427 (Vol. 11 ), bis zur Schnellpolka "Muthig voran!", die als Nachzügler, als die Operette längst von der Bühne verschwunden war, zum ersten Male erklang. Dafür gab es eine Art Doppelpremiere: Eduard Strauß führte "Muthig voran!" am 26. Februar 1888 im Musikverein bei seinem Sonntagskonzert vor; doch auch im Kursalon, dreihundert Meter vom Musikverein entfernt, erklang das Werk, und zwar beim Nachmittagskonzert des Infanterie-Regiments 24 (Freiherr von Rheinländer).


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