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8.223227 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 27
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

Künstler-Quadrille, op. 71

 

Am 7. November 1849 war in der "Wiener Zeitung" folgende Ankündigung zu lesen: "Am 25. November findet in den k.k. Redoutensälen zum Vorteil der Pensionsgesellschaft Bildender Künstler eine Katharinen-Tanz-Unterhaltung statt. Das Orchester im großen Saale wird Herr Capellmeister Johann Strauß-Sohn persönlich dirigiren und nebst den neuesten Compositionen eine eigens für diesen Ball componirte Quadrille zum 1. Male vortragen."

 

Die sogenannten "Katharinen-Redouten" der bildenden Künstler der Donaumonarchie, die jeweils an dem Sonntag, der dem Fest der heiligen Katharina (25. 11.) am nächsten lag oder am Katharinentag selbst abgehalten wurden, hatten damals bereits Tradition: schon zur Zeit W.A. Mozarts und Joseph Haydns rechneten es sich die Komponisten zur Ehre an, für diese Wohltätigkeitsveranstaltungen Tanzweisen zu schreiben. Nun war also, wenige Wochen nach seines Vaters Tod, der junge Musikdirektor Johann Strauß an der Reihe. Er erschien an der Spitze der Strauß-Kapelle, die noch aus den Musikern seines Vaters zusammengesetzt war, zum ersten Male in den k.k. Redoutensälen der Hofburg und trug die erwartete Serie von Tanzweisen vor: es handelte sich zumeist um Kompositionen des "alten" Strauß, denn der Sohn stand damals noch tief im Schatten seines Vaters, dessen jähen Tod alle Wiener Musikfreunde in frischer Erinnerung hatten. Nun galt es für den Sohn, sich aus diesem Schatten zu lösen und die eigene Kontur zu beweisen. Der junge Strauß hat diese Aufgabe mit dem ihm eigenen Geschick bewundernswert sicher bewältigt. Er setzte die Serie der Kompositionen für die Katharinen-Redouten mit einer Quadrille fort, die er aus

aktuellen Kompositionen bekannter Musiker zusammengesetzt hatte und nannte sie "Künstler-Quadrille". Es ist noch nicht ermittelt worden, welche Quellen der junge Strauß bei der Zusammensetzung dieser Quadrille verwendet hat. Er hat es der Nachwelt im Jahre 1849 nicht so leicht gemacht, sein Rezept zu entdecken, wie bei seiner zweiten Künstler-Quadrille", op. 201 (Vol. 25), aus dem Jahre 1858, deren Teile sehr leicht zuzuordnen sind. Aber gerade deshalb hatte die Widmung für Wiens bildende Künstler aus dem Jahre 1849 ihren besonderen Reiz. Die Original-Orchesterfassung des Werkes ist leider nicht erhalten geblieben: aber Prof. Ludwig Babinski hat in Anlehnung an andere Kompositionen dieser Epoche eine sehr gefällige und überzeugende Instrumentation eigens für diese Aufnahme geschrieben. Über den Verlauf der Redoute und über die Art und Weise, wie die Widmung des jungen Strauß' von den Besuchern der Katharinen-Redoute aufgenommen worden ist, wurde in den Zeitungen nichts berichtet. Da Wien noch unter dem Belagerungszustand lag, fanden Bälle und Ballwidmungen keine Beachtung. Doch darüber wird der junge Musikdirektor nicht verärgert gewesen sein; ihm war nur eines wichtig: er stand auf dem Platz seines Vaters und wurde als "dessen legitimer Nachfolger" allgemein anerkannt.

 

Drollerie-Polka, op. 231

 

Mitten im Fasching des Jahres 1860 tauchte im Ballrepertoire der Strauß-Kapelle eine neue Polka von Johann Strauß auf: die "Drollerie-Polka". Die Musikfreunde waren ein wenig überrascht: denn der Name dieses Werkes stand bisher weder auf dem Programm des Konzerts, in dem der flotte Jean nach seiner Rückkehr aus Rußland die in Pawlowsk bei St. Petersburg geschriebenen Sommerkompositionen vorgeführt hatte, er war aber auch in den Ankündigungen für die Ballwidmungen im Karneval 1860 nicht vorgekommen. Es gab Grund zu amüsanten Vermutungen: in den Zeitungen wurde nämlich gerade zu dieser Zeit über einen Zwischenfall berichtet, in den ein "Wiener, nach dessen Geige eifrig getanzt wird" verwickelt worden war. Angeblich habe dieser Herr, als er sich nach den Strapazen des Aufgeigens

in einer Loge erholte, dem Reiz einer Damenschulter nicht widerstehen können und einen Kuß auf die einladend dargebotene Rundung gedrückt. Daraufhin sei die Dame, ohne sich auch nur zu vergewissern, wer der Übeltäter gewesen sei, aufgesprungen und habe Genugtuung für die "Schmach" verlangt. Die Aufregung sei erst abgeklungen, als sie sich nach der Rückkehr an der Seite ihres Gatten davon überzeugte, daß es sich um ein Versehen gehandelt haben mußte, denn der "beliebte Wiener" sei über jeden Verdacht erhaben gewesen, ihr eine "Schmach" absichtlich zufügen zu wollen. Wie sollte doch viel später in einer Operette (die allerdings Carl Millöcker vertont hatte) gesungen werden: "Ach ich hab' sie ja nur, auf die Schulter geküßt". Nun - es stand zuletzt fest, das Ganze sei nur eine Farce gewesen - eine Drollerie.

 

Natürlich war das Auftauchen der Polka "Drollerie" im Tanzrepertoire des Faschings 1860 und der "Zwischenfall" (der vielleicht gar kein Zwischenfall gewesen ist) nur ein Zufall. Der Hornist Franz Sabay jedenfalls, der über die Novitäten der Strauß-Kapelle (freilich nicht immer ganz zuverlässig) Buch geführt hat, notierte bei "Drollerie": "Komponiert während des Sommers in St. Petersburg". Die Frage, warum Strauß das Werk dann nicht in die Bilanz der Sommerkompositionen aufgenommen hat, muß ohne Antwort bleiben: aber diese Antwort ist auch nicht besonders wichtig. Strauß hat sich wiederholt einzelne Stücke "aufgehoben" und z. B. Wiener Kompositionen bei passender Gelegenheit im Sommer in Pawlowsk aufgespielt; warum sollte er nicht zur Abwechslung einmal eine russische Komposition ins Wiener Faschingsrepertoire einschleusen? Die Wiener lernten diese "Drollerie", die wohl aus 1859 stammt, also aus dem turbulenten Sommer der Liebesabenteuer Jeans mit der kapriziösen Olga Smirnitzkaja, jedenfalls erst bei den Ballfesten im Fasching 1860 kennen, und auf das Erscheinen des Werkes im Druck mußten sie bis in den Sommer 1860 hinein warten. Dann aber bot ihnen der Verleger Haslinger zu den gewohnten Ausgaben - für Klavier zu 2 und 4 Händen, für Violine und Klavier und für Orchester - ausnahmsweise auch eine gedruckte Partitur. Das war eine Auszeichnung, die Carl Haslinger nur wenigen Werken des Walzerkönigs angedeihen ließ. Nun - die drollige Polka "Drollerie" hat diese Auszeichnung auch verdient.

 

N.B.: Die Wiener Theaterzeitung "Der Zwischenakt" war anderer Meinung als Herr Franz Sabay. Sie rechnete "Drollerie" unter die Faschingskompositionen des Jahres 1860 und veröffentlichte am 6. März einen Bericht, in dem es hieß: "Der diesjährige Carneval hat die Produktionsfähigkeit Johann Strauß' in das glänzendste Licht gestellt. Er kom-ponierte vier Walzerpartien: 'Lebenswecker', 'Sentenzen', 'Accelerationen' und 'Immer heiterer', die 'Kammerball-Polka', die 'Drollerie'-Polka française, dann im Verein mit seinem Bruder die 'Monstre-Quadrille'. Jedes dieser Tonstücke enthält eine Fülle reizender Melodien, und es ist schwer zu sagen, welches von ihnen das Gelungenste sei....Voll pikanter Frische sind ferner die 'Kammerball-Polka' und die 'Drollerie'-Polka française, zwei Tänze, ganz geeignet, die Tanzlust noch mehr zu erhöhen."

 

Aeols-Töne, Walzer, op. 68

 

Die Walzerpartie "Aeols-Töne" gehört zu den etwas bunt vermischten Kompositionen des 24jährigen Musikdirektors Johann Strauß aus dem Jahre 1849. Sie wurde für ein Siegesfest komponiert, das anläßlich der bevorstehenden Rückkehr des in Italien siegreichen Feldherrn Grafen Radetzky und zum Vorteil des Freiwilligen Invalidenfonds am 12. September auf dem Wasserglacis vor dem Karolinenthor (dem heutigen Gelände des Stadtparks) abgehalten werden sollte. Der Verlauf des Festes zeigte dann, daß nicht so sehr der Triumph nach dem Erfolg auf den Kriegsschauplätzen südlich der Alpen, sondern die Wiederkehr des Friedens den Charakter der Veranstaltung bestimmt hat. Auch die Widmungskomposition des jungen Strauß hatte keinerlei kriegerischen Charakter, sie symbolisierte im Gegenteil geradezu die Stimmungen des Friedens und der Harmonie. Das betont auch der kurze Bericht, der in dem Blatt "Die Geissel" am 19. September 1849 veröffentlicht worden ist (das Fest war nämlich wegen ungünstiger Witterung auf den 17. September 1849 verlegt worden):

 

"Herr Kapellmeister Strauß-Sohn trug eine neue Walzerparthie ' Aeols-Töne' vor, welche so lieblich schön gedachtwar, daß sie zweimal wiederholt werden mußte."

 

Das Werk hat auch dem jüngsten der Strauß-Brüder, dem "schönen Edi", so sehr imponiert, daß er es in seiner Huldigungskomposition "Blüthenkranz Johann Strauß'scher Walzer" (1894) anklingen ließ. Auch der Titel der Komposition, deren Orchesterfassung bereits als verschollen gelten mußte, die aber doch in einer Abschrift des Kopisten Franz Flatscher, die erst kürzlich aufgefunden wurde, erhalten worden ist, kündigt an, daß sich der Walzer ideal für eine Abendunterhaltung an einem linden Herbsttag eignen sollte. Aeolus ist in der griechischen Mythologie der Gott der Winde, und der sanfte Wind ist es auch, der eine Aeols-Harfe, deren Saiten über einen Resonanzkörper gespannt sind, zum Klingen bringt. (Die Titelblatt-Illustration der Klavierausgabe stellt den Vorgang sehr anschaulich dar.) Strauß-Sohn hat das harmonische Aufklingen derTöne einer Aeols-Harfe sowohl in der Introduktion als auch im Walzer und in der Coda nachgeahmt.

 

Die Walzerpartie "Aeols- Töne" hat die Freunde der Strauß-Musik stets bezaubert, wenn auch lange Zeit hindurch nur die Klavierausgabe bekannt war. Der Komponist Ralph Benatzky (1887-1957) hat auf die Melodien dieses Werkes zurückgegriffen, als er - nach bewährtem Rezept - aus Strauß-Werken die Partitur seiner Operette "Casanova" arrangiert hat. (Das Werk hatte am 1. September 1928 im Berliner Großen Schauspielhaus Premiere und erzielte einen großen Erfolg. Dabei brillierte die Sängerin Anni Frind mit dem Vortrag der nach den "Aeols-Tönen" gestalteten Szene "Chor der Nonnen und Lauras Lied".) Nun - "Casanova" ist indessen (leider) wieder von den Bühnen verschwunden. Der Walzer "Aeols-Töne" aber wird auch in Zukunft immer neue Freunde finden.

 

Expreß-Polka schnell, op. 311

 

Der Sommer 1866 wurde beherrscht vom Verlauf des Krieges zwischen der Donaumonarchie einerseits und Preußen andererseits, das sich mit dem Königreich Sardinien verbündet hatte. Der Feldzug endete mit einem grandiosen Sieg in Oberitalien, der durch den völligen Zusammenbruch der österreichischen Nordarmee auf den Schlachtfeldern von Königgrätz (Sadowa) zunichte gemacht wurde. Mit dem Tag dieser Niederlage, dem 3. Juli 1866, endete Österreichs Vormachtstellung in Europa (mit allen den Folgen im Balkanraum, die anhalten bis auf den heutigen Tag).

 

In den Monaten dieses Krieges, der bei der österreichischen Nordarmee einen schrecklichen Blutzoll erzwang, war das Interesse für Theater und Musik bei der Wiener Bevölkerung denkbar gering. Die Brüder Strauß warteten daher mit der Präsentation ihrer Novitäten bis weit in den Spätherbst hinein: erst am 18. November fand im Volksgarten ein Benefizkonzert Joseph und Eduard Strauß' statt, an dem sich der k.k. Hofballmusikdirektor Johann Strauß mit dem Vortrag eigener Kompositionen beteiligte. Aber nur Joseph Strauß ging auf die Ereignisse der vergangenen Monate ein und brachte eine Walzerpartie mit dem Titel "Friedenspalmen", op. 207. mit. Johann wandte sich geradezu demonstrativ von der Tagesaktualität ab und führte eine Walzerpartie "Feenmärchen", op. 312, eine Polka mit dem von einer Burgtheater-Premiere entlehnten Titel "Wildfeuer", op. 313, und schließlich die Schnellpolka "Expreß" auf. Gerade dieses schwungvolle Werk leitete aus der Tristesse des Sommers 1866 zu den grandiosen Triumphen der Brüder Johann und Joseph Strauß im Fasching 1867 über, in dem die beiden im Verein mit dem eifrig dirigierenden und auch bereits recht effektvoll mitkomponierenden "schönen Edi" mit einer Fülle von Meisterwerken für den weltweiten Erfolg des Musiklandes Österreich sorgten. Die - wie das "Fremden-Blatt" am 21. November 1866 schrieb - mit stürmischem Beifall eines zahlreichen Publikums aufgenommenen Werke sind in der Folge stets im Repertoire der Strauß-Kapelle geblieben, vor allem natürlich die "Expreß-Polka", die später auch von Antal Dorati in die Partitur seines Balletts "Graduation Ball" (1940) eingegliedert worden ist.

 

Gruß an Wien, Polka française, op. 225

 

Der Hornist der Strauß-Kapelle, Franz Sabay, hat in seiner Chronik bei der Erwähnung der Polka "Gruß an Wien" notiert: "Im Sommer 1859 in St. Petersburg komponiert." Das war korrekt - und viel mehr über die Uraufführung dieser aparten Komposition wissen wir auch heute noch nicht. Es war lediglich ein Bericht in der deutschsprachigen "St. Petersburger Zeitung", Nr. 149, vom 11.(23.) Juli zu finden, in dem ein Benefizkonzert des Musikdirektors Johann Strauß angekündigt wird, das an diesem Tage im Vauxhall von Pawlowsk stattfinden werde. Da steht von einer Polka Mazur zu lesen, die von einer "talentvollen Dilettantin, Frl. Olga Smirnitzkaja", zum Konzertprogramm beigesteuert worden sei, und dann hieß es weiter:

 

"Herrn Strauß' eigene Muse spendet aus ihrem reichen Füllhorn wieder eine Anzahl neuester Gaben, ein hübsches Häuflein Kinder seiner jüngsten Laune, die er mit einem Talisman oder spiritus familiaris im Bunde erzeugen und als liebliche Tanzmelodien ins Leben hauchen muß, wenn er an Zeugungskraft kein Herkules. Man muß nicht staunen! Schon wieder zwei neue Walzer und drei Polkas, die doch alle erfunden, oder wenigstens aus dem Ärmel geschüttelt, niedergeschrieben, instrumentiert usw. werden mußten. Wer sollte nicht da an Wunder oder wenigstens an Herrn Strauß' Genie glauben?" Um welche Novitäten es sich gehandelt hat, läßt sich zumindest vermuten, wenn man in Betracht zieht, welche Kompositionen Johann Strauß nach seiner Rückkehr aus Rußland am 20. November 1859 im Wiener Volksgarten aufgespielt hat. Auf dem Programm des Konzerts standen damals neben dem Walzer "Reiseabenteuer", op. 227, die "Dinorah-Quadrille", op. 224, die Polkatänze "Gruß an Wien", op. 225, und "Jäger-Polka", op. 229, sowie die Polka Mazur "Der Kobold", op. 226, die der kapriziösen Olga Smirnitzkaja, mit der Strauß damals eine Liebesromanze ohne happy end erlebt hat, nur gewidmet und nicht von ihr komponiert worden ist. Vom 20. November darf man getrost zurückschließen auf das Benefizkonzert am 11.(23.) Juli in Pawlowsk und annehmen, daß bei dieser Gelegenheit der "Gruß an Wien" (möglicherweise hatte das Werk in Rußland einen anderen Titel!) zum ersten Male vorgetragen worden ist. Über die Novitäten, die am 20. November 1859 im Wiener Volksgarten von Strauß vorgestellt worden sind, berichtete der Journalist Eugène Eiserle im "Zwischenakt":

 

"Diese neuen Schöpfungen des fruchtbarsten Walzerkomponisten atmen wieder jene Melodienfrische und jene pikante Form, welche seine früheren Kompositionen so schnell populär gemacht haben." Der Verleger Carl Haslinger, dem Strauß seine Novitäten wohl bereits im Sommer zugeschickt hatte, konnte die Polka Mazur "Der Kobold" und die Polka "Gruß an Wien" gleichzeitig mit dem Konzert herausgeben.

 

Souvenir de Nizza, Walzer, op. 200

 

Die in Rußland komponierte Walzerpartie, die unter der Opuszahl 200 im Wiener Verlag Carl Haslinger erschienen ist, gehört in mehrfacher Hinsicht zu den interessantesten Arbeiten des Musikdirektors Johann Strauß. Die erste Nachricht über die Komposition erhielt Haslinger durch einen Brief, den ihm Strauß etwa im Juli 1857 aus Pawlowsk bei St. Petersburg geschickt hat. Darin hieß es: "Mein Orchester ist in diesem Sommer superb. Alles ist über dasselbe sehr entzückt, nicht weniger glücklich war ich mit den hier componirten Piecen, als 1. Alexandrine-Polka - 2. Erinnerung an Nizza, Walzer, der Kaiserin gewidmet - 3. Cäcilien-Polka dem Brautpaare dedicirt."

 

Da die Geschichte der beiden Polkatänze bei den Werken "Alexandrine-Polka", op. 198, und "Olga- ("Cäcilien-) Polka", op. 196, dargestellt wird, interessiert hier nur der Walzer. Die Uraufführung des Werkes dürfte bei einem der Benefiz-Konzerte in Pawlowsk erfolgt sein, möglicherweise in Anwesenheit des Kaiserpaares. Ein Bericht über diese Veranstaltungen wurde bisher nicht aufgefunden.

 

Der Wiener Verleger hat den Walzer nicht sofort ediert, sondern die Aufführung des Werkes beim Benefizball der Strauß-Kapelle am 8. Februar 1858 im Sofiensaal unter der Leitung des Komponisten abgewartet. Dann erschien die Komposition unter dem etwas veränderten Titel "Souvenir de Nizza", der wohl auch in St. Petersburg verwendet worden ist, und mit dem Aufdruck auf dem sorgfältig gestalteten Titelblatt: "Ihrer Majestät Maria Alexandrowna, Zarin von Rußland, in tiefster Verehrung gewidmet." Es war bereits das zweite Werk, das Johann Strauß der Zarin zugeeignet hatte: im ersten, russischen Sommer, 1856, hatte Strauß anläßlich der Krönung des Zarenpaares in Moskau für Maria Alexandrowna den Meisterwalzer "Krönungslieder", op. 184 (Val. 25), geschrieben. Die stattliche Frau, die als Tochter des Großherzogs Ludwig II. von Hessen im Jahre 1824 zur Welt gekommnen war und nach der Geburt die Namen Maximiliane Wilhelmine Marie erhalten hatte, folgte nach ihrer Heirat mit dem damaligen Großfürsten Alexander im Jahre 1841 - unter dem Namen Maria Alexandrowna - ihrem Gemahl nach Rußland.

 

Es war eine Liebesheirat, der fünf Söhne entstammten. Der älteste Sohn, Nikolaus, war allerdings kränklich: trotz aufopfernder Pflege konnte er niemals die volle Gesundheit erlangen und starb schließlich im Jahre 1865. In der Geschichte der Bemühungen um seine Genesung spielt u.a. die Region um Nizza eine Rolle. Möglicherweise waren diese Umstände für Strauß maßgebend, der Zarin - die damals übrigens auch selbst ihre Gesundheit bereits eingebüßt hatte - eine zweite Walzerpartie zu widmen und dem Werk den Titel "Souvenir de Nizza" zu geben.

 

Über die Uraufführung der Walzerpartie in Rußland wurde bisher nichts bekannt. Hingegen sind wir über die Präsentation des Werkes beim Benefizball der Strauß-Kapelle am 8. Februar 1858 im Sofiensaal gut unterrichtet. Strauß hatte dafür gesorgt, daß die Erstaufführung des Werkes in allen Wiener Zeitungen angekündigt wurde. Durch die große Anzahl der Hinweise hatte er das Publikum auf das Werk besonders neugierig gemacht. Der Benefizball - für die Damenspende stellte übrigens Carl Haslinger goldene Hortensien zur Verfügung - nahm einen glänzenden Verlauf. Die "Theaterzeitung" berichtete am 12. Februar 1858 u.a.:

 

"Obwohl auf dem Programm nur 14 Tänze angekündigt waren, so steigerten sich dieselben durch Wiederholungen auf dreißig. Besonders die neuen Walzer 'Souvenir de Nizza', Ihrer Majestät der Kaiserin von Rußland gewidmet, mußten sechsmal gespielt werden."

 

Überdies konstatierte die "Theaterzeitung" noch:

 

"Von 'Souvenir de Nizza' wurden am Tag nach dem Balle über 300 Exemplare verkauft."

 

Auch die seriöse Musikkritik nahm von diesem Werk - man muß sagen, ausnahmsweise - Notiz. Der angesehene Rezensent Leopold Alexander Zellner (1823-1894), derdamals die vielbeachteten "Blätter für Musik, Theater und Kunst" herausgab, schrieb in der Ausgabe vom 12. Februar 1858 in Abwehr einiger Angriffe auf Johann Strauß u.a.: "Man hält Herrn Strauß seines Vaters Walzer als Muster vor. Da käme es ja nur auf einen Versuch an. Einen ganzen Ballabend blos Walzer von Strauß père! Man würde der zahmen Kost - Einiges allerdings ausgenommen - gar bald satt werden. Noch pikanter aber klingt die Motivirung dieses ihm vorgeworfenen Verbrechens. Er bediene sich äußerlicher Kunstmittel, um seine versiegende Erfindungsgabe zu maskiren. Nun, wenn das der Fall ist, so hat Herr Strauß seine neueste Walzerpartie, 'Souvenir a Nizza' [!], wahrscheinlich vor langer Zeit, bevor nämlich sein Melodienquell vertrocknete, geschrieben, denn sie sind voll origineller, fließender und schwunghafter Motive."

 

Das Urteil L.A. Zellners trifft gewiß zu: trotzdem ist die Walzerpartie "Souvenir de Nizza" nicht populär geworden. Das Werk stellt an den Musikfreund einige Ansprüche und läßt sich daher nicht leichthin "mit den Füßen erproben". Strauß hat gewiß schwungvolle Tanzwalzer komponiert, aber gerade die Partie "Souvenir de Nizza" gehört - wie gesagt - zu den interessantesten Arbeiten des Musikdirektors Johann Strauß.

 

Spanischer Marsch, op. 433

 

Eine Kette von "charakteristischen Märschen" durchzieht das Werksverzeichnis des Walzerkönigs Johann Strauß. Sie beginnt mit dem "Serbischen Marsch" und dem nicht veröffentlichten "Rumänischen Nationalmarsch" (1848) bzw. mit dem "Großfürsten-Marsch", op. 107, und führt über die Höhepunkte wie den "Napoleon-Marsch" und vor allem den "Persischen" und "Egyptischen Marsch" zum "Russischen Marsch", op. 426, und endlich zum "Spanischen Marsch". Alle diese Kompositionen präsentieren sich als sorgfältig ausgearbeitete Charakterstücke von hohem Rang. Aber sie haben noch etwas gemeinsam: sie erwiesen sich als Widmungen an Monarchen oder hochgestellte Persönlichkeiten des politischen Lebens!

 

Auch der "Spanische Marsch" bildete keine Ausnahme: er wurde an die kunstsinnige, spanische Regentin Marie Christine adressiert, die sich in Madrid wiederholt und sehr nachdrücklich für die Wiener Musik eingesetzt hatte. Auch Johann Strauß war von ihr zu Konzerten in die spanische Hauptstadt eingeladen worden, zog es aber vor, die lange und un beschwerliche Reise nach Spanien nicht anzutreten, sondern lieber eine Widmung nach Madrid zu schicken. Die Belohnung - ein Orden! - war ihm gewiß. Wenn man sich des Bonmots entsinnt: "Es gibt dreierlei Orden - erdiente, erdienerte und erdinirte!", so muß man im Falle des prächtigen "Spanischen Marsches" immerhin ergänzen, daß der Orden, den Strauß dafür erhielt - denn doch ein "verdienter" war.

 

Marie Christine hat sich für die Widmung großzügig revanchiert: die in Österreich geborene Regentin, eine Tochter der Erzherzogin Elisabeth von Österreich und des Erzherzogs Carl Ferdinand, hatte im Jahre 1879 Alfonso XII. von Spanien geheiratet, doch der frühe Tod ihres Gatten (er wurde nur 28 Jahre alt) zwang sie, für ihren kleinen Sohn Alfonso XIII. die Zügel der Regierung Spaniens selbst in die Hand zu nehmen. Als Dank für den "Spanischen Marsch" hat Marie Christine dem ihr zweifellos persönlich bekannten Wiener Komponisten das Großkreuz des Isabellen-Ordens (den ihre Vorgängerin gestiftet hatte) zuerkannt. Wo die Uraufführung des Werkes stattgefunden hat, ist nicht bekannt. Der "Spanische Marsch" ist zum ersten Male mit der Bezeichnung "neu" auf dem Programm des ersten Strauß-Konzertes der Saison 1888/1889 erschienen, das der Herr k.k. Hofball-Musikdirektor Eduard Strauß am 21. Oktober 1888 im Musikverein leitete. Bei diesem Konzert präsentierte der "schöne Edi" die Uraufführung des Walzers "Sinnen und Minnen", op. 435, und der Schnellpolka "Auf zum Tanze", op. 436, seines Bruders Johann und seiner eigenen Polka Mazur "Aus den schlesischen Bergen", op. 260.

 

Annina, Polka Mazurka, op. 415

 

Die zierliche Polka Mazurka "Annina" gehört zu den sechs Tanzstücken, die Johann Strauß nach Motiven seiner Operette "Eine Nacht in Venedig" arrangiert und im Verlag Cranz herausgegeben hat. Seinen Titel bezieht das Werk von der Rolle des Fischermädchens Annina, der Geliebten des schlauen Barbiers Caramello, also von der in der Operette wichtigsten Frauenrolle. Bei der Berliner Premiere des trotz mancher Einwände recht amüsanten und publikumswirksamen Spiels um diese seltsame "Nacht in Venedig" am 3. Oktober 1883 sang Ottilie Collin (eigentlich Müller, 1863-1960), eine Wienerin, die Annina. Bei der bereits in wichtigen Teilen veränderten Wiener Erstaufführung der Operette (am 9. Oktober 1883) war die Rolle dann der routinierten und erfahrenen Sängerin Caroline Finaly anvertraut. Beide Darstellerinnen wurden für ihre Leistungen vom Publikum stürmisch gefeiert und stellten wohl auch den Komponisten zufrieden, der sowohl bei der nicht gerade erfreulichen Premiere in Berlin ebenso am Pult saß wie bei der umjubelten Aufführung im Theater an der Wien, für deren Personal die Operette ja eigentlich konzipiert worden war. Die etwas turbulente Entstehungsgeschichte der Operette "Eine Nacht in Venedig" hatte u.a. zur Folge, daß sich Johann Strauß um das weitere Schicksal des Werkes nicht gekümmert hat (er schrieb selbst in einem Brief von der "faden Nacht in Venedig") und daß er daher weder auf die zahlreichen Umarbeitungen der Operette (die bis in unsere Zeit anhalten!) noch auf die Uraufführungen der nach der Partitur arrangierten Tanzweisen achtete. Strauß erschien auch am Pult des Theaters an der Wien, und zwar am 19. Dezember 1883, um jene Aufführung der Operette "Eine Nacht in Venedig" zu dirigieren, in der sich Caroline Finaly vom Wiener Publikum verabschiedete, weil sie ihre Bühnenkarriere aufgab, um nach Triest zu übersiedeln und sich dort zu vermählen. In welcher Fassung das Werk an diesem Abend gespielt wurde, ist in der Musikwissenschaft immer noch nicht einwandfrei ermittelt: fest steht nur, daß einige Motive der Polka Mazurka "Annina" in der Neufassung gar nicht mehr enthalten waren. Unklar ist auch, bei welcher Gelegenheit die Polka Mazurka "Annina" zum ersten Male dem Publikum vorgeführt worden ist: da Strauß sich, wie gesagt, um das weitere Schicksal aller Stücke, die mit der Operette "Eine Nacht in Venedig" in Verbindung standen, wenig gekümmert hat, ist anzunehmen, daß es den Militärmusikkapellen der Donaumonarchie überlassen worden ist, die Tanzweisen aus diesem Bühnenwerk bekannt zu machen. Der Verleger Cranz, der den Militärkapellmeistern gegenüber (aus Geschäftsinteresse) stets großzügig war, wird ihnen die Noten spätestens anläßlich des Erscheinens der Klavierausgabe am 5. Dezember 1883 zur Verfügung gestellt oder keinen Einwand erhoben haben, wenn sie die Polka Mazurka nach dem Klavierauszug selbst arrangierten. In den späteren Programmen der Konzerte der Strauß-Kapelle ist "Annina" gelegentlich enthalten; das Stück wurde zwar nicht oft, aber doch immer wieder gespielt.

 

Wein, Weib und Gesang, Walzer, op. 333

 

"Wer nicht liebt, Wein, Weib und Gesang,

der bleibt ein Narr sein Leben lang."

 

Diese Zeilen, die Martin Luther (1483-1546) während seines Aufenthaltes in der Wartburg in Thüringen verfaßt haben soll und die daher an dieser historischen Stätte festgehalten worden sind, sind als Titel und als Höhepunkt des Textes der weitausgreifenden Einleitung des Walzers für Männerchor und Orchester verwendet worden, den Johann Strauß für den Narrenabend des Wiener Männergesangvereins am 2. Februar 1869 im Dianabad-Saal komponiert hat. Da der im Fasching 1867 uraufgeführte Walzer "An der schönen blauen Donau", op. 314, den ebenfalls der Wiener Männergesangverein zum ersten Male vorgetragen hatte, ursprünglich als Tanzwalzer mit Introduktion und Coda konzipiert und erst für den Vortrag für Chor und Orchester eingerichtet worden war, muß man den Walzer "Wein, Weib und Gesang" als das erste Werk des Walzerkönigs bezeichnen, das von allem Anfang an für Chor und Orchester geschrieben worden ist.

 

Die Uraufführung des Chorwalzers durch den Wiener Männergesangverein hatte spontan allergrößten Erfolg: Strauß saß an diesem Abend, als Pilger verkleidet, im Saal und segnete, sooft die Zuhörer die Aufführung durch lebhaften Beifall unterbrachen, das Publikum. Mit der Aufführung der Orchesterfassung des Werkes aber ließ Johann Strauß sich Zeit. Erst am 16. März stand "Wein, Weib und Gesang" auf dem Programm des "Großen Promenadekonzerts" des Strauß-Orchesters, das die Brüder Johann, Joseph und Eduard Strauß im Redoutensaal in Pest veranstalteten und abwechselnd leiteten. Leider ist nicht verläßlich überliefert, in welcher Fassung Johann Strauß den Walzer bei dieser Gelegenheit vorgeführt hat; daher wird seither darüber debattiert, ob bei der konzertanten Aufführung des Werkes ohne Chorgesang die gesamte, 173 Takte umfassende, Introduktion oder eine weit kürzere Einleitung verwendet werden soll. Wer die Strauß-Musik liebt, wird jedenfalls dafür eintreten, daß - wie es bei dieser Einspielung der Fall ist - die ungekürzte Introduktion auch bei der Wiedergabe nur durch ein Orchester zu hören ist.

 

In Wien war diese Fassung des Werkes erst am Ostermontag, dem 29. März 1869, zu hören, und zwar bei einem Promenadekonzert, das Johann und Joseph Strauß zu wohltätigen Zwecken in den Blumensälen der Gartenbau-Gesellschaft veranstalteten und bei dem sie sich vor der Abreise nach Pawlowsk vom Publikum verabschiedeten. Den Sommer 1869 haben ja die Brüder und Jetty Strauß gemeinsam in Rußland verbracht. Im Juli 1869 fand dann auch die erste Aufführung des Werkes in Amerika statt, und zwar durch das Orchester Theodor Thomas in New York.

 

Als Adolf Müller aus Tanzweisen von Johann Strauß die Operette "Wiener Blut" arrangierte, griff er mehrfach auf die Motive des Walzers "Wein, Weib und Gesang" zurück. Auch auf der Operettenbühne wirkt der Zauber dieser Melodien und wird bei jeder Aufführung mit stürmischem Beifall anerkannt.

 

Sans-Souci-Quadrille, op. 63

 

Der Titel dieser Quadrille, die in der ersten Hälfte des Krisenjahres 1849 entstanden ist, gibt der Forschung ein Rätsel auf. Daß der junge Strauß damit auf ein "Leben ohne Sorgen" anspielen wollte, scheint angesichts der Situation in der Donaumonarchie (Krieg in Ungarn) und vor allem in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien (sie lag unter dem Kriegszustand) ausgeschlossen. Eher wäre es möglich, daß diese Quadrille im Karneval 1849 in dem Etablissement "Sans Souci" in der Hinterbrühl bei Mödling, ein Dutzend Kilometer vom Südrand Wiens entfernt, aufgeführt worden ist. Strauß war damals gezwungen, überall Verdienst zu suchen, um sich und seine Kapelle durch die schwierige finanzielle Situation hinwegzubringen. (Er mußte sich damals verschulden, um zu überleben.) Einen Beleg für ein Auftreten der Strauß-Kapelle in A.K. Wolfsbergers "Sans Souci" in der Hinterbrühl gibt es nicht. Es ist auch nicht sehr glaubhaft, daß ausgerechnet im Raum Baden - Mödling ein reges Faschingstreiben stattgefunden hat, während Wien im Jahre 1849 fast völlig ohne die traditionellen Karnevalsveranstaltungen auskommen mußte.

 

Nun hat der junge Strauß-Forscher Norbert Rubey in Band II des "Strauß-Elementar-Verzeichnisses" darauf hingewiesen, daß es einen Titelbezug zum Schloß Sans Souci in Potsdam (Preußen) geben könnte. Die zeitgenössischen Ankündigungen und spärlichen Berichte über das Erscheinen der Klavierausgabe der Quadrille unterstützen diese Ansicht eher nicht. Der "Wanderer" schrieb nur von der "beliebten originellen Quadrille" (10. Juni 1849), die "Theaterzeitung" kündigte vier Novitäten von Johann Strauß-Sohn an, nämlich "Einheitsklänge", Walzer, op. 62, "Aeaciden", Walzer, op. 222 (der nicht von Strauß-Sohn, sondern vom Vater stammte!), "Sans-Souci-Quadrille", op. 63, und "Geisselhiebe-Polka", op. 60, und fügte daran die Bemerkung:

 

"Man lese nur die Titel noch einmal durch, und man wird fühlen, daß sie Dinge enthalten, die so ziemlich für die gegenwärtigen Zeiten nottun. Wir halten es mit den 'Einheitsklängen', die 'Sans Souci' kommen dann schon von selbst."

 

Das bedeutete doch wohl, daß sich mit der Erreichung der "Einheit" (Ende des Krieges in Ungarn) sorglose Zeiten ("Sans Souci") einstellen würden.

 

Eine Beziehung zu Preußen könnte sich aus dem Umstand ergeben, daß es gerade in den Tagen der Komposition dieser Quadrille politische Spannungen zwischen Wien und Berlin wegen der Neuordnung der Machtverhältnisse unter den Staaten Deutschlands gegeben hat, sodaß ein Krieg zwischen Preußen und Österreich hätte ausbrechen können. Es dauerte bis ins Jahr 1850 hinein, bis dieser Konflikt und damit die Kriegsgefahr aus der Welt geschafft werden konnte. Bezieht man die Quadrille auf "Sans Souci" in Preußen, dann hätte man eine Erklärung für das militärische Trompetenmotiv, das im Finale der Quadrille aufklingt: es wirkt preußisch-kriegerisch (wie später, viel später, ein anderes Trompetenmotiv in der Introduktion des "Kaiser-Walzers", op. 437). Hätten wir die Original-Instrumentation der Quadrille und wüßten also, wie das Werk bei den Aufführungen des Strauß-Orchesters (der Kapelle des Sohnes) geklungen hat, wäre die Lösung des Rätsels leichter. Aber diese Fassung ist nicht erhalten: für die vorliegende Aufnahme hat Prof. Ludwig Babinski eigens die Orchesterfassung herstellen müssen. Auch dieser erfahrene Musiker weist das Motiv im Finale der Quadrille der Trompete zu, und so klingt es eben preußisch-kriegerisch.

 

Durch's Telephon, Polka, op. 439

 

Bei der internationalen Elektrizitäts-Ausstellung im Wiener Prater, die im Jahre 1883 stattfand und unter dem Protektorat des Kronprinzen Rudolph stand, wurde zum ersten Male das seit dem Jahre 1876 (die Patentanmeldung durch den schottischen Erfinder Alexander Graham Bell wurde am 9. März dieses Jahres registriert) bekannte Telefon auch in der Donaumonarchie als sensationelle Neuerung präsentiert, und zwar - Wien war und ist schließlich eine Musikstadt - durch die Übertragung einer Aufführung von Verdis Oper "Aida" aus der Wiener Hofoper in den zentralen Raum der Ausstellung, in die Rotunde. In den folgenden Jahren setzte sich das neue Informationssystem allmählich im täglichen Leben durch: Wien wurde mit einem Netz von Telefonanschlüssen überzogen; in vielen Büros, Redaktionen und Haushalten wurden an den Wänden die zunächst noch recht voluminösen Telefonkästen montiert, mit Sprechmuschel und getrenntem Hörgerät. Daß Johann Strauß, in dessen Palais in der Igelgasse irgendwann (das genaue Datum war bisher nicht zu ermitteln!) ebenfalls ein Telefon installiert worden ist, von der Neuerung eifrig Gebrauch gemacht hat, ist nicht anzunehmen: die Einladungen an seine Freunde, sich zu einer Tarockpartie im "Igelheim" einzufinden, erfolgten jedenfalls auch weiterhin in der Regel durch handgeschriebene Billetts. Es war aber durchaus "aktuell", daß Johann Strauß jener Polka, die er für den Concordiaball am 10. Februar 1890 im Sofiensaal komponiert hatte, schließlich den Titel "Durch's Telephon" gab. (Auf dem Autograph, das im Jahre 1975 bei Sotheby in London versteigert worden und in den Besitz der Anglo-österreichischen Musikgesellschaft übergegangen ist, steht nur "Polka in G". - In England wurde das Manuskript durch das Hinzufügen von Schlittenglocken etwas verfremdet und als "Weihnachts-Polka" am 28. Februar 1976 in der Royal Festival Hall in London durch das London Symphony Orchestra unter Henry Krips als Novität aufgeführt. In London war offenbar nicht bekannt, daß mehrere Exemplare der Erstausgabe der Orchesterstimmen in Österreich in den Archiven existierten und daß daher die Polka immer wieder einmal in den Konzertprogrammen zu finden war. Aber das sei nur am Rande angemerkt.)

 

Nach der Uraufführung der Polka "Durch's Telephon" beim Concordiaball 1890 und der anschließenden, öffentlichen Präsentation des Werkes bei der Karnevalsrevue unter Eduards Leitung am 23. Februar im Goldenen Saal der Gesellschaft der Musikfreunde sowie nach dem Erscheinen der Klavierausgabe und der Orchesternoten beim Verlag Simrock in Berlin entschloß sich Johann Strauß, das Autograph "Polka in G" dem kunstliebenden Stadthauptmann von Preßburg (Bratislava), Johann Batka (1845-1917), zu widmen und zwar als Weihnachtsgeschenk. Daher schrieb er auf die Partitur: "Meinem lieben Freund Johann Batka mit herzlichen Weihnachtsgrüßen 1890". Es war ein wertvolles Geschenk, aber Batka hat es sich gewiß verdient durch die treue Freundschaft einerseits, aber auch durch zahlreiche Dienste, die er dem Komponisten geleistet hat. (Die Ausgabe des Briefwechsels wird den bedeutenden Umfang dieser Zusammenarbeit erkennen lassen.) Die Zeitgenossen haben die Polka "Durch's Telephon" freundlich aufgenommen: so schrieb die "Neue Freie Presse" am 19. Februar 1890 über das damals bei Simrock erschienene Werk:

 

"Gleichzeitig mit dem Walzer' Rathausball-Tänze', op. 438 (Vol. 18), ist eine beim Concordia-Ball zum ersten Male gespielte und mit enthusiastischem Beifall aufgenommene Polka 'Durch's Telephon' erschienen, welche zu dem Frischesten und Graziösesten gehört, was wir im Zweivierteltakt von Strauß besitzen."

 

Frühlingsstimmen, Walzer, op. 410

 

Im Winter 1882/1883 wurde Johann Strauß eingeladen, für die Koloratursängerin Bianca Bianchi (richtiger Name: Bertha Schwarz, 1855-1947) einen Gesangswalzer zu komponieren. Die gefeierte Künstlerin war damals Mitglied des Wiener Hofoperntheaters. Johann Strauß nahm die Einladung an und stellte das Werk im Februar 1883 fertig, sodaß es im Rahmen einer Wohltätigkeitsmatinee im Theater an der Wien am Nachmittag des 1. März 1883 von Bianca Bianchi vorgetragen werden konnte. Den Text hatte Richard Genée beigesteuert; der gewandte Kapellmeister und Librettist, der damals zusammen mit Johann Strauß an der Fertigstellung der Operette "Eine Nacht in Venedig" arbeitete, hat wohl auch zum idealen Zusammenspiel von Singstimme und Orchester bei der Niederschrift des Werkes seinen Teil

beigetragen. Werkund Aufführung am 1. März 1883 hatten einenvollen Erfolg: die Künstlerin mußte sich sofort zu einer Wiederholung des Walzers bereitfinden. Interesse verdient auch die Entstehungsgeschichte dieses Werkes. Im Spätherbst 1882 hielt sich Johann Strauß in Budapest auf, um die Erstaufführung seiner Operette "Der lustige Krieg" in Wiens Schwesternstadt an der Donau zu dirigieren. Er wurde bei dieser Reise zum ersten Male von der jungen Witwe Adèle Strauß, geborene Deutsch, begleitet, die seine dritte Gattin werden sollte. Bei einer privaten Soiree, die zu seiner Ehre gegeben wurde, traf Strauß mit Franz Liszt zusammen und die beiden Musiker, die einander ja seit vielen Jahren kannten (im Fasching 1856 hatte Strauß den Walzer "Abschiedsrufe", op. 179, Liszt zugeeignet), improvisierten in bester Laune ein Konzert, indem sie sich abwechselnd, aber auch gemeinsam zu vier Händen, auf dem Klavier produzierten. Der Gedanke liegt nahe, daß Strauß bei diesem Anlaß den Entschluß faßte, das neue Werk nicht als "Geigen-Walzer" anzulegen, sondern Figurationen zu verwenden, die sich sowohl für den Vortrag auf dem Klavier als auch für eine leichte Sopranstimme eigneten. Als Strauß am 4. Februar 1883 wieder nach Budapest kam, um eine weitere Aufführung der erfolgreichen Operette "Der lustige Krieg" zu leiten, traf er abermals mit Franz Liszt zusammen, denn die beiden Musiker waren Gäste einer Soiree, die vom ungarischen Schriftsteller Gustav Tarnoczy gegeben wurde. Darüber berichtete das "Fremden-Blatt" am 7. Februar 1883 folgendes:

 

"Es wurde ein Konzert improvisiert, das mit dem Vortrag der 'Jubelouvertüre' von Carl Maria von Weber begann. Es spielten die Hausfrau und Franz Liszt, vierhändig. Johann Strauß wendete die Noten um. Hierauf setzte sich Strauß ans Klavier und spielte seine neuesten, bisher noch nicht veröffentlichten Kompositionen. Daß der Beifall ein frenetischer war, ist selbstverständlich." Andere Berichte hoben besonders den "Bianchi-Walzer" als Höhepunkt des Abends hervor.

 

Da der Walzer, der indessen den Titel "Frühlingsstimmen" erhalten hatte, rechtzeitig fertiggestellt worden war, konnte der Verlag Cranz die Klavierausgabe des Werkes einem bevorzugten Interessentenkreis zusenden. Das Mitglied des Kaiserhauses, Erzherzog Wihelm Franz Carl, ein getreuer "Straußianer" seit vielen Jahren, dankte für die Übersendung des Walzers und setzte mit den Worten fort:

 

"Ich vermochte gestern abends mich an diesen reizenden Melodien wirklich nicht satt spielen und mußte immer wieder da capo beginnen."

 

Erzherzog Wilhelm, der den militärischen Rang des Hoch- und Deutschmeisters innehatte, bewies mit seinen Worten mehr Verständnis als jene Kritiker, die nach der Uraufführung des Werkes von einem Beginn "in der Art der französischen Gesangswalzer" schrieben und erst den folgenden Teilen den "gewohnten Charakter der Strauß-Walzer" zubilligten. Bianca Bianchi, die für ihren Vortrag am 1. März 1883 im Theater an der Wien - wie gesagt - umjubelt worden war, erkannte sofort den hohen Reiz dieses Gesangswalzers und sang ihn schon eine Woche später als Einlage bei einer Aufführung der Oper "Der König hat's gesagt" von Leo Delibes in der Wiener Hofoper. Es war wohl die erste Aufführung einer Strauß-Komposition auf der Bühne des Hauses am Ring. (Den Auftakt zur ersten Opern-Soiree im Dezember 1877 gab Strauß ja vom Orchestergraben aus.)

 

In der reinen Orchesterfassung, die ganz anders instrumentiert ist als die Fassung für Koloratursopran und Orchester, wurde der Walzer am 18. März 1883 beim Strauß-Konzert im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins unter Eduards Leitung aufgeführt. Wieder war das Werk so erfolgreich, daß es wiederholt werden mußte. Strauß hat später die Klavierausgabe der "Frühlingsstimmen" seinem Freund, dem Pianisten Alfred Grünfeld, gewidmet, der das Werk besonders effektvoll vorzutragen verstand. Damit gab Strauß ganz unbewußt zu, daß ihm gerade diese Komposition am Klavier eingefallen war.


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